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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Jahrbuch 



des 



Vereins (or niederdeutsche Spracliforsclinng. 



Jahrgang 1890. 



XVI. 



-^ NORDEI und LEIPZIG. 

Diedr. Soltau's Verlag. 
1891. 



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Druck von Diedr. Soltau in Norden. 



Inhalt. 



Seite 

Hermen Botes Boek van veleme rade. Von Herrn. Brandes 1 

Jacobs von Ratingen Lied auf das Breslauer Hostienmirakel von 1453. Von 

EdwardSchrüder 41 

^um Redentiner Spiel. Von C. Walt her 44 

Die Bohne und die Vietzebohne. Von K. E. H. Krause 53 

Tannhäuserlied und Maria tzart. Von AI fr. Puls 65 

Braunschweigische Fündlinge. Von Ludw. Hänselmann 69 

VIII. Sanct Annen Preis 69 

IX. Marienieich 70 

X. Ave maris Stella verdeutscht 71 

XI. Ritmen de assensione domini 73 

XII. Weiss und grün 74 

XIII. Weltspruch 74 

XIV. Judeneid 75 

XV. Heilzauber 76 

XVI. 'Wo soll ich mich hin keren' etc. niederdeutsch 77 

XVII. Schampernölleken 80 

Eine merkwürdige alte Fälschung. Von Ludw. Hänselmann . . . . 80 

Über die Sprache der Wedemer Urkunde. Von C. Walther 93 

In Drunten varen, na Drunten gliden. Von C. Walt her 107 

Joh. Leonh. Frisch als Sammler märkischer Idiotismen. Von L.H. Fischer 109 

Eulenspiegels Grabstein. Von Edward Schröder 110 

Lübecker Schulvokabular v. J. 1511. Von H. Jellinghaus 111 

Bemerkimgen und Besserungen zum Sündenfall. Von Roh. Sprenger . . 116 

Zur Kritik und Erklärung des Theophilus. Von Rob. Sprenger . . . 128 

Zu Gerhard von Minden. Von Ed. Damköhler 139 

Ein lat.-niederdeutsches Tractat aus Bursfelde. Von Edward Schröder 145 

Salzwedel und die übrigen Ortsnamen auf -wedel. Von Joh. Luther . . 150 

Anzeige: Van Helten, Altostfriesische Grammatik. Von 0. Bremer . . . 161 



Hermen Botes Boek van veleme rade. 



Das Boek van veleme rode, eine allegorische Dichtung mit stark 
hervortretender lehrhafter Tendenz, besteht aus zwei Teilen, deren 
jeder fünf Kapitel umfasst. Der erste Teil enthält Vorschriften, 
welche derjenige beobachten muss, der ein brauchbares Rad herstellen 
will. Der Ratgeber vertritt die Ansicht, dass durch die tadellose Be- 
schaffenheit des Mühlen- und Kammrades der geregelte Gang der 
Mühle vornehmlich bedingt wird, und dass eine Winde, ein Wagen, 
ein Pflug nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sich der Wagner zu 
den Rädern eines dauerhaften, der Art der Verwendung angemessenen 
Materials bedient hat. Unter den fünf Rädern, zu deren Anfertigung 
Weisung erteilt wird, sind der Papst, der Kaiser, die Fürsten, die 
Städte und der Bauer zu verstehen. Ebensowenig wie sich das Pflug- 
rad zum Wagenrade schickt, taugt der Bauer nach des Dichters Mei- 
nung zum Städter oder dieser zum Fürsten. Jeder soll zu seinem 
Teile dazu beitragen, dass die seinem Stande gestellten Aufgaben ge- 
löst werden, es soll sich aber niemand um Dinge kümmern, die ausser- 
halb des diesem vorbehaltenen Wirkungskreises liegen. Der zweite 
Teil befasst sich mit fünf Menschenklassen, die bestrebt sind, der 
Thätigkeit der geistlichen und weltlichen Gewalten, der Bürger und 
Bauern, auf welcher die Wohlfahrt des Staates beruht, Abbruch zu 
thun. Die erste Klasse bilden die Frauen, die zweite die unerfahrenen 
Ratgeber, die dritte die Schwarzkünstler, die vierte die Thoren, wozu 
die Trinker, die Verschwender und die Zänker zählen, die fünfte die 
Betrüger und Diebe. Wie die Träger der staatlichen Ordnung er- 
scheinen auch die ihr feindlichen Elemente unter dem Bilde von 
Rädern. Das Treibrad, das Spulrad, das Glücksrad, das Sporenrad 
und das gebrochene Rad sind die von dem Dichter gewählten Ver- 
treter. 

Das Werk besitzt eine seinem Umfange entsprechende Einleitung. 
Der Verfasser wendet sich darin mit der eindringlichen Mahnung an 
die Regierenden, allen Anreizungen des Neides und Hasses zu wider- 
stehen. Von machtvoller Wirkung sind besonders die Verse, in denen 
er Gott anfleht, jene Gewalthaber zu vernichten, die den eigenen Vor- 
teil höher schätzen als die Zufriedenheit ihrer Unterthanen. In üblicher 

Niederdentsohes Jahrbuch XVI. 1 



Weise verwahrt er sich am Ausgange dieses Kapitels gegen die Unter- 
stellung, er habe mit seinem Tadel nicht gewisse Erscheinungen des 
Volkslebens sondern bestimmte Persönlichkeiten treffen wollen. Die 
in den Anfang des 7. Kapitels gestellte Vorrede zum zweiten Teile ist 
bedeutend kürzer gehalten als die Haupteinleitung. Der Dichter be- 
schränkt sich hier darauf, die Gegenstände einzeln namhaft zu machen, 
die in der zweiten Hälfte des Werkes behandelt werden. 

Dass das dichterische Geschick des Autors kein gewöhnliches 
ist, verrät sich schon in der Wahl des Gewandes, in das er seine 
Ideen httUt. Es ist nicht das aufgeputzte leichte Mäntelchen von 
Citaten aus der Bibel und altklassischen Schriftstellern sondern 
ein einfaches schmuckloses Kleid, ftir das die Spruchpoesie das 
Muster geliefert hat. Auch das muss uns als Zeugnis für seine 
Begabung gelten, dass er es verstanden hat, den Ton dieser echt 
volkstümlichen Dichtungsart in grossen Partien seines Werkes fest- 
zuhalten, ohne zu irgendwie nennenswerten Entlehnungen aus der 
Fülle des Vorhandenen greifen zu müssen. Er ist durchaus selb- 
ständig. Selbst die Anklänge an ein Motiv des geistlichen Liedes, 
die im 2. und 3. Kapitel hervortreten, können dieses Urteil nicht be- 
einflussen, denn eine wörtliche Berührung zwischen dem Boek van 
veleme rade und der geistlichen Dichtung von der Mühle') findet 
nicht statt und die einzige Ähnlichkeit in der Verwendung der Idee 
des Mühlenbaues besteht darin, dass beide den Mühlstrom in die Alle- 
gorie ziehen. Die mittelniederdeutsche Litteratur hat nur wenige 
Denkmäler aufzuweisen, die unserer Dichtung an glücklicher Erfindung 



1) Vom Mühlenliede sind, seitdem ich dasselbe im Nd. Jahrb. 9, 49 ff. be- 
sprochen, drei weitere handschriftliche nd. Fassungen gedruckt. Aus dem um 1500 
geschriebenen Werdener Liederbuch hat Jostes das Lied im Nd. Jahrb. 14, 83 f. 
mitgeteilt {Jo). Die von Edw. Schröder ebd. 15, l ff. herausgegebene Ebstorfer 
Liederhandschrift, die um die Wende des 15. und 10. Jahrhunderts entstanden ist, 
enthält ein Fragjnent desselben (S). Eine Angabe über das Alter fehlt bei dem 
Abdruck nach einer Abschrift einer Revaler Handschrift, den Hofmeister seiner in 
dem von ihm bearbeiteten 3. Teile von Wiechmanns Meklenburgs altniedersächs. 
Litteratur S. 228 ff. publicierten Untersuchung über das Lied beigegeben hat {R). 
Jo schliesst sich an J an, mit dem es die Umstellung der Str. 7 imd 8 sowie den 
Ausdruck middernacht in Str. 13 gemein hat. jS und R gehören zur Gruppe 
U Q N Wy wie sich aus der in ihnen vorliegenden Folge der Str. 11 — 15 erffieot. 
Die von Hofmeister allein auf Grund der Str. 8 angenommene Wechselwirkung 
zwischen dem Liede und den MühlenbUdem ist möglicn, aber nicht sicher, solange 
nicht ältere Fassungen, denen Str. 8 abgeht, vorliegen. Bis dahin muss sie um so 
mehr bezweifelt werden, als gerade die älteste bilmiche Darstellung, die zu Trib- 
sees, die aus dem 14. oder aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts stammt, die vier 
Ströme zeigt. Die Str. 11—15 mögen später eingeschoben sein, da einzelne von 
ihnen in manchen TeWn fehlen und sie den Teil der Dichtung büden, in dem die 
stärksten Abweichungen stattfinden. Dem Egbert Harlem sucht Hofmeister einen 
Anteü an dem Liede in der Weise zu retten, dass er ihm die Veranlassung des 
ersten Druckes, des Rostocker, zuschreibt. Nun, dieser Anteü ist, selbst wenn er 
zuverlässig nachgewiesen werden sollte, unbedeutend genug, da wir jetzt in 8 
einen älteren Vertreter der Redaktion besitzen, der TJ anffehört. WertvoUer ist der 
von Hofmeister gelieferte Nachweis, dass die im Mühlenliede behandelte Idee sich 
aller Wahrscheinlichkeit nach bis in das vierte christliche Jahrhundert zurUck- 
verfolgen lässt. 



und gelungener Behandlung eines eigenartigen Grundgedankens gleich- 
kommen. 

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass der Verfasser in städtischen 
Kreisen zu suchen ist. Gleich in einem der ersten Kapitel tritt er 
uns als Verfechter des Interesses der Städte entgegen. Mit Nach- 
druck und unter Hinweis auf die zu erwartenden Gegendienste erinnert 
er den Kaiser an seine Pflicht, die freien Reichsstädte gegen die Ver- 
gewaltigung durch die Fürsten zu schützen. Dem fünften Kapitel 
aber, welches ausschliesslich den Städten gewidmet ist, hat er einen 
Umfang gegeben, der den der übrigen Ka])itel mit alleiniger Ausnahme 
des letzten beträchtlich überragt. Es ist bisher unbeachtet geblieben, 
dass er sich akrostichisch nennt. Wenn man die Anfangsbuchstaben 
des zweiten bis elften Kapitels zusammenstellt, so erhält man den 
Namen HERMEN BOTE. 

Hermen Bote ist keine unbekannte Persönlichkeit. Ein Bild 
seines bewegten Lebens hat Hänselmann mit ebenso sorgfältiger wie 
geschickter Benutzung der vorhandenen Quellen in der Einleitung zu 
seiner Ausgabe des Schichtbuches entworfen *). Wir entnehmen dieser 
Darstellung, dass der Braunschweiger Zollschreiber, der sich durch 
sein rechtschaflfenes geschäftliches Gebahren den Hass zahlreicher 
unlauterer Elemente der Bürgerschaft zugezogen hatte, in dem Auf- 
ruhr von 1488 zum ersten Mal sein Amt verlor und wegen eines Spott- 
gedichts auf die ans Ruder gelangte Partei, welches er in Gemeinschaft 
mit dem Gerichtsschreiber Antonius Brandenhagen verfasst hatte, mit 
Hausarrest belegt wurde. Den Inhalt des Liedes, das untergegangen 
zu sein scheint, kennen wir aus Andeutungen, die sich im Schicht- 
spiel 2), im Schichtbuch ^) und in der Chronik des Andreas. Schoppius*) 
finden. Es geisselte unter dem Bilde der Teilung einer Katze die 
von den Gilden bei dem Aufstande verfolgten eigennützigen Motive. 
Ueber weitere poetische Versuche Botes schweigen die Quellen. Das 
Boek van veleme rade liefert uns den einzigen und deshalb um so 
wertvolleren Beweis, dass er sein Talent nicht ungenutzt verkümmern 
Hess. Auch Fragen des Tages zu behandeln hat er sich ungeachtet 
der üblen Erfahrungen, die er gemacht, nicht abhalten lassen. Das 
zeigt das bis zum Jahre 1514 reichende Schichtbuch. Freilich war 
er vorsichtig genug, sich nicht offen zu der Verfasserschaft dieses 
Werkes zu bekennen, das geeignet war, die Parteileidenschaften von 
neuem gegen ihn zu entflammen. Hänselmann hat sich besonders um 
die Verfasserfrage bemüht. Doch fehlte der von ihm zusammen- 
gefügten Kette von Beweisstücken noch immer das Schlussglied, und 
dieses liefert das Boek van veleme rade. 

Die Absichten und die Voraussetzungen des Dichters und des 
Chronisten sind dieselben. Wie beide sich in dem Streben begegnen. 
Hohen und Niedern zu zeigen, dass sie auf verderblichen Wegen 
dahinschreiten, so w^erden sie nicht müde, zu wiederholen, dass aller 



») Cbroniken der deutschen Städte 16. 271 ff. — «) V. 838 ff. — 3) Chi 
deutschen Städte 16, 372 f. — *) v. Liliencron, Eist. Volkslieder 2, 215. 



— 3) Chroniken 
der deutschen 



Zwiespalt in der Welt aus Hass und Neid geboren wird. Die Ein- 
leitung des Sehielitbuches, die fast ausschliesslich von den. Ursachen 
der Zwietracht handelt, ist nichts als eine Paraphrase der Abschnitte 
I, 21 flF. und V, 146 flf. der Dichtung. Man beachte, dass der zu Macht 
und Einfluss gelangende grosse Haufe hier wie dort mit den Säuen 
verglichen wird, denen man Perlen vorwirft, und dass diese Parallele 
im Schichtbuch noch dreimal wiederkehrt'), was auf eine gewisse 
Vorliebe des Verfassers für dieselbe schliessen lässt. Die Verse, die 
die Einleitung der Chronik beschliessen, stehen im Boek van veleme 
rade VIII, 27—28 u. V, 193—194 Obwohl der Spruch vom alten Hasse: 

01t hat, egene nuth, jangh rad 

de vordervet mennige stad. 

weit verbreitet ist 2), so braucht doch die Annahme, der Chronist habe 
für den Ausgang eine andere direkte Vorlage besessen als das Boek 
van veleme rade, schon deshalb nicht erörtert zu werden, weil die 
Verse: 

Eyn luttingk states 

unde evn weynich hates 

dat bedroch den armen Pilates. 

sich sonst nicht nachweisen lassen. Diese Beziehungen zwischen einem 
Teile des Schichtbuches und Botes Dichtung erweisen sich als höchst 
bedeutsam, wenn man sie mit der Thatsache in Verbindung bringt, 
dass die älteste Fassung des Schichtbuches in der Handschrift des 
Dichters auf uns gekommen ist. Denn will man nicht annehmen, dass 
dieser das Werk eines Dritten kopierte, der Partien aus seinem Boek 
van veleme rade teils paraphrasiert, teils ausgeschrieben hatte, so 
muss man zugeben, dass er selbst der Verfasser des Schichtbuches 
ist. Auch die Möglichkeit, dass Bote ein fremdes Werk mit Zuhilfe- 
nahme seiner eigenen Dichtung umarbeitete, bleibt beiseite, da das 
Schichtbuch durchaus den Eindruck eines einheitlichen und geschlosse- 
nen Ganzen macht. Der der Dichtung und der Chronik gemeinsame 
Grundgedanke ist mit äusserster Konsequenz festgehalten, die allego- 
rischen Ausführungen aber, die fremden Bestandteilen am meisten 
ähnlich sehen, begegnen ebenso im Innern wie im Eingang der ein- 
zelnen Kapitel. 

Botes Beziehungen zum Schichtbuch werden noch durch einen 
anderen Umstand bezeugt. Zwischen Titel und Text, also genau an 
derselben Stelle, an der im Schichtbuch das merkwürdig verzeichnete 
Bild eines Mannes in Botentracht angebracht ist, das Hänselmann als 
redendes Bild erkannte, hat das Boek van veleme rade einen fast 
seitengrossen Holzschnitt, der einen Mann mit unverhältnismässig 
grossem Kopfe darstellt. Da die über dem Bilde stehenden Verse 
und die Nebenschrift keinen Zweifel darüber lassen, dass der Dichter 
es als sein eigenes angesehen wissen will, so liegt die Verwandtschaft 
zwischen dem Holzschnitt und dem farbigen Botenbilde der Chronik 

1) Chroniken der deutschen Städte 16, 311, 1; 312, 18 und 312, 26. — «) Vgl. 
Die jüngere Glosse znm Beinke de vos III, 12, 345. 



zu Tage. Aus dem Wortschatz und dem Satzbau der Denkmäler 
Schlüsse zu ziehen, vermeide ich, weil es sich nicht um zwei gleich- 
artige, sondern um ein poetisches und ein Prosadenkmal handelt. 
Eine einzige hierher gehörige Beobachtung erwähne ich nur ganz bei- 
läufig. Sie betrifft das Wort Itckwol, das in beiden Denkmälern an 
einzelnen Stellen auffallend häufig erscheint. Auch die Orthographie 
muss unberttcksichtigt bleiben, da nur das Schichtbuch handschriftlich 
tiberliefert ist und sich hinsichtlich des Druckes der Dichtung nicht 
feststellen lässt, wie weit der Einfluss des Setzers reicht. Eigentüm- 
lichkeiten wie die Gleichmässigkeit in der Verwendung des gh und 
in der Bezeichnung der Vokallänge durch nachgesetztes e können sehr 
wohl der Thätigkeit des letzteren beigemessen werden. 

Wie das Schichtbuch ist auch das zweite Stück der Handschrift, 
das Wappenbuch, von Bote verfasst. Den Beweis liefert der folgende 
Abschnitt über die Hansestädte (Chron. der deutschen Städte 16, 478, 
10 ff.): So volghen hirna de erbaren stede, geheten de hengstede . over 
dersulften stede is vele van dem henghe vollen, so is der och noch vele, 
de dussen hengJc noch vaste holden timme wolstandes willen. So sunt 
se doch hir tosamede tohope gesät, so se in olden tiden hebben sich 
tosamede geJwlden, eyn by der anderen stad, to donde alse eyn van der 
anderen wolde gerne nemen. Och gy erliJcen stede, de henge de ju uth 
der Jceden entvallen sin, henget ju juck wedder tosamede: gy maked wol 
eyn vaste Jceden wedder myt densulven, de noch tosamede sin, unde 
kriget de anderen lede wedder, alse gii besten kunnen, der Boek van 
veleme rade V, 79 ff. umschreibt. 

Von dem alten Drucke der Dichtung Botes hat sich nur 6in Exem- 
plar erhalten, welches die gräfl. Bibliothek zu Wernigerode besitzt. 
Es ist ein seltsamer Zufall, dass es gerade an dem Orte aufbewahrt 
wird, von dem die Familie des Dichters ausgegangen zu sein scheint i). 
Vor der Versuchung, ihn durch den verwandtschaftlichen Zusammen- 
hang der Braunschweiger und der Wemigeroder Träger des Namens 
Bote zu erklären, werden wir durch die am Schluss etwas verwischte 
Notiz auf Bl. 31^: Ex Auct. Lüb. d. 12 Apr. 171 * bewahrt, aus der klar 
hervorgeht, dass es nicht ein Mitglied der Wemigeroder Familie Bote 
gewesen ist, das das Buch an die gräfl. Bibliothek abgegeben hat. 
Das dünne Bändchen trägt die Bezeichnung PI 2637. Es besteht aus 
sechs Bogen, von denen die ersten vier je sechs Blätter, der fünfte und 
sechste je vier Blätter zählen. Die Signaturen laufen von aij bis aiij 
und von 35 bis ^ü; das letzte Blatt ist unbedruckt. Mit Ausnahme 
des ersten wird jedes der elf Kapitel des Buches durch einen Holz- 
schnitt illustriert; dazu tritt ein elfter, der auf der Rückseite des Titel- 
blattes (Bl. V) angebracht ist. Die Hlustrationen der BU. 1^ 12^ 16^ 
und 27** weisen jene bekannten, Unebenheiten des Erdbodens dar- 
stellenden Omegastriche auf, die man am häufigsten auf bildlichen 
Darstellungen findet, mit denen aus der Officin des Matth. Brandis 
hervorgegangene Druckwerke ausgestattet sind. Wenn nun auch die 



1) Schichtbuch Anm. 39, 



6 

übrigen sieben Holzschnitte dieses charakteristischen Merkmals ent- 
behren, so gleichen sie doch der kleineren Gruppe in der Art der Aus- 
führung so sehr, dass man annehmen muss, dass die Herstellung des 
gesamten Bilderschmucks des Werkes ^iner Hand anvertraut ge- 
wesen ist. 

Der Formenschneider, der die Illustrationen zu dem Boek van 
veleme rade geliefert hat, hat Anteil an mehr als einer der bedeutenderen 
Hervorbringungen der nd. Litteratur des ausgehenden 15. Jahrhunderts. 
Das Dunkel, das lange auf seiner Persönlichkeit ruhte, hat sich schon 
stark gelichtet, denn nachdem die Spuren seiner Kunsttibüng auch in 
einem der in Dänemark entstandenen Brandisschen Presserzeugnisse 
nachgewiesen sind ^), unterliegt es wohl kaum noch einem Zweifel, dass 
er mit dem Mohnkopfdrucker identisch ist. Von Werken, die in 
seiner eigenen Druckerei hergestellt sind, hat er mit Holzschnitten 
versehen: 

1. Canuti expositiones (Ribe, 1504), 

2. die Evangelia (Lübeck, 1492)2), 
8. den Reynke (Lübeck, 1498), 

4. das Narrenschyp (Lübeck, 1497), 

5. Henselyns boek (o. 0. und J.). 

Als Drucker des zuerst genannten Buches bezeichnet er sich namentlich, 
die nächsten beiden Werke tragen seine Druckermarke. Den Gründen, 
die bisher geltend gemacht sind, um ihm das Narrenschyp zuzusprechen, 
lässt sich ein weiterer hinzufügen, der jeden Einwand ausschliesst. 
Einzelne Drucke des Matth. Brandis haben über dem Titel eine Krone, 
so die Evangelia, der Salter to dude von 1493, Sunte Birgitten open- 
baringe von 1496, der Dodendantz, der Speygel der leyen und das 
Boek van der navolginghe Jhesu cristi aus demselben Jahr und der 
Reynke. Wir dürfen demnach kein Bedenken tragen, die Krone des 
Titelblattes unter die Kennzeichen der aus der Brandisschen Officin 
hervorgegangenen Druckwerke einzureihen. Da nun das Titelblatt der 
älteren nd. Bearbeitung der Dichtung Seb. Brants die Krone aufweist, 
so ist Matth. Brandis unfraglich als derjenige zu betrachten, der den 
Druck derselben besorgt hat. Auch der Henselyn besitzt in dem Toten- 
kopfe, der sich auf dem Schlussblatt findet, ein Merkmal, das, obwohl 
es in zahlreichen Drucken des Mohnkopfdruckers erscheint, doch nir- 
gends ausdrücklich als Kennzeichen derselben aufgeführt ist. Der 
Totenkopf ist im Salter, in den vier Drucken des Jahres 1496, im 
Reynke und im Dodendantz von 1520 angebracht. Wenn er im Hen- 
selyn auch nicht wie sonst als Beigabe der Wappen des Matth. Brandis 
vorkommt, so stützt sein Vorhandensein die von Wiechmann^) zu Gunsten 
des Mohnkopfdruckers geltend gemachten Gründe doch erheblich. 

Aus der kleinen Zahl von Schriften, von denen wir annehmen 
müssen, dass Matth. Brandis sie sowohl illustriert als gedruckt hat, 
dürfen wir aber keineswegs auf seine Gesamtthätigkeit als Holz- 

^) Vgl. Seehnaun, Centralblatt für Bibliothekswesen 1, 23. — ^) Das Breslauer 
Exemplar ist von Pietscli im Nd. Korrespondenz blatt 1 1 , 2 — 3 besdirieben, 
8) Serapeum 2.3, 177—185, 



Schneider, ja nicht einmal auf seine kttnstlerische Wirksamkeit 
schliessen, soweit sie sich auf Produkte seiner eigenen Druckerei er- 
streckt hat. Fehlt doch noch jede nähere Angabe ttber die bildlichen 
Darstellungen im Salter, im Totentanz von 1489 und in den Drucken 
aus dem Jahre 1496! Noch viel weniger wissen wir über das Schaffen 
des Meisters, insofern es fremden Druckereien zu gute gekommen ist. 
Nur eine sorgfältige Untersuchung der Illustrationen aller in Lübeck 
in den letzten Jahrzehnten des 15. und in den ersten Jahrzehnten des 
16. Jahrhunderts gedruckten Bücher kann uns in dieser Beziehung 
Klarheit verschaffen. Eine solche Arbeit ist mit besonderen Schwierig- 
keiten verknüpft, nicht nur wegen der Zerstreutheit des Materials, 
sondern auch weil die Omegastriche das einzige Mittel zur Erkennung 
des Formenschneiders bleiben. Man muss sieh besonders, sobald es 
sich um verschiedene Werke handelt, davor hüten, aus der besseren 
oder geringeren Beschaffenheit der Holzschnitte Schlüsse zu ziehen, 
denn das Vermögen des Künstlers zeigt sich selbst in den Illustrationen 
ein und desselben Buches auf sehr verschiedener Höhe. Ein Blick in 
das Narrenschyp genügt, um dies zu erkennen. Die Doppelbilder auf 
den BU. 150* und 176% die die Omegastriche aufweisen, unterscheiden 
sich durch Feinheit und Sauberkeit der Zeichnung von den übrigen 
Holzschnitten mit den charakteristischen Strichlagen so bedeutend, dass 
man, wäre nicht der Urheber so deutlich bezeugt, schwerlich geneigt 
sein würde, in ihnen Arbeiten desselben Künstlers zu erkennen. 

Dass Matth. Brandis als Formenschneider geschäftliche Beziehungen 
zu anderen Lübecker Druckern unterhalten hat, ergiebt sich aus den 
von Prien*) und Hofmeister 2) gemachten Beobachtungen. Beide haben 
Spuren seiner Thätigkeit in Drucken des Steffan Arndes aufgefunden. 
Steht von den beiden Holzstöcken, die er diesem für das Ditmarschen- 
gedicht überlassen hat, auch fest, dass er sie schon flir das Narren- 
schyp gebraucht hat, so ist doch keineswegs fraglich, dass er ihm auch 
solche geliefert hat, die von ihm vorher nicht verwandt waren. Die 
Holzschnitte der Bibel von 1494, die die Omegastriche in allen den 
Fällen aufweisen, in denen nicht das Innere eines Hauses dargestellt 
ist, sind eigens für diesen Druck hergestellt. Hinsichtlich des Passionais 
fehlen leider die entsprechenden Angaben. Der geschäftliche Verkehr 
beider Drucker hat mit dem Fortgange des Matth. Brandis von Lübeck 
aufgehört. Wäre nun der Formenschneider, der sich durch die Omega- 
striche zu erkennen giebt, nicht mit Matth. Brandis identisch, wie Hof- 
meister annimmt, so wäre nicht zu verstehen, weshalb sich Steffan 
Arndes, nachdem Brandis Lübeck verlassen hatte, seiner Dienste nicht 
noch weiter bedient haben sollte. Holzschnitte mit den Omegastrichen 
sind aber in Arndesschen Drucken, die nach 1504 fallen, nicht nach- 
gewiesen. 

Auch das Boek van veleme rade ist mit Typen des Steffan 
Arndes gedruckt. Von den Initialen desselben kommen E H M N R 
schon in der Bibel von 1494 vor, jenem Drucke, der so merkwürdig 

^) Nd. Jahrb. 10, 91 f, — ^) Meklenburgs altpiedersächsische Litteratur 3, 106, 



8 

buntscheckig aussieht, weil manche seiner Initialen in zwei, ja in noch 
mehr verschiedenen Formen auftreten. Die Drucklegung ist wohl in 
den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts erfolgt, doch noch vor 1504 
Aus welchem Grunde Kinderling, Gesch. S. 380 f. den Druck in das 
Jahr 1509 setzt, weiss ich nicht. 

Unreine Reime finden sich in der Dichtung in ganz geringer An- 
zahl. Wenn I, 47 herten und parthen reimen, so ist zu berttcksichtigen, 
dass der Dichter zwischen e und a in der Nachbarschaft von r be- 
ständig wechselt. I, 67 stehen wü und snel im Reime (vgl. V, 31 wel : 
snel); I, 75 clene und meyne; II, 89 dämmen und kamen; V, 71 dohhelt 
und hovelt; VI, 103 Jconen und vorghunhen; XI, 109 cristenwarlde und 
parle. Selbst e : en ist selten; die Bindung erscheint IV, 67; V, 83 und 
VI, 89. 

Abkürzungen habe ich aufgelöst. Der Druck verwendet den Strich 
für m und n und ein Häkchen ftir er, einmal für or (in vorgaen V, 163); 
für unde setzt er nicht selten vn. XI, 92 steht ihüs. i und ^', u und 
V habe ich nach heutigem Gebrauche geschieden, die Personennamen 
mit grossem Anfangsbuchstaben versehen, getrennte Silben eines Wortes 
vereinigt. 



[Bl. 1 a] Van veleme rade byn ik eyn boek 

Unde segge uns van der werlde loep. 

[Bl. 1 1*] Hoert, hoert, ick schal juw vorteilen, 

Dat ick vorvaren hebbe van velen ghesellen! 

Ick byn eyn van den vrommeden festen; 

Rore ik dy, vorghiff id mi unde keret tome besten. 

[Holzschnitt: Ein Mann, der in der erhobenen Rechten eine Rolle hält; links von 
dem Kopfe desselben: waX up myt, rechts davon: v roden.] 

I. 

I^^- ^ *5 ,^^^^^P S^*' ^y begheren dyne gnade, 

^^M Dat sy avent, morghen, vro eflfte spade, 

^^ Sture du den wolt unde ghewalt, 

Dede dyne arme creature avervalt 
5. Mit homode unde mit unrechte! 

Leve here, laet vorswinden de quaden siechte, 

Dar hoen, laster unde schände 

Äff komen mochte in de lande! 

Wente wo boze, wo valsch unde quaet 
10. Mank den luden is nyt unde haet! 

Dat wet nemant unde recht vorsteit 

Wen de jenne, de mit eynem ummegeit; 

De heflFt dar synne unde merke by, 

Wer eyn truwe effte valsch van herten sy. 
15. De almechtighe got uns dat vorbut, 

Nyt unde hat; gij weldighen, merket dut! 



9 

Wente dorch hat unde hovart 

De duvel uth dem hemmele vorstot wart, 

Darto unse erste vader Adam 
20. Van homode uth deme paradise quam. 

Nyt unde hat de maket alle twidracht 

Unde benimpt den weldighen ere walt unde macht. 

Hinimme weset voersiehtich overal, 

De land unde lüde regeren seal! 
25. Gy seet wol, wo nu de werld staet: 

Me pinst nicht gudes men alle quaet. 

De jennen, dede eyner ghemeynte scholen voerwesen, 

Beghinnen nu alto seer in eren sak to lesen, 

Nicht achten se der undersaten staet; 
[B1.2i>]30. Darumme de werld nu so kumpt in alle quaet. 

Geystlik unde alle de werldlike acht 

Beghert unde is des werves macht. 

Splith to dy unde rith, 

Dat esschet nu de tith. 
35. Me sprikt nu: *ik wilt dy in der haut wol seen, 

Wultu mit der proven effte rechte hennetheen. 

Iflft ik scal vele doen, math bringet mede.' 

So secht me nu unde is der werlde sede. 

Dyt is jo jeghen godes ghebot. 
40. Vordelghe desse tirannen, du almechtighe got! 

Dyt is quade unde boze voersichticheit. 

De al up Vordruck der undersaten gheit. 

Sus maket manck den luden leve unde vrede! 

Alzo sprikt des hochgreven voerrede. 
45. Eyn iewelk de vorsta wol myn ghedicht. 

Wes myn munt hirinne vorswicht, 

Dat vorbliflFt van dumheit mynes herten. 

Nemet dat to synnen van viflf parthen! 

Wente viffleye rede in der werlde synt, 
50. Der bruken aller moder kynt, 

Unde viflf rade sik dar mank drenghen. 

Dar me guet unde quaet kan mede vormenghen. 

Hirumme, gy redere, up guet holt schole gy jw vorstaen, 

Wen gy eyn guet rat willen tohope slaen. 
55. Tobrockelik holt vint me dorch alle lant. 

Wor eyn app(4rys u]) eynen kolstrunck wert gheplant. 

De boem werde hoch eflfte syt, 

De appel smecket na d(5me stammen alletyt. 
[B1.3»] Sure wortelen de dreghen sure vrucht, 
60. De gude arth thuet gude tucht. 

Gy woltmanne, wen gy to holte varen, 

Dat beste holt schole gy uthclaren. 

Doet nicht alze eyn untruwe knecht 

Unde ladet up beide, krum m\^e recht! 



10 

65. Isset dat gy seen eynen schonen gronen boem staen, 

Dar eyn quaet telghe waBset an, 

De darane vorsoren unde vordorren wil, 

Den houwet aflf tohant unde gans snel, 

Uppe dat de gantze boem dar nicht äff vorBore, 
70. Unde latet den vulen in drecke unde in more! 

Dat wil ik nu hir laten by blyven 

Unde wil vorder van dessen viff raden scryven. 

Dat wil ik mit deme hoghesten rade auheven. 

Eyn iewelik de vorsta dat even, 
75. He sy arm, rike, groet effte clene, 

Wo ik myn ghedichte meyne. 

Me scal neen dinck int quadeste beduden; 

Wol isset nu eyne sede manck luden. 

Wen eyn man hir wolde up nucken, 
80. Unde wolde sik dyt to hone tucken, 

Des kan ik unbelerde knecht nicht keren. 

Eyn iewelk de mach hiruth leren, 

Wo hoch he sik up sine herschop vorlate. 

Eyn iewelk de holde sik na syneme State, 
85. De pawes baven de papen. 

De keyser baven vorsten unde knapen. 

De vorsten baven rede unde stede, 
[Bl. 3^] Eyn iewelik na sineme trede. 

So dusse viff rade in creme grade staen, 
90. Dar mach eyn iewelk na to rade gaen 

Unde mach daruth proven syn beste. 

Wy sint hir up erden vrommede gheste. 

IL 
Dat molenrad. 

[Holzschnitt : In der Mitte ein Rad. Hinter demselben steht der Papst mit der 

dreiteiligen Krone auf dem Haupte, den Kreuzstab in der Rechten haltend. 

Rechts und links vom Papste Kardinäle und Bischöfe.] 

[Bl. 4 a] gj^^Ere got, giff dyner gnaden schyn, 

^H) Dat de geistlike acht mote in dogeden syn. 
^^—^-^ Recht so scole gy dyt vorstaen, 
Gy molemesters, wen gy to rade gaen 
5. Unde willet darup sinnen unde proven, 
Wat gudes rades gy to der molen behoven. 
Se scal hebben twe rade unde nicht meer, 
Dat is de gheystlike unde de werldlike eer. 
Wen de pawes unde de keyser overeyn staen 
10. Unde in eyner wellen na dem eirkel ummegaen. 
So steit dat gans wol in der cristenheit, 
Dar grote gnade unde vrede van besteit. 
Gy kardenale, weset cloek unde wyß, 
Unde du hoghe mester van Rodyß! 



11 

15. Vindet de wise unde den vunt 

Unde maket der molen eynen vasten grünt 1 

De Tyber scal wesen de stroem 

Unde de hoghe stat Borne de gruntloze boem. 

Dat molenrad scal gans eckervast holt wesen, 
20. Darto schole gy molemesters dat beste uthlesen. 

Seet to, dat to dem rade nicht käme qnaet brockelik holt! 

Wente dem rade vaken wedderspoet anvolt, 

Dar de hillighe kerke vaken wert mede beswaret, 

Darvan de cristenlove ovel varet, 
25. Unde wedder godes recht syn loflf unde eere 

Mit bozem rade wert vorkrencket seere. 

Den schal dat vuer ewichliken plaghen! 

Nene gude molenwelle kan wol dat rad draghen. 

Deme pawes unde keyser ghebort van plieht 
30. Walsch unde dudesch van ghehicht. [B1.4»>] 

Van god synt gy darto uthvorwelt, 

Nicht mit walt daran ghestelt. 

Gy weldighen, maket de twe rade in eynheit, 

Dar geystlik unde werldlik recht anesteit! 
35. Dat waterrat schal wesen de geystlike acht. 

Seet to, dat dar neen quaet werde toghebrachtl 

Dat kan der vloet nicht liden. 

AUerleye holt schole gy miden. 

Wente de beke dat is de hillighe scriflft, 
40. De dyt molenrat ummedrifft. 

Theet up dat schuttebret, schuwet nemande nicht. 

Strenge in der preddighe, sachtmodich in der bicht! 

De gruntboem schal wesen eyn vast pael, 

Wol doerwracht mit yseren unde stael. 
45. Se in dyn rath, eyn knecht aller knechte! 

Synt de beiden cirkelbaghen ok rechte, 

De in dynem rade ummeheergaen? 

Wer se ok rechte wol staenV 

Hebbe gode leff unde den even mynschen dyn, 
50. Dat scholen de twe cirkelbaghen syn. 

Unde eyn vrunt der hillighen kerken 

AI na sunte Peters werken, 

Wes deme wrevel unde stolt. 

De synen geystliken staet nicht holtl 
55. Du syest kardenal, bisscop effte prelate, 

Sus schole gy nagaen al na juwem State. 

Weset al like uprichtich unde recht, 

Hebbet got leff unde dat mynschlike siecht, 
[Bl. 5»] Holdet vrede, leve, eyndracht na godes both, 
60. Dat nene loDheit under der geistlicheit sy behot! 

Doet juwen schapen, alze gy begheren to nemen. 

So dorve gy juw vor godes richte nicht Schemen! 



12 

Got wil richten beide guet unde quaet. 

Wat achtet he juwen groten staet, 
65. Dar gy juw bo groet an vorheven! 

Gy prelaten scholden dencken, dat gy mit gode mochten leven. 

Gy achten nu meer de werldliken ere 

Wen godes both unde syne hillighen lere. 

Dach unde nacht schole gy hirup dencken, 
70. De den cristenloven wolde kreneken, 

Dar unlove unde ketterye mochte van bestaen. 

So wil juw got in syn rike entfaen 

So hartliken als dat holt van eken 

Unde dat kruce Cristi, dat hillighe teken, 
75. Dat dorch de wellen an dat rat gheit, 

Dar got aneleit vor de cristenheit. 

Darmede schole gy slaen unde striden 

Unde so alle quaet mede vordriven unde myden. 

Vorstaet juw wol up de olden unde nyen ee, 
80. Dat dar jo neen miOlove inne schee! 

Weset mesters in der hillighen scrifft! 

Wen denne dat water dyt rat ummedriflft, 

Wowol dyt rat denne ummegheit, 

Unde vuste beth de steen sinen loep deit! 
85. hilligheste vader, vorsta even des rades math 

Unde See wol to in dyn molenrath, 

Dat id jo ummegha na der rechten schiven, 
[Bl. 5»j] Dat dar droch unde loOheit moghe affbliven! 

Unde gy molmesters, gy scholet so dämmen, 
90. Dat de vloet moghe wol tohope kamen, 

Beide van den jungen unde van den olden, 

Unde scholden eyn concilium holden. 

So kreghe gy wol de vorvarenheit unde lere, 

Wer ok feyl in dem cristenloven were. 
95. Wente twedracht, unhorsam unde ban 

Dar werden de kerken woste van. 

De cristenlove wert darmede gheschent, 

Darto vorhardet unde vorblent. 

Wor missewaet dat harnsch kricht, 
100. Dar wert alle ungelucke anghericht; 

Darover vorlust borgher unde de arme buer 

Unde werden ghejaghet uth crem schuer. 

In den kerken dar wasset loeff unde gras, 

Sodder dat de Sprengel wart eyn blas; 
105. Darvan synt gheschendet kerken unde kluse, 

Darto de armen sekenhuse. 

du pape, su an dussen overval! 

Wer me so de hillighen kerke wigen schal? 

Dar vlucht de krezem mit deme wigwater uth, 
110. sture, sture, se is jo godes bruth! 



13 

Vorbede den platten den yseren hoet, 

Wente id jo nicht wesen moet! 

Sette up de krönen des bisehoppes ghewaet, 

So als gy vor deme altare staet! 
115. Geystliken staet, geystlik wark, 

Unde dat so geholden strenge unde stark, 
[Bl. 6 a] Geystlike cledere unde geystliken raet, 

Unde begaen gude werke unde gude daet, 

Eyn iewelk geystlik persone dyt vorsta! 
120. Ga gy wol voer, de leyen volghen wol na! 

Worto gy sint uthvorwelet 

Unde mit weme gy jw hebben ghesellet, 

Gy sint baven alle State goldes ghewert. 

Wente gy sint so hoch ghelert, 
125. Dat gy gode laden uth der hoghesten stede, 

Dar wy bedencken unse salicheit mede, 

Unde sacreren hirnedden in dat broet. 

pape, dyne ghave unde gnade is groet. 

Dencke, wer du ok des werdich bist, 
130. Dat du scalt benedyen dynen heren Jhesum Crist. 

Bespeghele dy an dusseme molenrade, 

Wo hoch dat du bist in dinem grade! 

III. 

[Bl. 6 b] Dat kamrad. 

[Holzschnitt: In der Mitte ein Rad. Hinter demselben steht der Kaiser mit der 
Krone auf dem Haupte, den Reichsapfel in der Linken, das Schwert in der Rechten 
haltend. Rechts und links vom Kaiser die Kurfürsten.] 

^yn iewelk de merke myn ghedicht, 
Dat sik dar nemant unrechte in bericht! 
Mit guder hulpe is guet wat to laden. 
Wor id wol wil, dar is guet to raden, 
5. Dat sy laut unde lüde, dorp unde stad. 
[Bl. 7»] Wes upgherichtet, du hochghebarne kronde rad! 
Dat kamrat mote wy ok to der molen han. 
Gy eddelen koerforsten, dencket hiran, 
Wen dat romesche rike vorstorven were, 
10. Gy ertzbisschoppe KoUen, Mentz unde Trere! 
De hochwerdighe konninck, to Bemen ghenant, 
De paltzgreve unde hertighe to Sasserlant 
Unde de hochghebaren marchgreve to Brandenborch, 
De synt alle erluchtet mit dogheden dorch. 
15. Slaet dat kamrad tohope vast unde dicht, 
Unde dat id hebbe nenerleye ghebrek nicht. 
Van hoghem State, eddel ghebaren 
Unde van ecken, haghedorn utherkaren! 
De cirkel scal vast ecken droghe holt wesen 
20. Unde de kemme vast haghedorn uthghelesen, 



14 

Dat id vorwaret sy vor eynen harden stoet, 

Wente syn anvechtent is tomale groet, 

Dat id moghe heyl in sik sulven blyven, 

Wente dat moet den oversten steen ummedryven. 
25. So is desseme kamrade wol ghelick 

De erluchtigheste hochwerdigheste keyser rick. 

Wen sik de mit deme waterrade voreent 

Unde se alle beide der hillighen kerken deent, 

wo wol denne de overste steen gheit 
30. Unde in der eristenheit denne wol steit! 

Dyt kamrad scal wesen haghedornen holt. 

So scal wesen van arabischem golt 

Unde van eddelen stenen des keysers kröne fyn, 

Dat sine doghet do der gantzen werlde schyn 
35. Na des groten keyser Karies aert, [Bl.7^] 

De mit sinen dogheden mennich lant heflft bekaert, 

Dat syne eere, syn loff in der eristenheit 

Wart ghesecht, ghedelt wyd unde breit. 

Gy koervorsten, wen gy so to rade gaen 
40. Unde sus eyn kamrad tohope slaen 

In eyndrachticheit, in vrede, in leve, 

Nicht mit twen tunghen, mit winckelen, oghen scheve: 

Is he in dyssen dogheden ghelick, 

So is he eyn recht keyser deme romeschen rick. 
45. Gy koervorsten, mit den romeren schole gy wesen een, 

Wille gy anders dat kamrad verdich seen, 

Unde gheven gode, dat gode behoert, 

Unde gheven dem keyser, wat deme keysere beert. 

Juwe loflf unde eere kumpt to weerde, 
50. Wen gy strenghe richten mit juwem swerde. 

Dat velich sy de keyservrige strate, 

Dat themet äer keyserliken majestate. 

Ghevet juwen rikessteden walt unde macht, 

Dat se nicht werden vordrucket effte voracht! 
55. Dat hoert to der keyserliken majestaet: 

Du scalt stören ere unghelucke unde quaet. 

Se heten des keyserrikes stede, 

So behort dy, keyser, se to bescharmende in vrede, 

Dat en nene vorsten doen unghevoech: 
60. So deystu dynem keyserliken majestate noech. 

So konen se dy mit macht ghedenen. 

Höre den raet, de dy mit truwen menen! 

Hebbe eyn vurich herte, waerafftighe bicht, 
[Bl. 8 a] Unde dat dynes rikes recht nicht werde vornicht 
65. Dorch affgunst, ghiflfte unde ghave, 

du eddele kamrat, laet dat dar ave! 

In des pawes macht unde des kejrsers walt 

Vaken wol wat bozes rades entwisschen valt. 



15 

Dar de cristenheit mede vordrucket wart. 
70. So steit de salicheit des rikes recht in twepart. 

Gy korvorsten, weset cloek unde vornufft, 

Dat dyt kamrat nicht käme in sodane cluflft! 

Latet den cirkel wesen rund recht 

Unde volghet dem knechte aller knecht 
75. Unde beghaet mit em alle gude werke, 

8o is des rikes recht mechtich mit aller sterke. 

So wert de romesche koninck hoch gheacht. 

du kamrad, wes so tohope ghewracht, 

Dat de overste steen wol ummegha 
80. Unde dat de mole dar nicht van besta! 

Hirumme vornufft, bekentenisse unde redelicheit, 

Weset stede unde vast in arbeit! 

So moghe gy korvorsten groet loen entfaen, 

Dat disse twe rade in eyner wellen like recht ummegaen. 
85. Wente desse twe rade maken de salicheit, 

Wen disse mole in vruntliker leve ummegheit. 

Seet, woervan hebbe gy adel unde syrheit uth, 

Herschop, manschop, lande, stede unde gueth? 

Holdet dyt eddele kamrad by weerden unde eren, 
90. So blyve gy ok sulves vorsten unde heren. 

Du kamrad, holt dy ok sulves by weerden! 

Du alderhogheste hir up eerden, 
[Bl. 8»>] In deme vaerliken State, dar du inne bist, 

Holt vor oghen dynen heren Jhesum Crist! 
95. Du bist eyn man alze eyn ander man, 

Wan dat dy got der eere ghan. * 

Holt keyserliken staet, do keyserlike daet! 

Deystu so, dyner zele der wert wol raet. 

Sprek guden raet mit waerheit doreh dynen munt 
100. Uth dynes gantzen herten grünt 

Unde bespegele dy an dessem kamrade, 

Wo hoch, wo eddel dat du bist in dynem grade! 

IV. 
[Bl. 9a] Bat wlndelrad. 

[Holzschnitt: In der Mitte ein Rad. Hinter demselben steht der Küniff mit der 

Krone auf dem Haupte, das Seepter in der Linken haltend. Rechts und links vom 

EOnig je zwei Fürsten. Eine Scheidewand trennt die Personen von dem Rade und 

verdeckt ihre Unterkörper.] 

mEcht eddel is gheboren mennich man, 
De den eddeldoem holt unde kan 
Unde sik in eren, in dogeden darna boghet. 
Eynen eddelen man maket sine doghet. 
5. Gy konninge, vorsten, graven hochgeboren, 
[Bl. 9i>] Ghedencket an juwe olderen hir bevoren. 
Wo eerliken, wo werdighen dat de olden 



16 

Hebben dyt windelrad gheholden 

Unde hebbent ghebuwet mit alle eren werken, 
10. Stede, borghe, klostere unde kerken! 

Hirumme is juw dyt windelrad anghearvet, 

Dat juw eere, adel unde galieheit vor^varvet. 

De sik anders hirane priset 

Unde an dussem windelrade bewiset, 
15. Dat de kerke unde klogtere so werden bevestet, 

Dat dar neen roeflf edder ketterye inne nestet, 

Unde stede unde borghe so werden bemuret, 

Dat de truwe ackennau werde besehuret. 

Dyt windelrad is hochdraven, trach, voet vor voet, 
20. Dat me dat ummeschuven unde treden moet. 

Neen perth, noch water, noch wind, 

Noch vrouwe, noch maghet, noch kind, 

De dut windelrad kone handelen unde wenden, 

Sunder starker mannes vote unde mit eren henden. 
25. Dat synt de mechtighesten vorsten unde heren, 

Dede land unde lüde scholen regeren in eren. 

Wen de heren unde vorsten nicht enwillet. 

Wo schal denne unfrede werden ghestillet? 

Warliken de holdet nicht synen koninkliken staet, 
30. De dar de eere unde warheit vorsmaet. 

Eyn koninck het eyn koninck van konheit, 

Darumme em de name so bysteit. 

Sus schal eyn koninck de konheit haen, 

Dat he moghe in konheit mit eren rechte lik upstaen; 
35. In konheit scal he hebben de warheit unde lere, [Bl. 10» 

Dat he sy eyn rechtverdich kone here. 

Roverye, deverye scal he mit konheit richten 

Unde sodane quaet gans vomichten. 

So hoert dyt der koninckJiken majestaet: 
40. Eere to holdende unde straffende dat quaet 

Na des groten keyser Kaerles art. 

Dem eyn swert uth deme hemmele ghebrocht wart. 

He hefft ghebuwet kerken, klostere unde de laut bekert. 

Maket juw desses namen ok ghewert! 
45. Buwet dut windelrad van holte vast, 

Wente dat moet upwinden sware last, 

Unde dat dem rade neen boze holt enwerde! 

Spilbomen, wepdomen wasset syde by der erde, 

Dat endocht to dessem rade nicht, 
50. Wente dat tobrikt alto licht. 

Gy eddelen koninge, merket dussen syn! 

Wy seent: allerleye vrucht der wert myn 

In water, in holte, in velden, weide. * 

De werld is nu in jamers leide. 
55. Mynschen unde vee vorgeit, vorstervet. 



17 

We iß de sake, dat id sus vordervet? 

Dat kumpt van bozes rades anbeghin, 

Dede alletijt Bchaden unde jamer bringet in. 

6y koninge, deneket over de vorgangen dinge, 
60. Dat teyn plaghen koninck Pharao avergingen, 

Darna eyne grote pestilencie in korter tijt. 

Dat vorwraehte al koninck David, 

So me noch in der werlde wol suet, 
[Bl. lOb] Dat dorch sunde mennighe plaghe sehnet. 
65. Gy hochgheboren, seet, dat gy so regeren, 

Dat gy dyt windelrat mit eren moghen stoflferen, 

Juw sulves erst unde juwe lant unde lüde. 

Guet holt sehole gy to diisseme rade huden, 

Warafftich holt darto doet, 
70. Rechte Bchyr clnflftich dat ok wesen moet. 

Gy hartighen, weset in herten reyne unde fry, 

Othmodich, strytbaer, eyn truwe herte darby! 

Eyn harte heflft eyn lanck levent up erden; 

Dyt is waer, ok lerent uns de ghelerden; 
75. Id is dat erste, dat dar levet, unde lest stervet. 

Eyn hartighe wen he syne land unde stede vordervet, 

So mach he nicht eyn hartighe van gudem herten heten. 

Eyn guet herte scal nene bedeckede loßheit van sik gheten. 

Alzö he beghert sulven lange unde wol to leven, 
80. So scal he ok leve, truwe sinem lande unde steden gheven; 

Ok scal he se maetliken plucken unde scheren, 

Dat sik syne stede moghen voden unde neren. 

Deyt nu eyn hartighe nicht dusse daet. 

De moet hebben eyn herte in loOheit quaet. 
85. Eyn herte mit dem lichamme wol steit. 

Wen dat herte unde de licham in eyn gheit. 

Sus is de mynsche wol formeret, 

Wen dat eyne lith baven dat andere nicht regeret. 

Eyn guet hartighe scal so mit den synen leven, 
90. Dat he vor godes richte moghe rede gheven; 

Sus hete gy hartighen up dusser erden. 

Gy scholen richten rechte mit juwen s werden. 
[Bl. IIa] Nemet vor recht nene ghifft unde ghave! 

Dat is uneerlik unde nicht to juwem lave. 
95. Juwe stat scal bevestet unde bemuret staen, 

De stat, dar gy den namen van haen. 

Eynes hartighen stat, dar he den namen van haet, 

Schal stedes bescharmen unde bevesten den raet. 

So heflft syne stat, syne ghuede, syne tucht 
100. Ok an desser stat troest unde tovlucht. 

Gy eddelen hartighen, deneket hiranl 

Juwe stede synt juw in eeren unde dogheden underdaen. 

Eyn dorp dat is eyn dorp, 

Niedeideutsches Jahrbuch XVI. 2 



18 

Dat is ringe up alze eyn wintworp, 
105. Eyne stat is eynes hartighen staet 

Unde is eynes vorsten herte unde raet. 

De hochgreve sprekt: gy eddelen hartighen, dencket hiran! 

Hijr were vele meer to seggende van. 

Wor ok eyn eddel hartighe synen steden deit quaet, 
110. Dar he den namen unde eer van heflft unde staet, 

He mach nicht wesen eyn eddel hartighe eflfte here, 
- De dar nicht achtet dat gude unde de ere. 

Gy greven, gy riddere, gy fryen alle, 

Helpet, dat dyt windelrad nicht vorvalle! 
115. Eyn grave het eyn bemaket vast, 

Eyn dinck vor quader averlast. 

Wert eyn grave deep ghegraven, 

Merket, wat namen dat gy haven. 

Gy sint ghemaket graven overal, 
120. Dat alle dinck gelick beschuren schal: 

Den hillighen cristenloven 
[Bl. IIb] Unde de dat meyne guet willen beroven. 

De grave schal alletijt 

Hoch wesen, deep unde wijt: 
125. Deep van dogheden, hochghebaren van eddelheit, 

Unde syn loff schal wesen wyd unde breit; 

Unde bringhen neen wormstockelich holt, 

Dat dar sy trunt unde senevolt, 

To desseme windelrade, 
130. Unde nicht bulderaflFtich in synem trade. 

Wente dat rad is trach, swaer unde gheit dranghe. 

Weset satich unde listich in synem ummeganghe! 

Der vorsten torne schole gy stillen 

Unde nicht vulborden in deme bozen willen. 
135. Seet, gy eddelen graven, doet gy alzo: 

Bringhet neen quaet holt hirto, 

Weset mit gantzen truwen hima, 

Dat dyt windelrad wol ummegha! 

Gy. vrighebaren unde gy ridder, 
140. Weset by den vorsten gude vorbidder 

Unde helpet mit gantzen truwen 

Dyt windelrad bevesten unde buwen, 

Dat eyn iewelk mit deme rechten cirkel strike, 

Unde nemet dat stricholt unde maket den schepel like! 
145. Gude ridderschop is werdich ghestalt. 

Van plicht boert juw dat, junck unde alt, 

Dat eyn iewelk guet holt hirin bringe, 

Dat unstraflFlik sy allerdinge. 

In dyt windelrat, dat schir cluflftich sy, 
150. Waeraflftich unde recht unde menlick darby. 
[Bl. 12 a] Eyn iewelk den rechten wech na holte drave 



19 

Unde spare den wolt nicht dorch giflft eflfte ghave 

Unde houwe nicht umme nenerleyewijs 

Noch bastrode, swepstocke, bessemrijs, 
155. Sunder guet holt, dat schir clnfftich is, 

Wol gheteret, grauw unde wis, 

Wol tohope voghet unde ineynander dicht ghe werket! 

Gude ridderschop, dat merket, 

Wo gy voren scholen juwen staet 
160. Unde wat holtes gy bringen scholen in der vorsten raet! 

Gy guden maus, juwe name het goet; 

Ja, dat is waer, wen gy wol doet. 

Worinne is juw de guetheit. 

Wen juw ere unde doghet nicht bysteit? 
165. Up guet holt schole gy wesen bekant, 

Dat dar is lick recht guet holt, jnenlick der haut. 

Eerliken juw bewiset in heldeskraflft. 

Der hillighen kerken vrede schafft ! 

Kerken unde klostere vorwostet nicht, 
170. Juwe olderen hebben se ghesticht! 

Synt gy up densulven stam gheplant, 

Eres adels eyn guet man ghenant. 

So synt gy juwes namen werdich, 

Unde so steit dyt windelrad seer verdich. 
175. Gy koninge, vorsten, graven, riddere, knechte. 

Alle de ghebaren synt van eddelem siechte, 

Dyt windelrad nemet wol to syn, 

Wat eyn iewelk vor holt schal bringen daryn! 

Latet den koepman velich wancken up der Straten 
180. Unde bescharmet juwe undersaten, [Bl. 12^] 

Uppe dat dat swert nicht ensnyde to ewigher plaghe 

Dorch juwe liflF unde zele to deme junghesten daghe! 

Bespeghelt juw in dessem windelrade. 

Wo eddel dat gy synt in juwem grade! 

V. 
Dat waghenrad. 

[Holzschnitt: In der Mitte ein Bad. Hinter demselben stehen fünf Vertreter der 

Hansastädte.] 

^^^ ^^*^ Jilill''^* truwen schole gy merken al, 

MImI Wo me eyn guet rad fonneren scal. 
^^^ Dat waghenrad moet hebben vifleye holt. 
Van rechte scolde de velghe wesen golt, 
5. De speke sulveren, de nave van kopper fyn, 
Unde de baut scheide van blye syn. 
Dat maket desses waghenrades eddelheit, 
We dyt rechte anders vorsteit. 

2* 



20 

Dat is nicht gelick eyneme graven buer, 
10. Wol dat dyt rad scal holt gyn van natuer. 

Wol viflFleye holt is darto dat beste, . 

Gheprovet wol, sunder este. 

Wys syn, syn wys^ dat elufft nicht licht. 

We dat wol doerboret mit voersicht 
15. Unde mit clocheit wol kan raken. 

De kan wol eyn guet waghenrad maken. 

6y rademakers, hijr moghe gy up sinnen, 

Wan gy des willen beghinnen 

Unde willen maken eyn guet waghenrad. 
20. Wen gy darup sinnen, so merket dat, 

Dat dar neen loes holt werde to brocht, 

Wente allerleye holt dar nicht to endocht. 

De nave van vastem holte uthghelesen 

Unde darto schal se ghesenget wesen 
25. In der gloet; dat schal de truwe leve syn 

Grode unde dem even mynschen dyn. 

Mit aflfgunst nicht vormenget. 

Welk rademaker dat so betenget 
[Bl. I3i>] Unde up sodane holt de limpe weth, 
30. Dat is seer des rades gheneth. 

Welk rademaker dat betengen wel 

Unde eyn guet waghenrad wil maken snel. 

De schal to den speken soken uth 

Droghe eken holt rechte unde guet. 
35. Hasselen unde vuren late he mit ghemake, 

Unde weddersponich holt mit wintbrake 

To dyssem rade nicht endocht. 

Wert weddersponich holt hirin ghebrocht, 

Dat waghenrad dat in allenthalven voelt. 
40. Wedderwarrich, eghenkoppich alle ungelucke woelt. 

Dar heflft mennich guet rad vor weken. 

Recht eken, eken recht is guet to den speken. 

Gy rademakers, doet dat holt darto 

Unde maket de speken like hoch so 
45. Unde hebbet dar den rechten cerkel by, 

Dat de eyne nicht hogher wan de andere sy! 

Dat se in crem grade like hoch staet, 

Dat störet wedderstalt unde quaet. 

De velghen scholen wesen al, 
50. Dar eyn guet waghenrad van wesen schal: 

Nicht anders wan recht boken. 

Gy rademakers, dat schole gy soken, 

Dat so Stripich is van rechter aert. 

Och wat de velghen an dem rade wol vaert! 
55. Widen, espen, dannen, barken unde linden, 

IJat wil sik to neuen velghen vinden. 



21 

Gy rademakers, hirvoer weset: 
[Bl. 14«] Recht boken holt, boken recht uthleset! 

Neen holt to den velghen beter is. 
60. So wert dat eyn guet waghenrad, dat is wis. 

Wente id moet liden mennighen wedderstoet, 

Hirumme is des wol grote noet, 

Dat me dar holt todo hard unde vast, 

Wente dat dreghen moet so sware last. 
65. Uppe dat id kone den wedderstoet herden, 

Dyt waghenrad schal ok ghedubbelt werden 

Mit holtheynen hagheboken. 

Gy rademakers, dar schole gy juw na cloken, 

We dar hagheboken nympt in syne munth, 
70. Wol doerwracht in synes herten grunth. 

Och wo wol is dat rad denne dobbelt 

Unde wol ghefiret unde hovelt! 

Des rades bant wil ik, dat he esschen sy, 

Wente godevruchtich, gotlik, bequeme darby, 
75. Dat me des mynschen bloet kone lesschen, 

Hirumme is nutte de band van esschen. 

Welk rademaker dyt holt nicht enachtet, 

He nummermeer neen guet waghenrad wrachtet. 

Seet, dyt waghenrad ik so ghelike 
80. Den eerliken steden arm unde rike, 

Tovoren den eerliken hensesteden. 

Hadde gy gheholden juwen olden trede, 

Gy heten henckstede 

Na olden guden zeden. 
85. Dat henghe is al tobraken. 

Wo scal me doch in dyt henghe wadder raken! 
[Bl. Ub] De noet heflft juw tohope wracht, 

Och dat wert nu nicht gheacht. 

Schal me nocli int leste juwe bedig Seen, 
90. Noet unde wedderstal moet juw wedder tohope theen. 

Merket, wor de mede ummeghaet. 

De juw alle daghe wat niges vor de neze slaet! 

Se pinsen juw alle quaet unde ere ghewin, 

Dyt is alle ere upsate unde sin. 
95. Ok moet ik de warheit gheen, 

Me mach dat hören unde seen. 

Me ghiflFt juw nu eynen thonamen. 

Des gy juw mochten schämen. 

Were manck juw truwe unde leve, 
100. Numment juw eynen thonamen gheve. 

Dat dar neue truwe unde leve manck juw is. 

De sake höret hir aldorghen wis. 

Eyn iewelk rapet men in synen sack, 

Dyt maket juw alle den quack. 



22 

105. Ok slit eyn iewelk syne tijt, 

Sus kumpt manck juw hat unde nijt. 

Daruth werde gy vaneynander ghejaghet, 

Dat me nu nicht meer na juw envraghet. 

Gy eerliken hensestede, 
110. Nicht al werde gy bedacht hirmede. 

Me wet wol, we dar guet doet. 

Hebbet men eynen guden moet 

Unde holdet den bant unde dat henghe byeen 

Unde latet juw nicht vaneynander theen, 
115. Unde eyn iewelik by sik jo tovoren, 
[Bl. 15»] Wente vele hebben juw den doet ghesworen, 

Wan se des hedden mate, macht unde walt; 

Unde licquol nicht na erem willen valt, 

Unde synt des vor den luden nicht bekant. 
120. Dat sloghe mennich gherne mit der haut, 

Unde kan des licquol nicht bekamen. 

Dat is guet, dat guet raet wert voemamen. 

Gy waghenrade, draghet overeen like, 

Hebbet gode vor oghen van hemmelrike, 
125. Hebbet eyndracht, vruntschop, leve unde vrede, 

Weset wijs unde kloek unde hebbet gude rede, 

Holdet stedes uprichtighen raet, 

Holdet ok strenge menlike daet, 

Latet juw in rechtverdighen saken nicht betheen, 
180. Ho werde gy vor uprichtighe manne angheseen. 

Eere unde rechte deme vallet by, 

Unde dat eyn iewelk ok sulves eerlik unde recht sy. 

Weset vomemelick, eken recht unde wäre saghe, 

Erbaer so alle juwe daghe. 
135. Welke stad ere waghenrad zo maket, 

In neenem weghe dat rad swaket. 

An lyve unde an zele dat vramet, 

Unde dat ghemeyne guet unde alle doghet darvan kämet. 

Gy waghenrade, weset des bericht, 
140. Stadet neen plochrad an den waghen nicht! 

Wanner dat me dat vorsuet, 

Dat me van dessen waghenraden eyn uththuet 

Unde stickt dar eyn plochrad wedder an. 

So wert de waghen unlike ghan. 
145. Wo ovel uiwie scheve ghinge de waghen denne! [Bl- »^^J 

Weset voersichtich, gy bemuerden menne, 

Bewaret so juwen raet unde ghericht, 

Settet de parlen vor de soghen nicht, 

Settet waraflEtighe manne to juwen vogheden, 
150. Dede synt uprichtich in guden dogheden, 

Dat en neene ghiricheit bysta, 

Wente de hungherghe luß bith na! 



David, godes truwe knecht, 

He in synen scrifften zo warliken secht, 
155. Dat he nee reehtverdighen saeh in der noet, 

Dat he eflfte syn säet bad dat broet. 

6y voghede der stede, 

Merket dysse rede mede: 

Wen gy den armen ere blotghelt aflftheen, 
160. Wo vroliken wil juw got in synem richte anseen! 

Mit list der ghiricheit de armen gy clouwet, 

Hirna so vare gy in Abrahams sehoet, dar Pilatus unde Judas 

rouwet, 

Juwe kinder moten vorswinden ok vorgaen, 

Hebbe ik anders recht Davite vorstaen. 
165. Dat blotghelt moet quaetliken varen, 

Van gode synt juwe kindere dar nicht to ghebaren, 

Men van juwem reehtverdighen wolghewunnen goede 

Moghen se holden staet in ghuder hoede, 

Unde nicht van deme armen blotghelde, 
170. Dat gy nu na juw theen alze quade helde. 

Gy sint desses waghenrades nicht gheweert, 

Men dat plochrad scheide me juw henghen vor den steert. 

Wente des honnighes soticheit is vordraten, 
[Bl. 10*] Wen des altovele wert ghenaten. 
175. Hirumme, gy eerliken steede alle, 

Bewaret juw vor quadem anvalle, 

Weset eyndrachtich, so is vast juwe rad! 

Eyndrachticheit is eyne vaste mure umme de stad. 

Weset in rade, in richte een 
180. Unde latet juwer eyn van dem anderen nicht theen! 

Hebbet juw undereynander leflf, vrede darby, 

Dat eyn deme anderen nicht to hochdravende sy! 

Wen de veer rade an deme waghen 

Like hoch, like swaer overeyn draghen, 
185. So lichtvorighen de waghen denne vortgheit, 

Unde de raed nicht swack ensteit. 

Holdet, gy eerliken stede, dat by weerde, 

De lere, de got synen apostelen leerde: 

Hebbet juw leff uth juwes herten grund 
190. Unde hebbet ok eynen waraflFtighen mund! 

Na State juw nicht endringhet, 

Wente id vaken hat ynbringhet! 

En luttik hates, en wenich states 

Bedroch gans seer den armen Pilates. 
195. Bespeghelt juw in dysseme waghenrade, 

Wo hoch dat gy staen in juwem grade! 



24 

VI. 
[Bi. 16b] Bat Plochrad. 

[Holzschnitt: In der Mitte ein Rad; hinter demselben stehen fünf Bauern, von denen 
einer sich auf eine Hacke stützt, ein anderer einen Spaten trägt] 

|Ddel is eyn, meynt mennich man, 
De den eddeldoern noch nee ghewan. 
Wan he meynt, dat ene de adeldom voret, 
De bueraert ene denne allenthalven roret. 
5. Hiran so deneke, du unwetten buersman, 
[Bl. 17 a] jjyjjj ^^ jj^^jj adeldoem an, 

Went de ploeh is dyn rad! 

De is nicht in hogher grad. 

Dat krupt by der erde in den acker, 
10. Dat is trach unde nicht wacker. 

Merket, wat holtes me darto scal haven 

To speken, to velghen unde to naven: 

Stickdorne, vuelbomen, bramberenkruet. 

Holderen, siedornen, dat is darto nicht guet. 
15. Gy eyntvoldighen vramen simpelen buer, 

Eyn iewelk de kenne syne eghen natuer, 

Syne doghet unde syne eddelicheit, 

Unde mit welken dingen dat he ummegheit, 

Unde hebbe hir synne unde witte by, 
20. Wat holtes to deme plochrade nutte sy: 

Vuelbomen de velghe, wepeldorne de nave, 

Abelen holt de speken, dat id syde drave. 

du buer, wes dyssem plochrade ghelick, 

GhiflF dyne rechten plicht gode unde dem keyserrick, 
25. Holt du herenbot, bekenne dyn lantrecht, 

Wes des gudes eyn ackerknecht, 

Unde to tiden des nicht enspare 

Unde mit dem ploghe to velde vare! 

Wes godevruchtich in dorppe, in steden! 
30. Du plochrad enscalt nicht hoghe treden. 

Wen eyn plochrad an eynen waghen queme, 

Dat were noch pert, noch knecht, noch swepreme. 

De den waghen wol konde dryven. 

Du plochrad, van dem waghen scaltu blyven, 
35. Du bist dar nicht nutte unde bequeme to. [Bl. n^] 

Du plochrad, do du denne so: 

Bliflf an der ploch, dat is dyn evene mathe. 

Eyn iewelk holde sik na synem State! 

To syd, ok to hoch, beide nicht endocht. 
40. Wan eyn iewelk synen grad ghesocht. 

Den he mit eeren mach bestaen. 

Ho mach he in eeren syn hovet upslaen. 

Wol dat dysse viff rade, dat vinde gy wis, 



25 

Nicht in eynes anderen stede bequeme ig, 
45. Mit peke is boze wat to schryven, 

Dat ploehrad kan de molen nicht ummedryven, 

Dat molenrad kan in den acker nicht raden, 

Den buren is dat latyn vorbaden, 

Doch scholen dysse viff rade syn vorenet, 
50. Eyn iewelk in synen graet, dar he to denet, 

Ghelick hulpelik dorch dat meyne guth 

Dat rad in der ploch unde dar nicht uth. 

Gy weldighen, gy scholet dat staden nicht, 

Dat unvornuflFt schal Sitten in ghericht. 
55. Wente de deit nenen vramen, 

De unvomuflft unde unwetenheit let kamen 

To grade, dar dat sik nicht enboert. 

Nicht gudes wert dar ghespoert. 

De geystliken unde werldliken kamen darvan to nichte, 
(50. Woer unwetenheit unde unvornufft holt dat richte. 

Unde syd rad in hoghem grade werd. 

Dar is de cristenheit seer mede beswerd, 

Unde dat toeyne guet vomichtet wart. 
[Bl. 18«] Syd rad, wyd rad maket alle twepart 

(55. ploehrad, du lopest syde, dyne forme is cleen; 

Woer du in deme waghen werst gheseen. 

Dar is de wulff in deme rore, 

Unde dar is de borghemester eyn dore. 

Eyn iewelk holde sik na sinen werden, 
70. De kyvet schal nesten by der erden. 

De valke up den bomen, de adebar up hoghen husen, 

Ratten unde vlegen mit den musen. . 

Dyt wete wy unde moghent alle daghe Seen: 

Swyn, esel unde rynd discanteret nicht overeen. 
75. Vrouwe dy, schuffkaer, plochghelick is dyn rad, 

Hogher en is nicht dyn grad. 

Eyn hoch rad kan me dorch depe gründe dryven, 

Dar eyn syd rad moet inne besteken blyven. 

Du ploehrad, nym dynes arbeides waer 
80. Uppe den dorpen, in den steden, hir unde daer, 

To arbeide, dar du bist to vorplicht, 

Unde stick dy an den waghen nicht! 

Dat waghenrad gheit dy seer enbaven, 

Du werst van em utheschaven. 
85. Rlyff unverworren, dat is myn raet, 

Wente dat vette beholt alletijt den oversten graet. 

Rade darto baven allen dingen, 

Dat du konst gode eyne zele bringen, 

Unde dy vor allem quade behoeden, 
90. Unde kanst wiff, kindere unde dyne deenste voden 

Unde dyn hues unde hoff wol vorstaen 



26 

Unde mit dynem arbeide rechte vortghaen. 
[Bl. 18^] Plochrad, so deyst du recht. 

Wes dyner oversten knecht! 
95. Kade nicht baven dynen heren, 

Wen se dy vorbeden mit eren! 

Se scholen unmie dynen willen waken dach unde nacht 

Unde beholden dy by weerden unde by macht. 

Dat rade ik dy, du unwetende buer, 
100. Jaghe den graven slymmen ezel to schuerl 

Arbeiden sehaltu unde waken, 

Dat dy de hals moghe knacken; 

Unde laet den raden, dede raden konen 

Du schalt deme des nicht vorghunnen, 
105. De wol radet unde guet raet kan bedryven; 

So machstu by dynem arbeide blyven, 

Dat sy slachten, smeden, gheten, sticken, neghen. 

Backen, brouwen, houwen, sniden unde dreghen. 

Dat sy, wat id vor eyn anmiet sy, 
110. Dar rade he over unde blyve darby. 

Unde bespeghele dy an dessem plochrade, 

Wo syd, wo hoch du bist in dynem grade! 

VII. 

[Bl. 19«] Dat drylfrad. 

[Holzschnitt: Im Vordergrunde liegt auf einem kastenartigen Gestelle ein Rad. 
Dahinter stehen sechs Frauen, von denen drei Kronen tragen.] 

^Enerleyewijs dat nutte wart. 
Dar unlucke, hat unde twipart 
Van saket unde kan aif kamen. 
Dat scal to nenem guden rade werden ghenamen. 
5. Wente in der warlde sint noch viff rade tor stunt, 
[Bl. lOb] De twipart mank den viflF raden maken kunt. 
De gy hima hören nomen moghen, 
Dat se mank dyssen voerscreven raden nicht endoghen: 
Dat is eyn dryffrad, eyn wiffrad, 
10. Eyn spolrad, eyn koelrad, 
Eyn luckerad, eyn pluckerad, 
Eyn sparenrad^ eyn dorenrad, 
Eyn broken rad, eyn bedocken rad. 
Dysse viflf rade schal me nicht hören, 
15. Wente se mennighen guden raet vorstoren; 

Dar weddewen unde weysen, boven unde bovynnen 
AflF werden, unde nicht gudes beghynnen. 
Dat erste dat is eyn dryflfrad, 
Dat is beideileye guet unde quad. 
20. Dyt rad moet me mit der haut ummetheen, 
Unde lopt na der forme als eyn senpmolensteen 



27 

Unde is van blye, saturnusmetal 

Unde heflft in sik sulves eynen swaren val 

Unde is licquol weker nature in sik, 
25. Heit, kolt als eyn oghenblick. 

Eynes wyves raet is weick unde swaer, 

Dat vinde gy in er openbaer. 

Wede eer hemeliken raet openbaert, 

Vorwaer, dat is nicht wol vorwaert. 
30. Wol dat id er sulves is entjeghen, 

Se is weick van natuer unde unvorsweghen. 

Se is ok so swaer, se kan nicht draghen, 

Dat moghe gy van er hören saghen. 

Isset dat we se worumme vraghet 
35. Unde van grund mit er raetslaghet, 
[Bl. 20 a] igget dat se in dem ersten worde nicht sacht, 

Up dat andere schal nicht werden gheacht. 

Wente so snelradich synt se alletijt, 

Unde up dat leste so is id jo eyn beschijt. 
40. Me vraghe eyn wiflF overluet: 

De erste raet is gans guet, 

De andere raet docht ichtes, 

De drudde raet docht nichtesnichtes. 

Se is zo stump unde unwijs, 
45. Dat se nicht wet, wat recht eflfte krum is. 

Alletijt dencket se up ere smucke unde nye fanssune, 

Under dach unde nacht heflft se .Ixxvij. lune. 

We dar wiste des wives lune, des hazen legher, 

De queme wol by vele dinges negher. 
50. Ere dancken synt zo ringhe gheent 

Als eyn oghenblick unde eyne hant ummewent. 

Wente gy seen wol to allen stunden, 

Dat de wive in dedinghen nicht werden vunden, 

Ok so tughen neene wive nicht; 
55. Hirumme doghen se noch in rade unde in rieht. r 

Wan eyn wiff schal raden unde regheren 

Unde over rade unde rieht« reraurmereren 

Unde de wumpel is baven dem sweerde. 

Dar heflft dat eyn selzeen gheveerde. 
60. Wo dar de geystliken unde warldliken varen, 

Dat wil ik nu nicht openbaren. 

Wiflfoder schijtfoder, dat ander ik swighe. 

Se docht noch to stride noch to krighe, 

Noch to daghe noch to paghen, 
65. Wente se synt van lichtvorighen saghen. [Bl. 20^] 

Nicht dat rae dat seggen wolde, 

Dat me neues vramen wives raet hören scholde. 

Neen, dat heth eyn bedryveren raet, 

De vele doghet an sik haet 



28 

70. Dat weten de wol, de darup hanteren 
Unde de eddelen stene uppepolleren. 
Eyn vraem wiflF, de bedryveren is, 
Des de huOweert heflft nenen mys. 
Dat se kan hues unde hoflf wol vorstaen 

75. Unde ere ghedeenste in vrede unde in leve haen 
Unde ere kindere polleren claer unde fyn, 
Desse vrouwe mach wol van gudem rade syn, 
Unde dat se to sik rape unde nicht uthencleyt, 
Wo wol dat denne in deme huse steit! 

80. Van rechte mach sik dat wol boren, 
Dat me sodanen wyves raet scal hören. 
De na der vodinge sy Unde to doende gude werke, 
Dat me se darinne lave unde Sterke, 
Nicht in rade, in richte unde rechte; 

85. Darto synt se dumme knechte. 

Eyn vraem wiflf der eere unde doghet tolet 
Vorware se wol eyn poUererrad het. 
Se scal sik smucken, polleren up ere alderbest 
To eeren creme manne, gode erst unde lest, 

90. Dat he sik darinne moghe vrouwen 

Unde lust unde vrolicheit darinne beschouwen, 
■ Dat he vorghete nyt, hat unde quade daet 
Unde vorhale sik unde bedencke guden raet. 
[Bl. 2ia] Wente eyn wiff dat heth eyne vrouwe, 

95. Dat heth ok wol eyne unrouwe, 

Dar eyn man in twivelmoet van valt; 
DaraflF kumpt overval unde walt 
Unde dat meyne guet in twepart, 
Unde godes deenst vorhindert wart. 
100. Hiran so dencket, gy wyve, 
Dat eyn iewelk hir aveblyve! 
Seet na der vodinghe unde swighet stille 
Unde radet over wocken, warven unde spille! 
Gy sint to dyssen viflF raden nicht vorplicht, 
105. Dat maket: id is juwes warkes nicht. 
Bespeghelt juw an dessem driffrade, 
Wo hoch dat gy staen in juwem grade! 



VIII. 

[Bi.2ib] Dat Spolrad. 

[Holzschnitt: In der Mitte ein auf einer Bank stehendes Wellrad. Zwei unter der 
Bank sitzende Knaben spielen mit einem Balle. Hinter der Bank stehen vier Männer. 
Einer von diesen führt zwei Hunde an einer Leine und ist im Begriff, in ein Hörn 
zu blasen, der zweite hält einen Falken auf der linken Hand, der dritte schneidet 
mit einem Messer in einen kurzen Stab, der vierte wendet dem Beschauer den 

Rücken zu.] 



29 

^Aven dat hovet schal neen lithmate 
Sik vorhoghen na des hovedes State* 
Wente na dem donre sleit de haghel; 

Beter dem hovede gheniget wen dem sagel. 
5. Wo schal me in der stede denne doen, 
[Bl. 22 a] Dar dat ey wiser is wan dat hoen? 

De willen vele klokes rades Seggen 

Unde kont wedder kakelen eifte eyer leggen. 

du inghetaghen kynt, 
10. Du bist dar buten als eyn rynt. 

Gy eddelen heren unde vorsten, vorsmaet 

Dyt duUe dumme slynmie spoelrad! 

Dat enheflft nicht synen vullenkamen voch. 

Dat spolrad docht nicht in der ploch 
15. Noch myn in eynem starken waghen;* 

Nummer kan dat de swaren last draghen. 

Dat docht wedder to der molen eflfte to der winden, 

Dar wilt sik jo tovoren nicht to vinden. 

Dat docht nicht men to spolen unde to spinnen, 
20. Alle de lichtvorich arbeit beghinnen. 

Dyt spoelrad is van eyner breder krumme, 

Dat thuet eyn kint myt der haut umme 

Lichtvorighen, ok wol ane wee. 

Seet to, dat hir nicht van beschee 
25. Twidracht, hat unde nyth, 

Krych, ordel unde stryt. 

Wente olt had, kindesraet 

Vorstoret lande, lüde unde maket quaet. 

Kyndesraet, lichtvorich syn, 
30. Dar lopt men ydel vul tornes yn. 

Se synt vul speles, vul boverye, 

Dat se raden, dat is quackelye. 

6uet unde quaet se nicht enkent, 

Alle ere raet-de is unbewent 
35. Junck raet en is neues vorsten staet, ]B1. 22>>] 

Neen guet anbeghin eflfte ende haet. 

Wor dat kint red baven den vader, 

Dar kumpt men kiflf van unde hader; 

Wor de knecht red baven den heren, 
40. Dar schal sik dat gansse volk vorkeren. 

du spolrad, eyn koelrad. 

Wo eleweren is doch dyn ghelad! 

Alle dat du rest, dat gheit dy koele aflP, 

Du bist in rade, in richte eyn quaet staflF, 
45. Ghelick eyner bastroden vor eyne murenstutte. 

Du spolrad, du bist neme to nutte. 

In beerbencken kan me groetspreken. 

Mit swerden unde mesten wil me denne de heize aflfsteken, 



30 

gy rechten dummen knapen, 
50. De juw eyn laken ummewarmede unde lede juw slapen. 

Me suet nu wol, wo lande unde stede toruggeghaen, 

Dar me sodane vint in richte unde rade staen. 

Dar land unde lüde dyen unde vordarflF averlyd, 

Se enachten noch ordel noch stryd. 
55. Se synt heit vort hovet, stede juch unde wach 

Unde dencken nicht, wat dama kamen mach. 

Hirumme scal me jo de olden 

In eeren unde in rade beholden. 

Me kan en wol entlopen, nicht entraden. 
60. Hirunmie schjvl me neen older vorsmaden. 

Darby so merket unde provet dat: 

Dar bellet neen olt hunt, he vomeme wat. 

De olden grawen koppe in eren majestaten 
[Bl. 23»] In rade, in richte nicht ovel laten. 

65. Dunckelguet unde de ghelen krusen haer 

De bringen eynen vaken up dat quade jaer. 

De olden bedencken mennighe list, 

Dar de jungen nicht up enghist. 

Wan de jungen van den olden guden raet leert,. 
70. Up ere older se gudes rades werden weert. 

Seet, gy jungen, weset des bericht 

Unde vorsmaet de olden grawen koppe nicht! 

Vorhoghet juw nicht baven se, 

Eyn junck man sik nicht vorthe! 
75. Vorthee dy nicht, dat is myn raet! 

Vortaghenheit maket mennich quaet. 

Schal eyn wat wezen eflfte syn, 

Dat kumpt wol mit der sonnen schyn. 

Kyndesraet unbeleert 
80. Mit der rode vor den steert. 

Der momen titte in de munt. 

Such wol, zo werstu ghesunt 

An eere, an ghude, ok an lyve! 

Du spolrad, hir ave zo blyve 
85. Van dyssen viflF raden, dat sy spade eflfte vro. 

Du bist dar alto wit umme de munth to! 

Bespeghele dy an dyssem spolrade, 

Wo hoch dat du bist in dyneme grade! 

IX. 
IBl. 23b] Dat Luckerad. 

[Holzsclinitt : In der Mitte ein Rad, welches durch den Teufel gedreht wird. Eine 
Person liegt unter dem Rade, eine zweite wird durch die Bewegung desselben nach 
oben gefü&t, während eine dritte hinabsinkt. Oben auf dem Bade sitzt eine Ge- 
stalt mit einer Krone auf dem Haupte, ein Scepter in der Rechten haltend. Im 
Hintergrunde vier Männer, von denen zwei in einer Unterhaltung begriffen scheinen.] 



31 

^Vermoet unde ghewalt, 
Dat me den annen buren overvalt, 
Dat kumpt van quadem rade in der heren have; 

Vorware, ik dat nicht enlave. 
5. Dat luckerat steit mank dessen viflF raden ovel, 
[Bl. 24»] Dat heflFt noch speke noch nave noch dovel, 

Dat is neen holt, ok neen metal. 

Van eghener npsate unde toval. 

Dat de duvel maket unde hevet an: 
10. In der erde eynen kreiO unde eynen plan. 

Dar se leren de swartenkunst unde de part, 

Dar de warld ynne bedraghen wart. 

Dat luckerad is des duvels raet, 

Dat got unde alle syne hillighen haet. 
15, Wat schole wy denne hir up erden? 

Wy konen des rades nicht ghebettert werden. 

Wente oldinges de swartekunst 

Brachte in der cristenheit groet aflfgunst 

Vonniddelst des duvels raet unde daet. 
20. Dyt mach wol heten dat ungeluckerad 

Deme jennen, deme dat slumpt 

Unde dat ungelucke up den nacken kumpt. 

We dyt luckerad vor eynen tuehtmester kricht, 

De mach wol Seggen: here, behovestu myner nicht? 
25. De mynsche, de syne kunst up dyssem rade leert 

Unde dat volk darmede voAeert, 

Dat is dat ungelucke, liff unde zele. 

Eyn iewelk na synem dele, 

Der glisener unde der swartenkunster, 
30. Der rodenridder unde der aflfgunster, 

Tojegher mit plenghen unde menghen, 

Unde de lüde mit valscheit tohope henghen. 

De quaden raetghever, luch unde druch 

Unde ghiflf up, segge valsch tuch, 
35. Dar se sik by heren unde vorsten mede bewalden, [Bl. 24^] 

De konen kunst uth kunsten spalden. 

Unde alle quaet se in der warlde maket, 

Dat mennich arm mynsche gheit naket 

Unde synt vorbrent unde vorherdet 
40. Unde uth dem lande vordreven werdet. 

gy eddelen rede, dat kruce vor juw slaet 

Unde segent juw vor dyt quade luckerad! 

Mit der swartenkunst se zo behende sunth; 

Vonniddelst dem duvele, de se anschunth, 
45. Konen se maken nige funde, boze upsate, 

Twidracht, roven, schinden de strate 

Unde groet mysghelove in der cristenheit, 

Dar ketterye, boverye van upsteit. 



Dyt boze luckerad kan vele quades anrichten. 
50. Wente dat wil eynen anderen vorniehten, 

Dat sulves nicht endocht, 

Quaden raet, quade lere socht. 

Dyt luckerad heth eyn pluckerad, 

Dat vordrucket alle, de wol stad. 
55. Wan dyt luckerad dat heflft anherdet, 

Dat de lande vorwostet werdet, 

So is syn rad wol ghelucket 

Unde hefffc synen sack al vul gheplucket 

Unde achtet des nicht eyn haer, 
60. Dat syne heren krighen eyn quaet jaer. 

Dar vraghen se na nicht eynen witten. 

So bliflft malk in den sorghen besitten. 

We wat heflft, de mach denne wat braden! 
[Bl. 25»] here got, wol synt de in deme schaden! 
65. Dat doet de heren unde ere armen lüde. 

luckerad, du quade krude, 

Woer du betenghest to wassen. 

Dar voret me dat stro in den zadelbassen. 

Dar eyn here unde syn rad 
70. Twe schelke by sik had, 

Wil de here alze de twe, 

So wert der schelke wol dre. 

Hirumme steit dat to raden, 

Dat gy dyt luckerad vorsmaden. 
75. Wente id maket nummer guet eflfte vramen, 

Men uneer unde schände moet darvan kamen. 

Se hebben des neuen schaden eflfte mys, 

Eyn iewelk do, wo malkem even is. 

Me late se bespeghelen an dyssem luckerade, 
80. Wo hoch dat se staen in erem grade! 

X. 

[Bl.25b] Dat Sparenrad. 

[Holzschnitt : In der Mitte ein sternförmiges Rad. Hinter demselben steht ein Mann, 

umgeben von fünf anderen Männern, die Narrenkappen trafen. Einer der Narren 

bläst auf einer Flöte und scnlägt zugleich auf eine Kleine Pauke.] 

I^We doren der is meer wen een. 

Woer se in eynem laghe werden gheseen, 
Dar wert der stapeldoren wol meer. 
Se maken van vramen luden eyn muntspeer 
5. Mit loghen unde unnutten saghen 
[Bl. 26 a] Up ^^jj Straten, in den beerlaghen 
Unde pticken de pile sunder stock 
Unde scheten malkem eyne gheren in den rock. 
Dem eynen to kort, deme anderen to lanck. 



10. Unde wetten aller erse upghanek, 

Unde ere de steit alletijt wide open; 

Noch laten se nummende voeroverlopen. 

Den is dyt sparenrad wol even. 

Wan eyn stapeldore wil wat anheven, 
15. So stammert he unde grind unde lacht, 

Eer he den spot uth deme munde sacht. 

He schelt eynen anderen trach, sulven is he unlust, 

Dat sparenrad stickt unde vret de rust. 

Dat sparenrad is eyn dorenrad, 
20. Dat ses scharpe taggenan sik haet, 

Alze sesleye doren in der warlde sunth, 

Dede scharpliken doren kunth, 

Als: schalkdoren, walkdoren unde alff doren, 

Halffdoren, vuldoren unde duldoren. 
25. Dat synt ses dorenrad, 

Dede manck dyssen viff raden nicht wol enstad: 

Dulkop, stormclocke, dulbreghen, 

Severmuel, hottensnavel, ringhevorweghen. 

Eyn vuldore, den me nummer uth dem kroghe heflft mis 
30. Unde stedes vul unde nummer nochteren is, 

Dat is eyn recht vuldruncken dore. 

Deme slapert de oghen unde sipet de ore, 

He suet unde höret nicht. 
[Bl. 26b] ^g^^ docht de in rade unde in rieht? 
35. Nouwe dat he syn beer vorwaert. 

De Sit in dem rade als eyn zeverbaert. 

Schalkdoren de willen neen dinck vorstaen, 

Se latet neue schalcheit vor sik overghaen. 

De make, dat me van en nicht gudes sacht. 
40. De sit in dem rade unde grynt unde lacht. 

Is he eyn dore, eyn dore he blifft; 

We vor eynen doren sit, he dorenraet ghiflft. 

Alifdoren dat synt kalifdoren. 

De hebben docken an den oren 
45. Unde lopen mit der bunghen in dem lande. 

Scholden de in rade Sitten, dat were schände. 

Doren, de sulves walken. 

De Valien seiden van deme balken. 

Ere seer dat heilt to sunder raven. 
50. De donre sleit neuen swinekaven. 

De hebben nicht ere witte unde synne. 

Dar is jo neen guet raet ynne. 

Dyt is eyn duldore, deme dat slumpt. 

De by groet gelt unde guet kumpt 
55. Unde dat denne nicht wol vorwaert. 

Vorware, dat is eyn duldore van aert! 

Dul unde dum is des syn. 

Niederdeutsches Jahrbuch XVX 3 



34 

De red uthwart unde red nicht yn. 

He heflft nenen vrede mit kinderen, mit wive, 
60. He heflft nenen vrede mit synem eghen lyve. 

Wo schal de raden unde richten over eynen man. 

De sik sulven nicht wol raden kanV 
[Bl 27 a] Qy heren, hodet juw vor dysse ses doren, 

Blyvet mit den unbeworen! 
65. Eyn dorenrad unbeworen rad. 

Der doren heflft me nene bad. 

Me schal en noch heten eflfte vorbeden. 

Me late se in crem zade seden, 

Volet se nicht, wor en dat licht barnet, 
70. Wan se ere eghen schade warnet. 

Seet, gy eddelen rede, to allen tiden 

Schole gy dyt sparenrad miden 

Mit dyssen ses dorentacken, 

Wente se synt vul quader placken. 
75. Guet raet wert darvan gheschendet, 

Heren unde vorsten darvan vorblendet, 

Rede unde stede darvan vomichtet. 

Wor sik de here sulves up doren richtet, 

Dar heflft syn hoflfghesynde nene schult; 
80. Vele laster unde schände daruth bult. 

Is eyn here eyn dore unde dul. 

So is der doren eyn gans land vul. 

Wowol dat dryerleye doren synt, 

De druncken man, eyn dore unde dat kynt, 
85. Dysse seggen de warheit gheme. 

Wente dat swigent is erer wißheit verne. 

Dat maket dat se des nicht better vorstaen, 

Darunmie scholen se in neuer heren rade ghaen. 

Dat is eyn boze unde eyn quaet ghelaet, 
90. Dat doren synt in der vorsten raet. 

Latet doren doren syn 
[Bl. 27^] Unde ghevet den eyne dorenkappe fyn 

Unde latet se by juw herspringhen! 

Se synt juw bereit in allen dingen. 
' 95. Latet se sik bespeghelen an dyssem sparenrade, 

Wo hoch dat de doren staen in crem grade! 



XI. 

Dat Braken rad. 

S Holzschnitt : In der Mitte ein zerbrochenes Rad. Zwei Männer und eine Frau, die 
iahinter stehen, blicken auf dasselbe hin. Kechts bedroht ein Mann einen anderen, 
der am Boden liegt, mit einem Dolche; links ist ein Dieb beschäftigt, die Tasche 
eines Mannes zu durchsuchen, von dem man nur die Rückenhälfte sieht.] 



35 

[Bl. 'is«^! ^^^ Venture unde grote vaer 

|J|S Moet de staen al openbaer, 

De sik sammelt mit quader selschop. 

Dat ghelt huet unde remen, hals unde kop. 
5. Hirumme rade ik juw overal, 

Dat sik alleman bewaren scal 

Vor dysseme braken scheven rade, 

Dat malk nicht käme to bade. 

He sy ok van synnen hart eflFte week, 
10. Van quader selschop wert eyn gherne hovetseek. 

Wat eyn man vor arbeit deit 

Unde mit weme he ummegheit, 

Dat plecht em gherne antohanghen. ^ 

Wede mit eynem kodrecke wil wranghen, 
15. De bezolet gherne de knovel. 

Och de varet tomale ovel, 

Dede heift tobraken rade an synem waghen. 

Spenne he darvoer . xxiiij . paghen, 

De scholden em den waghen uth dem drecke nicht theen. 
20. Eyn iewelk de mach sik wol voerseen, 

Dat he sy ane sunde unde sunder placken, 

So kan em dat rad nicht knacken. 

Welk man de eyn tobraken rad 

An syneme waghen had, 
25. De varet in angeste unde in noet; 

Syn herte is in sorghen groet. 

Gans lichte is de man vorveert, 

De in syner Schede heflft eyn tobraken sweert. 
|B1. 2**'»] Ik rade, dat he dat late stecken, 

30. Wil he anders syne eghen schände bedecken. 

Eyn braken rad, eyn bedocken rad, 

Dat ducket unde swighet in quader ghelad. 

Hodet juw vor dem ore an der kruken! 

De deve liggen unde duken 
35. In dorppen, in steden; wor malk lyt. 

De schuldighe de schoddert alletyt. 

Dat braken rad vaken wol toknickt 

Van eynem stote, eer dat entwebrickt. 

Eyn scheff rad, eynes deves rad, eyn leves rad, 
40. Dat bringet mort, noet, had unde alle quad. 

Eyn tobraken rad dat is eyn boze schyn. 

Dar ghude rade tosamende syn. 

Wan eyn braken rad nicht vast en is; 

Dat heflft eyn teken, dat is wis. 
45. Dat is eyn loze speke unde eyn toghebant 

Unde is scheif umme synen rant, 

Dat is toknicket unde eyn stucke affghesprunghen, 

Dat smeer is dorch de nave ghedrunghen. 

3* 



Dat rad denne zo slit unde glid, 
50. Dat knickt, unde knackt, wan dat vorttrid. 

Eyn deeflf de schoddert nicht sunder sake, 

Wente em sit reide eyn ore an dem kake. 

Kan he mit deme anderen nicht voerboten. 

So moet he dat beteren mit dem halze unde mit den voten. 
55. Seet, gy rede, dysse lozen speken an, 

Woer se manck vramen luden stan, 
fBl. •>!)*] War de ok guet raet konen van sik gheven. 

De 8U8 sulves in quadem rade leven. 

du tobraken rad, bistu denne vast, 
60. Wan du eyne loze speken an dy hastV 

Devesraet,^ wor du bist. 

He mit syner arghen list 

Den eynen unde den anderen to sik thuet, 

Dat en altomale neen guet sehnet. 
65. Wente bovynnendaet unde devesraet 

Mennighen to dem galghen ghebrocht haet. 

Eyn deeflf unde eyne bovynne, so wy lesen, 

Dat eyne wil by deme anderen wesen, 

Stelen unde leghen 
70. Unde eren besten vrunt bedreghen. 

Devesraet, we darna deit, 

Em dat over synen hals gheit. 

wee, du boze scheve tobraken rad! 

Du mynsche guet, dat vorsmad, 
75. He sy warldlik, he sy geystlik. 

He sy suverlick, he sy eyslick, 

Arm eflfte rick, hoch eflfte syd! 

W^ente dat braken rad bringet alletid 

Quade bekoringe, twipart, neue vrunde, 
80. Deverye, alle laster unde sunde. 

Hebbet, gy geistliken, hir synne unde witte by, 

Dat juwe rad nicht tobraken sy! 

Is dat rad tobraken an der molen, 

Dat plecht sik sere in dem drecke to zolen, 
85. Als id leider vaken unde vele sehnet, |B1. iQ^'] 

Dat me juwe rad tobraken suet. 

Dat is den leyen eyn boze ghelaet, 

Wan se sik argheren an juwer daet; 

Juw boert so in guder geystlicheit to leven, 
90. Dat gy aller warlde eyn guet exempel gheven. 

So schole gy den geystliken staet alle vorstaen, 

Unde Jhesus wil juw in synem richte wol entfaen. 

Du doerluchtighe groetmechtigheste hochghebaren 

Forste unde here, to eynem keyser utherkaren, 
95. Sta du vaste up vasten knaken, 

Dat dyn kamrad nicht sy tobraken! 



37 

Wan dat kamrad tobraken were, 

Weren ok der kamrade vere, 

De overste steen unde dat dreff, 
100. Dat were dem rade vele to streflf. 

Dat braken rad in synem ghelate 

Themet nicht der keysetliken majestate. 

Holt eerlike keyserlike daet, 

Straffe ok alletijt dat quaet, 
105. Wes othmodieh unde nicht hoverdich, 

So bistu dynes keyserliken states gans werdich, 

So mach an dy nicht kamen dyt tobraken rad 

Unde gheist lick uth dynen keyserliken päd. 

De eere aller cristenwarlde 
110. Moet an dy schynen als dat golt unde de parle. 

Wultu anders dyt braken rad myden, 

So mostu in der eere alle dinck like recht uthsnyden. 
|B1. 30»] Gy konninge, vorsten, graven unde heren, 

Holdet juwen staet by eren, 
115. Unde dat juwe windelrad nicht tobreke, 

Dat sik dar neen braken rad in steke! 

Wor dat windelrad ersten eyn tobraken rad kricht, 

Dat buwet me nu unde nummermeer nicht; 

Wan dat to daghe vorvalt, vorgheit, 
120. Wen sik eyn vorste der eere entsleit. 

Unde wat me gheven scholde den armen 

Unde de hillighen kerke mede bescharmen, 

Dat wert nu unnutlik vorteert. 

du tobraken rad, du bist unweert, 
125. Dat du schalt ghebraken in der winde syn, 

Als id nu leider is oghenschyn. 

Unde wor de heren nicht achten dat, 

Baven ere ee to vorende eyn braken rad, 

Unde sik in erem ghesinde nicht erkent, 
130. Dat dar worde van gheschent 

Mennighe vrame vrouwe unde maghet, 

Dar wert wol eyn gans land umme gheplaghet. 

Gy vorsten, doet alletijt vorstlike daet. 

Straffet in juwen landen de myssedaet, 
135. Seet to, dat juwe rad nicht enbreke, ^ 

Dat got over juw de wrake nicht wreke! 

Gy eerliken stede, weldich unde keyserfry, 

Seet to, dat juwe waghenrad nicht tobraken sy! 

Maket dat eyndrachtich, vast unde dicht, 
140. So steit juw neen naghel to na nicht. 
[Bl30b] De lozen speken de latet darvan, 

Wente dat rad neuen lozen liden kan! 

Latet deve unde bovynnen uth juwem rade 

Unde ghevet en malk eyn byteken uppe gnade! 



38 

145. Wor sik eyn tobraken rad an den waghen Htiekt. 

De gantze waghen dar wol van entweybrickt. 

Tobraken rade an den waghen, 

De konen nene sware last draghen. 

Wor de borghemester de eere nicht leflF haet 
150. Unde de kemerers in quade em naghaet, 

De raetheren dobbelt unde drineket 

Unde de stadknechte denne so nahincket. 

Dar lopen de borgher in deme suse, 

Unde dar gheit de duvel to radhuse. 
155. Seet to, gy eerliken rede in den steden, 

Latet juw dat braken rad nicht undertreden! 

Weset eerlick, uprichtich in juwen saken. 

So mach juwe rad nicht breken effte knaken. 

Seet to, gy bure unde alle hußweerde, 
160. Ok alle mynschen up dysser eerde, 

Eyn iewelk na synem stad, 

Dat ok nicht tobraken sy juwe plochrad 

An eere, an zele unde an lyve, 

Dat eyn iewelk ane sunde blyve, 
165. Unde dat eyn dat tobraken rad nicht enstade, 

Dat id nicht kome to synem plochrade. 

Kumpt eyn tobraken rad daran, 

Syn plochwerk wil toruggeghan. 
[Bl. 31»] Dat mennich hus unde hoff vorteret 

170. Wan he sik to dyssem braken rade keret. 

Bovynnendaet unde deveshande 

Bringhet mennighen to laster unde to schände; 

Dar is neen warafftich munth, 

Unde in deme harten is neen grünt. 
175. Jo me dat tobraken rad meer bind unde kyle upstickt, 

Jo dat serer entweybrickt. 

Jo me dat meer roghet, jo dat serer krozet. 

Wede eynen deeflF van deme galghen lozet 

Unde syn ghelt an bovynnen leit, 
180. Dat is altomale vorlaren arbeit. 

Eyn iewelk hebbe synne unde merke: 

Dyt braken rad is eyn orsprunck aller quaden werke. 

Dat sy, wat dat vor eyn rad is, 

Dat sy even eflfte unwis, 
185. Hoch, syd, swaer eflfte licht, 

Is dat rad tobraken, dat docht nicht. 

Wanner dat me alle ummeher socht 

Unde uth allen winckelen tohope brocht. 

So vind me der tobraken rade meyst under dem galghen. 
190. Hirumme late me de deve unde unsalghen 

Bespeghelen in dyssem tobraken rade. 

Wo weerdieh dat se staen in crem grade! 



39 

Nu love ik des unde menet, 
Dat dysse lezer wol heflFt eynen drunek vordenet; 
195. Is dat neen clareet eflfte wyn, 
Dat moet wol guet beer syn. 
[Bl. 31b] Eyj^ iewelk de drineke, wat he hat, 

Unde wünsche deme hoehgreven ok wat. 
Dyt ghedieht heflFt hir eynen ende. 
200. Got uns syne gnade sende, 

Dat wy dorch synen hillighen namen 
yalieh moghen werden allentsamen! 

Anmerkungen. 

Bl. 1 b V. 3 In eyn van den vrommeden ghesten liegt vielleicht ein versteckter 
Hinweis auf den Namen des Dichters. 

I, 13 symie unde merke hebben Werstehen, wissen*. Ebenso XI, 181. — Die ver- 
wandte Formel; merke unde sin nemen bietet Stephans Schachbuch V. 242. 

16 Die der Mundart Botes entsprechende Form dut ist als Reimwort nnan- 
j^etastet ffeblieben. Im Innern der Verse hat der Drucker häufig die ihm eigenen 
Formen aesse, dwse, dyt eingesetzt. 

35 ff. *An der Gabe, die du mir bietest, werde ich erkennen, ob du Pfründen 
oder Privilegien erlangen willst. Wenn ich viel thun soll, so bringt ein der Grösse 
meiner Anstrengung entsprechendes Geschenk.' 

44 So bezeichnet sich der Dichter auch IV, 107 imd XI, 19S. Welche Funk- 
tionen der Jwchgreve zu versehen hatte, lässt sich nicht sicher angeben. An den 
gogreven, den Vorsitzenden im godinge^ mit dem das Mnd. Wb. den hoehgreven 
identificiert, ist hier wohl nicht zu denken. 

55 tobrockelik * rissig, fehlerhaft'. 

62 uthclaren 'bestimmen, auswählen'. 

II, 19 eckervdst * kernig, fest wie Eichenholz'. 

37 der vloetj kaum Druckfehler, da IX, 29 f. der glisener^ der swartenkunster, 
der rodenridder und der affgunster steht. 

40 Druck: molcnrat. 

53 'Zürne dem und tritt dem rücksichtslos entgegen'. Das adj. stolt passt 
nicht recht in den Zusammenhang. Der Dichter scheint es gebraucht zu haben, 
weil ihm die Verbindung torevel unde stolt (vgl. Böse Frauen V. 43) geläufig war. 

III, 37 f. Die auch bei anderen mnd. Dichtern wahrnehmbare Vorliebe für 
asyndetische Nebeneinanderstellung von Synonymen (vgl. Gerhard von Minden fab. 
LäXXVII anm.) tritt bei Bote besonders stark hervor. 

42 mit ivinckelen 'mit Ränken, Kniffen'. 

71 vomufft; zu vergleichen ist: sulven is he unlvst X, 17. 

IV, 19 hochdraven 'langsam, gemessen'. In der Bedeutung 'stolz, hochmütig' 
ist hochdravende V, 182 gebraucht. — voet vor voet ist im Schichtb. mehrfach in 
der Bedeutung 'der Reihe nach' belegt. 

V, 53 stripich 'streificht'. Belege aus mnd. Zeit sind selten; im Mnd. Wb. 
und im Handwb. fehlt das Wort. Nach Schambach S. 215 steht es in einem mnd. 
Loccumer Wb. Ob darunter der auf der Bibliothek des Klosters Loccum befind- 
liche Vocabularius ex quo von 1467 zu verstehen ist, weiss ich nicht. 

68 sik cloken na 'sich in Eile umthun nach'. 

71 Druck: id. 

85 Aus der Darstellung des dem Schichtbuche angehängten Wappenbuches 
erhellt, dass der Dichter die Hansestädte mit den Gliedern einer Kette vergleicht. 
Er spricht dort die Hoffnung aus, dass die Glieder, die verloren gegangen sind, 
durch festen Zusammenschluss der übrigen dem Bunde wiedergewonnen werden. — 
Dat henghe; sonst fem. Im Wappenbuche ist das masc. hengk gebraucht. Vgl. 
Einl. S. 5.- 



40 

98 Druck: niochteu. 

104 quack m. 'unnützes Gerede'; nicht weiter belegt. Das Wort gehört zu 
qtuickelie und zu quackelen * schwatzen '. Das westf. kwack bezeichnet das Schnattern 
der Ente, das Schwatzen der Elster, das Quaken des Frosches etc.; vgl. Woeste 
S. 151. Nl. kwak 'Geschichte, Erzählung'. 
113 byeenholden 'zusammenhalten'. 

152 ^richwörtlich: De hungrige lues bit scharp (Mnd. Wörterb. 2, 750 b). Die 
hungerde lus betrifft auch einer der in der Krypte der Domkirche S. Laurentii zu 
Lund angebrachten Reimsprüche. Vgl. Nd. Jährt). 9, 127. 

155 Ps. 37, 25. Häufig ist der nachstehende sich an diese Stelle anlehnende 
Spruch: ^qI Gade in rechtem geloven vortruwet, 

Nicht up sunde und laster buwet, 
Den leth Godt nyhe entlick in noth 
Noch syn Saedt soken dat brodt. 
Vgl. Jüngere Glosse zum Keinke I, 10, 24. 

170 qttdde helde, ironisch wie mehrmals in Groningens Scbichtspiel. So ¥.444 0".: 
Se wolden dar nicht van wetten, 
Dat se plegen on to kretten 
Myt worden unde valschem gelde, 
Eyn deel der dumkoynen beide, 
Darto bedreven unghevouch. 
Des se om deden alghenSch., 
femer V. 798, V. 1183, V. 1465. 

173 is vordraten 'verursacht Ekel, Ueberdruss' wie Des dodes danz V. 265. 

VI, 36 Druck : deme, — Druck : behoede, 

VII, 10 koelrad vgl. VIII, 41 ff". 

1 1 pluckerad vgl. IX, 53 ff". 

12 Ich habe den Vers im Anscbluss an X, 19 eingeschaltet. Aus V. 5—7 und. 
V. 14 ergiebt sich, dass er in Botes Manuscript gestanden haben muss. 

13 eyn hedock&n rad vgl. XI, 31 ff. bedocken 'nachgiebig; sich biegend, aber 
nicht brechend'. 

16 Druck: wemyn. 

31 unvorsweghen 'nicht verschwiegen'. 

43 Im Schichtbuche 393, 3 verstärkt Bote nichtesnichtcs noch durch plat: nie 
scliolde plat nichtesnichtes geven. 

46 fanssune (franz. /opon) 'Formen, Moden'. Lübben belegt das Fremdwort 
aus einem Lüb. Testam. von 1455. 

57 retnurmereren vgl. Diefenbach Nov. gloss. S. 316: remurmurare icider reden. 

62 Wiffoder schijtfoder (im Druck : schijffoder ; vgl. jedoch V. 3S f. : 
Wente so snelradich synt se aUetijtj 
Unde iw dat leste so ts id jo eyn beschijt) 
erscheint als wyffor, schytnfor im Henselin 13, 21. for ist demnach aus fodcr 'Fuder' 
contrahiert und nicht, wie Walther annimmt, die neoeu vore bestehende apokopierte 
Form. 

74 Dat 'wofern'; ebenso 78. 

78 imde nicht uthencleyt 'und nicht herauskratzt, d. h. verschwendet'. 

85 Druck: Darzo. 

VIII, 9 f. Vgl. Jüngere Glosse zum Reinke I, 35, 58. — V. 27 f. Vgl. ebend. 
III, 12, 343. 

21 Dnick: eune. 

37 ff". Die Verse erinnern an die Priamel bei Keller, Alte gute Schwanke 
Nr. 33: S^cht wu der sun vor dem vater geet. 

42 eleweren 'albern'. Vgl. Lauremberg IV, 177: De Heer sampt der Magt 
de weren so alvem (s. Sprenger im Jahrb. 15, 90). Im Mnd. Wb. nicht belegt. 

53 Druck: dye. 

55 heit vort hovet 'eifrig'. — juch sin 'betriebsam, thätig sein'. 

IX, 30 rodenridder 'Hunderitter'; wold auch im Sinne von Gaukler wie 
kattenridder. 



41 

35 8ik bewalden ^sich Ansehen verschaffen'. 
[61 nicht eynen witten {= nicht eyn Jiaer 59) 'gamichts'. 
" 65 doet = dodet Lübben Gr. S. 81 erklärt die synkopierte Form für unge- 
bräuchlich. Das ist auch hier lang wie in dem einzigen Beispiel, das Lübben 
anfuhrt. 

68 zadelbassen? 

X, 4 muntapeer * Gegenständ des Staunens'. 
28 hottemnavel * Grünschnabel*. 

80 bult 'entsteht'. 

86 Druck: Wente dat is erer wifsheit verne. Hinter dat habe ich das durch 
den Znsammenhang geforderte Subst. swigent eingefügt. 

XI, 32 qiiaderf wohl Druckfehler ftir quadem; sonst erscheint ghelad, ghelaet 
nur als Neutr. (VIII, 42; X, 89; XI, 87 und 101). — Wie quader an dieser Stelle 
mag dynem keyserliken majestaie III, 60 (der keyserliken majestate III, 52 und 55; 
XI, 102) anzusehen sein, wenngleich hier eine Einwirkung des Masc. stdt nicht aus- 
geschlossen ist (z. B. dynes keyserliken states XI. 106). 

Berlin. Herman Brandes. 



Jacobs von ßatingen 

Lied auf das Breslauer Hostienmirakel von 1453. 

In unserm Jahrbuch Bd. XIV S. 86 f. bat Jostes aus dem neuauf- 
gefundenen Werdener Liederbuche auch ein Gedicht zum Abdruck 
gebracht, das sich in der gefühlvollen und poesiereichen lyrischen Um- 
gebung dort etwas seltsam ausnimmt: ein bänkelsängerisches Lied auf das 
Breslauer Hostienmirakel vom Jahre 1453, als dessen Verfasser sich am 
Schluss Jacob von Ratingen nennt. Der Herausgeber stellte alsbald 
fest, dass das gleiche Gedicht, aber ohne den Namen des Dichters 
und der localen Beziehung entkleidet, aus HoflFmanns von Fallersleben 
Hs. B (Horae belgicae X 235, Nr. 118) längst bekannt sei. Aber auch 
der Werdener Text hat bereits mit der Absti*eifung präciser Angaben 
begonnen, denn die Jahreszahl 1453, welche Jostes erst aus Grünhagens 
Geschichte Schlesiens I 282 ermittelte, bietet in einer jenem Lieder- 
buch fehlenden Strophe eine dritte Fassung des Gedichtes, welche ich 
unten vollständig abdrucken lasse (Str. 18). Sie bringt auch sonst 
allerhand zur Textbesserung, ohne freilich alle Verderbnisse der Über- 
lieferung zu beseitigen. Entnommen ist sie der Marburger Handschrift 
54, auf deren Zusammensetzung ich im nächsten Jahrbuche bei der Mit- 
teilung eines lateinisch-niederd. Tractats näher eingehen werde; das 
Lied ist hier auf Bl. 190^ — 192* mit Absetzung der Strophen, aber in 
unabgesetzten Zeilen von der Hand eines klösterlichen Schreibers auf- 
gezeichnet, der sich auf dem vorausgehenden Bl. 189^ als Hildebrandus 
Herdegess. [ianus, d.i. von Hardegsen] mit der Jahreszahl 1461 nennt: 
die Handschrift ist also nur wenige Jahre jünger als das Vorkommnis, 
welches dem Gedicht zu Grunde liegt. 

Litterarhistorisches Interesse besitzt das Stück hauptsächlich durch 
die sonst kaum belegte Vermischung des niedern Spielmannstones mit 



42 



dem Stile des geistlichen Liedes: es bleibt ein Bänkelsang, wenn er 
auch einen Geistlichen zum Verfasser haben mag. 



[190^] 1. In den tyden van den jaren, 
do god alle dingk vulbrocht, 
van Judas wart he vorraden, 
den valschen joden vorkofil. 
van dode is he up ghestanden, 
he vo^r to der ewicheit: 
allen joden to eyner schände, 
to tröste der cristenheit 

2. Wat hefit he uns [gelaten 
dat he uns] tom lesten gaff? 
dat schat is boven mate, 

des neyn tunge vulspreken mach: 
dat hilge sacramente, 
godes licham unde syn blot, 
dat he uns tom lesten schenkede, 
do he an dem cruce sto^t. 

3. De valschen joden algemeyne, 
se wolden des geloven nicht, 

dat me in der hostien cleyne 
godes licham consecrerde 
al twisschen des presters henden, 
dar de cristenlove anne stat. 
god mote alle joden sehenden 
over alle de werlt ghebreit. 

4. Mit rechte wil ik se straffen, 
me schal se alle vorslan, 

over de joden rope ik wapen: 

grot mort hebben se ghedan. 

dat hilge sacramente 

hebben se Judas broder af gekofft 

al in der quatertemper 

vor sinte Michelis dach. 

5. De joden mid oren frowen, 
se hadden eynen valschen rad: 
se wolden de warheit schowen, 
ifft dat were vleysch unde blot. 



grod wunder schul gi merken: 
Judas broder wart eyn bode gesant, 
de kuster van der kerken, 
wu sere wart he vorschant! 

6. De klocke scheide elven uren slan 
al in [der sulven nacht 

[191 a] de kuster quam to den joden] gan 
syn wyff he mid sik brachte: 
'gy joden al gemeyne, 
wat is nu juwe begher?' 
de overste sprack alleyne: 
*och kuster, kum du her!' 

7. De overste van dem hope 
gingk bi den custer stan: 

*och woldestu uns de hostien vor kopen, 
de de cristenheit ghedragen han 
al in der gülden monstrancien, 
de de prester sulven droch, 
der wolde wy^ dir nicht danken, 
wy geven dy geldes genoch*. 

8. De kuster mid synem wyve 
se enbereden sik nicht langk: 
*och moste od vorborgen bliven, 
nnsen god den scheide gi han 

wat wil gi dar vor geven? [nacht, 
ik bringe juk on vor halver midder- 
dat kostede uns unse levent, 
wert od vor de heren gebracht.' 

9. *Wy willent al vorswigen', 
spreken de joden algemeyn, 
'drittich gülden machstu krigen 
al vor de hostien cleyn'. 

de kuster mid synem wyve, 
se weren dar gar fro, 
dat se de gülden scheiden krigen. 
se gingen der kerken to. 



1, 6. 8 Die Hs. schreibt meist -he*, toas ich aber als -heit geben zu dürfen 
glaubte; -heit steht z. B. 7, 4. 

2, l Der Schreiber sprang^ rmchdeni er bereits g geschrieben liatte, von uns 
auf uns ab. 

6, 2. 3 Das eingeklammerte am untern Blattrande ab geschnitten, sodass nur 
noch to den joden lesbar geblieben ist 



43 



10. Se gingen den yennen halen, 
den Pylatus leit an eyn crnce slan, 
se hebben so eynen deyf ghestolen 
den oversten von dem tron. 

de kaster mid synen valen henden 
he gi*oyp dat schone cristal an, 
he nam den koningk der engelen, 
[191 b] he droch on mid sik van dan. 

11. Do se den licham nnses heren 

brachten, 
dar de joden weren by eyn, 
se sehympeden unde lacheden, 
se bespotteden al mid eyn. 
se bespigenden den licham nnses hercn, 
se deden ome smaheit grot. 
de van hoger ere 
bewisede mirakel grot. 

12. Eyn tafel wart dar vor ghebracht, 
dar gingen se alle bi stan, 

godes licham wart dar up gelacht, 
dat hilge sacrament so schon, 
se woldent van bynnen schanwen, 
effl od were fleisch unde blot, 
se begnndent an stucken hauwen, 
owe der bittem noH! 

13. Dat blot kam dar her gevleten 
over al de tafelen breyt, 

ut godes licham geten, 

dar od hüte dage noch uppe steyt. 

de joden worden vorschrecket, 

on wart so bange van mod: 

wu god an dem ci*uce wart gherecket, 

so lach he in synem blöd. 

14. De wechter up der muren 
de worden des jamers gewar, 

an eyner körten uren 

kam dar mennich schone schar: 



processien, crnce unde vanen, 
dat volk dreyf jamer grot: 
'o du werdige godes licham, 
wu listu in dynem blöde rot!' 

15. Grod volk kam her gedrungen, 
beyde frowen unde man, 

de prester konde nicht gesingen 
[id schreide allet dat dar kam, 
[192»] se velen up de knye] nedder 
gar crucewyss up de erden: 
'o du werdige godes licham, 
wu listu tohauwen mid swerden!' 

16. De prester unde de kleriken, 
dat volk dreiflf jamer grod, 

se drogen de taffeien to der kerken 

mid dem duren baren blöde. 

nu höret gi man unde gl frowen, 

wor dut mirakel is gescheyn: 

iu der stad to breslaw, 

dar dut mirakel steit. 

17. De joden worden ghegreppen, 
sestich unde hundert worden ghebrant, 
de kuster moste sek sulven hangen, 
also Judas wart geschant. 

he reyp mid luder stempne: 
*nummer wert my eyn vreyde kunt, 
des mot ik ewich bernen 
al in der helle grünt*. 

18. Me schreiff dusent ver hundert jar 
vor sinthe Michahelis dach, 

dree unde veftich al openbar, 

do gode de smahetj'geschach 

gi cristenlude algemeyne, 

gi schullen des ganczen 'geloven hau, 

dat me in der hostien cleyne 

godes licham kunne entfan. 



10, 6. 7 Am unteryi Blattrande z. Tl. weggeschnitten^ doch kann die Lesung 
als gesichert gelten. 

12, 3 Geschrieben sclieint gelecht, ursprünglich stand da gedä. 

15, 4. 5 Mit dem untern Blattrande abgeschnitten-, nur kam ist noch lesbar. 

16, 2 ursprünglich jamers vel. 
18, 5 gi aus dy. 



44 



19. Dut leyt heft Jocob von Rotingen gemacht, 
von joden knmpt nnmmer gnd, 
wen blixem unde donnerslach 
unde Fassen spot so gi'ot, 
myswas in allen landen, 
dar de joden entholden sint, 
over Marien spreken se schände 
nnde up ore leve klnt. 



19 4 Fassen spot ist ebenso unsinnig wie bei Joßes Famspoit; ist bei dem 
ersten Worte an FOte, Fate 'Fäulnis' zu denken? 

Marburg i. H. Edward Schröder. 



Zum ßedentiner Spiel. 



Das Osterdrama von Redentin (Dorf bei Wismar in Meklenburg) 
aus dem Jahre 1464 ist bekanntlieh zuerst von F. J. Mone in den 
* Schauspielen des Mittelalters', Karlsruhe 1846, Bd. II nach einer Karls- 
ruher Handschrift veröffentlicht worden. Die Vortrefflichkeit dieses 
Stückes hat manche Philologen veranlasst, sich mit seiner Erklärung 
zu beschäftigen. Zunächst gab Ludwig Ettmtiller es mit Einleitung* 
und Erläuterungen heraus als 'Dat spil van der upstandinge', Quedlin- 
burg und Leipzig 1851. Unter dem Titel ^Das Meklenburg'er Oster- 
spiel', Bremen 1874, hat es Albert Freybe ins Hochdeutsche tiber- 
tragen und mit ausführlichem Commentar versehen. Schon vor ihm 
hatte sich Karl Schröder um dieses Litteraturdenkmal höchst ver- 
dient gemacht, indem er in der Germania, Jahrg. XIV (Wien 1869), 
S. 181 ff. unter anderm den niederdeutschen Ursprung desselben gegen 
Mone, welcher* einen niederrheinischen Urtext angenommen hatte, ver- 
theidigte, viele Lesungen Mone's aus der Handschrift berichtigte und 
eine Anzahl schwieriger Stellen erklärte. In der Interpretation und 
Emendatioii des Textes sind ihm dann gefolgt Friedrich Drosihn in 
der Zeitschrift für Deutsche Philologie, Bd. IV (Halle 1878), S. 400 ff., 
zu welchem Aufsatze auch Julius Zacher einige gute Deutungen bei- 
steuerte, und Friedrich Woeste in derselben Zeitschr., Bd. VIII (1877) 
S. 106 ff. Trotz aller dieser verdienstvollen Leistungen sind doch noch 
einige Schwierigkeiten unbesprochen geblieben, auch kann ich einzelnen 
gegebenen Deutungen nicht beistimmen; daher will ich im folgenden 
versuchen, ob' ich zur Erläuterung solcher Stellen etwas beitragen 
kann. Ich citiere und zähle die Zeilen nach Mone, obschon dieser 
nach Z. 218 zwei Zeilen (s. Schröder) ausgelassen hat. 

Z. SO wat mach uns fchaden dat scheint noch zur Rede des primus miles zu 
gehöTm. Vgl. SchFöder a. a. 0. S. 193. 



45 

Z. 1721'. prahlt der Ritter von sich und seinem Schwerte Klynghe: 
tro8 dat myner iemant beyäe^ 
ik wolde em dat ben hesden^ 
he fcholde en jar an der hafen quelen. 

Ettmüller ändert befchelen und haffen: 'ich wollte ihm das Bein beschälen, von der 
Haut entblüssen, er sollte ein Jahr lang an dem Kniebug Schmerz fühlen'. Schrö- 
der findet in he feien das mhd. s^r 'wund' seren 'verletzen', macht aber darauf auf- 
merksam, dass die meklenburgische Mundart heute hesalen^ verfalen in der Bedeu- 
tung von 'übel zurichten' sage und vergleicht schwäbisch [auch norddtsch.-hd.] ver- 
fohlen 'tüchtig durchprügeln'. Freybe verwendet dieses 'versohlen' in seiner 
Uebersetzung und fasst hafe mit Ettmüller als Kniebug auf. Gewiss darf man un- 
gefähr eine Drohung erwarten wie: «ich wollte ihm so das Bein verletzen, dass er 
ein Jahr lang am Kniegelenk leiden sollte." Aber das steht nicht da. Ich gebe zu, 
dass der Dichter das hat sagen wollen, meine aber, dass er wortspielend die ernst- 
hafte Bedrohung ins Lächerliche hat verkehren wollen. Statt heferen, vorferen sagt 
er befeien. Dies Verb entspricht genau dem mhd. befelwen (beschmutzen, besudeln) 
vom Adjectiv fal flect. falwes, ahd. /alo, ags. faluy ndl. zaluwj 'dunkelfarbig, trübe, 
schmutzig'; denn das w ist nach einem mndd. Lautgesetz weggefallen. Nun ist 
allerdings dies Adjectiv weder im Alt- noch Mittelniederdeutschen nachweisbar; es 
muss aoer vorhanden gewesen sein, da sich eine mnd. Glosse falig fuscus fwart- 
brün, welche abgeleitete Form dem ags. falowig gleichsteht, findet, und da nndd. 
Dialecte (siehe z. B. Richey's Idioticon Hamburg, und Schütze's Holstein. Idioticon) 
faal, freilich mit derselben Begrififsentwickelung wie im engl, fallow als 'blass, 
bleich, fs^' kennen. Mit der hafe kann nur die Hose oder der Beinling gemeint 
sein. Die Hechse heisst mndd. heffe oder hefne, imdd, heffe. Die lautliche Ver- 
schiedenheit von heffe und hafe, resp. hofe scheint fast zu stark für ein Wortspiel ; 
möglich ist jedoch, dass im Mndd., wie im Mhd. hahfe neben hehfe, eine Neben- 
form haffe vorhanden gewesen ist'). Der Sinn der Stelle würde demnach sein: 
„ich wollte ihm so das Bein besudeln, dass er ein Jahr lang an seiner Hose kranken 
sollte". 

Vielleicht wird jedoch der, welcher dieser Auffassung der Stelle beipflichtet, 
da sie zu der sonstigen komischen Schildemn^ der bramarbasierenden Kitter im 
Stücke stimmt, doch wegen des nur hier erscheinenden be feien Bedenken tragen 
und etwa lieber vermuten, es sei befalen und qualeti zu lesen: befolen, das wegen 
des kurzen o in offener Silbe zu befalen werden könnte, sei ja das bekannte mndd. 
Wort für 'besudeln' und quälen, das schwache Verb, habe ja dieselbe Bedeutung 
wie das starke quelen. Bei der Beschaffenheit der Handschrift, wie sie aus meh- 
reren Stellen des Stückes erhellt, scheint freilich die Möglichkeit nicht geleugnet 
werden zu dürfen, dass eine erneute genaue Prüfung diese Lesungen ergäbe. Doch 
wahrscheinlich ist das nicht. Denn einmal sind befalen und beferen lautlich so sehr 
verschieden, dass das Wortspiel, welches in dieser Stelle zu liegen scheint, weg- 
fiele. Zum andern lautet das erstere Wort nndd. befölen, und der Umlaut wird 
schon im Mittelalter bestanden haben, wenigstens habe ich bereits im 15. Jh. diese 
Form in einer Handschrift gefunden. Wenn das Mndd. Wörterbuch befalen aus 
dem J. 1546 belegt, so ist zu bemerken, dass die a und o des 16. Jhs. sich zu- 
weilen sehr ähnlicn sehen. Auch meine ich femer bemerkt zu haben, dass, wäh- 
rend das kurze o in offener Silbe im 15. und 16. Jh. wohl als ä aufgefasst und a 
geschrieben wird, doch dieses nicht geschieht mit dem o, welches nach den Laut- 
gesetzen, nach Ausweis sorgfältigerer Handschriften und Drucke und nach dem 
Zeugnis der neueren Dialekte Umlaut erlitten hatte. Hier schrieb man nach wie 
vor 0, was für den vorhandenen Umlaut spricht. Ein befölen und selbst ein befolen 
hätte aber, um die Anwendung auf unsem Fall zu machen, nicht mit quälen reimen 
können. Endlich lässt sich auch denken, dass der Dichter durch ein seltenes oder 
veraltetes befeien die Hörer über die harmlose Bedeutung der Drohung nicht so- 



') Das dän. Äa/e, isl. hdfin, schwed. hos wage ich nicht heranzuziehen. [Belegt 
ist hasse 'Hesse' in einem mitteldeutschen Texte der Sachs. Weltchronik s. Deutsche 
Chroniken Bd. 2 (1877) S. 87, 44]. 



46 

fleich ins klare kommen lassen wollte, um den des Scherzes dann innewerdenden 
ie Lust zu erhöhen. 

450 flf. de zelen veler lüde 

fyn an groteme fchallej 

fe fynghen unde vrotcen ßk alle, 

fe /chrien al averlut, 

dat fe fcholen drade tU. 



fo' [1. /e<] hehben vomamen enen glans 

unde heboen eynes monke dans. 
Ettmiiller ändert: 

fe hebben fomomen enen glana, 

unde hevet Bnen monekes danSy 
„und heben einen Mönchstanz an, d. h. gebärden sich toll. Den Mönchen war be- 
kanntlich das Tanzen verboten; wenn sie aber einmal das Verbot übertraten, so 
mochtenVsie dann auch recht ausgelassen tanzen." Diese Erklänmg befriedigt nicht. 
Minder Gewicht will ich darauf legen, dass die regelmässige mndd. Form monik 
monek, später monnik monnek ist, wie auch hier 1301 monnik und nicht monk. 
Nirgends aber findet sich, dass man einen tollen, ausgelassenen Tanz mit dem 
Tanzen der Mönche verglichen hätte, von deren Tanzen tiberall nichts verlautet. 
Wenn im Manuscript das n von monke nicht ausgeschrieben ist, so darf man wohl 
vermuten, dass der Strich über dem o, den Mone ftir n nahm, ein Haken sein soU, 
die^Abbreviatur für r. Mohrentänze waren eine beliebte Unterhaltung im Ausgange 
des Mittelalters. Das älteste Zeugnis freilich, welches ich beibringen kann, ist 
erst vom'J. 1517 und findet sich im Vocabulorum rerum promptarium des Anhalters 
Baldaffar Trochus, welches in jenem Jahre zu Leipzig gedruckt ward: saUatio 
maurittj mawrica, momtanz; saÜare mawrumj der moritzken tantz springen (Diefen- 
bach, Glossarium Latino-Germanicum mediae et infimae aetatis, Francof. ad M. 1 857, 
p. 509). Cornelius Kilianus Dufflaeus hat im Etymologicum Teutonicae Linguae, 
ed. 3, Antverpiae 1599, p. 324: mooriske. moorifken. dans, maurica, pyrricha, chiro- 
nica faltatio, vulgo morisca, gal. dance de morisque, ital. danfa delle morefche, angl. 
morice daunce. Es ist aber wohl nicht zu bezweifeba, dass dieser Tanz, welcher 
sicher einen aufgeregten und gesticulatorischen Charakter hatte, älter als das 
16. Jh. ist. Nach den angeführten Belegen möchte ich muthmassen, dass im Verse 
456 morke {morskenT) zu lesen ist. Die Stelle scheint überhaupt verderbt zu sein. 
Dass^ei/nes nicht richtig sein kann, hat Ettmüller eingesehen, aber inen gentigt 
allein nicht. Es mtisste es oder des davor zu ergänzen sein: „sie haben einen 
Glanz^gesehen und haben des (deshalb) ein Gebahren, wie Mohrentänzer." 

581 flF. Jesus ergreift in der Hölle den Lucifer und sagt: 

Lucifer, du bofe gaß, 

du fcholt bliven an desfen keden va/t 

du fcholt hir ne geft mer malen wefen, 

myne leven fcholen vor dy wol genefen. 
Der Vers 583 hat den Interpreten viel zu schaffen gemacht. E. : du fchaU Mr neget 
mit malen wefen, „du sollst hier mit Ringen, Banden (ndl. tnalie, f. King von 
Eisendraht, franz. maille, engl, mail) geneiget, niedergebeugt sein". Aber ein ndd, 
male ist unerweislich. Freybe : „du sollst keinen Geist (ags. ga^st auch homo, vir) 
mehr quälen hier." Abgesehen davon, dass F. den ndd. Satz bedeutend und will- 
ktirlich geändert haben muss, um zu dieser Uebersetzuug zu gelangen, spricht schon 
gegen seine Auffassung, dass, wie im Sttick selbst nachher gezeigt wird^ Seelen 
nach wie vor in der Hölle gepeinigt werden. Dr. will lesen: du schalt htr negeft 
met malen wefen, „du sollst hiemächst mit Wundenmalen sein; mit, den fünf Wunden 
Christi entsprechenden, Malzeichen soll Lucifer gezeichnet werden." Wie mislungen 
diese Deutung ist, liegt auf der Hand, so dass ich kein Wort mit einer Wider- 
legung zu verlieren brauche. Woeste ändert nicht: „der passende Sinn, den diese 
Stelle enthalten kann, ist: Du sollst nach diesem nur (m^r) gefangen sitzen." Mcden 
fasst er als Participium malende von einem construierteu und undenkbaren Verb 
malen, am Mal sitzen, weil im Kriegsspiele der Knaben mal den Ort bezeichnet, wo 
der gefangene Feind verwalirt wird. Diese Erklärung scheint mir gleichfalls keiner 



47 

ernsthaften Widerlegung zu bedürfen. W. scheint mir nur darin recht zu haben, 
dass er den Sinn fasste als: „Du sollst in Zukunft nur oder stets hier an diesem 
Orte sein," was mit anderen Worten schon der vorhergehende Vers ausdrückt. 

Diese Auffassung wird durch das Stück in seinem Verlaufe bestätigt: Der 
oberste der Teufel darf hinfort nicht mehr, wie vorher, selbst auf die Erde und 
die Mensehenseelen verführen; er muss seine Diener senden. Die Verderbnis 
scheint hauptsächlich in malen zu stecken. Ich glaube, dass moten * müssen' zu 
lesen ist. vielleicht steht auch so in der offenbar flüchtig geschriebenen Hand- 
schrift. Mit dieser Lesung ist aber der Stelle noch nicht geholfen, du fcholt hir 
negest mir (mehr, länger) moten wefen, eine solche ironische Umschreibung des 
Urteils einer ewigen Bannung kann der Dichter unmöglich Jesus in den Mund ge- 
legt haben; sie wäre nicht viel besser, als wenn wir die Mone'sche Lesung ver- 
stehen wollten: du fcholt hir negest mermalen (mehrmals, öfter) wefen. Es lässt 
sich jedoch leicht bessern, wenn wir annehmen, der Schreiber habe aus Versehen 
das hir an eine falsche Stelle gebracht oder von zweien hir das eine ausgelassen: 
du fcholt nagest mer (allein) hir moten wefen, oder: du fcholt htmigest mer htr 
moten wefen. Jedoch auch so scheint die Verderbnis noch nicht völlig geheilt zu 
sein; denn negest * nächst' im Sinne von „in Zukunft, fürderhin, für immer" ist auf- 
fällig und wird schwerlich zu belegen sein. Da die Schriftzüge des Manuscripts 
derartig sind, dass Mone 291 de als du lesen konnte und 263 (nach Ettmüllers An- 
gabe) new'lde als nuwolde, so dürfen wir vielleicht hier statt ne umgekehrt ein nu 
vermuten. Ich möchte weiter fast glauben, dass entweder in der Karlsruher Hand- 
schrift oder doch in der Urschrift jn oder yU statt gest stehe oder gestanden habe, 
und glaube dabei nicht befürchten zu müssen, dass ein Kenner mittelalterlicher 
Handschriften dies für unmöglich erklären wird. Die so gefundene Lesart gicbt 
den besten Sinn und fasst &s Verdammungsurteil , gerade wie in dem vorher- 
gehenden Vers, in kurze prägnante Worte : au scholt hir nu jummer moten wefen, 
„Du sollst hier nun immer bleiben müssen." 

628. 768. dorf: es ist gewiss derf zu lesen; denn dies ist die sprachrichtige 
Form, und e und o sind in Handschriften des 15. Jhs. schwer zu unterscheiden. 

65 1 ff. wan fchen jw is de fucht mede, 
dat gy jw nycht fcheppen vrede: 
ik heobe io dicke hört unt is ok recht, 
dat de elrene here hedwynget den ekenen knecht. 

Diese Verse scheinen mir von EttmüUer und Freybe misverstanden zu sein. 
E. ändert: war is jü scMn de fucht mede? „womit hat euch die Schwachheit be- 
fallen?" Und Fr. übersetzt: „Was für 'ne Sucht euch doch anficht, dass ihr könnt 
Frieden finden nicht?" Er meint (S. 249), Puk verspotte seinen Collegen Satanas, 
und betrachtet den Täufer Johannes als den elrenen heren. Puk aber greift nur 
den Lucifer an und tadelt ihn, den heren, weil er nicht durchgreife und Friede 
d.h. Gehorsam schaffe, indem er den Teufeln in der Bezwingung des knechtes. Jo- 
hannes beistehe. Er könne das als Herr ja leicht, wan fchon (so ist statt fchen zu 
lesen) d. h. wenn gleich er dazu geneigt sei, still zu sitzen, so habe er es doch 
leicht seinen Willen, nemlich den Johannes in der Hölle zu behalten, durchzusetzen, 
denn dem ellemen d. h. schwachen Herrn stehe gegenüber dem ekenen d. h. starken 
trotzigen Knecht die Autorität zu Gebote und Hülfe. Allein Lucifer giebt, wie 
seine Antwort zeigt, kleinmüthig nach, denn er sagt: deffe fchar was myt unrechte 
wunnen, alzo is fe uns wedder untnmnen, 

978 ff. ladet dar nu anders vor, 

dat wy wedder kam^n in u[es heren dor. 

Die Versuche E.'s und Fr.'s, ladet zu deuten, sind mislungen; nicht minder Dr. 's 
Aenderung lavet. Als vor ca. fünfzehn Jahren die Hamburg. Section des Nieder- 
deutschen Sprachvereins das Redentiner Spiel las, conjicierte der jetzige Archivar 
in Rostock, Dr. K. Koppmann, rodet, ohne Zweifel eine angesichts der nachlässig 
und schlecht geschriebenen Handschrift palaeographisch nicht zu beanstandende und 
nach der Bedeutung in den Zusammenhang trefflich passende Besserung. 



48 

1122 ff. Die hier folgenden Geschäftsbezeichniingen sind fast alle bereits 
durch Ettmüller richtig gedeutet, und, wo er geirrt hat, haben Drosihn, Woeste 
und Ltibben im Mndd. WB. die Bedeutung klS: gestellt. Den beiden Letzteren 
schliesse ich mich betreffs der Erklärung Yon puler an. Bei fieper und vtUer war 
Ettmüller ungewiss: „den Schlaf er und den Paulen?" Da er /Uper schreibt, so 
hatte er ohne sein Wissen schon für Schläfer entschieden. Für Scnläfer und Fau- 
lenzer ist auch Woeste. Er hat seine Meinung nicht begründet; aber wahrscheinlich 
ist ihm für ^Schläfer' ausschlaggebend gewesen, dass in dieser Aufzählung da, wo 
zwei Epitheta zusammen gestellt werden, die beiden durchweg keinen Gegensatz, 
sondern eine Aehnlichkeit der Beschäftigung bezeichnen. Drosihn fasst es gleich 
flependriveTj ein Fuhrmann, der auf einer Schleife (flepe)y einer Art Schlitten, den 
Kaufleuten die Waaren zuführt; s. Brem. WB. IV, 823. Für vuler, „was sicher 
wenigstens nicht den' Faulen bedeuten kann", möchte er büler lesen. Freybe billigt 
Drosihn's Erläuterung von fieper, nimmt dagegen vuUr für einen Unsauberen. Zu- 
nächst ist Drosihn's Ansicht, vuler könne nicht den Faulenzer bedeuten, zurückzu- 
weisen. Es giebt im Mndd. eine Anzahl von aus Adjectiven gebildeten Substan- 
tiven auf -er, z. B. unholder, unnütter, unfchemeler, (vroder?), vromer. Lübben liat 
bereits im Mndd. WB. unter vrome auf diese BUdungen ningewiesen. Dass sie 
nicht wie ein nach hd. Weise stark fiectierendes Adjectiv aufzufassen sind, geht 
daraus hervor, dass sie auch nach dem bestimmten Artikel und in der Flexion das 
Suffix bewahren und im Plural auf -ere ausgehen. Vuler, das nur hier begegnet, 
kann auch vom Verb vulen abgeleitet sein und sowohl ^Faulpelz' wie auch 
* Schmutzfink' bedeuten. Ich glaube, hier das Erstere; und zwar aus folgender Er- 
wägung. Lucifer zählt lauter ßeschäftsbezeichnungen auf; selbst puler, verdorbener 
Handwerksmeister fällt noch ziemlich in dieses Gebiet, wenngleich ein bestimmter 
Beruf nicht gemeint ist. Auch sleper, das ich wie Drosihn fasse (vgl. Bremisches 
Jahrbuch II, 230), bezeichnet einen Erwerbszweig. Nun scheint dem Verfasser aber 
das Keimwort zu puler Schwierigkeit gemacht zu haben. Da wird ihn dann der 
ähnliche Klang von fieper und fliper, Schläfer, sowie dass er mit puler bereits 
mehr eine menschlicjie Eigenschaft Dezeichnet hatte als ein eigentliches Gewerbe, 
bewogen haben, den Faulpelz in die Aufzählung zu bringen. In fl^er steckt also 
wohl, wenn man es so nennen will, ein Wortspiel. Die Bedeutung 'Faulenzer' wird 
für vuler auch durch nndd. fulert bestätigt; vergl. bei Schotte!, Teutsche Haubt 
Sprache S. 1116 das Sprichwort: Faulert muss zerrissen gehn. 

1138. haveman. Die richtige Erklärung dieses Wortes hat K. E.H. Krause 
in der Germania XVI, 97 gegeben. Für * colonus ' scheint (s. Mndd. WB.) die Form 
hofman üblich gewesen zu sein, für den ^decuriensis, armiger, aulicus' dagegen 
hoveman. 

1351. hebbe dat ey, dar de kenne myt deme pelfe af Up sagt, nach Schröders 
ung, Lucifer dem Noytor, als der ihm den Bäcker mit den Worten bringt: 



Berichtigun 

hir is de feie, de ik grep. Z. '1351 ist ungebührlich lang. Darum lesen E. und IFt. 
mit deme pelfe weg und theilen den Vers noch dem Noytor zu: nimm das stinkende 
Ei, nemlich die Seele. Schwerlich. Der Vers, von Lucifer gesprochen, wird Bezug 
nehmen auf das braden ey, um welches Z. 1329 Astrot als Lohn der Teufel bittet. 
Myt dem pelfe stempelt die Henne zur Laus, das Ei wäre die Nisse. Die Laus 
heisst wegen ihrer Farbe auch MtiUerfloh. Vielleicht hat der weissbestäubte Bäcker, 
den Noytor bringt, diese Fassung des Dankes veranlasst. Sonst gäbe: hebbe dat 
ey dar de henne af leep auch schon guten Sinn: „ein faules Ei*. 

1375 ff. werpet den becker an de helle 

unae feitet ene an den ghendeghen aven, 

dar fit he warmer wen an deme ftaven, 
Ettmüller und Freybe verstehen unter dem ftaven die Badstube. Das kann nicht 
richtig sein. Mit der hatte der Bäcker nicht mehr zu thun gehabt, als jeder Andere. 
Es ist die neben oder über dem Ofen befindliche Backstube. 

1408 f. ach, were ik mynfche, alzo'ik vore, 

wat ik to deme fchowerke nicht enkore. 
Drosihn will my ergänzen in Z. 1409: „was ich zu dem Schuhwerke mich nicht be- 



49 

stimmte!" Der Sinn ist richtig gefasst, aber die grammatische Construction ist mis- 
verstanden. kifen to heisst „sich für etwas entscheiden, etwas wählen"; s. Lexer 
Mhd. Wb. Woeste verkehrt: „Was ich zu der Schusterei nicht wählen würde! d. h. 
ich weiss nun, was ich als Schuster nicht thun würde!" Wat ist Hraun', as. hwat\ 

1412. werp ene an de loboddem. So steht nach Mone da, der aber wunder- 
licherweise den hboden in den Text setzt, dann aber noch verwunderlicher Z. 1413 
unverändert lässt: de gy lept vul pekes foden, Schröder will boddem retten, denn 
„boddenij mhd. bodem ist richtige Form". Ja, aber für „Boden, Grund". Solchen kann 
man jedoch nicht vollsieden und jedenfalls wäre dann den zu schreiben in beiden 
Zeilen. Ettmüller hat in gleicher Vorstellung: an dene löbodem, „an den Boden, 
wo man die Gerberlohe zubereitet und aufbewahrt und das Leder gerbt." Freybe 
liest auch an den hboden, erklärt aber richtig: „lohhod/ßn, Gefäss, Bottich, Wanne 
(mhd. bodene, boden, bode, botte, butte\ worin das Leder durch Lohe gar gemacht 
wird; jetzt LokiU," Nur vermengt er nach dem Vorgange des Mndd. Wörterbuches 
und Grimmas im Deutschen Wörterbuche (unter * Bütte') zwei ganz verschiedene 
Wörter: bodene, auch boddene, oder mit Verkürzung boden, bode ist «mhd. büttene, 
hütten, biUte, ags. byden, nndd. bödden, bö(d)e, und andererseits 6wfie = mhd. butze, 
ags. biitte, bytte, nndd. bütte. Die beiden Ausdrücke bedeuten ziemlich dasselbe, 
werden auch bisweilen verwechselt, allein im ganzen ist bodene ein Fass, eine Kufe, 
ein Bottich, das grössere Gefäss, butte eine Bütte, eine Balje, das kleinere. Bodene 
ist speciel ein technischer Ausdruck für die Badekufe, die Brauerkufe, den Mühl- 
steinkasten und, wie wir hier sehen, für die Gerberkufe. Das Wort ist Femininum, 
und demnach steht ganz recht in der Handschrift beidemal de. Wenn wirklich die 
Handschrift loboddem hat, so ist das Confusion, vielleicht aber hat sie loboddene. 
Der Dichter muss lobodden oder loboden geschrieben haben, reimend auf foden (mit 
kurzem o). 

1442 f. myt der heten natelen neghede tk dat want, 

dat de nad jo drade uprant. 
£ttm. bessert updrant, „dass die Nath immer sogleich aufsprang, drinden drückt 
eigentlich schwellen, autschwellen aus." Dros. billigt diese Aenderung, denn uprant 
sei sinnlos. E.'s Erklärung hält er aber mit Kecht für unbegreiflich. Aufschwellen 
und aufspringen ist eben nicht dasselbe. Was er aber herausliest, ist noch un- 
begreiflicner: „vielmehr kommt es von updrennen, was hier intr. steht, aufgehen, 
dissui. Mhd. ist trinnen, stv. intr., fortgehen, auseinandergehen, dazu gehört als 
factitiv: trenne, schwv. trans., trenne, scheide. Im Nd. ist beides in einander ge- 
flossen und das schw. v. wird als trans. und intrans. 'gebraucht, wie noch mundart- 
lich z. B. in Neu-Stettin." Es scheint Dr. gar keine Bedenken gemacht zu haben, 
dass es dann updrande heissen müsste, was nicht reimen könnte zu want. Dazu 
sind trinnen und trennen hd. Wörter. Es giebt kein ndd. drinnen und drennen. 
Gegen Ettmüller ist zu bemerken, dass das Ndd. ein drinten, nicht drinden hat; 
doch würde das Praeteritum updrant lauten und hier reimen. Woeste, der diese 
Bedenken geltend macht, fragt mit Recht, warum man ändern solle. „Uprant kann 
Praeteritum eines st. V. uprinden sein." Seiner weiteren Auseinandersetzung kann 
ich nicht beipflichten, weil Rinde und zurinden, verharschen, und ein angesetztes 
starkes intrans. rindan * umgeben, bedecken' nicht eines Stammes und einer Bedeu- 
tung mit jenem uprinden zu sein scheinen. Das stv. rinden in uprinden wird das- 
selbe Wort sein, wie anord. hrinda, ags. hrindan, * stossen \ Ableitungen sind die 
schwachen Verben ags. hrendan, rertdan, engl, to rend, afries. renda, *zerreissen, 
zerbrechen'. Das Particip des engl. Verbs lautet rent, das des afries. erent, rent, 
und dem entspricht lautgemäss ganz genau das nndd. rent im Bremer Wörterbuch, 
111, 479: rente maken, durch Verwahrlosung zunichte machen, besonders irdenes 
Geschirr und Hausgeräth zerbrechen. In Lübben's Mndd. Handwörterbuch habe ich 
auch versucht, die Ausdrücke rende und rantfchiven der Goslarer Berggesetze 
§ 162 (Leibniz, Scriptor. Rer. Brunsvic. III, 547. Vaterland. Archiv des bist. Vereins 
für Niedersachsen 1841 S. 322) mit Hülfe dieses Wortstammes zu erklären. 

1450 ff. werpet ene (den fchroder) an der helle grünt, 

dar fchal he ligghen fo en hunt 

NiederdeDtsohes Jahrbuch XVI. 4 



50 

und an der ewighen kette braghen; 

he hefl fo meneghen man bedraghen. 
Ettmtiller ändert brogen (ibedrogen) „und an der ewigen Hitze prahlen, grossthun". 
Dr. hält brägen für das Örem. broien, mhd. bräejen, ags. brövan, brühen, hier intr. 
gebrüht werden, braten. W. meint, bis die Bedeutung von bragen und brager 
(Bruns Beiträge 3, 846) belegt werden könne, genüge vielleicht folgendes : hd. brägel, 
brägeln setzen ein bragen voraus, dessen binn, „schmoren, braten", hier passe; 
brager bedeute dann „J^hmorer, Brater". Mir stehen die Beiträge von Bruns nicht 
zu Gebote, so dass ich über die daselbst vorkommenden Wörter bragen und brager 
nicht urtheilen kann. Gegen E. und W. ist einzuwenden, dass brogen und brägeln 
oberdeutsche, höchstens auch noch md. Wörter sind, hingegen im Ndd. nichts ihnen 
Verwandtes nachzuweisen ist. Dr. 's Erklärung verdient keine Erwägung, weil sie 
im Widerspruch mit einem Lautgesetze steht. Wider alle drei Deutungen ist zu 
sagen, dass sie jede nur einen aUgemeinen Sinn ergeben, während doch Lucifer die 
Straf bestimmungen der einzelnen Handwerker je nach deren Geschäft und Geschäfts- 
sünden variiert, bragen kann meines Erachtens daher nur. das mndd. bragen 'kal- 
fatern, die Risse der Schifife mit Hede und heissem Pech verstopfen' sein, mit 
üeb ertragung des Ausdruckes auf das Flicken oder Stopfen der durch die Schuld 
des Schneiders gerissenen Kleidungsstücke. 

1476 f. waters nam ik gar ghenüch, 

des waters cleyne was myn ghevoch, 
E. : „an Wasser hatte ich keinen Mangel." Fr. : „an Wasser mir nimmer ein Mangel 
war.'* Die Worte besagen aber: „ich brauchte wenig Wasser", also gerade das 
Gegentheil von dem, was im vorhergehenden Satze gesagt, ward. Im Urtext muss 
ein anderes Wort für tvater gestanden haben, wahrscheinlich eins, welches gleich- 
falls mit w begann und auch sonst ähnlich dem waters aussah; ich vermuthe wetes, 
Genetiv von wite * Weizen'. Der Krüger spricht erst nachher vom Verkauf und 
Verzapfön der Getränke, hier dagegen vom Biermachen. Der Ausdruck vele bers 
maken kann sich recht gut auf die nachträgliche Verdünnung des Biers beziehen; 
dann müsste 1477 nach Koppmann's Coniectur beres statt waters gelesen werden. 
Der Krüger ist aber wohl zugleich als Örauer zu denken und ber maken als *Bier 
brauen' zu nehmen. Die damaligen Biere waren bekanntlich zum grossen Theü 
Weizenbiere. Wete für weten mott hat nichts bedenkliches. 

1482 ff. wen ik woneber mat, 

ik wene^ dat ik des ne vorhat, 

de kavent moße mede anfttghen, 
E.: „Das woneber finde ich nirgends erklärt; hätte man wonneber oder wunneber jvl 
lesen, so könnte das Frühlings- oder Emtebier ausdrücken. Es ist ein starkes, 
gehaltvolles Bier damit gemeint, da ihm der kovent. das Nachbier, gewöhnliche 
Tischbier, entgegengesetzt wird." Dros. trennt wone her und liest wonne = tvanne 
* ehedem'. Aber dajgegen muss gesagt werden, dass mndd. wonne für wanne nicht 
vorkommt. W. trifft es richtig, wie Mone, wenn er urtheilt: „man erwartet ein 
Attribut des Bieres im Gegensatz zu kavent": er findet daher eine Aenderung in 
waneber oder fconeber gerathen und verweist wegen des ersteren Wortes auf westf. 
wdn, gross, schön, kräftig. Fr. bezweifelt, dass Drosihn's wonne = wanne möglich 
sei, „auch wäre wen ik wanne ber mat pleonastisch. Dav. Franck (Meklenb. I, 56. 
57) erzählt uns, dass zur Erntezeit Wodelbier gereicht sei. Es wird hier dem- 
nach wodeber statt woneber zu lesen sein. Selbst das Wode- oder Wodelbier, das 
Schnitterbier, hat der Krüger gefälscht." Er wird die Ausübung seines Betruges 
nicht auf die kurze Zeit des Wodelbieres beschränkt haben, wozu ihm, wenn er 
nach der Darstellung des Schauspiels ein städtischer Wirth war, überhaupt alle 
Gelegenheit gefehlt haben wird. Das Woeste'sche wän ist kein meklenburgisches 
Wort; und wonnebir ist eine sehr unwahrscheinliche Bildung. Zu leugnen ist jedoch 
nicht, dass die Lesarten von E., W. und Fr. palaeographisch nicht viele Beaenken 
haben. Ist anders zu lesen, so würde mir Koppmann's Lesung wene für richtiges 
ivemej jemand, im Dativ am besten gefallen. Steht aber wirklich wone da, so ist 
es wohl das Adjectiv, sonst auch gewone mhd. gewone, nmdd. ghewone, mndl. woon^ 
gewöhnlich: das gewöhnliche Bier, das Bier im eigentlichen Sinne des Wortes im 
Gegensatz zum Nachbier. 



51 

1494 ff. myne(n) leven knechte^ wefeft] rede 

unde ghevet deme krogere hos mede; 

fettet ene bi de heten kiipen 

unde ghevet em drynken mit der fchupen. 
E. findet hier wieder haffe, ahd. hahfa, Kniebug: „hasmede (=^'^iethe) mag entweder 
Schläge an das Knie oder Durchschneidung der Flechsen am Knie bezeichnen, eine 
bekannte Strafe im Mittelalter." Man würde haffemede erwarten; aber die Wort- 
bildung ist unglaublich und passt durchaus nicht zum folgenden. Sehr.: „mede ist 
Miethe, Lohn. Für has schlage ich vor hast, mndl. haest, adv. schnell, hastig; also: 
gebt dem Krüger schnell semen Lohn." Dros. vermutet halafmete, Schläge an den 
Hals, ins Genick. Das steht nicht da, aber es passt vor allem auch nicht in den 
Zusammenhang der Rede. W. tadelt füfflich auch den höchst unreinen Reim. 
Ueberdies, fährt er fort, empfehle sich mme (Lohn, iron. Strafe) als das Allgemeine, 
dem die besondere Angabe folge. Man könnte has aus haße (Soest F. 637) verderbt 
denken und übersetzen: gebt dem Krüger rasch Lohn! Wahrscheinlich bedeute 
aber häsmede gewaltsamen, schrecklichen Lohn. W. vergleicht haisswerk bei Schüren 
Chron. 276, dass die verbitterten und schrecklichen Kämpfe >der Soester Fehde be- 
zeichnen und aus haistwerk entstanden sein müsse und dessen erster Bestandtheil 
dem goth. haifsts und ags. hcest entspreche, auch in der ursprünglichen Bedeutung, 
während das gewöhnliche mndd. hast nur noch eine gemilderte des Eilens habe. 
W. rü^ richtig an SchrÖder's Conjectur, dass man nicht hast, sondern haste als 
Adverb erwarten müsste. Seine eigene Erklärung dünkt mich in mehrfacher Be- 
ziehung unwahrscheinlich: einmal die Lesart haisswerk^) bei Schüren, da wir nicht 
wissen, ob der Herausgeber Tross richtig gelesen hat, auch nicht, ob der Nieder- 
rheinländer nicht einem hd. Ausdruck Eingang in seine Sprache verstattet hat. 
Dann ist auch haiss eine bedenkliche Entstellung von hast. Femer ist noch nicht 
ohne weitere Zeugnisse anzunehmen, dass ein ndrhein. Wort auch in Meklenburg 
galt. Und endlich ist die sonst nicht belegte Bewahrung der alten Bedeutung höchst 
fraglich. 

Lübben hat im Mndd. WB. has als Entstellung von hars 'Harz' und mede 
als besonderes Wort genommen; er versteht also wohl: gebt ihm, theilt ihm Harz 
mit, gebt ihm Harz ein. Die Besserung ist leicht und einsichtsvoll. Lübben selbst 
giebt sie nicht als eine Textbesserung, er hält has für einen frühen Beleg des 
nndd. hass = mndd. hars. Nun heisst Harz allerdings mndd. gemeiniglich hart^ 
selten hars; aber die Form ist doch nicht unerhört und entspricht dem mndl. und 
und (neben harz) mhd. hars. Ich möchte von Lübben abweichend glauben, dass. 
wie oft, entweder das ein r ausdrückende Zeichen, der Haken, über dem Vocal 
vom Schreiber vergessen oder, weil zu schwach gerathen, erloschen ist. Weiter 
halte ich mede 'mit' für überflüssig, kenne auch kein medegeven für mittheilen, 
geben, harsmede wird ein Wort sein. Es fragt sich, ob wede Lohn oder Meth ist. 
Will man reinen Reim auf rede, dann ist das Erstere anzunehmen. Allein 'Harz- 
lohn' giebt keinen guten Sinn. Wenn mide vom Dichter gemeint ist, würde ich 
lieber annehmen, dass has statt hals verschrieben wäre; denn halsmede würde gut 
zum Handwerk des Krügers und ebenso zu den folgenden Versen passen: wie er 
sich versündigt hat an dem, was er seinen Gästen für ihre Gurgel verkaufte, so 
wird er auch ähnlich gestraft. Denselben passenden Sinn würde aber auch 'Harz- 
meth' ergeben, Meth, der aus heissem Harz besteht; ja, wohl noch einen passen- 
deren, und darum ziehe ich harsmede vor. Der unreme Reim hat nichts bedenk- 
liches. Wenngleich im Schauspiele ^ und e nicht reimen, so kommen doch ein paar 
Ausnahmen vor. Gar nicht rechnen will ich ^r und er wegen des Einflusses des 
nachfolgenden Consonanten; es finden sich auch ziemlich viel Beispiele dieses 
Reimes, z. B. sper&n : keren 229. hiren : untberen 898. hire : vere 1108. 1210. keren : 
beweren 1950. Aber beweisend für die Freiheit des Dichters, e und e zu reimen, 
sind: warteken : pteken 729, weghen : andreghen 1517 und gar ik ben (bin) : fchen 
1688, ähnlich wie not : got 45. 



*) [In dem erhaltenen Autograph des Verfassers steht haifwerck geschrieben, 
s. Clevische Chronik des Gert van der Schuren, herausgegeben von R. Schölten 
(1884) S. 150. Ueber hove-, havewerk vgl. das Mnd. Wb.] 

4* 



52 

Noch bemerke ich zu kupe und fchupej dass E. und Fr. nicht ganz klar über 
diese Wörter gewesen zu sein scheinen. Wir haben im Ndd. zwei Wörter, welche 
in der Bedeutung dem mhd. hw/e, nhd. Kufe entsprechen : Äföpe, as. copa, und küpe. 
Dies letztere, von dem küper 'Küfer' abgeleitet ist, steht dem ndl. kuip gleich. 
Man gebraucht diese beiden Ausdrücke nicht beliebig für einander, sondern jedes 
hat sein besonderes Gebiet der Verwendung. Flüssigkeiten, z. B. Bier und Wasser, 
werden in Kopen gefasst; Fleisch aber wird in Küpen gepekelt und aufbewahrt. 
Ebenso sind schöpe und fchüppe verschieden. Mit der Schope wird Bier und der 
flüssig gemachte Kalk geschöpft, mit der Schuppe schaufelt oder wirft man Erde, 
Korn, Feuerung. Hier sind natürlich mit küpe und fcMpe, beide ohne Umlaut, das 
Gefäss und die Schöpfkelle für Flüssigkeiten gemeint, und die Schreibung u soll 
das ß oder ou ausdrücken, welches sich aus dem adten 6 entwickelt hat. 

1507 ff. Eya, du hupt myn deve kumpan! 

Wanel fo motestu nummer neten. 
my dunJctf du konst de spolen fcneten. 
E. und Sehr, lassen den Lucifer den ersten Vers zum Belsebuc sprechen und ihn 
sich dann mit dem zweiten an den Weber wenden. Ich meine, dass auch Z. 1508 
noch an Belsebuc gerichtet ist. Mit dem folgenden Verse verbunden, gibt 1508 
keinen Sinn. „Ei, so musst du nimmer gemessen, mich dünkt du kannst die Spule 
schiessen": was soll da der erste Satz bedeuten? Die Worte beziehen sich offen- 
bar auf den Vers 1503 der Rede Belsebuc's: tpru vort tpru\ Die Erklärung dieses 
Verses von Zacher ist ohne Zweifel richtig. Auf solche unwillkürliche Aeusserung 
seines allzuhastigen Knechtes antwortet Lucifer: „Pfui! so musst du niemals niesen!*' 
Da niesen aber ndd. n^fen heisst und nicht nMerij so ist, wenigstens für diese 
Stelle, Entlehnung aus einem md., wahrscheinlich mrhein., Original anzunehmen, in 
dem niesen, wofür auch niessen vorkommt, und schieszen einen im 14. und 
15. Jahrh. ganz erträglichen Reim ergeben würden. 

1582 f. hadde ik buckynck edder a2, 

den luden ik ere ghelt af häl, 
E. ändert hal in ßal und Fr. übersetzt „abstahl". Das that der Höker aber auch 
mit den übrigen Betrügereien, die er nennt, ahelt ist nicht geld. das Geld, sondern 
geltj die Milch der Fische. Nach Nemnich, Poiyglotten-Lexicon der Naturgeschichte, 
Lief, ni (Bd. H) Sp. 289 war das Wort einst auch im Ndl. vorhanden: lactes, hoU. 
hom, milt, gelt. Die Milch der Bücklinge gilt bekanntlich als Delicatesse und als 
Hausmedicin gegen Halserkältung. Wie es um die Aale beschaffen ist, deren Fort- 
pflanzung lange im Dunkeln lag, mögen die Naturforscher entscheiden; wir haben 
es hier nur mit der Meinung des Schriftstellers und seiner Zeit zu thun. häl (wahr- 
scheinlich wird hofil dastehen) ist Praeterit. vom st. V. helen hehlen, verheimlichen, 
hier: heimlich stehlen und den Kunden vorenthalten, um durch den Sonderverkauf 
ausserdem zu profitieren. 

1665. ik lape alzo en bakaven, 

Lapen ist * schlürfen'; vgl. 650. Es ist jape zu lesen. 

1768 wird eyneme ghevughe statt ghenughe zu lesen sein; denn genöge ist 
feminin. 

1805. dat lefte fchap fchit jo in den ftal, 

sagt Lucifer vom Satanas, welcher den erfolgreich Widerstand leistenden Pfaffen in 
die Hölle bringen will. E. und Fr. ändern beße: „auch der Klügste begeht zu- 
weilen, mal eine Dummheit". Jo heisst aber „immer, jedesmal". Und Satanas ist 
der letzte der mit Seelenbeute heimkehrenden Teufel. Es ist daher nichts zu 
emendieren, höchstens im vorhergehenden Verse {hir umme fei nu averal) ßt nu 
in ßcht wie; Freybe: „Darum sagt man überall." Allein nöthig ist auch das nicht. 
Lucifer spricht zu den Umstehenden : Da seht ihr es alle mal wieder, wie recht das 
Sprichwort sagt. 

1 846 ff. ja ja, bist unde vlok, 

den bynt to hope an enen dok; 
wen du ene wedder up byndeß^ 
fo ßj wat du dar ynne vindeß. 



53 

E. und Fr. quälen sich mit Mone's falscher Lesung ab. Es ist vistf crepitus ventris, 
zu lesen und im nächsten Verse wohl de statt den. 

1875. ik hadde wol an en muschel ghekropen. 

Statt muschel ist musehol, u., zu lesen: Mauseloch. 

1892. da/t moftu alzo en fwyn vulen. 

Es ist wukn = wolen {.holen * kühlen*), wölen 'wilhlen' zu verstehen. 

1904 f. deffe arme stumper is hed/raghen, 

he mot varen an den molenpaghen. 
Molenpaghe ist der Esel. Satanas, der vom Priester in daJt wilde hrök oder an den 
wilden woU gebannt wird, ist damit, wie wir etwa si^en würden, auf den Esel ge- 
kommen. Dieselbe Bedeutung hat molenpaghe 1979 f.: 
werstu ok fo fwar alzo en molenfak 
unde haddeft ok gheßaken den gantzen molenpaghen, 

Hamburg. C. Walther. 



Die Bohne und die Vietzebohne. 

Wo in letzter Zeit über die Bohne sprachlich geredet ist, wurde 
fast durchgehends auf die botanische Stellung dor Pflanze keine Rttck- 
sicht genommen, und abgesehen von der vielfachen Uebertragung des 
Namens auf andern Samen *) fast nie beachtet, dass seit dem 16. Jahr- 
hundert sich allmählich eine fast vollständige Verschiebung gegenüber 
dem Mittelalter geltend machte, welche schliesslich sogar die Etymo- 
logie zu beeinflussen anfing und auch in die Erklärung der- alten 
Klassiker sich einschlich. 

Wenn wir heute im Gespräch von Bohnen reden, und selbst wo 
wissenschaftlich darüber geschrieben wird, schwebt dem Sprechenden 
oder Schreibenden fast stets die Gartenbohne, sei es die niedrige 
Kriech-(ndd. Krup-)bohne oder die kletternde, an Stangen rankende vor, 
der Phaseolus vulgaris L., und die alte ächte Bohne, Vicia Faba L. 
wird dabei übersehen. Campe, selbst Grimm im D. Wb., auch ten 
Doomkaat Koolman I, S. 202 f. scheinen sogar vorauszusetzen, dass 
der Gartenbohne zuerst der Name zukomme und dann auf die „Sau-", 
Pferde- oder Grossebohne übertragen sei. 

Nun steht jetzt aber fest, dass der Phaseolus der heutigen Bo- 
tanik nicht der der Alten: Dioscorides, Columella und Plinius, ist, son- 
dern aus Amerika stammt 2), die niedrige Strauch-, Kriech- oder Krup- 

Vgl. J. H. Campe, Wörterb. d. D. Spr. I, S. 590 v. Bohnenbaum; Grimm, 
D. Wb. I, S. 226 (Bohnenbaum); Heyne, D. Wb. I, S. 466 f. Femer noch Kaffee- 
bohne, Cacaobohne etc. Wilhelm von Boldensele erzählt im Iter ad terram sanctam 
S. 322 (Ztschr. des historischen Vereins für Niedersachsen 1852), dass die camelsurii 
ihren Kamelen in der Wllste fabas siccas in kleinen Portionen geben. Er meint 
Dattelkerne. 

»)In Schübler und v. Martens, Flora von Würtemberg, Tübingen 1884, 
S. 471 wird Phaseolus vulgaris, die Stangenbohne, noch als aus Ostindien stanunend 



54 

bohne, Ph. vulg. naniis, sogar aus Peru und Chile ^j. Sie kann daher 
trotz der Schnelligkeit mit der damals sieh fremde auffallende oder 
nützliche Pflanzen verbreiteten*), erst im dritten Viertel des 16. Jahr- 
hunderts weiter bekannt geworden sein, die kletternde (brasilianische?) 
vielleicht etwas früher. Nach R. A. Philippi in Santiago*) führte die 
Krupbohne, die jetzt in Chile frejol, früher frijol, frisol mit einem 
Fremdwort genannt wird, dort früher den einheimischen Namen degul 
und in Peru den dort heimischen purutu oder purrtitu; er hält frejol 
für angeglichen an phaseolus (die Fisolen) nach Chaos Diccionare 
encyclopedico (1853) soll es aber (nach F. M. a. a. 0.) ein amerika- 
nisches Wort sein, das Dr. Reiss auf Westindien oder das südliche 
Nordamerika zurückführt. Die Stangenbohne (Ph. vulg.), sagt Philippi, 
sei in Peru und Chile nicht zu Hause; doch führt, nach De Candolle, 
Rochebrune auch den Phaseolus multiflorus Willd., unsere Feuerbohne 
oder türkische Bohne, wahrscheinlich in der dickschaligen weissen 
Abart der Mandel- oder Schminkbohne, aus den Gräbern von Ancon 
bei Lima an, und beim Nürnberger Ratsphysikus Camerarius werden 
a. a. 0. S. 124 Phaseoli Africani oder Brasiliani genannt. Wittmack 
hält die Krupbohne für zuerst um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein- 
gebürgert; Camerarius kannte sie 1580 noch nicht; denn von seinen 
phaseoli pumiliones alhi et nigri sagt er, sie würden um Nürnberg 
wegen der Kälte häufig nicht reif; und S. 161 sagt er ausdrücklich: 



angegeben, der alte Tabernaemontanuß aber weiss noch, dass sie, die „türkische 
oder welsche" Bohne aus Amerika sei. Vergl. jetzt die entscheidenden Unter- 
suchungen von L. Wittmack in Verhandl. des Bot. Vereins der Prov. Brandenburg, 
XXI. bitz.-Ber. S. 176; derselbe: „Unsere jetzige Kenntnis vorffeschichtlicher Samen, 
im Berichte der deutschen Botan. Gesellsch. IV, 1886, S. XXXI— XXXV. F. M. im 
Globus 50, No. 5 S. 72—74. — Humboldt 1887, Nr. 1 S. 26; Wittmack, Die Heimat 
der Bohnen und Kürbisse, in: Berichte der Deutschen Bot. Ges. 6. (18S8), S. 374 — 
380. Der phasiolus oder phaselus der Alten, den Cato und Varro noch nicht kennen, 
der aber bei Columeila und Palladius als Feldfrucht (also nicht als Staneenfrucht) 
ausgesäet wird, muss erbsenähnlich gewachsen sein, denn während die ate Dünger 
und Viehfntter massenhaft gebaute weisse Lupine 10 modios als Aussaat für den 
jugerus forderte, sind von Erbsen und phaselus nur 4, von der bei weitem wich- 
tigeren Faba aber nach dem von Columeila citierten Tremellius 6, nach Columeila 
selbst nur 4 modii nötig (Colum. 2, 20. Pallad. XI, 1). Was der phaseolus ursprüng- 
lich gewesen sei, hat Fr. Körnicke, Zur Geschichte der Gartenbohne, in: Ver- 
handl. des Naturhist. Vereins des preuss. Rheinlandes und Westfalens (1885. Vergl. 
Globus a. a. 0. S. 73) nachgewiesen, wenn er auch dem Columeila irrtümlich die 
(plinianische^ Nachricht zuschreibt, dass der phaselus „mit den grünen Schoten" 
gegessen sei. Dass man später in den Südländern auch eine Stangenfrucht phaseo- 
lus hatte, ist ebenfalls sicher. Kömicke führt beide auf Vigna sinensis £ndl. zurück. 
Die ältere Strauchform als Dolichos melanophthalmos DC., die Stangenform als 
Dolichos sinensis L. Beide sind für Untersuchungen deutscher Pflanzen ohne Wert, 
da sie unser Klima nicht ertragen; aber der Name phaselos hat sich hier früh auf 
erbsenartiges Gemüse, dann auf die amerikanische Bohne verschoben. Vergleiche 
F. Hock, Nährpflanzen Mitteleuropas. 1890 (FF. z. D. Landes- u. Volkskunde V, 1). 

8) Globus, 51 (1887) Nr. 10, S. 157 f. 

*) So die Sonnenblume, Helianthus annuus, schon 1580 in den Gärten als 
Chrysanthemum Peruvianum verbreitet. S. Joachim Camerarius, Hortus medicus et 
phUosophicus S. 60. Viel rascher noch der Tabak. 

*) Globus a. a. 0. 



55 

Smilax hortensis (d. i. der Dolichos), phasioli vulgo, und in Nathan 
Chytraeus Nomenciator Latino-saxon. (1590) heissen sie gegenüber der 
faba, Bon, S. 422 und 441: phaseolus (phasioli) „welsche Bonen" als 
neu eingeführte. Dagegen kennt derselbe Chytraeus schon früher die 
Stangenbohne, „ad palam eductos lupulorum more phaselos^, deren 
Wuchs er also mit dem Hopfen vergleicht. Sie müssen aber damals 
noch sehr selten gewesen sein, denn er sendet seinem Gevatter Schöne- 
mann (Caloander) eine Portion grüner Schoten mit einem Kochrecept 
in lateinischen Versen«). 

Als Besultat ergiebt sich aus dem Vorhergehenden: „Bone*^ im 
Mittelalter und bis zum dritten Viertel des 16. Jahrhunderts ist stets 
und ständig nur unsere „Grosse-^, „Sau-^ oder „Pferde- Bohne^, die 
Faba der Alten , Vicia Faba L., in ihren beiden Abarten, der breit- 
früchtigen („grossen^) und der kleinfrüchtigen, die auch als Feld- und 
yjTaubenbohne^ vorkommt. 

Alles was bis ca. 1570 von der „Bone^, „Fro Böne^ Walthers von 
der Vogelweide, Gutes oder Schlechtes in Brauch und Lied ohne weitere 
Bezeichnung gesagt wird, bezieht sich auf die Faba, ndd. böne, im 
Göttingenschen bäne"^)^ in Vorpommern baune% 

Sie hat bekanntlich einen festen, aufragenden, sich selbst halten- 
den Stamm und rankt nie; mag man nun bona mit Fick aus babna, 
baubna, bauna herleiten^), so ist sicherlich nach der Natur der Pflanze 
Adelbert Bezzenbergers^**) AMlehnung an „beben", griech. g)ißofiai, 
irrig, weil „in diesem Falle die Ranken (!) von Bedeutung für die 
Benennung der Pflanze gewesen wären". Ihn hat die Amerikanerin 
irre geführt. 

Frau Bohne aber reicht in die ägyptische, trojanische, griechische 
Vorzeit zurück»*), in Italien war sie die bei weitem wichtigste aller 
Hülsenfrüchte, auf deren Anbau man, wie Columella und Plinius deut- 
lich verraten, die grösste Sorgfalt verwandte. In Spanien isst man 
noch die halb oder fast reifen Bohnen, in Salz gestippt, roh tagsüber 



•) N. Chytraei poemata. Rostoch. 1579 fol. 151. 

Si tarnen bas, siliquae detractis undique fibris, 
Cultellus transversa seeet, jurique recenti 
Et pingui, pipere affuco, simul incoqnat, illos 
Dehcias dices, laute non vile palato. 
Noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts kamen die „türkischen" oder 
.,Mandelbohnen'S phaseolus multiflorus Lamk., so auf den Gesindetisch. Von den 
herrschaftlichen Mahlzeiten waren sie schon durch feinere Gartenvarietäten des Ph. 
vulg. verdrängt. S. Krause „Wann ist die Bohne, phaseolus L., in Mecklenburg 
eingeführt." Arch. d. Ver. d. Freunde d. Naturgesch. in Mecklenb. 34 (1880/81). 
'') Schambach S. 16. 

») Dähnert, Plattdeutsches Wörterb. nach der Pommerschen und Rügenschen 
Mundart S. 49 v. Bone. 

*) Grimm setzt goth. baun oder baunsj Kluge, Aufl. 4 S. 36 hauna^ 0. Schrader, 
Sprachvergl. und Urgeschichte 2. Aufl. setzt als Urform hagna, 
*») Höpfer u. Zacher, Ztschr. f. d. Phü. V, 229. 

*') Die Belege s. bei Wittmack a. a. 0. (1886) und Alph. de Candolle, Der 
Ursprung der Kulturpflanzen. Uebers. von Edm. Goeze (1884) S. 397 ff. 



56 

oder zum Nachtisch i^). ^xxeh in Deutschland kommt sie vorgeschicht- 
lich und frtihgeschichtlich vor, ttber die Angaben des Plinius in Be- 
treff der friesischen Inseln soll weiter unten gesprochen werden; über 
die Funde in den schweizerischen Pfahlbauten berichtet, nach Heer, 
De CandoUe a. a. 0. Man fand die Faba im Burgwalle von Priment'^) 
und im Gräberfelde von Müschen, Kreis Kottbus, Provinz Branden- 
burg *4). Alle diese alten Funde lieferten die kleinere Vicia Faba 
minor, die Feldbohne, franz. Feverolle, nur dass die alte Frucht (Faba 
celtica nana Heer.) noch etwas kleiner, vielleicht durch Zusammen- 
schrumpfung war**). In älteste geschichtliche Zeiten Niederdeutseh- 
lands führt die ebenso kleine Vicia Faba aus der Fahrstedter Wurt 
bei Marne, die in 60 verkohlten Samen sich bei einer Durchgrabung 
in dem ältesten Ziegelbrocken -Estrich fand*<*) und immerhin in die 
allerfrtiheste Zeit der Besiedelung der Dithmarser Marsch vom hohen 
Lande der Geest aus gehören kann. Die grössere Form der Faba, die 
wir essen, ist erst später gärtnerisch entstanden oder doch später ein- 
geführt. Es ist deshalb auch recht gut möglich, dass zu Plinius Zeit 
auf den friesischen Inseln schon Bohnen gezogen sind, obwohl er das 
gerade nicht sagt, und jedenfalls dieses „Tacitus" nicht berichtet, 
wie bei Angabe des heutigen vorzüglichen Gedeihens der Vicia Faba 
in den Dünenthälern Spiekeroogs angegeben wurde*'). 

Doch sind diese Bohnen im späteren Mittelalter in Niedersaehsen 
wenig häufig, vielleicht mehr als Gartenfrucht gebaut. In „Tideriei 
Langen Saxonia" (15. Jahrh.) '^, die ab*er wahrscheinlich von Heinrich 
Rosla (Ende des 13., Anfang des 14. Jahrh.) herstammt*»), wird als in 
Sachsen gebaut angegeben: triticum, siligo, ordea (plur.), pisa (sing, 
fem.), avena und dann zugesetzt: Sunt ihi nonnullis fahae, melones 
que dtrulW^^), 

Sie kommt daher auch in Zehnt- und Abgabenregistern im nörd- 
lichen Deutschland, obwohl man sie überall kannte, nie oder fast nie 



1«) Auch von Syrien sagt der kölnische Pilger (Ztschr. f. d. Phil. 19, S. 65): 
„Van XIII Dages (h. 3 Könige) bis vastavent do wassen da rosen ind bonen ind 
alsulchen kruyt. 

") Ascherson, in Ztschr. f. Ethnol. etc. 1875, S. 154, danach R. Behla, Die 
vorgeschichtlichen Rundwälle S. 20. Ge. Buschan, Zur Kulturgeschichte der 
Hülsenfrüchte. Ausland 1891, Nr. 15. 

'*) Jahrb. der K. Preuss. Kunstsammlungen VIII Nr. 3. Reichsanzeiger Nr. 178 
(2. Aug.) S. 4. 

^\ De Candotte a.a.O. 

**) R. Hart mann, Ueber die alten Dithmarscher Wurten und ihren Packwerk- 
bau, Marne. 1883. Mit I Taf. 38 S. 8°. S. 8. 

") L. H(aepke?) in der Weserzeitung 1886, Nr. 14234 Morgenausg. (7. August) 
S. 1. Er lässt Tacitus von den ostfriesischen Inseln sagen, was Plinius von den 
Nordseeinseln mitteilte. 

") Meibom I, p. 802. 

»«) Krause in ADB. 29, 239. 

20) melones citrülli sind eine Art Melonen. CitruUi schon bei den Römern als 
dem. von citrium, Gurke oder Melone, früher für Kürbis gehalten, ehe Wittmack 
nachwies, dass auch diese aus Amerika stammen. Eine auflftdlende Verschiebung 
in der Lüneburger Heide aus dem 15. Jahrhundert: „Citrulli Wicken" brachte Wal- 
ther im Jahrb. 1, S. 16. 



57 

vor; freilich auch die Erbse recht selten. In den Hebungen des 
H. Geist-Hospitals in Lübeck im 15. Jahrhundert, das sich auch über 
meckenburgische und pommersche Güter erstreckt*^*), erscheinen beide 
nicht, in den mecklenburgischen, pommerschen, bremischen und ost- 
friesischen Urkundenbüchern habe ich sie nicht gefunden, auch nicht 
in der Agrargeschichtlichen Darstellung Ostholsteins und Lübecks von 
Schmidt22). Erbsen kommen in Rostock 1275 im Handel vor^^V 
Bohnen finde ich nur in der Hamburger Zollrolle von 1254 — 1262 ^^j, 
wo der Wispel mit 18 Pfennig besteuert ist, und im Inventar des 
Schlosses Vörde (Bremervörde) von 1547, v^o „in der Koken" „20 
tonnen Bonen und Erweten" registriert sind 2^). 

Abgesehen von Südhannover und Braunschweig sind diese letz- 
teren Gebiete auch jetzt noch die, wo vorzugsweise die schweren 
Boden liebende Bohne gebaut wird. Während z. B. von Woldegk 
(Mecklenburg-Strelitz) gemeldet wird, dass sie erst seit etwa 1876 in 
grösseren Schlägen gebaut werdet«), nennt Schütze^^) sie 1800 ein 
„Lieblingsgemüse" in Holstein, und sagt, dass eigene Fuhrleute in der 
Bohnenzeit durch Hamburg mit dem Rufe „Bonenflü to Wagen^ durch- 
fahren, um die leeren Hülsen (Schale, „Slu", in Bremen Bossen 2«)^ als 
Schweinefntter oder zum Dung abzuholen. In der Marsch „Alten 
Landes" links der Elbe zwischen Harburg und Stade sind noch heute 
das von den Knechten verlangte, bei den Rippen stehende Abendessen 
reife, trockene Grosse Bohnen in Milch gekocht. Auf den Elbsänden 
gedeiht die Pflanze vorzüglich und erreicht die Höhe eines Reiters zu 
Pferde. Diese Marschbohnen werden, im Handel als „Jeverländer" 
bezeichnet, jetzt viel als Saatgut ins Oberland verführt. In Ostfries- 
land, wo die gekochte Bohne vor allem als Pferdefutter dient 2«), zeigt 
der Gebrauch des Mehles und Brotes, das früher als Nahrung des 
niedern Volkes, dann als Armenhaus-Brot 3*^) verwandt wurde, ebenso 

«) Lübeck. U.-B. VIU Heft 9. 10. 

**) G. H. Schmidt, Zur Agrargeschicbte Lübecks und Ostholsteins. Studien etc. 
Zürich. OreU, Füssli & Co. 1887. X und 171 S. Vergl. Jahresber. d. Geschichtswiss. 
X, IL S. 136 Nr. 110. 

>») Mecklenburg. U. B. 2, S. 525 Nr. 1374. 1418 kosteten in Rostock 1 Drömt 
(= 12 Scheffel) Erbsen 6 M., gleich dem Preise von 50 Stockfischen oder 2 Tonnen 
Kuhfleisch. 

**) Hamb. U.-B. I, Nr. 668, S. 548. Daraus Riedel, Nov. Cod. dipl. Brandenb. 
Abt. II, B. I, S. 80. 

»*) Krause im Archiv des Stader Ver. f. Gesch. etc. 2 (1864), S. 150 f. 

««^ Archiv d. Ver. d. Freunde d. Naturgesch. in Meckl. 39. 1886 S. 49. 

*') Holsteinisches Idiolikon I, S. 129. Er sa^ auch, dass in Holstein, nament- 
lich in Altona, und in Hamburg von den Gastwirten ein Pikenik für die ersten 
jungen (d. h. grünen) grossen Bohnen für Gäste unter dem Namen „BönenmaUted" 
angerichtet werde. 

**) Versuch eines Bremisch-niedersächsischen Wörterbuchs. I, S. 117. In Lüne- 
burg hiess 1488 die Hülse der Bohnen und Erbsen „schode efte pole^ escanea", 
Lüneb. Manuscr. d. Univ.-Bibl. Göttingen Nr. 82 (Heinricus Hildensem). 

*®) Stürenburg, Ostfriesisches Wörterb. S. 21 v. Bonenstöter. ten Doomkaat 
Koohnan I, S. 203 (bonenstöter). 

**) ten Doomkaat Koolman a. a. 0. „bdnenbrdd". — Uebrigens wurden in 
meiner Jugend in Teurungszeiten auch in meinem elterlichen Hause in Northeim 



58 

wie das alte Wortspiel „de bönakJcer up gän^^^) den alten, eingebür- 
gerten Bau der Pflanze an. In Westfalen ist sie ein seit alters her 
beliebtes Gerieht; schon in den Epist. obscuror. viror. (I S. 84 der Lon- 
doner Ausg. von 1742) empfiehlt Herbord Mistlader gegen Durchfall 
„fabas coctas aspersas cum papavere" als westfälisches Gericht. Im 
Elbinger Vocab. kommen Bohnen neben Erbsen, Linsen und Wicken vor. 

Danach haben wir uns noch mit Plinius' Angaben abzufinden, mit 
dessen Worten grosser Unfug getrieben zu werden pflegt. Zu diesem 
Zwecke ist zunächst hervorzuheben, dass wie \\ar „Bohne" auf andere 
Früchte und ähnlich aussehende Dinge, selbst auf die Gewehrkugel 
als „blaue Bohne" übertragen, dasselbe schon die Römer, mit ihrem 
xvafioi; auch die Griechen, thaten. Die Römer nannten die bittem 
Früchte der ägyptischen Wasserlilie (Nelumbium), deren Wurzel (nicht 
Frucht!) gegessen wurde, fabae, die nicht essbare Frucht einer in 
Mauretanien (Algier, Marokko) wildwachsenden Leguminose „silvestris 
faba"^2)^ ja sogar die einzelnen Kügelchen des Ziegenmistes heissen 
bei Plinius 3^) fabae, wie bei uns die Kinder von „schäpskrinten^ oder 
„schäpslorbeeren" oder „rofsäppeln^ reden. Moritz Heyne im D. Wb. 
Bd. 1 (1890) S. 467 kennt auch „Bohnen der Ziegen und Schafe". 

Nun sagt Plinius 3^): Vom Promontorium Cimbrorum an bis zur 
Scheide seien 23 Inseln durch die Waffen der Römer bekannt ge- 
worden, „earum nobüisstmae: Burchana, Fabaria nostris dicta, a 
frugis similütidine sponte provenientis; item Glessaria a succino mili- 
tiae appellata, a barbaris Äustrama, praeter qtme Actania, Die Be- 
deutsamkeit der Burchana, des alten noch nicht zerrissenen und von 
Baut noch nicht getrennten Borkum für die Römer wird uns von 
Strabo erklärt: Es war von Germanicus durch Absperrung und Sturm 
erobert, daher war diese Insel eine nobilissima geworden; welche Insel 
Glesaria (Bernsteinland) nach dem deutschen Worte Glesum (Bern- 
stein) 3^) vom Heere (militiae) benannt wurde, während sie in der hei- 
mischen Sprache Austrania (Ostinsel?) hiess, ist ebenso wenig sieher, 
wie die Bedeutung der Actania. Von der Burchana aber sagen, die 
Worte des Plinius: Fabaria von den Unsern benannt nach der Ähn- 
lichkeit der dort wildwachsenden Frucht, natürlich mit der 
Faba! Anders kann die Stelle nicht gedeutet werden. Von einem 
Wildwachsen der Faba dort ist nicht die Rede. Und ganz dasselbe 



bei Göttingen „Pferdebohnen" zwischen dem Boggen mit vermählen. Plinius fordert 
diese Zuthat zum Brotmehl. 

31) ten Doornkaat-K. a. a. 0. „Die Flucht ergreifen, ins Zuchthaus kommen", 
indem aer 6öne, faba, das Masc. bona, der Gebannte, der Mörder, untergeschoben wird. 

81 a) Ztschr. Ethnol. 22 (1890), V, Verhandl. S. 185. 

82^ Plinius Natur, bist. 18, 30, am Schlüsse. 

88) Bas. 19, 60: in fabis caprini fimi singulis. 

84) Das. 4. 27 am Schlüsse. Strabo VII, 1 berichtet von Borkum: wv iarl xdi 
i] BovQx<xvlg, i]v ix nolioQxiaq eile. Jac. Grimm, Gesch. der D. Spr. II, 594 liest 
BvQxoivic;, und möchte das Wort (II, 681) durch byrgene = sepulcra deuten. 

8s) Tac. Germ. 45. Glesum Germanis succinum. lieber das häufige Vorkommen 
von Bernstein auf den ostfriesischen Inseln berichtete Haepke im Bremer Naturw. 
Verein. S. Weserztg. 1884 Nr. 13371 Morg.-Ausg. S. 3. 



59 

meldet Plinius 18, 30 im vorletzten Absatz: nach Erledigung der Be- 
schreibung der Faba (er meint augenscheinlich durchweg die kleinere), 
geht er zu den ähnlichen wilden Leguminosen über: „nafcitur et fponte 
plerisque in locis, sicut septemtrioncdis Oceani insulis, qtias ob id nostri 
Fdbarias appellant; item in Maurctania silvestris passim sed praedtira 
et quae percoqtii non possit". Das letztere ist die oben genannte 
mauretanische Pflanze, dann kommt unmittelbar die ägyptische Ne- 
lumbium-Seerose des Nil. Hier lernen wir, dass die Dtineninseln der 
Nordsee von den Römern insgesammt Fabariae genannt wurden. Da 
Plinius selbst jene Seeküsten besuchte^«), sq. hat er ohne Zweifel die 
Pflanze mit eigenen Augen gesehen, deren Ähnlichkeit mit der Faba 
er meldet. Es kann nur Pisum maritimum L. sein, wie schon Buchenau 
in der Beschreibung der Inselflora annimmt; sie wächst noch heute in 
Menge auf offener nicht bewaldeter Düne, die mauretanische da- 
gegen im Busch (silvestris). Verglichen hat sie der römische Soldat 
mit der ihm bekannten und zu seiner Kost (als Zuthat zum Brot) ge- 
hörenden kleinen Faba, wegen der ähnlichen Farbe der sonst mehr 
erbsengleichen Samen; vielleicht auch, weil er sie gelegentlich mit 
als Faba verwandte; denn dieses Pisum ist essbar; auf den Dünen 
von Warnemünde werden wenigstens die jungen Schoten von den 
Jungen genascht wie Erbsenschoten. 

Vom Wildwachsen der Vicia Faba an der deutschen Küste ist 
danach keine Rede, noch weniger ist der Name Fabaria aus dem 
Deutschen abzuleiten und als Baunonia zu fassen oder richtiger in 
Baunonia zu übersetzen •*"), und noch weniger ist der von Borkum erst 
im Mittelalter abgerissene Theil, die Insel Bant,..de Banthe^^), als „die 
bohnenförmige", zu deuten -^ö); denn von einer Ähnlichkeit einer Insel 
mit der Bohne redet Plinius überall nicht. Wollte man sich gegen 
die klaren Worte in unnötigen Konjecturen verlieren, so würde die 
Landkarte eher auf einen Vergleich der Inseln mit jenen fabae caprini 
fimi singulae führen können. 

Während die germanischen Stämme die Erbsen, wie der Name 
(von ervum, ervilia, nach Andern von Orobus) lehrt, von den Römern 
erhielten, wobei sie auf das alte pisum den Erven-Namen übertrugen*")? 
ist die Bohne, wie gleichfalls der Name bezeugt, nicht erst über Italien 
zu ihnen gekommen. E. Förstemann, Deutsche Ortsnamen S. 141 kennt 
die Bohne schon vor 1100 in Ortsnamen; er zählt 8 „Banamatha" auf. 
Vgl. auch dessen (Orts-)Namenbuch. Auch die Nordgermanen hatten sie in 
altnordischer Zeit, wie aus der einheimischen Benennung und auch wohl 
aus der Verwendung beim Julfest erhellt; denn der von A. Tille**) 



^ 



Plinius a. a. 0. 16, 1. 
, Kluge, Etym. Wörterb. * S. 36. 
3«) Jac. Grimm, Gesch. d. D. Spr. II, 594 erklärt „Bant" (unter Vorbehalt) als 
„Weidegrund". 

»«) Theod. Siebs, Zur Gesch. der englisch-friesischen Sprache I (1889) S. 275. 
Jellinghaus in Zts. f. d. Phil. 23, 375 f., ßUt diese Deutung für ansprechend, aber 
bezweifelt sie doch. 

««) J. Grimm, Gesch. d. D. Spr. 1, 64 f. 

") „Nordische Weihnachten", Weserztg. 1889 Nr. 15460 Morgenausg. 



60 

angeführte Weihnachtsbrauch der Umrandung der Julgrütze mit Boh- 
nen, viel mehr noch die Bohnenschüssel, aus welcher jeder Hof- 
bewohner am Schlüsse des Festessens am Julabend eine gekochte 
Bohne essen muss, scheint auf hohes Alter hinzuweisen. Spielt hier 
die heilige Frucht eine Rolle beim Beginn der Zwölften, so thut sie 
es anderwärts am Schlüsse dieser heiUgen Zeit (heil. 3 Könige, Epi- 

Shanias) im Bohnenfest, Bohnenkuchen und Bohnenkönig *2). Wie weit 
ahin, vielleicht als eine Art Satyrspiel, die „Bohnenlieder" gehören, 
weiss ich nicht; Kluge S. 36 nennt sie priapeia, Heyne S. 467 erklärt 
das Bohnenlied als „lockere Dinge" ^^). Einen Zusammenhang der 
„Bohne" mit dem Geschlechtsleben erkennt das Volk noch heute an. 
In Lüneburg hörte ich vor Jahren in einem Gespräch über allzureichen 
Kindersegen die Worte: „Aber es sind doch meine Bohnen!" — In 
Lübeck wurde neben den Würfeln ein Bohnenspiel verboten. 

Die poetisch viel verwertete „Bohnenblüte" gilt auch nur von 
der Faba; an warmem, stillem Juniabend liegt ihr feiner Duft fast 
berückend über der Landschaft, ein Zauber für verliebte Paare. 

Über die vielen der Bohne gewidmeten Redeweisen geben die 
Wörterbücher Aufschluss, hier soll nur zu dem bekannten „nicht eine 
Bohne" der Vers 3579 aus Reinke Vos „dat is wol eyner honen werä^^ 
angeführt werden, um aus der Lippstädter Reimchronik der Soester 
Fehde *4) den gleichbedeutenden V. 2783 daran zu reihen: ,ydat sei ere 
mande nicht achteden ene wichen". Unklar bleibt der westfälische 
Name „tecke" (Osnabr. tiäkenbaune), der durch das ebenso undeutbare 
„Wibbelhone" erklärt werden soll**). Durch die Zusammenstellung 
von Same und tecicen ist klar, dass eine Faba oder eine Erbse ge- 
meint ist. Für das erstere ist die Ähnlichkeit mit der vollgesogenen 
Zecke nur für die F. minor passend. Die „Faba sylvestris" Apuliens 
nennt Camerarius selbst (S. 59) einen Aracus. Damit verlassen wir 
die zum Aschenbrödel gewordene Bohne*«), von der Plinius (18, 30) 
sagt: inter legumina maximus honos fabae. 

Nun kommt die Frage, wie die amerikanische Frucht, welche 
heute den botanischen Namen phaseolus trägt, ihre deutschen Volks- 
namen erhalten habe. Es sind deren, abgesehen von Bohne und 
allerlei Zusammensetzungen, zwei: Faselen (Fisolen) etc., die auf 
den phaseolus der Alten zurückführen und Fiz-(Viets-)Bohne mit 

«) J. Grimm, Gesch. d. D. Spr. I, lOS. Vorher ist das Bohnenfest des Apollo 
(Ilvavsxpia) und der Bohnenmonat (Ilvavsxpiwv), auch der baskische Bohnenmonat 
(baguilla, aer Juni) besprochen. Myth. 579. Das keltisch -gälische Bealtuin-Fest 
scheint verschieden zu sein. Wie weit die „Valentine" als Bohnenkünigin hierher 
gehört, ist mir unsicher. Der Name weist auf den Valentinstag (14. Febr., in Oestr., 
Kämthen etc. Valentinus episc. Passav. 7. Jan. (also gleich nacn h. 3 Könige). 

") Walther v. d. Vogelweide 17, 25. Vergl. die Wörterbücher. Zuletzt: Sand- 
voss im Korr.-Bl. 13 Nr. 3 S. 47. 

**) Chron. d. D. Städte 21, S. 263. 

**) Mnd. Wörterb. 4, 516. Merkwürdiger Weise heisst Vicia Faba auch in 
Oestreich Teckel-Bohne. Pritzel und Jessen, Die deutschen Volksnamen der 
Pflanzen I, 437. 

-^ö) Campe, D. WB. 2, 41 nennt sie gar Feigbohne (s. u.), Sau- oder Pufbohne. 



61 

kurzem oder auch langem i^ auch Fitzebohne, ebenfalls bald mit 
kurzem bald mit langem i. 

Der erste Name kommt in Niederdeutschland nicht vor. Wir sahen 
schon, dass der Phaseolus des Columella und Plinius in Deutschland 
nicht wachsen kann, wenn auch Apothekergärten seine Zucht versuchten. 
Vielleicht sah den Letzteren Alb. Magnus^"), der durch die Beschreib- 
ung,das8 der Strauch-Phaseolus (columnaris sicut faba) jeden Samen am 
Nabel mit einem schwarzen Flecken bezeichnet habe, auf das bündigste 
den Dolichos melanophtalmus (Smilax hortensis bei Camerarius S. 161) 
kund giebt. Auch der ägyptische Phaseolus, eine Stangenfrucht, welche 
Camerarius vergeblich zu ziehen versucht zu haben scheint ^«>) und auf 
Tafel XXXIX vorzüglich abbildet, ist augenscheinlich der Dolichos 
sinensis. Der Name wurde im MA. aaf die Erbse übertragen; Lexer 
giebt freilich fasol, phasöl, hone, aber Dieflfenbach bietet für die Erbse: 
fasth'en, vocab, opt: Fasol; und 1517 das Lex. trilingue: Fässlen*^), 
Auch Frank, Weltbuch (217b)'^*») meint sicher die Erbse, wenn er 
„Reiss, Honig, Bonen and Fassolen" zusammenstellt. Ebenso brauchen 
die Kräuterbücher des 16. ja noch 17. Jahrhunderts den Namen; so 
Bock 1530 (als Tragus von 1552) Faseln, Tabernaemontanus (Müller 
von Bergzabern, also elsässisch) von 1588 an: Faselnerbsen, dazu ge- 
hört die Fisul, Fistel des Bemer Oberlandes. Camerarius aber braucht 
1588 schon den Namen Pisum**) und führt an, dass Bock die rothe 
(rotblühende, P. arvensis) und die gi'osse italienische Erbse Phaseolus 
nenne, was er nicht gdt heisst. Seine „Pisa nigra, fabis aliquantum 
cognata" werden die bohnenartig schmeckenden dicken Kapuziner- 
erbsen sein. Ausserdem giebt es weichhülsige Erbsen, die mit den 
Hülsen gegessen werden und nach dem (mir nicht bekannten) Lobe- 
lius^2)^ aus ,,Vilda Lituaniae oppido" eingeführt sein sollen. Merk- 
würdiger Weise wiederholen das Joh. Bauhin (1598 etc.) und die Aus- 
gabe von Tabernaemontanus von 1687 dahin „neu Geschlecht erst- 
lieh (!) aus der Littau von Vilna gebracht. Vermutlich ist sie wegen 
der essbaren Schoten, nach PlinidS, für den römischen phaseolus ge- 
halten. — Dieser irrige Erbsenname ging nun nach dem Bekannt- 
werden der amerikanischen Gartenbohnen unmittelbar auf die letzteren 
über, namentlich in Süddeutschland: Phaseolen, dann Faschölen, 



*') De Vegetabil. ed. Jessen S. 515. De Candolle's Zweifel, ob da die heutige 
Buschbohne gemeint sei (a. a. 0. S. 42»), ist dadurch hinfällig. 

*■) a a. 0. S. 124 (1588). Dagegen ist der von ihm aufgeführte Phaseolus 
indicus, die rote sog. Guineabohne, die zu Kinderhalsbändern und mit Kaurimuscheln 
zum Bekleben von Kästchen gebraucht wird, überall keine Hülsenfrucht, sondern 
wird vom ursprünglich ostindischen, aber schon im 16. Jahrhundert in Brasilien 
vorkommenden Abrus piecatorins L. geliefert. Camerarius sagt selbst, sie kommen 
unter den Namen Ginge und Abrus zu uns. Vergl. Potonie, Naturw. Monatsschrift, 
IV, 207. VI, 78 f. 

*») S. Fritzel und Jessen 1, 290. 

»0) Bei Grimm, D. WB. 8, 1340 v. Fasole. 

s«) a.a.O. S. 119. 120. 

**) Pena et Lobelius, Stirpinm adversaria nova perfacilis vestigatio. 1570. 
Lobelius, Plantarum seu stirpium historia. 1576. 



62 

Fasölchen, Fassolen, auch wohl Fastelchen, Fisolen, Fisel, Fischölen ^^). 
Auch das D. Wörterb. (3, 1340) bezeugt „Fisole" aus Oestreich. Auch 
Schmeller-Frommann^*) nennen Fisolen (mit kurzem «), Zwergfisolen 
und Fasolen. Ebenso hiessen sie im Französischen bis zum Ende des 
17. Jahrhunderts Fasieole, Faseole oder auch Fehvepeinte (bunte Bohne) 
oder Febve de haricoty^) 

Der zweite Name: Fitzebohne gehört Niederdeutschland an 
Auch er stammt ursprünglich von den Kömem und hat nichts mit 
dem St. Vitus zu thun, obwohl das Bremer Wörterb. I, 399 meint: 
„Vietsbohnen, türkische Bohnen, weil sie spät im Frühjahr bis Vititag 
(15. Juni) noch können gepflanzet werden"; und Kluge: „Veitsbohne" 
ganz im Gegenteil, „weil sie um den Tag des heiligen Veit zu blühen 
beginnt". Das ist die Bohnenblüte der Fabal Die beiden Erklärungen 
zeigen die Unsicherheit der nach Deutung Suchenden. Das Bremer 
Wb. setzt sogar a. a. 0. noch hinzu: „unrichtig nennet man sie Vieks- 
bohnen", und doch ist dies gerade der ältere Ausdruck. Das MA. 
nannte den römischen Lupinus (L. albus L.), den Cato, Varro, Colu- 
mella und Plinius als gebaut zum Gründünger und als Ochsenfutter^^) 
beschreiben, ahd. fighona (geschrieben aber meist — was hier wohl 
zu bemerken — vig-, vich- und vtekbona), mhd. (nach den synonym, 
apoth.) Fiebone, oder vik- und vykbona^ auch wwbon; mnd. fyckboin] 
das Mnd. Wb. 5, 20 sagt vikbone; ebenso das Mnd. Handwb. 2, 476. 
Die Gartenbücher des 16. Jahrhunderts machen daraus Feigbohne 
(Bock, Fuchs 1542, Cordus 1534), und so hat dies letztere Wort, das 
im Volke nicht lebt, sich in den Wörterbüchern bis heute fortgepflanzt, 
so noch bei Campe 2, 41: Feigbohne, Lupinus und 2, 78 Fiekbohne, 
und in Grimms D. Wb. 3, 1443. Ich glaube noch bezweifeln zu dürfen, 
ob das t im ahd., mhd. und mnd. nach den alten Schreibweisen wirk- 
lich t ist; die Dehnung durch ck im mnd. tritt nämlich bei i nicht 
ein, wie schon die sicher alten Wörter wicken (zaubern) und ficken 
(coire) (ficke, Tasche) erweisen. Unser Wort wird weder mit ficus 
noch ßk zusammenhängen, sondern ist auf das Lateinische vicia zurück- 
zuführen, das ebenso irrig übertragen wurde, wie oben vom phaseolus 
und der Erbse gezeigt ist. Dass die Feldwicke (Vicia sativa L.) deren 
bittere Frucht nicht einmal die Hühner fressen, im MA. zur Vieh- 



es) Pritzel und Jessen 1, 271 (Suhl, Schlesien, Ostpreussen, esterreich (Kärn- 
then, Schwaben), Berner Oberland, Graubünden), üebrigens wurde auch „Erbse" 
direkt auf den Phaseolus L. übertragen in der Schweiz (Bern, St. Gallen; als Drag- 
oder Dreherbs, Winderbs auf die windende Stangenbohne, Bodenerbs auf die Kriech- 
bohne und Rosserbs auf Phaseolus multiflorus Lamk.). An der Eibmündung wird 
die ganz kleine Zuckerbohne mit fast rundem Samen in Hamburg, Holstein und im 
Reg.-Bez. Stade „türkische Arften", auch hd. „türkische Erbse" genannt. 

»*) Bayerisches Wb. « I, 768. 

56J De Candolle, tibersetzt von Goeze, a. a. 0. S. 431, Globus 50, Nr. 5 S. 74. 
Seit ca. 1600 heisst sie haricot mit dem Namen eines Hammelgullasch oder Irish 
Stew, nach Diez entstanden aus aliquot. 

^) Die Frucht, gekocht oder maceriert. — Die ziemlich breiten Früchte dienten 
als Spielmarken (Plaut. Poen. 3, 2, 20; Horat. Ep. 1, 7, 23. Es wurde nur Lupinus 
albus L. gebaut, L. luteus L. war noch unbekannt. 



63 

ftitterung angebaut sei, ist bei dem damaligen Wirtschaftswesen un- 
denkbar; dass man gewöhnliehe Feldkräuter so benannt habe, ist nach 
damaliger Sitte, ja selbst nach der Weise des heutigen Landvolkes, 
noch weniger anzunehmen. Die heutigen Bezeichnungen sind fast 
sämmtlich sehr neu, wie ihre Zusammensetzungen beweisen. Was ahd. 
unter uiccha verstanden sei, ist daher schwer anzugeben, vermuthlieh 
war es auch der Lupinus; sicher wohl nicht Vicia sativa, wie Pritzel 
und Jessen (S. 438) annehmen. Denn diese ist sehr spät in unseren 
Landbau gekommen. Schambach nennt nur die Zusammensetzung 
„Wickenfutter" (S. 297), die erst aus unserem Jahrhundert stammt, 
Mischkorn (ohne Wicken!) hiess im vorigen Jahrhundert im Göttingen- 
schen övet, oft, auch wohl, wie noch heute, Kauhfutter. Die in der 
Antwerpener Zollrolle vom 30. April 1409 vorkommenden Vitsen (Ltib. 
Urk.-B. 5, S. 246) werden zwar daselbst durch Wicken erklärt (S. 838), 
sind aber vermutlich Linsen. 

Da in Tirol die Vicia Cracca L., die Vogelwicke, jetzt „Figgen" 
heisst (Pritzel und Jessen, 436) und nach Schmeller- Frommann I, 689 
im Salzburger Gebirge Ficken (mit kurzem i), der Lupinus dagegen 
im Wechsel von k und g bei Chytraeus^") bald „Vyck-" bald „Fyg- 
bone", in Dieflfenbach's Gloss. und im bairisch-tirolischen Glossar des 
15. Jahrhunderts „wikbone" und ebendaselbst^^): vicia, Wike; ebenfalls 
bei Campe 4, S. 697 die Lupinus- Arten, ja sogar der Abrus precatorius 
L. „Wicke" (freilich ohne Ortsangabe) genannt werden: so wird der 
Schluss gerechtfertigt sein, dass aus der lateinischen vicia sich die 
deutschen Benennungen in zwei getrennten Reihen mit anlautendem 
V =Y und mit w entwickelt haben, und dass in beiden Reihen der 
fr-Laut bald anormal bald normal als chj g und h erscheint. 

Auf niederdeutschem Boden verfällt der Name nun dem Zetacis- 
mus. Die erste Spur treffen wir in der schon genannten Antwerpener 
Zollrolle von 1409'^«), deren „vitsen^ unfraglich auf das lateinische 
vicia zurückgehen. Ganz besonders aber setzte siöh der ^(^^^-Laut 
fest, seit sich der Name an die neu eingeführte Gartenbohne geheftet 
hat. Schon am Ende des MA. findet sich „Vtthhone, lupinus; rühone 
marsilium'' im Mnd. Wb. V, 263 und im Mnd. Handwörter-B. 2, 482. 
Das wechselnde th und t scheint auf langes und kurzes i zu deuten. 
Dann begegnet uns auf westfälischem Gebiete noch „FtJcesböne" für 
phaseolus vulgaris L., im Osnabrückischen lautet derselbe Name Vikus- 
hohne"^% in Bremen und den Wesergegenden"*) noch im vorigen Jahr- 
hundert Vieksbohne. Schon am Ende des vorigen Jahrhunderts lief 



«) Nomenciator 1590 a..a. 0. S. 422 und 441. 

") Germania 33 (21), Heft 3, S. 403. Das. S. 311 Z. 666. 

»») Lüb. Ürk.-B. 5, Nr. 245, S. 246 : „terwen (d. i. Weizen) oft roggen, gersten, 
evenen (d. i. avena, Hafer), erweten, boenen, vitsen unde allen anderen coeme." 
Das Mnd. Worterb. V, S. 263, u. vitbone, citiert aus dieser SteHe so seltsam wie 
falschlich das Wort „vitzenbone" unter Angabe der Urk.-Nr. 354 statt 245. 

•*») Pritzel u. Jessen I, 271. 

«») Brem. Wörterb. 1, 399; nicht an der Eibseite des Reg.-Bez. Stade. Die 
grosse Hamburger Samenfirma Ernst & Spreckelsen braucht ihn nicht. 



64 

daneben die Fonn Vietshohne^% die im südlichen Hannover anscheinend 
noch früher so herrschend wurde, dass neben ihr kein anderer Name 
als die den Wuchs angebenden „Stangen- und Krupbohne", sich erhalten 
konnte. Nun erst war die Möglichkeit geboten den St. Veit volks- 
etymologisch heranzuziehen «•*). Damit beginnt das Bremer Wb., dann 
spricht Adelung im D. Wb. von einer Veitsbohne, die er für Lupinus 
hält, darauf kommt Campe 4, 358, der „im gemeinen Leben" Veits- 
bohne für die Gartenbohne gesagt werden lässt und durch den Zusatz: 
„ndd. Vithsbohne" andeutet, dass er den ersteren Namen nur verdol- 
metscht hat. Endlich folgt Kluge. Der Name ist durchweg herr- 
schend von Westfalen bis Bremen und zur Unterweser, dann durch 
das Lüneburgische hin in ganz Südhannover (Kaienberg, Göttingen, 
Grubenhagen) und Braunschweig bis ins Eichsfeld hinein, jedenfalls 
im Nieder-Eichsfeld***). In Northeim und Göttingen brauchte man den 
Namen für die rankende, wie für die Buschpflanze; ndd. hiess sie dort 
Fitzehäne^ viersilbig mit kurzem ^, oder Ftzehäne^ ebenfalls viersilbig 
mit langem i\ in diesem Falle die zwei ersten Silben genau, wie man 
das Vice in Vicekönig (bis 1837) sprach; sehr einzeln kam „F'eize- 
bane" vor, augenscheinlich so „missingsch" wie im damaligen dortigen 
Hochdeutsch Trepfe, Ratze etc. vorkam. Schambach hat das überall 
gebrauchte Wort ebenso wenig in die lexikalische Reihe aufgenommen 
wie Sprenger in seine Nachträge«^). Aber im D. Wörterb. bringt 



ö«) Vietsbohnen bei Mielck im Korr.-Bl. 11, Nr. 4 S. 56, Z. 3 scheint auch nach 
Osnabrück zu gehören. Doch passt das zugehörige Rätsel (wegen des Tippel) mehr 
zur Vicia Faba. • 

^) St. Viti Ta^ (15. Juni), früher eines der wichtigsten Daten, da er mit dem 
1 5. Jahrhund, und bis zum Gregorianischen Kalender als der längste Tag im Jahre 
galt. Es mögen hier die Hauptzeiten aus M.Luthers Betbüchlein von 1542 folgen: 
1 5. Juni St. Veit der hat den längsten Tag, 
13. Dezbr. Lucey, die längste Nacht vermag. 
12. März St. Gregor und das Creutze macht 
u. 1 4. Sept. Den Tag so lang gleich als die Nacht 

23. Novbr. S. Giemen uns den Winter bringt^ 
22. Febr. S. Peters Stuhl den Lentz herdringt. 
25. Mai Den Sommer bringt S. Urban, 

24. Aug. Der Herbst fängt mit Bartolmei an. 

Das dazu gehörende Ealendar setzt aber den längsten Tag auf den 14. Juni und 
den kürzesten auf den 14. Dezember, die Tag- und Nachtgleiche auf den 12. März 
und 12. September. ^,Das Creutze" ist Kreuzerhöhung, Giemen St. Glemens, St. Peters 
Stuhl Gathedra Petn. Eine Bedeutung des h. Veit für die neuere Zeit, kenne ich 
nur aus dem Holsteinischen Spruche bei Schütze 4, 809: Vit — Settet den Haber 
hoog un sied. 

ö<) Pritzel u. Jessen 1, 271. 

«») Im Jahrb. Vni. Nur unter kröleke sagt Schambach S. 113 „eine ausgehülste 
Vitsbohne"; gemeint ist die ausgeleerte Hülse, denn das Aushülsen hiess ,,üte- 
krüUen; und S. 114 unter Krüpbäne „eine Art niedriger Vitsbohne" Er scheint 
dem Worte nicht getraut zu haben. — Der preussische Provinzialname der Garten- 
bohne „schabbel", den 0. Hein in Zeitschr. f. Ethnol. 22, V. Verhandlungen S. 186 
niit poln. szabla (Säbel) zusammenstellt, bedeutet unfraglich zunächst die breit- 
schotige Gartenbohne, die wir Schwertbohne nennen, ähnlich wie wir eine Säbel- 
erbse haben. 



65 

J. Grimm die Göttinger hochdeutsche Fonn, die er sicher vor 1837 
selbst dort hörte: „Ftt^ebohne"^^). 

Rostock. K. E. H. Krause. 



Tannhäuserlied und Maria tzart. 

Die nachfolgende, bisher unbekannte Ueberlieferung zweier Lieder 
steht auf der Rückseite eines Flugblattes über Himmelserscheinungen, 
das im Januar 1520 zu Wien gedruckt wurde. Die Bruchstücke dieses 
Flugblattes sind, nach einer Notiz von J. L. de Bouck (vom April 1854), 
im Jahre 1851 auf ^er Hamburger Stadtbibliothek in einer alten Bücher- 
decke gefunden. 

Auf der Vorderseite des Blattes steht zu lesen: 

Na Christ unaes heren ahebort mccccc und xx yaer in Janimrio synt sulichje 
(e)r8chynynge wo hyr navolget to Wyen in Osteryck / in deme nygen erweiten 
romesckefn) (k^oninäc lande van menntghen gheaeen worden. 

§ Des vj daghes in Jantiario eyu vorverlyck grot Cirkel mit regenpaghen 
farwen umme de sonne tweysschen ij unde iij vren na myddaghe. 

§ Am iiij daghe Januarij tweysschen i und ij na myddaahe / ys eyn sulker 
swart baUce van dSr sonnen swerck auer sunthe Steffans eher utnghan by na anto- 
heven by dre hundert strede lank. 

§ In Januario den iy dach eyn weynich na v uren vmme deme mane eyn 
sulc/ker circkel mit gutten lichten regenpagen farwen, [Figuren : Sonne, Stephans- 
dom, Mond.] 

Am vij dage in Januario des morgens fro hälff na der sonnen vpganck synjt 
sulcher iij sonnen gheseen worden mit sampt den vorkörten reaenpaaen darup / 
unde synt de sonnen am ersten root ghewesen mit deme schyne dojck oalde dama 
lichter gheworden / unde alzo van vpganck beth to deme unjerganck gheschynen 
unde beth ij etlycker beth iij uren gheseen na myddajch. Id seghen etlyke war- 
hafftige personen dai se suiche iii sonnen scheyn an v dage in Januario des morges 
gheseen nebben. 

§ In Januario den vj dach twefjsschen vij und viii uren up de nacht ys 
umme den maen duffe figure eyn langhe wyl gheseen worden / Oek des ghelyken 
eyn weynich duncker / unde oek by na ij stunde spader d(e) negeste nacht dama, 
fd seghen etlyke warhafftige personen se hebben den suluen morgen by na vmme 
iij vren vormyddage den maen oek alzo gheseen doch ys dat crutze rot farwe ghe- 
wesen. [Figuren] äs die naturlyken geister Aristotelis Seneca der grote Albertus. 

Ich lasse nun den Text der Lieder genau in der Schreibweise und 
Anordnung des Originals folgen. 

I. 

Ein leet van denie DanhuOer. 

1. Aver wyl ick heuen an / van eynem Danhuser (syn)gen. Unde wat he 
Wunders heflfl . gedan / mit V(enu8) der duuelynne. 



«*) 3, 1 695 „Fitzebohne, phaseolus vulgaris, ostreich. fisole." Sollte er „Fitze" 
und „fisole" haben zusammenbringen wollen? 

Niederdeutsches Jahrbnch XVL 5 



2. Danhuser was ein rydder gudt / (he) wold(e wu)nd(er 8)cb(ou)wen. He 
toch to venns in den berch (to an) der(n) schonen fronwen. 

3. Do eyn jaer al vmme qnam / syn snnde befunden eme to leiden. Venus 
eddele fruwe tzart / jck wyl (we)dder van jw scheiden. 

4. Her Danhußer wy hebben jw leeff / daran so schöle gy dencken. Gy 
hebben uns eynen eyd gesworen / gy schölen van uns nicht wenken. 

5. Frouwe Venus des hebbe jck nicht ghedan / dat wil jk wedderspreken. 
Unde spreke dat jmant meer wen gy / jck wolde dat an em wreken. 

6. Her Danhuser wo rede gy nu also / gy schölen mit unß bliuen. Ick 
geue jw miner spelnoten eyne / tho eyneme steden wyue. 

7. Neme ick denne nu ein ander wyff / wen jck drege jnn minem synne. 
So moste jnn der hellen grundt / mine sele ewichliken bemen. 

8. Gy Seggen my vele van der hellen grünt / gy hebben der nicht be- 
funden. Gedenket an minen roden mundt / de lachet to allen stunden. 

9. Wat helpet mi jw roder mundt. he js mi ghar vnm(ere) Geuet orloff 
edle fruwe tzart / dörch aller juncfrowen (ere). ' 

10. Danhußer gy wilt orloff hau / wy wilt jw neinen gheuen. Bliuet hyr 
by uns ein ridder gudt / unde fristhet jw junge leuen. 

11. Myn leuent js my worden kranck / ick mach nicht lenger bliuen. Na 
bicht vnde rouwe steit myn boger / vnde jn böte myn leuent vordriuen. 

12. Danhuser wo rede gy nu also / synt gy ock kloek van synnen. So gha 
wy jn en kemerlin / gy schölen doch nicht van hennen. 

13. Gy segget my vele van dem kemerlin / vt juwem falschen synne. Ick 
seet an juwen ogen wol / gy synt eyne duveline. 

14. Danhuser wo rede gy nu also / wil gy jo mit uns scheiden. Scholde 
gy lenger hyr by uns syn / gy mösthen des dicke entgelden. 

15. Frouwe venus des sijt bericht / jck wyll nicht lengher blyuen. Help 
my maria du reine maghet / van dessen bösen wyuen. 

16. Danhuser gy wylt orloff han / nemet orloff van dem grysen. Wor gy 
jn den landen varen / vnse loff dat schöle gy 

17. prisen. § He scheide wedder vt dem berge / mit leue vnde ok mit leide. 
Help maria moder du reine maget / van dy lat my nicht scheiden. 

18. Nu wil jk hen to Rome gan / got möte desser reise wolden. Thom 
geistliken vader vnde pawes urban / de mijn seel mach beholden. 

19. Ach, pawes geistlike vader myn /jck klage ju mine sunde / Der jck 
myn dage vele hebbe gedan / so jck dy nu will vorkunden. 

20. Ick bin gewest ein heel gantz jaer / jn sunden mit Venus der frouwen. 
Dat bichte jck nu hyr openbaer / wente alle sunde my sere rouwen. 

21. De Pawes hadde ein dörren staff / den stötte he in de erden. So wen 
de staff nu gröne wert / schölen dyne sund vorgeuen werden. 

22. Danhuser scheide sick uth der stat / mit leide unde ock mit ruwe. 
Maria moder du reine maget / help my dorch all dine truwe. 

23. Verflöket syn de leidigen papen. de my tor helle schriuen. Se wyllen 
gade eine sele nhemen / de woll beholden mochte bliuen. 

24. Do he quam al vor den berch / he sach sick wide (v)mme. God gesegen 
dy Sonne vnde Maen / dar t(o mine leven) frund(e). 

25. Danhuser ginck w(edder in den berch / he wart gar wol) entfangen. 
Seg (get nu Danhuser ein ridder gudt / wo heffl it jw gegangen. 



67 

Bisher waren vom Tannhäuserliede nur zwei nd. Relationen bekannte) 
Diese sind veröffentlicht von Leyser (Jahresbericht der deutschen Ge- 
sellschaft in Leipzig auf 1837. S. 37 ff.), und Uhland (Alte hoch- und 
niederdeutsche Volkslieder. 1844. 1. 2. 765 ff.). In beiden folgen noch 
4 Strophen. Da nun unser fliegendes Blatt am unteren Rande nicht 
unerheblich beschädigt ist, so ist anzunehmen, dass es ursprünglich 
auch die 4 folgenden Strophen, also im Ganzen 29 aufwies. Das Lied 
bei Uhland ist nach einem fl. Bl. d. J. 1550 abgedruckt, die Leysersche 
Relation stammt nach Scheller (Bücherkunde der sassisch-niederdeutschen 
Sprache u. s. w. 1826. S. 479) aus dem Jahre 1581, demnach böte unser 
Druck die älteste bis jetzt bekannte nd. Relation des Tannhäuserliedes. 

IL 
Dat leet Maria tzart. 

1. Maria tzart/ van edler art/ eyn roße an alle dorne. Du heffst mit 
macht/ hyr wädder bracht/ dat vor lang was vorlaren. Dorch Adams 
val/ so dy lieft wol/ sunt Gabriel vorspraken/ help dat nicht werde 
geraken / myn sund unde schult / vorwarff my hnld / went / nen trosth 
is/ wor du nicht byst/ barmherticheit vorwänien/ am lesten endt/ ick 
bydde nicht wendt/ van my jn mynem steruen. 

2. Maria myldt/ du heffst ghestylt/ der oltfeder vorlangen. De jaer und 
dage/ jn we und klage/ de vorhelle held gefangen. Tho aller tydt/ 
schrieden se stridt / al dörch des hemmeis porten / torydt jn allen orden. 
Dat he affqueem/ de en benem/ eer sware pyn/ dat all dorch dyn/ 
kusch juncfroulick gebere/ js affgestelt/ dar vmme dy telt/ de werlt 
en krön der ere. 

3. Maria rein du byst allein/ der snnder trost vp erden. Dar vmme dy 
hadt/ de ewyge radt/ eyn moder lathen werden. Des högesten heyl/ 
dörch dat ordeil / am jungesthen dage werdt richten / holt my jnn dynen 
plichten. werde frncht/ all myn to flucht/ hebbe jck to dy/ amme 
crutz bist my myt sunt Johan gegeuen. Dat du ock myn / moder schalt 
syn/ fryste hyr unde dar myn leuen. 

4. Maria klar/ du byst vorwar/ myt groter smart ghegangen. Do dine 
frucht/ gantz mit nntucht/ unschuldich wart gefangen. Vmme myn 
myssedath / vorwarff my gnad tho betren hyr myn leuen / went jck byn 
vmme geuen. Myt swarer pyn / und dat dorch myn / sundt unde schuldt / 
jck hebbe vörduldt/ am lyue und allen enden. werde roeß myn 
kranckheit löeß/ dyn gnade nicht van my wende. 

5. Maria tzaii; vormeret wart / in dy grot leit mit smertten. Do dyn kynt 
doeth/ eyn spere mit noed/ dörstack syn sachte herthe. Syn blödes 
safft y krenkede dyn krafft / van leyde woldest sencke^ / Johan deden se 
wenken. He quam all dar/ nam dyner war/ do dy dat sweii;/ dyn 
herte vorserdt / dar van symeon saget. junckfrow werde / lucht und 
erde/ den doet dynes kyndes beklaget. 



*) Vgl. Grässe, Der Tannhäuser und ewige Jude. Dresden 1861^ S. 20 ff. und 
Jellin^haus, Pauls Grundris d. germ. Phil. II, 428 u. 429, Anm. 5. 

5* 



68 

6. Maria schon dn högeste Ion / wen jck van hyr modt scheiden. So kam 
tho my / des bydde jck dy / dat my doch nicht vorleyden. De valscke 
Satan, went ick nicht kan / er dnnelsche lyst erkennen / noch mot jck 
jo van hennen. Vmme wärp my ock/ mantel vnde rock/ wenner dyn 
kynt / richtet my swynt / so wyß eme dyne bmste. spreck o Jesn / gyff 
my doch nn/ dessen snnder ewych frysten. 

7. Maria gud wen jn nnmod/ de vader van mi wende. So bydde ick dar/ 
dyn sone klar / wyse vöthe vnde hende. den mach nicht seer / de vader 
meer/ wedder my ein ordel spreken/ ock mach syck jo nicht wreken. 
Godt hylge gheist de- erst bewyst/ söt gnedicheit/ den js bere>i;/ 
dreuoldychlyke gude. Alßo wart my / salichkeit dörch dy / vor sunde 
my behöde. 

8. Maria fyn/ dyn klare sch}^/ vorluchtet den högesten trone. Do dy 
myt eren / van twelff stern / ward vp gesettet eyn kröne. Dreuoldycheit / 
hefit dy ghekleit myt hogher gnade vmme genen/ maria fryste myn 
leuen / so mennichen dach / jck bychten mach / o juncfrow söte / help 
dat jck böte myn snnde vor mynem ende. Wen myn herte brickt / myn 
sychte vorschrickt/ so gyff myner seel dyn hende. 

9. Maria frow/ help dat ick schow/ dyn kyndt vor mynem ende. Schick 
myner seel/ snnt Michael/ dat he se vor behende. Int hemmelryck/ 
dar alle gelyek/ de engel frölyck syngen/ ör stemme helle klingen. 
Hyllich hyllich / dn byst hillich. starker Godt / van sabaoth / regerest 
geweldickliken. Se hefll eyn end / al myn elend / vnd frow my ewich- 
liken. 

10. Maria klar/ du byst vorwar/ fygurliken bednden. Dat fluß gedeon/ 
bystu frow schon / van gade kroch macht to stryden. Bedndest vort / 
dn byst de port/ de ewich blifit geslaten/ van dy is nth geflaten/ dat 
ewych word / beslaten gard / getekendt bome / klar so de sonne / figurert 
vor langen jaren / van my nicht wendt / dyn tmw am -end / so ick 
schall varen. 

11. (Maria) mei(d) / (a)n alles leid i(n) dy synt (n)een (gebr)eck(en) . . . 

Das folgende ist durch die Beschädigung des unteren Randes des 
Flugblattes fortgefallen. Eine nd. Fassung des Liedes war Ph. Wacker- 
nagel unbekannt (vgl. Deutsches Kirchenlied II, 803 flf.). Erst später 
haben ndd. Texte desselben Jostes im ndd. Jahrbuche XIV, S. 67 und 
Edw. Schröder ebd. XV, S. 8 mitgeteilt 

Im Sommer 1887 fand ich im Museum für nordische Altertümer 
zu Kopenhagen eine hd. Version unseres Liedes, die ebenfalls bis jetzt 
unbekannt gewesen ist. Im Zimmer Nr. 13 befindet sich unter Nr. 229 c 
ein fliegendes Blatt mit diesem Liede. Das Lied trägt folgende 
Unterschrift: 

Itefn alle die dis leyt syngen oder leffen mit andockt dB sefbigd hat der 
bifchob von Zeitz gegebben XL tag ablas (vgl. ndd. Jahrb. XV, S. 10). 

Flensburg. Alfred Puls. 



Braunschweigische Fündlinge. 

(vgl. Jahrb. III, 70; VI, 135.) 

Till. Sanet Annen Preis. 

Diefes Stück und ebenfo IX, XIV, XV, XVI, XVII finden ßch in einem vor- 
wiegend lateinifche Druckfchriflen grammatifchen InJuüts vom Ende des 15, und 
aw dem Anfange des 16, Jahrh. umfaffenden Mifchbande in 4^ der Stadtbibliothek 
zu Braunfchweig, auf wnbedruckten Blättern oder über die leeren Bäume und Bänder 
einiger Titel und Texte eingetragen. Aüem Anfcheine nach von einer Hand, und 
zwar der nämlichen^ die einen der Titel mit derAuffchrift verfehen hat: Duth bock 
hebbe ick leff: we my dat fthylt dat is ein deff : dat fy here edder knecht de galghe 
ys yo fyn recht: Nicolaus Betzendorp eft pofl'eJTor huius. Auf die Bück feite des 
letzten Druckes und die anfchliefsende Innen feite des Pergamentmantels hat derfelhe 
KomzinS'Bückftände zu Oldedorp Betzendorppe, Owdorppe, Kakelitze und Stenwech 
Betzendorppe verzeichnet und unter dergleichen Einträgen an letzterer SteUe ver- 
merkt: Item dat halve kolterlonn hebbe ick vordeneth uppe paflchen a^ xj^ 

Anna, eyn eddele (tarn da bilth, 

Darvan de twych wafOen fcholde, 

Darvan de frncht gebaren ys, 

De uns alle erloßen fcholde 

Dorch goddes pyn, 

Darin wy fyn 

Dorch Adamß funde gevallen. 

Erhöre uns (tede 

In nnfem ghebede; 

Help, hylghe moder fonthe Anna, fnlff dmdde*) uns allen. 

Anna, dorch dyne hertlijke klaghe 

HefTta uns vele vronde bracht. 

Unfrnchtbar fcholdeltn draghen 

Marien, ath Gades kracht 

Ane funde gheborn. 

In fynen torn 

Laeäi uns, moder, nicht Valien. 

Erhöre uns ßede 

In unfern ghebede; 

Help, hylghe moder funthe Anna, fulff dmdde uns allen. 

Anna, eyne eddele ghebererynne, 
Eyne moder aUer gnaden, 
Vorwerflf uns, du werdige trofterynne, 
Dat wy nicht werden averladen 
Myth Gades hath. 
Vulbringhe uns dat 



*) Äüt Jefus und Maria, 



70 

Altyd na dynem ghevallen. 

Hiioimme ßo bydden wy dyck 

Stede ewichUjk. 

Help, hyllighe moder funthe Anna, fulff drndde uns nth allen. 

Alexander de fofte pawes heffl gegheven allen criftghelovyghen mynfchen, 
de duth naghefereven bedt fpreken dremal na eynander vor deme beide 
funthe Annen, x dufent yar vorghevinghe doetlijker fnnde unde xx dnfenth 
yar vorghevinghe daghelijker fände. Dat he alfo confirmereth unde be- 
ftedighet heffl; to Rome am pafchedaghe, do men fereff MGCCGxciiij. 

Ghegrutet fiftu, Maria vul gnaden, de here ys mith dy. dyne gnade fy 
myth my. Du bift ghebenedyeth baven alle vrouwesnamen. Unde benedyeth 
fy funthe Anna, dyne alderhylghefte moder, darvan uthghegaen y8 ane be- 
vleckinge unde funde dyn yunckfrouwelijke lycham, darvan ghebaren ys 
Jhefus Chriftus. AMEN. 

Verficulus. 
Ora pro nobis, beata Anna, mater Maria, 
Ut mundemur ab omnibus malis in hac vita. 
AMEN. 

IX. Marienleich. 

Aus Nicolaus Betzendorps Mifchbaiide: vgl, hei VIII. 

Ghegrotet fiftu, Maria vul*) reyne, 
Wente du bift eyne konighinne alleyne 
Aver der enghele fehar. 
Wente du bift eyne lichte morghenfterne 
Unde des hilghen gheyftes eyne lucerne 
AI in deme hemmel klar. 

Wente uth dick is entfpraten 
Eyne doghentlike frucht. 
Maria, vor fnnden uns beware, 
Wente fe findt fo fware. 

Maria du vul*) reyne, 

De chriftenheyt ghemeyne 

Beware, 

Unde vordriff de olden funde,^) 

Mit des hilghen gheiftes hulde 

Uns beware. 

Eonningk David fath fick gar erenthryke, 

Eyn ghulden fath draghet he fo doghentliken, 

Alfo hude unde aver mennigh jare. 

Jfayas uns van ore faghet, 

Wu fe is eyne juncfrowe unde reyne maghet, 

Unde dat is feker unde wäre. 

Wenne aller propheten tnnghe^) 
Se nicht füllen laven magh, 



71 

Wente fe is den olden alfe den junghen 
Saß in den, jongheüten dagh. 

Maria du vul^) reyne 

De chriftenheyt ghemeyiie 

Beware, 

Unde vordriff de olden fnnde. 

Mit des hilghen gheiftes hnlde 

Uns beware. 

Du fuckerfmack, du ballTemyat ful reyne, 

Du reyne lylienftam, 

Eyne kröne van elpenbeine,*) 

Eyn rofellyn wolgethan. 

Eya du fchynende gholdt, baven alle dine ghute, 
Behude uns, her, vor der bitteren ghlute. 
Alle vor der duvel fchar. 

An unßem ende 

Do uns dine^) hulpe rchyn, 

Den hilghen enghel uns tho fehicke fende, 

Dath wy nicht kamen in pyn. 

Maria du ful reyne. 

De chriftenheyt ghemeyne 

Beware, 

Unde vordriff de olden funde,^) 

Mit des hilghen gheiftes hulde 

Uns beware. 

Hf, *) wul. *) fchnlde? ») alle propheten tunghen. ♦) elpenbeene. *) diner? 

X. Aye maris Itella yerdeutscht. 

Auf der leeren Rückfeite eines augenfcheinlich fchon in alter Zeit ausge- 
fchnittenen Blattes einer theologifchen Hf der Länge nach in durchlaufenden Zeilen. 
Von dem hier nach Kehreiny Lat, Sequenzen des Mittelalters etc, Mainz 1873, Nr, 254 
voUßändig beigefetzten lat, Texte ßnd im Orig. den einzelnen Sequenzen nwr je die 
erften zwei Worte vorangefteUt, — Der lieber fdzung liegt augenfcheinlich nicht un- 
mittelbar das lat. Original, fondem eine hochd, Uebertragung zu Qnmde, von der fie 
in Lauten und Worten fovid beibehalten hat, dafs eine ujunderliche Mifchfprache 
entftanden iß. 

Ave preclara Ich grote dich gerne 

maris ßeOa, meres fl»me, 

in lueem gentium den heyden luchteftu fo ferne, 

Maria divinitus orta. du gotlige deme. 

Enge dei porta, Eya godes porte, 

quce non aperta, dyn floz ny rorte. 

veritatis Iwnen, Eyn gotlik licht der warheyt, 

tp/ttw foUm jußitics Jhefum Chrift van Nazareth, 



72 



indutum came 
dtuns in orbem, 

VirgOf decus mundiy 

regina cel% 
prceclara ut fol, 
ptdchra lunaris ut ftUgor, 

agnosce omnes 

te diligentea. 

Te plenam fide 

virgam almce ftirpis Jeffe 

nafcituram priores 

defideraverant 
patres et prophetm. 

Te, lignum vite, fancto 
rorante pneumate 
paritwam divini floris 
amygdalam 
ßgnavit Gabriel, 

Tuagnum, regem, 
terrcB dominatorem 
Moabitici 
de petra deferti 
ad montem filice Sion 
traduxißi, 

Tuque fwentem 
Leviathan ferpenteni 
torttwfumque et vectem 
collidens 

damnofo crimine mtmdum 
exemifti. 

Hinc gentium 
no8 reliquicB 
ttue fub cuUu memorice, 
mtrum in modum 
quem es enixa, 
propitiationis agnum 
regnantem coelo aetemaliter 
devocamus ad aram 
mactandum myßerialiier, 
Hinc manna verum 
Israelitis veris, 
veri Äbrahae filiis, 
admirantibus quondam, 
Moyß quod typus figurabat, 
jam nunc 



an mensliger formen 
trogelt en vorbergen. 

Mayt, der werlde eyn zii*de, 

du bift in der wyrde 

nzirwelt e)^! znnne, 

des manen fchyn eyn wnnne. 

fnnd mache van fmertzen 

de dich liep han van hertzen. 

Trofteryn gute, 
van YelTe eyn wunfchelrote, 
Anna dyn moter dich berte, 
dyn kint unß emerte, 
d6 Propheten des gherten. 

Gabriel ühelle 

to dir kam, du godes celle, 

de botfchop her dy brachte, 

dy god vorbedachte: 

des ful wy ummer trachten. 

Den koningk un daz lam, 
der von Moab gewaldich kam, 
hailt bracht reyne. 
van dem wöften fteyne 
up den berch Syon gevoge 
du en trogelt. 

Des argen Hangen lift, 
der unfs trot in fo korter vrift, 
haft beÜtiricket ftark, 
beregelt in der helle fark. 
AI de werlt van oren funden 
haift entbunden. 

Van dir han wir, moter, funderlich, 

daz wy operen daz opper ift wunderlich. 

Das gotlige lam 

heylfam van dir kam, 

du zarte juncfrauwe reyne, 

kufch vruchtbar alleyne. 

BifH; gnaden rieh, 

helff unfs endelich, 

daz wy motzen godes brachen ewichlich. 

De waren Abrahams kint, 

de uterwelet fint, 

de dar feen den fchyn, 

der da was fo phyn, 

der von Moyfes antlate luchte 

alß de finden duchte. 



73 



abdueto velo 
datvr perfpicL 

Ora virgo, 
no8 iüo pane codi dignos effici. 

Fac fontem didcemj 

quem in deferio 
petra prcemonftravitj 
deguftare cum ßncera fide, 
renesque conßringi 

lotos in marif 
anguem ameum 
in cruce fpeculari, 

Fac igni fancto 
patrisque verboy 
qtiod n*bu8 ut fUmima 
tu portafti, 
virgo mater factOf 

pecuali peüe 
discinctos pede^ 
mundia labiis 
cordeque propinquare, 

Audi no8j 
nam te filius nihil mgatis 
hanorat, 

Salva no8f Jefu, 

pro quibus virgo mater te orat. 

Da fontem boni 

vifere, 
da pwrcB men^ts ocutos inieUigere, 

Q;uo hauftas fapientice 

faporem vit€e 
vdUat mens inteüigere, 

Chriftianismi fidem 

operibus redimere 

beatoque fine ex huius incoUäu, 

fcBculi auctor, 

ad te tranaire. 



Daz fchach in figore 

gotliger natüre. 

Helff unfs, keyferin, 

daz wy moten hymmelbrodes werdich fin. 

Giff, dat wy mntzen 

god alfo grozen, 

den bome zn faczen, 

de dar van dem fteyn uzgevlotzen. 

An kufcheit unfs fterke, 

daz merwijs werke 

des craces jamercheit den Hangen 

fich vor dy hangen. 

Hilff nnfs znm vnre 

edell, dn tnre, 

das da famphte trüge. 

Als der bafeh du wereft fo gevoge, 

daz diz nicht en fehate 

fo god behagte. 

Mnnt hertze an reynicheit, 

de fände 

was dir nnknnde. 

Muter mayt, 

hör unfs. Din kint dir nicht vorfait 

des du mutiH;. 

Mach unfs fund, Jhefu, 

fo jo din leve muter gar gnd is. 

Den born lath unfs fchauwen 

gotligen vlutz, 

de ewicheit mit des horten ogen. 

Des lebendes fmak fo zotze, 
de geift mit gnaden ummerme 
fin gebrughen mote. 

De werk mit den werten 

de fluzen unfs up de porten 

zu den hymmels orten. 

Na duffem elende unfs zy bekant 

mit frauden des vader land. 



XI. 

Auf einem Zettelchen, das 1873 in der Höhlung eines Pfeilers der Kirche des 
Kloßers Marienberg bei Helmßedt gefunden wurde, Schrift des Id. oder 15. Jahrh. 
Quintus ritmen*) de affenfione domini. 
Lof fy dick, föne unde hilge geyft, 



74 

Wente gy an dem hymmel aldermeylt 
Sint myt dem vader ewichliken 
Unde nummer van 2) ome wiken.^) 
Dn woldeft doreh xm{\ mynfche werden: 
Dy fy lof an hymmel onde an erden. 
Hf. fo! 2) wan. ») viken. 

Xn. WelTs und Grün. 

Atis einem Handfchrifleribande der Minderbrüder zu Braun fchweig^ jetzt in der 
StadtbibliotJiek dafelbft. Offenbar ein unvollendeter Entwurf j der Schrift nach dem 
14. Jahrh. angehörig. Vgl. v. der Hagen Minne f. 3, 42^. 

Dat wytte ys eyn gut ghewant, 

Dato Got vant. 

Got de wytten varve entfeng: 

Herodes^) dede Gode en wyt clet an. 

Alzo nns God bewyfet hat 

En gut ghedank an wytter^) wat. 

Ok haft US God bewyfet me 

An enem brode, wyt alzo ibe: 

Wen de prefter over dem alter fteyt, 

Und God de wytte varve enfeyt, 

So enfengkt*) he de mynfcheyt an eym*) brot. 

Grone varwe was ere der acht, 

Ere hemmel unde erde wart vuUenbracbt 

Grone varwe, du byft bereyt, 

Du fcalt fyn dat wapenkleyt. 

Got wel fych an dych vorfliten 

Unde der funde bende toryten 

In fyner barmhertycheyt.^) 

Dn funder, wes bereyt 

Unde dank em der gute 

Unde der groten overvlute.') 

Maria, du edele futicheyt,^) 

Du fcalt fyn dat wapenkleyt. 

Dat ys in der olden e gefchen, 

Dat fych got let an gron fen. 

An ene wolt, de was gron, 



In der Hf. ^ De. ^) undeutlich und unaewifs. ^) wytte. *) entfengk. ^ 
eyn. «) barmhertych. ') overvlate. *) futiheyt. 

Xni. Weltllpruch. 

Aus einem Gerichtsbuche der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. im Stadtarchive zu 
Braunfchweig. Die verwilderte Schreibung der Hf. vereinfacht. 

Gy minfchenkinder up erden, 

Holdet gericht und gerechticheyt in eren, 

Trachtet juwer efchinge mit flyte na, 



75 

Dem gerechten juwe gemöte alletyt byfta. 

Fruchtet gick nicht vor dem Satan up erden: 

He kan nnde mach jnwer nicht mechtich werden. 

Lydet gy icht wat umme der gerechticheyt, 

Dat heffc gick jnwe got npgeleyt. 

Dat kraze draget mit gedalt to aller tyt, 

Hopen in got maket aller vorfolginge nnde lydens qnyt. 

Hopen in got up erden 

Let nemant to fchanden werden. 

We dem heren des van herten vortruwen kan, 

De blift wol eyn unvordorven man. 

XIV. Judeneid. 

Ati8 Nicolatis Betzendorps Mifchbande: f. hei VIII. Manche Anklänge an diß 
hier vorliegende Formel finden fich in einer andern, die Fr, HoUze, Das Strafver- 
fahren gegen die niärkifchen Juden im J, 1510 (Sehr, des V, für die Oefch, der St, 
Berlin, Heft 21, Berlin 1884, S. 74 f.), aus einem Gedenkbuche des Bathes zu Braun- 
fchweig veröffentlicht hat. Vgl. auch den Erfurter Judeneid in den Denkmalem 
Dewt/cher Poefie und Frofa aus dem 8,-12. Jahrh,, hrsg, von K. Müllenhoff und 
W. Scherer, 2. Ausg., Berlin 1873, S, 247, und Scherers Anmerkungen dazu S, 625 ff, 

Nota, wo eyn jodde tho rechte fweren fchal. unde dnffen eydt fcal eyn 
jodde doen uppe Moyfes bocken, nnde de jodde fcal ock nammer komen uth 
fyner fcholen edder uth fyner fynagogen an jodden. De jodde fchal fynen 
eydtftauweren gheven eyn pnnth pepers unde eyn par hoßen. De jodde fcal 
barvoth ftan up eyner tzeghenhudt unde fcal fyne arme blodt hebben wente 
uppe den ellenboghen, unde fcal fyne handt gantz legghen up hem ^) Moyfes 
bock wente tho deme lede. Edder de jodde fchal fyck alfuß na difler na- 
ghefchreven wyße bereyden tho fynem eyde. 

Item wannere eyn jodde fweren fcal, de fcal hebben ane eynen ghraw^n 
rock, eyn hemmede unde twee hofen ane vorvothe, unde eyne blodighe hudt 
an fyner rechteren handt gedrucket van lammes blöde, unde eynen fpitzen 
hödt nppe. unde me ftiavele ome den eydt alf^o unde fegghe: Jodde, du 
fpriokeft dath uppe dyne ee unde uppe dyne jodeffcheji, dath düth fy dat 
bück, dar du nu dyne handt uppe heft, der vyff bocke eyn hem*) Moyfes, 
dar du dick tho rechte uppe entfchuldighen fchalt alles des me dick fchuldt 
ghift: des dick dufße N. befchuldighet, dat du des unfchuldigh bifth, dat 
dick ghodt alfo helpe, de dar ghefchapen heft hemmel unde erden, für, luft, 
water, loff unde graß, dat dare nicht en was, unde ifth du unrecht fprekeft, 
dat dick denne de ghodt fchende, dede Adame ghebeldet hath nha fynes 
fulves beide unde Evam makede van fyner ribben eyn. unde ift du unrechte 
fwereft, dat denne de ghodt dick fchende, dede Zodomam unde Ghomorram 
vorbrande 2) mith dem helfchen fbre. unde ifl; du unrechte fwereft, dat dick 
denne de erde vorflinghe, de dare vorflangh Dathon unde Abiron. unde ift 
du unrechte fwereft, dat dick denne de mafelfnght befta, de dare Naamam 
leydt und Jefy beftoet. unde ift du unrechte fwereft, dath dick 3) denne dyn 
vleyfck nummer tho erden ghemenghet werde, unde ift du unrechte fwereft, 
dat dick de ghodt fchende, dede wedder Moyfes fprack uthe eynem furighen 



76 

buHche. unde ift du unrechte fwerefth, dat dick denne de ghodt fchende, de 
Moyfi de ee fchreff mit fyneii vingheren an twene ftennenen taffeien, unde 
ift du unrechte fwereft, dat dick denne de ghodt fchende, dede den konningk 
Pharaonem flogh unde de de jodden avere dat meer drogh, unde vorede Fe in 
eyn landt, dar me melck unde honningh^) inne vanth. unde ift du unrechte 
fwererth, dat dick denne de ghodt fchende, de de jodden fpyfede in der 
woftenye^) myth dem hemmelfchen brode xl jare. unde ift du unrechte 
fwereft, dat dick de fchrift velle, de dare fchreven fteyt an«) den vyff bocken 
Moyfi. unde ift du unrechte fwereft, dath dick 3) denne de ghodt fchende 
unde dick deme*^ duvel ßende myth lyve unde myth f^ele nu unde jummer- 
mere. Amen. Hie imponat manum fuper libros Moyfi. 

Keyfer Otto de fchuldt, de dick ghift dufte N. unde fyn vorfprake, de 
feght du de N.^) unfchuldigh fyefth, dat du des nicht en hebbeft an dyner 
kyften befloten, nicht an dyner wanth behut, nicht an dyner erden begraven, 
dat dick de ghodt alßo helpe, defulve ghodt, de dare leydt werden hemmel 
unde erden, berghe unde dael, water unde lufthe, loff unde ghraß. alfio 
helpe dick defulve ee, de dick anghekamen ys van dynem vader unde van 
dyner modere, alfo helpen dick de viff Moyfes bocke unde de ee, dare in 
ghefchreven ys: efth du unrecht hebbeft, dat du moteft vordorren alße de 
berghe tho Gelboe, den David vorflokede, ßo mote uppe dick yo reghen 
datfulve fwevel unde peck, dat dare reghende tho Zodoma unde Gomorra, 
dare de ftede in de affghrundt funcken, fo moteftu werden tho eynem folth- 
fteyne,®) alfe Lottes wiff»^) wardt dare umme, dat ße fick umme^i) fagh, fö 
mote dick vorflinghen de erde, de dare vorflangk Dathan unde Abiron, 
Oreb unde Thore, ßo mothe dick yo beftaen de malatzfche fncke, de dare 
beftunt Naamach van Ziroch. Szo fwereffcu by dere kraft, de Jofue der 
funnen ghebodt, dat fe ftille ftunde, wente dat he fick wroke ^^) avere fyne 
vyende tho Gabardt. unde dyne erde nummer kome mancket ander erde, 
unde dat dyn wiff><>) unde dyn geflechte unde dyne kindere nummer en 
komen mancket Abrahammes kindere. unde dat dufte eydt, den du fwereft 
hire vore, recht fy des N., alßo helpe dick Adonay Adonay etc. 

In der Hf. ») her. ») vorbrante. ») di^k. *) hönnigh. ») voft^nye. «) 
ahn. ^ den. ®) Die offenbare Verderbnifs dtefer SteUe wei/8 ich nicht zu beffem. 
ö) fteynne. *<>) viff. ") vmhe. ") vroke. 

XY. HeUzauber. 

Aus Nicolaus Betzendorps Mifchbande: f, bei VIII. 

Notandum eft hie quia . . A) ad equos. 

Item wanne 2) de perde de worme hebben, ßo binth ene dufße naghe- 
fchreven werde umme den halß unde lath^) ße ßo langhe fytten, ßo langhe 
ße de vore ghehath hebben. (-1-) Tranfon (+) Conebron (+) Et fentes 
(+) Et Jacob (+) et Trayfon (+) Terelfnea (+) Solentes (+) Et fentes (+).*) 

Item duth naghefchreven ys vore dene*) bete des dullen hundes unde 
mach me in botter kleyven. Hoc contra fignum nuUum ftat periculum. 
+ Pax + max + ymax -j- Dens -j- Jhefus Maria Johannes Sanota Ann^ 
fulff drudde H.^ 



77 

Pferdearznei. 

Item wen eyn perdt hovetfegk ys, ßo nym: De groten ernten, dede 
eyger hebben, fengk in e>iien fagk efte budel,<^) alß dn meyit; kanfth, nnde 
feeth [fe] mith vletendem'O water eyn (tnnde langh unde decke*) den toph 
to. Tandem da eqno bibere de fero ac mane . . .^) et tamdiu etc. 

Hf, >) unle/erlichea Wort. ") whafifi. ') vielleicht dath: eins von beiden ift 
Correctur. *) die acht Zauberworte in ebenfoviel Zeilen; das hier im Drucke mit 
(+) unederaegebene Zeichen ftelU fich in der Hf. als durchkreuzter Kreis dar. *) 
denfi. «) Duddel. ') vletende. *) deke. ») ein Wort mit Tinte übergoffen. 

XTI. ^Wo Toi ich mich hin keren' etc. niederdeutreh. 

Aus Nicolaus Betzendorps Mifchbande: f. bei VIII. Beigefügt ßnd die Varianten 

A) des nd. Textes der Niederdeutfchen VolksliedeTf hrsg. vom Vereine für nd. Sprach- 
forfchung, L Heft ßrsg. von W. H Mielck), Hamburg 1883, S. 90 f., Nr. 34, in 
dem zu Grunde liegenden fog. Uhland^fchen nd. Liederb. (c. 1600?) Nr. 110; 

B) des nl. in dem Antwerpener Liederbuche von 1544 (Een fchoon liedekens-Boeck. 
Tantwerpen. By Jan Roulans. M. CCCCC. efi XLJJJJ.) hrsg. von Hoffmann 
von FaUersleben, Hannover 1855, 8. 249 ff., Nr. XLVI: Een oudt liedeken; 

C) des ftark gekürzten hochd. in Burkard Waldis' Verlorenem Sohn (De parabell 
vam verlorn Szohn, gefpelet tho Byga ynn Lyfflandt, Am xvij dage des Monts 
Februarij. M. D. xxvij. o. 0. u. Dr. 4«) hrsg. von G. Milchfack, Halle a. S. 1881, 
S. 28 f., Z. 703 ff.; 

D) des hochd. in ühlands AUen hoch- und niederdeutfchen Voücsliedem, Stuttg. u. 
.Tüb., Abth. II, 1845, 8. 581 ff., Nr. 213; 

E) des hochd. in Franz M. Böhmes AÜdewtfchem Liederbuch, Leipz. 1877, S. 430 ff., 
Nr. 358, wo S.431 bemerkt ift: Die mangelhaften RecenTionen mit anderer 
Reihenfolge nnd Zulammenfetznng der Strophen hat Uhland in eine gereinigte 
Lesart zulammengefUgt nnd ift dabei der Quelle b (dem fog. Ambrafer Lieder- 
buch: Lieder-Büchlein [Frankfurt a. M.] 1582, Nr. 77 und: Lieder-Büchlein. Frank- 
furt am Mayn, MDLXXXIV. Nr. 97: Der Weltiich Schlemmer) und c (fl. Bl. 
o. 0. u. J.) gefolgt. Zugleich ÜJts aber die Lesart der Bergkreyen, welcher Quelle 
ich gefolgt bin. 

Das VerhäUnifs des Beßandes und der Strophenanordnung diefer fünf Becen- 
fionen zu dem der hier wiedergegebenen wnferer Hf. veranfchaülicht nachftehendes. 
Schema. 

Hfu.B. ADE. C. 



1 

2 


— - 


1 = 1 

2 = 3 


3 
4 


~ 


»)=.. 


5 


= 


5 — 


6 


= 


10 = 4 


7 


=: 


8 -- 


8 


= 


6 — 


9 


= 


7 — 


10 


rr= 


9 = 6 


1 
2 




11 = 2 



,4, 1-4 

13, 5—8 



78 



1. Wor fchal ik mij hen keren 
Ik armes broderlin? 

Wes fchal ick mij erneren? 
Myn gudt iß vel tö klein. 
Alze ik eyn wefen han, 
Szo moet ik balde darvan 
Wat ik nu fchal vorteren, 
Dat hebbe ik vore vordaen. 

2. Ick bin tho fro geboren : 
AI wor ik nn hen käme, 

Myn ghelncke kumpt erften morgen. 
Hedde ik eyn keyferdom, 
Öartho den toi amme Ryn, 
Unde were Venedye myn, 
Id were doch alle vorlaren, 
Id mnth vorflometh fyn. 

3. Szo en wyl ik doch nicht fparen 
Unde wyl idt alle vorteren, 
Unde wyl darumme nicht forghen 
Godt befcheii; my morgen mer 
Wath hnlpe ydt, dat ik fpare? 
Vellichte verlöre ik id gar; 
Scheidet my eyn deff uthdragen, 
Idt ruwede my wol eyn jar. 

4. Ik wil ene lathen forgen, 
Deme idt to herten gaet, 
Myn gheldt wyl yk vorbraffen, 
Vorflomen vro unde fpaet. 

Ick neme eyn evenbilde 
By mennigen deerlin wyl de, 
Idt fpringhet up groner beide: 
Godt behode em fyn ghefilt. 

5. Ik fee np groner heyden 
Vel mennich blomelin ftaen, 
Sze finth fo wol gekleydet: 
Wat forge fcholde ik doch haen, 
Wenne ik gudt averkameV 

Ik byn noch vrifch unde junck; 
Scheide my de nöth anlangen 
Myn herte wüft nicht darum. 

6. Dre worpel unde eyn karthe 
Dat is dat wapent myn 

Soß hovefcher frowelin tzarte 
Up jewelker fiden dre. 
Kum her, du fchone wiff 
Du vorvrowefth dat herte myn. 
Lef, fcholde ik by dy flapen 
So worde myn herte vro. 



7. De voghel laeth ik forghen 
Geghen deflen winter koldt, 
Wyl my de werth nicht borghen, 
Myn rok gheve ik em baldt. 
Den hoyken ok dartho. 

Ick hebbe noch raft noch rouwe 
Den aventh unde den morghen, 
Beth ik idt alle vordoe. 

8. Neen bether vroude up erden is 
Wen eyn gudt levent haen. 

My wert nicht mer tho deffer tidt 
Wen flqmen umme unde an. 
Dartho eyn vriger möth, 
Ik fta nicht fer na gudt, 
Alze mennich ryke borgher 
Na groteme woker doeth. 

9. He ghewinnet fin gudt mith flapen, 
Darto mit groter noeth; 

Wen he rouwe fchal haven, 
Szo licht he, alze fy he doeth. 
Szo bin ik vrifch unde junck, 
Godt geve my vele der ftundt; 
Godt behode my junghen knapen, 
Dat my neen unmoeth kumpth. 

10. Her werth, fettet an de braden, 
Dartho de honer junck, 
Darup mach uns geraden 

Eyn vrifcher koler drunck. 
Drage her den kolden-win, 
Unde fchencke uns dapper in: 
My ys eyne buthe gheraden. 
De moeth vorflometh fyn. 

11. Dath fwerth up mjTier fyden, 
Ik make my drade darvan, 
Unde hebbe ik nicht to ryden, 
To vothe moeth ik gaen. 

Ikt wyl nicht fin alle ghelijk, 
Ik byn nicht alle tidt ryke, 
Ik moeth de tidt vorbeyden, 
Beth yk eyn ghelncke erflike. 

12. De uns d}i;h ledeken nige 
Ghefunghen haeth vorwar, 
Dath heft ghedaen ein f lomer vry, 
Godt geve ome eyn vrolik jar. 
AI in dem kolen wynn 

He wolde yo vrolik fin. 

Sin gheldt heft he vorbrafTeth 

Mith hovefchen fröuwelin fyn. 



7d 

1, 1 = C 1, 3. 2. armes : dummes, tummes AE. 3 = C 1, 1. Wes : Wor, Wo 
AC, Wie DE, 6. darvan : van daen B. 7. Wat : Dat B. nu fchal : nu foude J5, 
fchal hyr A, fall (foll) hewr CE, fol heut D. 8. vore : te voren J5, vem A, ferdt, 
fert CE, femt D. 

2, 2. Ya vor ick henne kam A, All keer ic mi om ende om B^ Vnd wo ich 
ye hvn kumm C, Ja wo ich heut (hewr) . . . DE, 8. Myn ghelucke : Meyn glück 
das C, kumpt : kumpt mir DE. 4. Hadde ick : AI had ick B. eyn : dat (das) AÖDE. 
5. amme : van den B, 6. Venedye : Venedig ACDEj Venegien B. 7. Id were doch 
alle : So weer ydt alles A, Szo wer es doch C, So wer es als DE, 8. muth : möfte 
AB, moft C, müft DE, 

3, 1—4 fehlt C 5, wo dafür 4, 1—4 ßeht 1. So en : So ACDE, doch : dan B. 
2. Ende wil dat ooc verteren J9, Vnde efft ickt alles vorteer A, Und ob ichs alls 
verzer DE. 3. Unde wyl : Ic en wil B. 4. befchert : beforghes B. 5— 8 = C 5, 
5—8. 5. hulpe ydt : hilfts DE, helpt my J9, hilft mich C. dat ick : das ichs C, dat 
ick lange, daß ich lang ADE. 6. Billicx ick verloort te gar B. ick id gar : icks 
alles ganr A. 7. Tfou mi een dief ontdragen B, Scholdet my : Solt mirs C. uth- 
dragen ; entragen C, 8. Idt ruwede : Das rewet (reuet) CDE, wol fehlt CDE, 

4, 1-4 = ADE 4, 8. 4. 1. 2, C 5, 3. 4. 1. 2. 1. Vnd wil den forgen lathen A, 
Und wil ein . . . DE, Wil eynen , , , C. 2. idt : dat B. 3. Ick wil myn gudt A, Ich 
wil mein gut CDE. 4. Vorflomen : Mit fchlömen (flemmen, fchlemmen) ACDE, 
5 — 8 fehlt C 5, wo dafür 3, 5—8 folgt, 5. Ende ic ben even bly B. neme eyn : 
neme my (nim mir) ein ADE, 6. By die menighe waer dat fi B. By : Von bE. 
mannigem deerlin : veelen deertlin A, 7. Idt : Das DE. uph groner : opter B. 8. 
God behoede zijn gefchil B, ghefilt : geueldt A. 

5 fehlt C, U groner heyden : gheender heyden B, breyder heyde, breiter beide 
ADE, 2. Veel mennich blomelin : Vil (Wil) manches blttmlein DE, Mennichte van 
bloemen B, 3. Sze finth : De f int A, Das ift DE. 4. forge : forghen B. doch : den 
(denn) ADE, fehlt B. 5. Als mijn goet over quam B, Wenne ick : Wor ick A, 
Wie ich DE, 6. noch : fo J9. 7. de nöth anlangen : ein node anlangen ADE, die 
doot bedwingen B. 8. Ic en truerde daer niet om B, wtift nicht : weft nichts DE, 
weth nichts A. 

6 = 56, C 4, ADE 10. 1. Drie worpen in der caerten B. karte : karten CE, 
2. dat wapen myn : myn wapen fiy, meyn wapen vrey ACDE. 3. Ses huebfce 
vroulijns hertzen B, hovefcher : hübfche A. 4, Up jewelker : Op elcke B, Vff yt- 
licher C, An yder A, an ieklicher (jeglich) DE, 5. Kum : Ruck CD, du fchone : 
mein fchönes E, du fchoonftes B. 6. Ghi verblijt , , , B, Erfröuweft myn hert im 
lyff A, Du frewft myrs hertz ym leyb C, Du erfrewft , , , D, ... mir mein , . , E, 
7. Lief, mocht ic by v flapen B, Schal ick hüd by dy fchlapen A, Solt ich heint 
bei dir fchlafen E. Vnd mocht ich bey ., .C, Wol in dem rofengarten D. 8. So 
waer myn herte oly B, Myn herte dat wert my fry A, Mein herz das wlird mir 
frei E, Das wer me\'n czeyt vertreyb C, Dem fchlemmer fein zeit vertreib D, 

7 = B 7, ADE 8, fehlt C. 1. Ick lath de vögel forgen, Ich laß die , . . ADE, 
2. Gegen deffen : Gen difem D, AI teghen defen B, In difTem A. 3. my : vns (uns) 
ADE, nicht : niet B, nit D, 4. Myn : Den A, 5. Den hoyken : Mijn hueckelijn B, 
Dat (Das) wammes ADE, 6. Ick hebbe nicht : Ick hebbe neen A, Ic en heb noch 
B, Ich hab weder DE. 7. Des avonts ende des morgens B, Den avendt als de 
morgen A, Den abend als den morgen DE. 8. Bey de ict al B, Beth dat ick alles 
A, Bis daß ichs gar DE, 

S = BS, ADE 6, fehlt C, 1. Neen gröther fröuwde, Kein größer freud ADE, 
Geen beter dinc B, is fehtt B, 2. Wanneer ic goet leuen hau B, 3. My— tydt : 
En weet ic meer B. tidt : frift ADE. 4, Dann f luymen vroech ende fpae B, Wen : 
Denn ADK 5. eyn vriger : eenen vriien B, ein guden A, ein guter DE, 6. Ick 
fta : Ic en fta B, Ick reyfe. Ich reiß (reis) ADE, nicht : nit D, 7. borgher : höger A, 

9 = -B 9, ADE 7, fehü C, 1. He : De (Der) ADE. flapen : flauen B, fchaven, 
fchaben ADE. 2. groter noeth : forghen groot B, 3. Wen he rouwe : Wenn er ein 
rü D. Wenn he fyn rouw, Wenn er fein rft AE, Wanneer fi ruft B. haven : haben 
ADE. 4, So licht he : Leit er D. alze fy : als weer A, al waer B, 5. bin ick : bin 
ick (ich) noch ADE, 6. geve : vorlehne, verleih ADE, 7. junghen knapen : ionge 
knape 6, yungen (jungen) knaben ADE, 8. unmoeth : homoet B, kumpth : en 
coemt Bj kam A, kum DE, 



80 

10 = ^ 10, ADE 9, C 6. 1. Heer weert Iteect aen het ffhebraden B^ Steck an 
de fchwynebraden Ä, . . . die fweynen (fchweynen) braten CbE, 2. Damp : Daer 
toe B, mach uns : wert my Ä, ßo mocnt C, geraden : beraden B, 3. koler : fryer, 
freier ADE. 5. Nu fchenck vnß tapffer eyn C, Drage her : Trag einher DE, Brengt 
hier B. kolden : coelen, külen BDE, heften kölen A, 6. Vnd laß vnß frölich fcTii C. 
10. My : Vnß C, geraden : beraden B. 

11 =ABDE]\, C'2. 1. Ick binde myn fehwerdt an de fyden A, Ich bind 
myn fwerdt vflf dy feiten (an dfeiten) CDE. 2. Ick : Vnde, Vnd, Und ACDE. 
drade : haeit B, balde, bald ACDE, 3. Unde hebbe ick : £n heb ick B, Hebbe ick 
denn, Hab ich dann (denn) ACDE. 4. Tho vothe : Te voet fo B. 5. Ydt kan nicht 
fyn alltydt gelyck A, Es m nicht alltzydt gelich (nit allzeit gleich) CDE, aUeJekU 
B. 6. Ic en ben ooc niet fo rijck B. aUe tidt : allwege, alle wege, alweg ACDE. 
7. Ick moth der tydt erwarden A, Ic moet den tiet verbeyden B, Ich muß der zeit 
erbeiten D, . . . erwarten E, De czeyt muß ich erwarten C. 8. Ende verwachten dat 
goet arffelic B. Beth ick eyn : Beth dat ick dat, Bis das ich das ADE, Das mich 

12 = B 12, fefUt ACDE. 1. nige : fchoone B, 3. flomer vry : fluymer B. 
4. vrolik : goet B. 6. yo : altijt B. hovefcher firouwelin : fchone vrouwen B. 

XYII. Sehampernolleken. 

Atts Nicolaus Betzendorps Mifchbande: f. bei YIII. 

Dar fcholde eyn efel den bergh upghan, 

He wolde nicht lenck de fecke draghen. 

Unße maghet het e>iien bunten rock, 

Dar under heft fe eynen fmedeblock. 

We dar uppe fmeden fchal, 

De moth hebben der hemere vele. 

Heft he denne der hemere nicht, 

Szo denet he up unfer maghet fmedeblock nicht. 

We de wyl in unfern orden weften, 
De moth fick huO unde hoff vorteren. 
Heft he denne hul^ unde haves nicht, 
Szo deynth he in unf^em orden nicht. 
We de wyl in unßem orden weßen, 
De moth fick hebben der penninghe vele. 
Heft he denne der penninghe nicht, 
Szo deynth he in unßem orden nicht. 



Eine merkwürdige alte Fälschung. 

Das Dorf Wedem sucht man auf den Karten des Landes Braan- 
schweig vergebens: über seiner Stätte geht die Pflugschaar eines glück- 
lichem Nachbardorfes, in das — wahrscheinlich unter den Drangsalen 
des dreissigjährigen Krieges — der Rest seiner ehemaligen Insassen 
oder deren Besitznachfolger zusammengerückt sind. 



81 

Ungefähr wird seine Lage um 1350 durch eine Urkunde bestimmt, 
mittels deren Graf Heinrieh von Sehladen mit Einwilligung seiner 
Kinder, Heinrichs und Ludgardis, einige Hufen zu „Wedhem" bei der 
Burg Gebhardshagen (prope castrum Haghen) dem Aegidienkloster in 
Braunschweig zu Eigen tibertrug — Hufen, die weiland Bertram vom 
Damme daselbst von ihm zu Lehen getragen und letztwillig (wie man 
aus dem Zusammenhange ergänzen muss) an das Kloster vergabt hatte. 
Dass die Wedemer Feldmark an die von Heerte stiess, ergeben zu 
grosser Wahrscheinlichkeit zwei fernere Urkunden, von denen hier aus- 
führlicher die Rede sein soll. 

Nehmen wir noch eine vierte hinzu, so ist alles beisammen, was 
bis jetzt an urkundlichen Nachrichten über den Ort vorliegt. Eine 
dieser Urkunden ist nun von ganz ungewöhnlichem Interesse. Zunächst 
schon an und für sich, indem sie einen Ausschnitt alten Lebens in 
einer für ihre Zeit überaus seltenen Fülle von Einzelzügen, ja fast in 
epischer Breite, vor Augen stellt. Sodann auch, weil sie einige Fragen 
hervorruft, deren Beantwortung, wenn sie nach Wunsch glückt, das 
Bild noch um einen merkwürdigen Hintergrund vertiefen wird. 

Mit der zweiten und dritten steht diese vierte Urkunde in engem 
Zusammenhange, und zwar dergestalt, dass von jenen unsere Betrachtung 
am passlichsten ihren Ausgang nimmt. 

Im Jahre 1249 (ein Tagesdatum fehlt) gab Herzog Otto zu ver- 
nehmen, dass er dem Kapitel zu St. Blasien in Braunschweig tausch- 
weise gegen dessen Ort „Bocli" oder „Bocle", wie der Name an zweiter 
Stelle lautet, seinen Patronat über die Kirchen in Honnenstede und 
Wedem, frei von allem Vogteirecht, überlassen, des weitern aber bei 
dem päpstlichen Cardinallegaten in Deutschland, Herrn Petrus von 
St. Georgii ad velum aureum, für das Kapitel auch die Befugniss aus- 
gewirkt habe, die Einkünfte beider Kirchen an sich zu ziehen, vor- 
behaltlich jedoch eines auskömmlichen Theiles für die zur Verrichtung 
des Gottesdienstes bestellten Vicare. 

Als Patron der Kirche zu Wedem sehen wir aber das Kapitel 
schon elf Jahr vor diesem handeln. 1238 nämlich setzte Herr Winand, 
derzeit Decan, einen seiner Blutsfreunde, den Kleriker Bertram, da- 
selbst zum Pfarrer ein. Damals allerdings auch noch in den unge- 
schmälerten Genuss ihres Witthums, der Hebungen von neuntehalb vogt- 
freien Hufen und ihren Pertinenzen an Höfen, Wurten, Wiesen und 
Weiden auf den Feldmarken zu Wedem selbst und zu Kirchheerte, 
Lesse und Engelnstedt; nur dass herkömmlicher Massen aus den Ge- 
fällen einer dieser Hufen, der zu Lesse, das Lichtwerk beschafft 
werden sollte, aus denen einer Wurt zu Wedem der Messwein. 

Noch weiter in die Vergangenheit wird darin der Tausch, dessen 
Herzog Otto 1249 gedenkt, durch unsere vierte, eben jene ungewöhn- 
liche Urkunde gewiesen, die hier nun zunächst in Uebersetzung,i) mit 
einigen zu leichterem Verständniss dienlichen Aenderungen des Wort- 

*) Der alte Text als Beilage S. 90—93. 

Niederdeutsches Jahrbuch XVI 6 



82 

lautes, doch unverkttrzt folgen mag. ProtoeoUmässig berichtet darin 
Herr Winand: 

„Zu der Zeit, da dem Kapitel die Lehnwahre der Kirche zu Wedem 
geworden war, luden unsere Herren den Pfarrer vor sich, damit er 
ihnen von den Gülten des Gotteshauses Auskunft gebe. Und der, Herr 
Heinrich, geheissen Crasuk, sprach also vor uns: All seine Tage hätte 
er gehabt zu Wedem drei Hufen auf dem Felde und zwei Höfe im 
Dorf, alles zehntfrei, nebst einer Wiese von neun Ruthen Breite; zu 
Lesse eine Hufe und eine Wurt, ebenfalls vogtfrei, und all dieses Gut 
gehörte zum Witthum der Kirche als Pfründe des Priesters. Eine Hufe 
auf dem Felde zu Engelnstedt aber nebst einer Wurt daselbst wäre 
zu Behuf des Lichtwerks, eine Wart zu Wedem für Wein angewiesen, 
und fünf Morgen samt einer Wurt daselbst wären Opferland. 

Darnach gab Herr Heinrich vor uns und mit unserm Wissen zwei 
Hufen zu Kirchheerte nebst den zwei Wurten und der Wiese daselbst 
einem Bauern zur Bebauung, der hiess Borchart Helleveger und war 
sein Mag und von Hervord gebürtig, also dass der ihm alljährlich den 
dritten Theil der Frucht, zwei Schweine, vier Hühner und zwei Schock 
Eier geben sollte, so lange es ihnen beiden also anstünde. Und das 
war zu der Zeit, da unsere Herren, das Kapitel, das Dorf Nordheerte 
kauften. 

Damach ward dieser Pfarrmeier des Rathes, nach St. Jacob von 
Compostella zu ziehen. Setzte also vor uns und mit unserm Wissen 
und Willen einen Köter auf das Gut mit Namen Heinrich Kattenloper, 
und hiess diesen, dem Priester allen vorbeschriebenen Zins leisten. 
Stürbe er unterwegs, so sollte der Köter seine Pferde und all sein 
übriges Gut Herrn Heinrich dem Pleban überantworten, damit dieser 
seiner Seele pflege, worin er sich alles Guten zu ihm versähe, und 
selbigem dann auch das Land mit jeglicher Nutzung, wie es ihm, 
Heinrich Kattenloper, übergeben war, ledig und los wieder einräumen. 

Nun starb wirklich zu St. Jacob dieser Meier Borcliard Helleveger, 
und da seine Kumpane wieder zu Lande kamen, so meldeten sie Herrn 
Heinrich, dass sein Meier todt wäre. Da nahm Herr Heinrich dessen 
Pferde, Kühe, Schweine, Kälber, Hühner und allen Hausrath an sich 
ohne Widerspruch von Irgendwem, wobei wir gegenwärtig waren. 

Da aber vorbenannter Heinrich Kattenloper auch das Gut ausge- 
antwortet hatte, so schalten ihn seine Freunde, dass er es nicht be- 
halten zu sothanem Zinse, wie sie von den Herren zu St. Blasien ihr 
Gut zu Nordheerte hatten. Und traten mit ihm vor HeiTn Ludeger 
vom Hagen und baten für den Meier, dass er gegen eine Erkenntlich- 
keit ihm hülfe, das Gut zu behalten um solchen Zins, wie sie dem 
Kapitel in der Burg gäben, nämlich acht Schilling von der Hufe. Da 
kam der Ritter und sandte nach dem Priester zu Wedem und bat bei 
diesem für den Meier, wie jene an ihm begehrt hatten. Bat, schmei- 
chelte und dräute. Der Pfarrer jedoch antwortete und sprach: er dürfte 
seiner Kirchen Gut wohl mehren aber nicht mindern. Da erzürnte sich 
der Ritter und rief seinen Knechten zu: Nehmet den PfaflFen bei seinen 
Händen und werfet ihn aufs Wasser: ist er denn also, kampflustig, so 



sinket er wohl auch nicht unter! Und die Knechte ergriffen den 
Pfarrer bei Händen und Füssen, schwenkten ihn über dem Boden, als 
wollten sie ihn ins Wasser werfen und riefen: hui! (Doch liessen sie 
ihn nicht fahren und nach einer Weile wieder von ihm ab.) 

Darauf ging der Priester weinend nach Haus und grämte sich über 
die Schmach, so ihm geboten war. Nahm also St. Augustin vom Altar, 
setzte ihn darunter und sprach: Herre Sankt Augustin, nimmermehr 
will ich euch dienen noch euch wiederum auf den Altar setzen, sondern 
hier sollt ihr liegen, bis meine Schmach gerochen ist. 

Acht Tage darauf, an dem nämlichen Wochentage zur Vesperzeit, 
schlug ein Donnerschlag den Ritter todt, da er zum Hagen in der 
Kirehthür stand, wie Manchem kund war und kund ist. Und andern 
Tages, ehe Herr Ludeger begraben ward, kam Herr Heinrich der Pleban 
von Wedem zu uns nach Braunschweig, gab unseren Herren seine 
Kirche auf, ritt weiter nach Luclum und ward ein Gottesritter. 

Darauf belehnten wir, Herr Winand, mit der Kirche zu Wedem 
und all ihrem Gute unsem Oheim, Herrn Bertram, und der hatte das- 
selbige manches Jahr unter seinem eigenen Pfluge, ohne dass Irgend- 
wer gegen ihn einen Anspruch erhub. Da kam auf das Haus zu 
Lichtenberg ein Voigt, der hiess Herr Dietrich Strauss vom Pfuhle. 
Mit dem theidingten Heinrich Kattenloper und seine Freunde von neuem, 
und Heinrich ergab sich ihm zu Eigen, damit er ihm zu dem Gute ver- 
hülfe; gab auch dem Voigte zwei und Herrn Bertram, unserm Oheim, 
ein Pfund Pfennige, und brachte es also dahin, dass ihm zwei Hufen 
mit zwei Wurten und einer Wiese auf drei Jahre eingethan wurden, 
um einen Jahreszins von zweiundzwanzig Schilling braunschweigischer 
Pfennige und mit der Abrede: wollte Herr Bertram nach Verlauf dieser 
drei Jahre das Gut um solchen Preis ferner nicht lassen, so sollte es 
ihm ohne Widerspruch wieder eingeräumt werden. 

Als unseren Herren dies zu wissen ward, sandten sie einen Boten 
an Herrn Bertram und liessen ihn bitten, zu ihnen zu kommen vor das 
Kapitel. Und da er vor sie kam, warfen sie ihm vor, dass er seiner 
Kirche zu nahe gethan hätte: wirkte er derselben ihr Gut nicht wieder 
los und ledig, so wollten sie einen Richter über ihn bringen und ihn 
mit Banne verfolgen, bis er es thäte. Auf dieses bat Herr Bertram 
unsere Herren, den Fall beruhen zu lassen, bis die drei Jahre ver- 
flossen wären; dann wollte er mit ihrer Förderniss das Gut wieder an 
die Kirche bringen, frei und ledig wie er es vorgefunden hatte. Und 
damit gaben sich für das Mal unsere Herren zufrieden. 

Hernach, da die drei Jahre um waren, bat er unsere Herren ins- 
gemein, mit ihm in die Burg zu gehen bei den Löwenstein zu dem 
Ritter Herrn Dietrich Strauss und selbigem zuzureden, dass das Gut 
wieder in seine, des Pfarrers, Hand käme. Dem thaten also unsere 
Herren und baten Herrn Dietrich, seinen Willen dahin zu kehren, dass 
der Kirche zu Wedem ihr Gut wieder würde. Der Ritter sprach : das 
wolle er gern thun, sofern Herr Bertram dem Meier die drei Pfund 
Pfennige wiedergäbe, die er vor Zeiten daran gewandt hatte (nämlich 
zwei bei Herrn Dietrich und eins bei Herrn Bertram). Herr Bertram 

6* 



84 

antwortete: was er nicht aufgenommen hätte, das wolle er nicht wieder- 
geben. Unter dieser Theidung kam es letztens dahin, dass der Ritter 
zu Bertram sprach: schwiege er nicht, so wollte er ihm eins in den 
Hals geben! Worauf Herr Bertram: thäte das Herr Dietrich, so wollte 
er ihm wieder in die Zähne flitzen, wie nie ein Ritter von einem 
Pfaffen geflitzt wäre. Das Ende war, dass der Ritter sagte: nimmer 
wollte er ein Wort dafür sprechen, dass das Gut wieder an die Kirche 
käme, dem Meier würde denn sein Gut zuvor wieder. Und damit schied 
man von einander. 

Am andern Morgen aber fand man den Ritter todt auf seinem 
Bette, und der Hals war ihm gebrochen." 

So liess diese Vorgänge Herr Winand 1248 am Tage Kiliani auf- 
zeichnen, und zwar zu Behuf Herrn Bertrams, dem, wie ausdrücklich 
gesagt ist, der besiegelte Brief ausgehändigt wurde. Nehmen wir in 
gutem Glauben zunächst alles hin, wie es hier dargestellt wird, so 
kann über den Zweck dieser Urkunde kein Zweifel obwalten. Durch 
eine vom ersten Beginn der Verwicklung anhebende species facti sollte 
sie jeder möglichen Verdunkelung des Thatbestandes vorbeugen, die 
Rechtswidrigkeit der Ansprüche des unbescheidenen Meiers für alle 
Zukunft ins rechte Licht stellen. Ausserdem aber galt es — und diese 
Absicht überwog vielleicht noch jene andere — dem Nächstbetheiligten 
ein authentisches Zeugniss der warnenden Exempel göttlichen Straf- 
gerichts wider die beiden mächtigen Schützer und Förderer der Un- 
gerechtigkeit zu dienlichem Vorhalt für Männiglich an die Hand zu 
geben. 

Ohne besondere Schwierigkeit lassen die hier geschilderten Er- 
eignisse sich mit den Nachrichten der sonst noch vorliegenden beiden 
Urkunden in Einklang setzen. Chronologisch sowohl wie pragmatisch. 

Mit der Erwerbung des Wedemer Patronats durch das Kapitel von 
St. Blasien hebt Herr Winand seinen Bericht an. Sie veranlasst eine 
Feststellung des Corpus bonorum der Kirche; darnach findet die erste 
Vermeierung eines Theiles der Pfandgüter zu Kirchheerte statt, und 
zwar zur selben Zeit, „da die Herren von St. Blasien das Dorf Nord- 
heerte kaufen." Hiervon freilich wissen wir vorläufig das Nähere auch 
nicht; jedenfalls aber gehört dies alles und was demnächst bis zur 
Resignation des damaligen Pfarrers, Herrn Heinrich Crasucs, sich weiter 
begeben, der Zeit vor 1238 an. Denn in diesem Jahre ward laut jener 
andern Urkunde dessen Nachfolger, Herr Bertram, bestellt, und damit 
setzt die zweite Reihe der erzählten Verwickelungen ein. I«t anzu- 
nehmen, dass ihr Ausgang, das zweite Gottesgericht an dem Ritter 
Dietrich Strauss, der Abfassung des Berichts nicht allzulange vorauf- 
ging, so war der dreijährige Vermeierungscontract mit Heinrich Katten- 
loper um 1248 abgelaufen, wonach denn Herr Bertram die beiden Hufen 
sieben Jahre lang, von 1238 bis 1245, selber bebaut hätte. 

Diesen Vorgängen schliesst sich dann in einem leicht zu durch- 
schauenden Zusammenhange jene Urkunde von 1249 an, worin Herzog 
Otto bezeugt, dass er seinen Patronat über die Wedemer Kirche — 
vor Zeiten, wie wir aus anderweitiger Kunde nunmehr ergänzend hinzu- 



85 

fttgen dürfen — dem Kapitel übereignet und neuerdings auch deren 
völlige Incorporation ausgewirkt hatte. Letzteres, die völlige Ineorpo- 
ration, ist augenscheinlieh die Hauptsache; nur ein beiläufiger Rück- 
blick streift deren Vorstufe, den einfachen Patronat des Kapitels. Hier- 
auf wird noch zurückzukommen sein; vorher ist erst eine Erscheinung 
ins Auge zu fassen, die, abgesehen von diesem Zusammenhange, an 
und für sich schon ihre sehr bemerkenswerthe Seite hat. 

Zwischen jenem früheren und diesem neuen Stande der Dinge 
fallen die Anfechtungen der beiden Pfarrer durch Heinrich Katten- 
loper und dessen weltliche Gönner. Die Vorwürfe seiner Blutsfreunde, 
als er das ihm eingethane Kirchenland zum ersten Male gutwillig 
wieder auflässt, seine neue Bewerbung darum nach sieben Jahren, die 
Leichtigkeit endlich, mit der er sich seines Freienstandes entäussert, 
nur um für seine Absicht den Beistand eines Mächtigen zu gewinnen, 
alles dies sind deutliche Merkmale einer Wendung in den agrarischen 
Verhältnissen, die auch socialpolitisch eine sehr verhängnissvolle Be- 
deutung gewann. 

Man weiss, welch ungezählte Schwärme von Bauern und Ritter- 
bttrtigen in der zweiten Hälfte des zwölften und den ersten Decennien 
des dreizehnten Jahrhunderts Sachsen wie das übrige West- und Mittel- 
deutschland, ohne selbst zu veröden, zur Besiedelung der nördlichen 
und östlichen Slavenländer hatte abgeben können. Jetzt, um die Mitte* 
des neuen Jahrhunderts, war auch dort Grund und Boden ziemlich auf- 
getheilt, und begann allmählich nun dieser naturgemässe Abfluss der 
heimischen Uebervölkerung ins Stocken zu gerathen, indess seine Ur- 
sache, die unerschöpfliche Fruchtbarkeit eines jugendfrischen Volkes, 
uneingeschränkt weiter wirkte. Für einen Theil des so von neuem 
sich ansammelnden Ueberschusses von Arbeitern und Zehrern wurde 
Rath durch das neue Wirthschaftsleben der Städte, deren rasches An- 
wachsen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts nicht zum wenigsten 
eben von den Nothständen des platten Landes mit bedingt war. Immer- 
hin jedoch nur für einen Theil: unvermeidlich war nichtsdestoweniger 
auf den alten Erwerbsfeldern, unter allen Klassen der ländlichen Be- 
völkerung, ein Schieben, Drängen und Stossen, das die hergebrachten 
wirthschaftlichen Organisationen mehr und mehr auflöste, das Chaos 
eines Kampfts Aller gegen Alle hereinführte und sehr allmählich erst in 
neuen Rechts- und Wirthschaftsformen einen erträglichen Ausgleich fand. 

Sozusagen symptomatisch exemplificiert und veranschaulicht sich 
diese Sachlage in jenen Wedemer Händeln. An dem Bauer mit seiner 
hartnäckigen Bewerbung um ein erledigtes Zinsgut, an den Rittern — 
erst Ludeger vom Hagen, dann Dietrich Strauss — mit der scrupel- 
losen Willigkeit, einem kleinen Profit zu liebe mit dem Bauer gemein- 
same Sache zu machen, sich seines unrechtfertigen Begehrens mit mehr 
oder minder sanfter Gewalt hülfreich anzunehmen. Was beide treibt, 
ist der gleiche Nothdrang, vermöge dessen wir zu anderen Malen den 
Ritter übel mit dem Bauern umspringen, dann wieder den Bauern am 
Stegreif des Ritters hangen sehen, wenn dieser den Kaufmann nieder- 
wirft oder die armen Leute eines fremden Dorfes fehdemässig schätzt 



S6 

und schindet. Denn in diesen und anderen Erscheinungen der Art — 
Erscheinungen, die schliesslich allerdings in einen Zustand allgemeiner 
Fried- und Rechtslosigkeit ausliefen, welcher allem Culturleben tödtlich 
zu werden drohte — nichts in ihnen als die Ausgeburt zuchtlosen 
Frevelmuthes einer entarteten Kriegerkaste erkennen wollen, wäre 
ebenso gedankenlos einseitig, wie wenn man etwa die socialistischen 
Strebungen unserer Tage nur als das Aufbäumen materialistischer Gott- 
losigkeit zu erklären dächte. Brutale Instinkte kamen ohne Zweifel 
damals wie heute ins Spiel, ja damals in solchem Masse, dass sie den 
Dingen ihren augenfälligsten Stempel aufgedrückt und damit deren 
sonstige Beschaffenheit und Bewandtniss bis zur Unkenntlichkeit ver- 
wischt haben. Dringt man aber unter die Oberfläche ein, so kann 
ebensowenig zweifelhaft bleiben, dass jener staatswidrige Unfug da- 
mals ebenso wie der heutige Ansturm gegen die bestehenden gesell- 
schaftlichen Ordnungen zu einem guten Theile doch auch als Zuckung 
der natürlichen Nothwehr grosser Bevölkerungsklassen will verstanden 
sein, die den Schwierigkeiten einer neuen Conjunctur rath- und htilflos 
gegenüberstanden. 

Diesmal nun, in dem Falle, von welchem unsere Urkunde berichtet, 
gehen Bauer und Ritter über einen Dritten her, um den es einstweilen 
no.ch besser bestellt ist als um sie. Denn die Pfarren sind durch 
'frühere Geschlechter, die sich die Sorge um das Heil ihrer Seelen noch 
mehr konnten kosten lassen, reichlich, zum Theil selbst überflüssig aus- 
gestattet. Jeder Erbtheilung oder Veräusserung entzogen, gewähren 
die Pfarrpfrtinden ihren ehelosen Inhabern eine Wohlhäbigkeit, die den 
Neid aller Bedrängten in der Runde zu erregen wohl geeignet ist. Von 
dem armen Manne wird es füglich als ein Unrecht empfunden, wenn 
ein PfaflF wie der von Wedem ein entbehrliches Stück Pfarrland, das . 
er auf herkömmlich billige Zinsen vermeiert hatte, bei Gelegenheit 
wieder unter seinen Pflug zu ziehen und so ihm seine Nahrung, an 
die er Jahre lang bereits seinen Seh weiss gesetzt hat, zu entziehen 
gemeint ist. 

Und so leicht wird es dem Pfaflfen nicht, seinen Willen zu erlangen. 
Von Rechts wegen sollte alles Kirchengut seinen weltlichen Schirmvogt 
haben. Schon von langer Zeit her jedoch ist die Vogtei als eine Hand- 
habe vielfältiger Bedrückung und Ausbeutung stark in Misscredit ge- 
rathen: soweit irgend möglich, haben die Kirchen sich ihr durch er- 
langte Freibriefe oder im Wege der Ablösung entzogen, und vogtfrei 
sind, alle oder doch grösstentheils, auch die Pertinenzen des Wedemer 
Witthums. So steht hier nun der Pfarrer zunächst wehrlos dem Ueber- 
lauf eines kleinen Gewalthabers gegenüber, den der abgethane Meier 
für sein Anliegen zu gewinnen weiss. 

Gott selber thut ein Einsehen mit Donner und Blitz, dergestalt, 
dass der Nachfolger des misshandelten Pfarrers seine Pfründe ohne 
Abbruch antreten und geruhlich sieben Jahre lang geniessen kann. Als 
sich dann in einer schwachen Stunde auch er, und wiederum unter 
mitwirkender Nöthigung eines Mächtigen, zu einer abermaligen Ver- 
meierung bestimmen lässt und darüber in neue Händel derselben Art 



87 

wie sein Vorgänger verwickelt wird, treten seine Patrone zu St. Blasien 
für ihn ein. 

Nur mit Widerstreben haben diese gleich anfangs seine verfäng- 
liche Einräumung hingehen lassen. Denn eventuell hat er die Pfründe 
nicht nur zu seinem eigenen, sondern auch zum Schaden seines Nach- 
folgers geschmälert, und das kann eben jeder von ihnen sein: ist doch 
nach Versorgung mit einer Pfarre wie die von Wedem unter den 
Kanonikern jederzeit starker Begehr. Der Ausgang rechtfertigt ihren 
anfänglichen Einspruch; allein die Sache wieder in das rechte Geleis 
zu bringen, sehen auch sie, trotz allem Recht, das Herrn Bertram zur 
Seite steht, vor der Hand kein anderes Mittel als gütliche Zwischen- 
sprache — eine Thatsache, die zu der Annahme nöthigt, dass Hen* 
Dietrich Strauss bei dem fürstlichen Schutzherrn des Stiftes über einen 
Einflnss gebot, der den glimpflichsten Weg als den aussichtsvollsten 
empfahl Und auch dieser führt nicht zum Ziel: wieder muss erst Gott 
selber sich ins Mittel legen. 

Damit gelangt unsere Urkunde zum Schluss; welche Wendung die 
Sache zunächst nahm, wissen wir nicht. Aber mag der Meier oder der 
Pfarrer seinen Willen behalten haben, jedenfalls war von diesen Vor- 
gängen die Phase bedingt, welche nach Ausweis jener Urkunde Herzog 
Ottos ein Jahr später eintrat: die völlige Incorporation der Pfarre durch 
das Stift. 

Was solche bedeutete und mit sich brachte, ist bekannt. „Bei der 
Hypertrophie der Stifts- und Klostergeistlichkeit in den letzten Jahr- 
hunderten wurden die alten selbständigen, gut dotierten Pfarren mehr 
und mehr von dem alles verschlingenden Mönchswesen an sich gerissen. 
Der Weg, auf welchem die Incorporationen der freien Pfarrkirchen 
herbeigeführt wurden, ist ein ziemlich gleiehmässiger in allen Theilen 
Deutschlands . . ."; ihr ausgesprochener Zweck war, „die Einkünfte der 
Stifter dadurch zu bessern und zu heben. Zuerst bemächtigte man sich 
von dieser Seite der Patronate; dann ward mittels einer kanonischen 
Fiction der Stiftsobere oder der Klosterabt als eigentlicher Pfarrer aller 
incorporirten Kirchen angesehen, und auf diese Weise wurden ihm nicht 
nur die Vortheile des Patrons, sondern auch die des Pfan-ers zuge- 
wendet, da er als seinen ausübenden Stellvertreter einen armen Geist- 
lichen unter sehr elenden Bedingungen zum Seelsorger bestimmte, und 
entweder von diesem einen enormen Pachtschilling bezog, oder aber 
demselben ein kleines Jahrgehalt aussetzte, während er die grossen 
Pfarreinkünfte selbst genoss." So würdigt diese Strömung Ottokar 
Lorenz (Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahr. H, S. 388). 

Lassen wir die Frage hier beiseite, in welchem Maasse und mit 
welchem Erfolge das Kapitel von St. Blasien solchem Streben schon 
vor diesem obgelegen hatte, und ebenso die andere Frage, ob die 
Wedemer Pfründe dem Dekane allein und nicht vielmehr dem Kapitel 
in seiner Gesamjntheit zugelegt wurde, welch letzteres nach dem Wort- 
laute der Urkunde — ut ipsum capitulum jam dictas ecclesias possit 
in usus proprios libere detinere — die grössere Wahrscheinlichkeit für 
sich haben dürfte. Hier handelt es sich in erster Linie darum, wiefern 



88 

etwa jene Erfahrungen den Anstosß können gegeben und einen triftigen 
Vorwand geliefert haben, die Einverleibung dieser Pfarre zu betreiben. 

So aber die Frage einmal gestellt, liegt unmittelbar auch die Ant- 
wort zur Hand. Die Schwäche des in seiner verhältnissmässigen Selbst- 
ständigkeit zunächst immer auf sich allein angewiesenen Pfarrers hat 
eine Minderung der Pfründe verschuldet, die einerseits dem kanonischen 
Rechte zuwider war, andererseits von dem Kapitel auch sonst, wie wir 
sahen, nicht gleichgültig angesehen werden konnte. Ergab sich aus 
letzterem Betracht zur Genüge ein Antrieb, auf bessere Sicherstellung 
der möglichen Anwartschaft jedes einzelnen Kapitularen bedacht zu 
sein, so liess jener erstere sich mit bestem Scheine verwenden, die 
Fürsprache des Herzogs bei der massgebenden geistlichen Autorität zu 
erlangen und bei dieser selbst guten Willen für eine Anordnung zu 
machen, welche die Verfügung über das solchermassen gefährdete 
Kirchengut aus der schwachen Hand eines Einzelnen in die einer an- 
gesehenen Corporation legte. 

Dergestalt fügen die vorliegenden Nachrichten sich ungezwungen 
an einander, und demnach dürfte man sich fortan eines concreten Ein- 
blickes mehr in das Spiel verborgener Fäden erfreuen, wenn nicht noch 
gewisse Aeusserlichkeiten der Ueberlieferung im Wege ständen. Und 
damit kommen wir auf eine andere, aber kürzer darzulegende Seite 
unseres Fundes. 

Herrn Winands Urkunde von 1248 ist in deutscher Sprache, einem 
stark archaistisch gefärbten Mittelniederdeutsch abgefasst. Dergleichen 
ist zu so früher Zeit sehr ungewöhnlich, immerhin jedoch nicht ganz 
unerhört; und wäre selbst diese Urkunde die erste der Art, sonst aber 
kein Grund, an ihrer Echtheit zu zweifeln, so könnte man seine doppelte 
Freude daran haben. Sie trägt ein wohlerhaltenes Siegel aus rothem 
Wachs mit der Umschrift: s. winandi decani sancti blasii in 
BRUNESWiK, das Seiner Zeichnung und der Technik seines Schnittes 
nach eines späteren Ursprunges nicht im mindesten verdächtig ist; und 
mit demselben Typar ist das grüne Siegel an der Urkunde von 1238 
hergestellt, welche Herr Winand über die Verleihung der Pfarre an 
Herrn Bertram ausgestellt hat. Hier wie dort dann noch eine über- 
einstimmende Eigenheit: beide Siegel sind mit einer taschenförmigen 
Umhüllung aus gemusterten Gewebstücken versehen, die augenschein- 
lich aus alten Messgewändern geschnitten sind. Ja noch mehr: auch 
die Schrift beider Urkunden ist unverkennbar die nämliche, beide sind 
ohne Zweifel von der Hand eines und desselben Schreibers. 

Allein gerade die Schrift stösst das Zeugniss aller übrigen Merk- 
male über den Haufen. Sie kann nicht aus der ersten Hälfte des 13. 
Jahrhunderts herrühren, sondern ist mindestens fünfzig Jahr jünger als 
die Datirung glauben machen will. • Das Zugeständniss lässt sich nicht 
umgehen: was wir vorhin einstweilen als gleichzeitige Bezeugung von 
Thatsachen und Zuständen des 13. Jahrhunderts hinnahmen, ist in der 
vorliegenden Form erst in den ersten Decennien des 14 geschrieben. 

Aber muss ihm darum aller Glaube versagt werden? Ich glaube 
nicht 



Sehen wir ab von der anstandslosen Leichtigkeit, wie alle hier 
überlieferten Einzelzüge sich in den allgemeinen Rahmen der Zeitver- 
hältnisse einfügen — anch in ihrer concreten Bestimmtheit tragen sie 
alle Merkmale der Echtheit nnd Glaubwürdigkeit an sich. Greifen wir 
nur eins heraus. Die Namen der beiden Wedemer Pfarrherrn des 13. 
Jahrhunderts hätten einem Stiftsangehörigen des 14. immerhin vielleicht 
bequem noch zur Hand liegen mögen. Bei Namen aber nennt der Be- 
richterstatter auch die betheiligten Bauern, Borchart Helleveger und 
Heinrich Kattenloper, und .von ersterem weiss er sogar Herkunft und 
Geburtsort anzugeben. Das ist nicht die Art legendarischer Erdichtung; 
zu neun unter zehn Malen wird man bei solcher die handelnden Per- 
sonen ohne genauere Individualisirung, etwa mit einer Standesbezeich- 
nung, allenfalls noch mit einem Taufuamen vorgeführt finden: „ein 
Bauer mit Namen Borchart, ein anderer Bauer mit Namen Heinrich" 
würde ihr in einem Falle wie dem vorliegenden aller Wahrscheinlich- 
keit nach genügt haben. Und noch ein Zeichen dieser Art. Mit dem 
ersten Gottesgerichte die Persönlichkeit eines Ludeger vom Hagen in 
Verbindung zu setzen, konnte das Local, Wedem unter dem Gebhards- 
hagen, immerhin vielleicht nahe legen. Wie aber wäre der Erzähler, 
wenn ihm nicht eine feste Ueberlieferung vorgelegen hätte, beim zweiten 
Male auf Herrn Dietrich Strauss vom Pfuhle verfallen, einen landfremden 
Mann aus anhaltischem Adel, der als herzoglicher Vogt auf dem Hause 
Lichtenberg eben nur durch diese Nachricht bezeugt, sonst aber in 
gleichzeitigen Urkunden seiner Heimath allerdings mehrfach genannt 
wird? 

Das sind Erwägungen, die unwiderstehlich zu der Auskunft drängen: 
in der vorliegenden Form kann die Urkunde allerdings erst im An- 
fange des 14. Jahrhunderts ausgegangen sein; ihr Inhalt aber ist altern 
und echten Ursprungs, aller Wahrscheinlichkeit nach lag er dem Schreiber 
in einer wirklich von Herrn Winand von St. Blasien ausgestellten, muth- 
masslich lateinischen Urkunde vor, die er ins Deutsche übertrug. 

Drängt sich dann die Frage auf, aus welchem Anlass und zu 
welchem Zwecke diese Urkunde dergestalt nochmals ausgefertigt und, 
soweit der Schreiber vermochte, durch Anhängung eines Abdrucks von 
Herrn Winands echtem Typar, mit dem Scheine der Authenticität aus- 
gestattet wurde, so wird darauf vor der Hand nur mit einem Ignoramus 
zu antworten sein. Man mag annehmen, dass neue Anfechtungen des 
Verfügungsrechtes der Herren von St. Blasien über ihren Landbesitz zu 
Wedem oder anderswo die Auffrischung der alten Strafexempel rath- 
santt machten. Auf Glaubwürdigkeit aber wird diese Vermuthung natür- 
lich erst dann Anspruch erheben können, wenn solcher Anlass etwa 
durch einen anderweitigen Fund hinlänglich bezeugt ist. 

Und eine Frage bliebe auch dann noch zu erledigen. Wir hörten, 
dass gleichzeitig mit der Urkunde vom Jahre 1248 auch die andere, 
angeblich zehn Jahre ältere, über Herrn Bertrams Einsetzung in die 
Pfarre zu Wedem geschrieben ist. Zweierlei ist möglich: entweder hat 
es mit dieser die nämliche Bewandtuiss wie mit jener, und ist also 



90 

auch sie nur die Erneuerung einer echten Urkunde; oder aber sie ist 
eine eigentliche Fälschung schlechthin. Doch einerlei, für welche dieser 
Möglichkeiten man sich entscheidet: hält man fest an jener Voraus- 
setzung, welche die Erneuerung des Berichtes von 1248 zu erklären 
geeignet wäre, so Hesse sich weiter denken, dass die der Urkunde von 
1238 eingeflochtene Specification der Wedemer Pfarrgüter dienen sollte, 
einen von Seiten des Kapitels behaupteten, von dessen muthmasslichem 
Widersacher etwa angefochtenen Besitzstand zu erweisen. Völlig un- 
gesichert aber ist bis auf weiteres auch diese Hypothese. 

Und damit, falls nicht etwa ein versteckter Fingerzeig übersehen 
ist, stehen wir für diesmal am Ende unserer Betrachtung. 

Beilage. 

Herr Winand, Dekan zu St. Blasien in Braunschweig, berichtet 
über die Wedemer Pfarrhändel 1248 Juli 8, (Orig, im Landes-Haupt- 
archive zu Wolfenbüttel.) 

We her Winant van dher gnade godes deken tho sunte Blasius 
tho Brunsw. be kennet in desseme breue, dhe beseghelet is mit 
vnseme ingheseghele, vpde bethughet, dat her Henrich ghe beten 
Crasuc, en pleban dher kerken tho Wedem, dho dhe lenware 
5 dhesser kerken vnseme capitele ghe worden was, vnde van vnsen 
herren ghe laden wart, dhat he se berichte vmme dhe ghulde dher 
kerken, dho bekande he vor vns vnde sprac: dhat he alle sine 
daghe hedde ghe hat dre houe oppe deme velde tho Wedem 
theghet vri, vnde tuene houe in deme dorpe tho Wedem och theghet 

10 vri, vü ene wisghe neghen rode breth, verdehalue houe vppe deme 
velde tho Herethe, vn ene wische vfl dre worde in deme dorpe 
tho Herethe vri van aller hande voghedige vü ledich vn los van 
alleme deneste, vii ene houe vii ene wort tho Lesse voghet vri. 
dit ghut horde tho dher wedemen dher kerken to Wedem, tho 

15 des presteres prouende. ene hove oppe dheme velde tho Engele- 
mestede mit euer wort dhe horde tho dheme luchte dher kerken 
tho Wedem, bi deme dorpe tho Wedem ene wort de horde tho 
wine, vii vif morchene, de horden tho dheme opper lande, dridde- 
half morchen gheuen thegheden vn driddehalf were >) theghet vri. 

20 vn och horde en wort tho der opper scop, dhe weren theghet vri. 
Vii we spreket, dat her Henrich dhe pleban van Wedem dede thue 
houe tho Kerecherete mit tven worden vn mit euer wische 2) vor 
vns vn mit vnser wischop eneme bure tho buwende, de het Bor- 
chart Helleveghere, de was sin mach vn was bordich van Her- 

25 uerde, dhat he eme scolde gheuen den dridden del, tvey swin, 
ver honre vn tvey scoc eygere also lange also eth en beyden 
euene queme. An dher thit koften dhat dorp tho Northerete vnse 
heren. Dar na wart tho rade desse meyger Borchart des herren 
van Wedem, dhat he toch tho sunte Jacobe, vü satte enen kotere, 

30 dhe het Henric Kattenlopere, oppe dhat ghut vor vns vü mit vnser 



Ol 

wisoop, dhat he scolde don vß gheuen dhene tins dhe hir vore 
be screven is be scedeleken, dheme prestere van Wedem. storue 
he och vnder wechen, so scolde he sine perde vn alle sin ghut 
antworden hern Henrich deme plebane tho Wedem, dat he siner 

35 sele pleghe, also he sich gudes tho eme vorseghe, vn dat lant 
scolde he antworden ledich vii los weder deme prestere tho Wedem 
mit aller hander slachter nnth, also eth eme ghe antwordet was. 
Dhesse vore be screuene meyger Borchart Helleveghere starf tho 
sunte Jacobe tho Kumpestelle. vii dho^) sine knmpane tho lande 

40 weder quemen, dho segheden se heren Henrighe deme plebane tho 
Wedem, dhat sin meyger dhot were. Do nam he tho sich sine 
perde, sine koy, sine swin, sine kaluere vn honere vn alle sin in 
ghedome sunder allerhande weder sprake dhes meygeres Henrikes 
Kattenloperes. Nu spreke we, dhat dat deme prestere tho Wedem 

45 wart weder antwordet, dhat ghut sunder aller hande wedersprake 
in sine were, dhar we thighenwordich weren. Do dhesse vore^) 
be screuene meyger Henrich Kattenlopere dhit gud hadde van sek 
ghe antwordet, dho sculden ene sine vrunt dhar vmme dhat he 
eth nich be holden hadde tho alsodaneme tinse also se ere ghut 

50 hadden tho Northerethe. vnde traden mit eme vor heren Ludeghere 
vandeme Haghen vii beden ene vor dene meyger, dhat he eme 
hulpe dorch siner ghaue willen, dhat he dhat guth behelde tho 
also daneme tinse also se^) gheven deme capitele in dher horch, 
achte Schillinge van dher houe. Do quam de riddere vn sande 

55 na dheme prestere tho Wedem, vn bat, dat he dheme manne Hen- 
rike Kattenlopere lethe dhat ghut tho alsodaneme tinse also dhe 
van Northerethe banden, dhe hove tho achthe scillingen. De 
riddere bat, he listekede vii drowede. de prester antworde dheme 
riddere vü sprac: he moste sine kerken wol beteren, he ne mosthe 

60 se nichte ercheren. De riddere tornde sich vn sprac tho sinen 
knechthen: Nemet«) dhene papen bi henden vii bi sinen vothen, 
werpet ene oppe dhat wather. he is also cricherne, he ne valt 
dhar nicht dor. De knechthe nemen dhen prester bi henden vn 
bi sinen vothen vü sueyden') ene bouen dher erde, also se ene 

65 wolden oppe dhat water werpen, vii repen: huy! dohc®) en 
worpen se ene nich oppe dhat water. Dhesse prester ghincht 
weder tho hus wenende vfi moyde sich vmme dhe smaheyt dhe 
eme wasche boden,») vn satte sunte Augustine vndher dhen alter 
vn sprak: Herre, sunte Augustin, number mer willich ^^) ghi dhenest 

70 dhon noch weder oppe dhen alter setten, sunder hir scol ghi lighen 
also langhe beut mi min smaheyt werde ghe wroken. In deme 
suluen daghe vort over achthe daghe sloch eyn dorner slach doth 
dhene riddere in dher kerch dhore thome Haghen tho dher vespere, 
also mengheme witlich was**) vS noch witlich is. Dhes anderen 

75 dhaghes er dhesse riddere, her Ludhegher be grauen worde, quam 
her Henrich dhe pleban van Wedem tho vns tho Brunsw. vii ghaf 
sine kerken vsen herren op vii reth tho Lukenem vii wart goddes- 
riddere. Dho lende we dhe kerken tho Wedem vseme ome heren 



92 

Bertrame mit alle dhesseme ghude ledich vil los van aller hande 
80 voghedige. dhat buwede he manieh jar mit sineme ploghe sunder 
aller hande ansprake. Do qnam tho Lechtenberehe eyn voghet, 
dhe het her Tyderich Struz van dheme Pole, mit dheme deghende 
dhe*^) Henrich Kattenlopere vii sine vrunt, vii ghaf sich eme tho 
echene, oppe dhat*^) he eme hulpe bi dhat ghut vii ghaf deme*^) 
85 voghede tuey punt vii heren Bertramme vseme ome en pnnt, dhat 
he eme lethe dhe tve houe mit tven worden vii mit ener wisghe 
tho dren jaren, alle jares tho gheuende tve vn twinthech scillinghe 
brunswikescher pennighe, alsus bescedeliken: wanne dhe dre jar 
vmme quemen, vii ne weide he eme dhat ghut vmme dessen tins 
90 nicht vort mer laten, so scolde dhesse vor be screuene meyger 
dheme prestere dhat ghut weder antworden ledich vü los in sine 
were sunder aller hande weder sprake. Do dhit vnsen herren tho 
wetene wart, dho sanden"^) se vseme ome heren Bertramme enen 
boden vii lethen ene bidden, dhat he tho en queme vor dhat 
95 capitel. Dho he vor se quam, dho ghauen se eme scult, dhat he 
sine kerken ergheret hedde: hene brochte**) dhat ghut weder inde 
kerken ledich vn los, se weiden enen richthere op ene be holden 
vii weiden eme volchen mit banne also lange beut he dhat weder 
dede. Des bath he vsen herren ghe menliken,") dhat se lethen 

100 dhat bestan also langhe bent dhe dre jar vmme quemen, so weide 
he mit erer vordemisse dhat ghut wedher in sine kerken bringen 
vri vü ledich, also eth eme were gheantwordet vii he eth ghe 
vunden hedde. Do dhesse dre jar vmme quemen, dho bath he vse 
herren ghe menliken, dhat se weiden mit eme ghan inde horch 

105 bi dhen louwensten tho deme riddere heren Thideriche Struze vii 
weiden ene berichthen, dhat dhat ghut weder an sine were queme. 
Dho ginghen vse herren menliken mit eme in dhe borch tho deme 
riddere heren Thideriche Sti'uze vii beden ene, dhat he sinen willen 
dhar tho kerde, dhat dher kerken tho Wedem weder worde ere 

110 ghut ledich vn los. De riddere sprac: he weide dhat gherne dhon 
also be scedeliken, dhat he deme vore be screuenen meygere weder 
gheve dre punt. Her Bertram ant worde dhar tho vii sprac: des 
he nicht hedde op ghe nomen, des ne weide he nicht weder gheuen. 
In dhesseme deghedinghe vel also vele, dhat dhe riddere sprac 

115 tho vseme ome hern Bertramme: he ne sueghe, he weide ene in 
sinen hals slan. Her Bertram dhe antworde eme vn sprac: dhedhe 
he dhat, he weide ene weder vlicken in sine thenen, dhat nu 
nen riddere van eneme papen also vlickeret'^) worde. Dhesse 
riddere sprac dho: he ne weide dhar nummer wort tho spreken, 

120 dhat dhat ghuth wedher queme tho dher kerken, dheme meygere 
worde sin ghut weder gheuen. Hir scededen se sich mede. Des 
morchenes vant men dhene riddere doth*^) oppe sineme bedde 
vnde was sin hals entvey. Tho ener open baren be thughinge 
aller dhesser dinge dhe we hebbet ghe hört vü ghe sen vn vor 

125 vns sint ghe scen^«) hebbe we dhessen bref beseghelef^^) mit 
vnseme ingheseghele vseme ome hern Bertramme. Dhesse bref 



is ghe gheuen na goddes bort tvelfhvnderet jar an dheme aehthe 
vn vertheghesten jare in sunte Kylianes daghe. 



») Im Orig. weren *) Ahgeh-oclien wis-jche. ') dho am Rande, *) vore am 
Bande. *) Vor se durchstrichen dhe van Northerethe. •) neinet am Bande. ') 
Bei der fast unterschiedslosen Gkichfryrmigkeit des n und u erscheint zweifelliaft, oh 
sneyden oder sueyden zu lesen sei; nach genauer Vergleichung einer grösseren Zahl 
der entscheidenden zwei Bachstaben im Ortg. entscheide ich mich für letztere Lesung. 
8) Vor dohc durchstrichen dh. ®) Lies was geboden. '<») Lies wil ik. ") was 
übergeschrieben. ") Lies deghedinghedhe. ") oppe dhat vor tho echene, aber 
durch Zeichen an den richtigen Platz gewiesen. »*) Vor deme durchstrichen eme. 
**) Im Orig. sande. *•) Iacs brochte. ") Nach ghe inenliken, womit eine Zeile 
ausläuft^ auf der nächsten wiederholt vsen herren ehemenliken. ") Im Orig. vlick'et. 
»•) Im Orig. doch. •*) Im Orig. ghe sen. *>) beseghelet am untern Rande unter 
der letzten Zeile ^bref steht in der vorletzten) nachgäragen. 

Braunschweig. Ludwig Hänselmann. 



üeber die Sprache der Wedemer Urkunde. 

Die vorstehend zum Abdruck gebrachte Wedemer Urkunde bietet 
in der That, wie Professor Hänselmann bemerkt, ein interessantes Bild 
von Mischung älterer und jüngerer Sprachformen. Man hat den Ein- 
druck, als sei sie zu einer Zeit abgefasst, zu welcher ein veraltender 
Zustand der Sprache noch nicht überwunden gewesen, eine neuere Ent- 
wicklung noch nicht ganz zum Abschluss gekommen war und die 
Orthographie nicht minder schwankte, als die Laute. Die Unregel- 
mässigkeit wird noch dadurch gesteigert, dass der Schreiber theils 
nachlässig schrieb, theils flüchtiger oder stark dialektischer Aussprache 
einen Einfluss auf seine Schreibung gestattete. Zu solchen Fehlem 
des Schreibers rechne ich z. B. dohc statt doch 65, doch st. doth 122 
deghende dhe st. deghedinghede 82, ghincht st. ghinch 66 und um- 
gekehrt wieder nich 49. 66 (neben nicht 63. 90. 113, nichte 60), hroche 
(tulit) st. brochte 96, wo zugleich das o statt des ursprünglichen a 
oder e (aus noch älterem ä oder e) bemerkenswerth ist, dorner flach 
st. donre-, doner flach 72, fe handen st. fe hadden 57, fände fe st. 
fanden fe 93, Nom. ghi st. Dat. Acc. ghik 69. Manche solcher Versehen 
finden sich auch sonst bei mittelalterlichen Schreibern, wie z. B. die 
Anfügung eines t und die Weglassung desselben, wo es stehen sollte: 
m'ch st. nicht ist nicht selten, Boprech liest man in der Bremer Hand- 
schrift der Sächsischen Weltchronik (Das Zeitbuch des Eyke v. Repgow, 
hrsg. V. Massmann S. 282), Tbrech (Imbertus) in Detmar's Lübischer 
Chronik, hrsg. v. K. Koppmann I, 258, 12. Ein t wird zugesetzt in 
macht (potest); Hänselmann, Urkundenbuch der Stadt Braunschweig I 
S. 13 § 56. Dieselbe Bremer Hdschr. hat in der md. poetischen Vor- 
rede tornirfclach S. 2 Z. 31, und Entstellungen wenigstens in durne, 



94 

toren, dorren kommen im Mhd. vor. Se banden für fe liadden erlaubt 
sieh auch der Schreiber des Sündenfalles (hrsg. v. Schönemann) 
Z. 1450. 

Wichtiger für unsere Urkunde und charakteristischer ist, dass 
Doppelformen desselben Wortes erscheinen, die mehr oder minder beide 
eine Berechtigung liaben und zum Theil sich so unterscheiden, dass 
sie einen älteren und einen jüngeren Sprachzustand darstellen, oder 
dass die eine gemein -mndd., die andere dagegen speciel Braun- 
schweigisch ist. So wird anfanglich einmal das ältere uppe 10 ge- 
setzt, später nur ox)pe und op. Mehrfach wird fich (fe, fibi) 35. 41. 
67. 121 gebraucht, ein einziges Mal fek 47; und weiter ist bei diesem 
Worte bemerkenswerth, dass, während es 35. 60. 67. 83. 121 nach 
altdeutscher Weise Accusativ ist, es daneben schon in tJio sich 41 und 
van fek 47 als Dativ gebraucht wird. Das Personalpronomen we (nos) 
hat im Dat., Acc. uns 7. 23. 30. 76. 125, im Possessiv unsc 3. 5. 5. 
23. 27. 30. 92. 126, dagegen use 77. 78. 85. 93. 99. 103. 107. 115. 
126. Manich steht 80, aber mit Umlaut mengheme 74. — Das Prae- 
teritum von willen (velle) heisst anfänglich tvolde 65, dann von 89 
an bis zum Schluss mehr als zehnmal alterthümlicher weldrC. Der 
Indicativ des Praeteritums von hebben (habere) ist hadde 47, hingegen 
der Conjunctiv Jiedde 8. 96. 103. 113, aber auch, wie es scheint, 
hadde hadden 49. 50. Diejenigen starken Verben der a-Classe 
mit einfachem Consonantauslaut des Stammes, welche im Praesens 
das a zu i oder e schwächen, haben im Plural des Praeteritums 
im Indicativ bald ä bald e: traden 50, ghaven 95, aber quenien 40. 
103, weren 46, beden 51. 108, nemen 63; gheven 53 wird Conjunctiv 
sein, wie denn dieser Modus bei allen solchen Verben, an vielen Stellen 
der Urkunde, immer e zeigt. Jene Indicativform mit e wird bekannt- 
lich im späteren Mittelalter bevorzugt und ist in den meisten neueren 
Dialekten die herrschende geworden, ja sogar in einigen auch für den 
Singular. — Für 'nunquam' begegnet neben der organischen Form 
nummer 119 auch die später im Mndd. nicht seltene unorganische 
nuniber 69, während umgekehrt das ursprüngliche mb stets als mm 
erscheint, z. B. in umme 6 und öfter. — Die Negationspartikel hat 
meistens die alte Form we, so 59. 62 u. s. w., aber einmal schon die 
jüngere en 65. 

Jüngeren Sprachzustand verräth die Urkunde weiter ausser in 
den Lauten auch sonst. So wird bidden nach der späteren mndd. 
Weise sowohl mit dem Acc. 94. 103. 108, als mit dem Dat. 99 construiert 
Die Dativconstruction lässt sich logisch sehr wohl verstehen und 
rechtfertigen, aber das altsächsische biddean regierte stets den Accu- 
sativ. — Für die Construction der Praeposition bi mit dem Accusativ, 
wenn ein örtliches Ziel gemeint ist, bietet das Mndd. Wb. nur Belege 
aus jüngeren Schriftstellern, haben wir hier in: oppe dhat he enie hulpe 
bi dhat ghtit 84 ein frühes Beispiel. Uebrigens kennt ja bereits das 
As. bi mit dieser Construction, freilich nur bei verbis loquendi in der 
Bedeutung „von, über". — Ein im späteren Mittelalter nicht ungewöhn- 
licher Sprachfehler ist, laden (invitare) stark wie laden (onerare) zu 



A k. 



95 

beugen, was im Nhd. fast zur Regel geworden ist; auch der Schreiber 
der Urkunde gebraucht schon so gheladen statt gheladet 6. — Die 
Cardinalzahl 'zwei' unterscheidet im Asächs. nach den drei Ge- 
schlechtem twena oder twene, twä oder twd; und twe. Das Ndd. hat 
frtther als das Hd. sich für den alleinigen Gebrauch einer Form ent- 
schieden. Unsere Urkunde offenbart nun bereits Uebergang in die 
einfachere neue Weise, aber in eigenthttmlicher Verwirrung. Man liest 
tuene hove 9, was zuerst denken lässt, es seien Höfe, ßauerhöfe ge- 
meint; allein ene hove 13 und van der höre 54, dhe hove 57 beweisen, 
dass von Hufen die Bede ist. Es ist also die Masculinform zu einem 
femininen Substantiv gesetzt. Später aber wird eine wohl aus twene 
verkürzte Form sowohl für das Masculin wie für das Feminin ver- 
wendet: tve fcülinghe 87, fhue hove 21, tve hove 86, während das 
Neutrum tvey (aus dem as. Genet. tneio geleitet? s. Kögel in den „Bei- 
trägen" von Paul u. Braune IX, 542) heisst: tvey fwin 25, fcoc 26, punt 85, 
und ebenso entvey, entzwei 123. Bei der dritten Zahl scheidet das As. 
zwischen einer persönlichen und einer sächlichen Form: threa oder 
thria thrie, und thriu oder thrn. In unserm Denkmal erscheint nur 
eine Form dre, bei den Femininen hove 8 und worde (areae) 11, und 
bei den Neutren jar (anni) 88. 100. 103 und punt (talenta) 112. Natttr- 
hch mttsste die Masculinform, die nicht vorkommt, gleichfalls dre lauten. 
Auch hier zeigt sich die Sprache der Urkunde merkwürdig jung, da 
doch sonst drin oder dru fürs Neutrum wenigstens im 14. Jahrhundert 
nicht ungewöhnlich ist. Bei beiden Zahlen, zwei und drei, ist das 
Ndd. später gleichmässig verfahren: es hat die masculine Form zu 
alleinigem Gebrauch {twene in der verkürzten Form) gewählt, während 
das Hd. für die erstere das Neutrum, für die andere das Masculin 
vorgezogen hat. Tvelf 121 ^i^X auch schon moderne Form; die ältere 
Sprache des 13. Jahrhunderts sagte tvelef oder tvelif. — Einen vom 
Hd. abweichenden Gang hat das Ndd. ferner eingeschlagen in der Be- 
handlung des Wortes Herr, dominus. Während das Hd. in diesem 
ursprünglichen Comparativ von her (hehr) die Doppelconsonanz belässt 
und den Vocal verkürzt, bewahrt das Ndd. den langen Vocal und 
opfert darum das eine r. Die vorliegende Urkunde steht nun auf 
der Wende vom alten herre zum neueren here: beide Schreibungen 
herre und here kommen ziemlich gleich häufig neben einander vor 
und so oft, dass ich darauf verzichte zu citieren. Als Titel vor Namen 
wird, wie ja mndd. und mhd. üblich war, vom Schreiber die verkürzte 
Form her gebraucht und dann oft nicht heren oder herren flectiert, 
sondern hern. 

Die Urkunde bietet einige Wörter in einer Gestalt, welche durchaus 
eher für das 14. als das 13. Jahrhundert spricht: fulve (ipsej 72 
statt ßlve felve, funte (fanctus) 1 u. öfter für finte fente oder jante, 
heholden 49. 97 statt hehalden, und Goddes (Dei) 77. 127 neben Godes 
1. Dahin möchte ich besonders auch den Plural thenen (dentes) 117 
rechnen. Die as., durchs Mittelalter nicht ausgestorbene und noch in 
nndd. Dialekten erhaltene, Form des Wortes ist tand und zwar ist es 
masculin und geht nach der starken a-Declination. In einigen Dia- 



lekten fiel das d ab und das Wort ging in die /-Declinationsclasse 
über, ganz wie im späteren Hd. Andere mndd. Mundarten blieben 
aber dabei nicht stehen, sondern sie fleetierten, wenigstens den Plural, 
auch schwach tanden, tanen, tenen. Ja, zu dem letztgenannten Plural 
ist später ein starker Singular tene nachweisbar, der auch als Feminin 
gebraucht wird, s. Regel, Das mndd. Gothaer Arzneibuch, Programm, 
Gotha 1872, S. 7, Anm.. Die Sprache unserer Handschrift ist wenig- 
stens schon zum Plural tenen fortgeschritten und dieser Fortschritt 
setzt eine längere Entwickelungszeit voraus. Das früheste bekannte 
Auftreten deö Plurals tenen ist in der Berliner Handschrift der Sachs. 
Weltchronik, S. 155,4, welche der Herausgeber Prof Weiland in das 
Ende des 13. oder den Anfang des 14. Jahrhunderts setzt; an derselben 
Stelle hat die noch ins 13. Jahrhundert und zwar, da sie nach Wei- 
land eine Originalhandschrift ist, um die Mitte desselben fallende 
Gothaer Handschrift tanden, während die, vielleicht in Hamburg (v^o 
man doch früh, wie noch jetzt, die Form ten(e) msc, bevorzugte) vor 
1281 geschriebene, Bremer Handschrift tanen liest. — Auf dasselbe 
Resultat, dass nemlich unsere Urkunde wohl nicht dem 13. Jahrhundert, 
keineswegs aber dem J. 1248 angehört, führt die Erwägung des Aus- 
druckes mtt aller hander flachter nuth 37. Die Entstellung mit aller 
flaehter nut aus m. a. flachte nut, „mit Nutzung aller Art", belegt das 
Mndd. Wb. zuerst aus dem J. 1343, den Pleonasmus m. a. hande flaute 
mit aus dem J. 1330; in unserer Formel ist nicht bloss flachte, sondern 
auch hande entstellt, sicher ein Beweis gegen die Abfassung der Ur- 
kunde zu so früher Zeit, wie sie selbst behauptet. 

Alterthümlich ist die Schreibung (fe) fueyden 64, he fueghe (taceret) 
115, tuene tve tven (22. 86) tuey tvey tvelf (127); daneben bricht aber 
in fwin 25. 42 und twmthech 87 schon die Orthographie des 14. Jahr- 
hunderts hervor. Auch Lomvenften 105 tfägt jüngeres Gepräge; eine 
Handschrift des 13. Jahrhunderts hätte Lewen- oder doch Lowensten 
erwarten lassen, wie auch hier drowede (minatus est) 58 statt späterem 
drouwede steht. — In Betreff des Gebrauches von y huldigt die Urkunde 
noch nicht dem übermässigen Verbrauch dieses Buchstabens, wie er 
im Laufe des 14. Jahrhunderts sich entwickelte und mit Fug allgemein 
ward, da man bei der allmählich flüchtiger werdenden Schrift, welche 
die Striche des i, m, n und u fast ganz gleich erscheinen liess, um 
der Deutlichkeit halben das y, besonders in der Nachbarschaft von 
m, n und u, in verständiger Weise vor dem i bevorzugte. Hier in 
unserem Sprachdenkmale herrscht noch fast uneingeschränkt das i da, 
wo es nicht auf einen anderen Vocal folgt; nur gegen das Ende machen 
Tyderich 82 und Kylian 128 eine Ausnahme. Sonst hat nicht nur 
das kurze i, sondern auch das lange und das auslautende i sich be- 
hauptet, z. B. wird vif (quinque), thit (tempus), hir (hie), fwin (porcus), 
min (meus\ ßn (suus), fine, Äugustin, Augustine, wine (vino), cricJieme 
fbellicofus), voghedige (advocatia), vri (liber), U (apud), ghi (vos), nii 
(mihi) geschrieben. Anders steht es, faUs ein Vocal vorhergeht: dann 
findet man nur y gebraucht, so in huy! 65, koy (vaccae) 42, moyde ficli 
(indignatus est) 67, sueyden (vibrarunt) 64, eygere (ova) 26, meyger 



97 

(villicus) 28 u. öfter, tvey (duo) 25. 26. 85, mtvey (fractug) 123, sma- 
lieyt (contumelia) 67, 71, heyde (ambo) 26 und eyn (unus) 72. 81. 
In den ersten sechs Wörtern ist der «-Laut, der durch y ausgedrückt 
wird, altorganisch; .und nur bei eygere und meygere die Entwickelung 
des Jot, geschrieben g, nach dem ey ist bemerkenswerth als jüngere 
Spracherscheinung; die übrigen aber zeigen im Gegensatze zu as. tue, 
'hed, hedhea, en die im Mndd., und zwar bereits im 13. Jahrhundert, ge- 
wöhnlichen Formen. Im übrigen steht die Urkunde, was das e = ei 
betrifft, noch ganz auf altsächsischem Standpunkte: der Artikel lautet, 
mit alleiniger Ausnahme der beiden angeführten Fälle, stets en, en- 4. 
10. 16. 23. 29 u. s. w.; ene wird nicht in der Schreibung \on.ene (eum) 
66 u. sonst unterschieden. Ebenso heisst es neu (nuUus) 118, Henrich 
3 u. öfter, gJmnenliken (generaliter) 99. 104 und menliken 107 lende we 
(concessimus) 78, bescedeliken (discrete, distincte) 32. 88. 111, wenen 
(flere) 67. Das as. tuentich (viginti) ist, durch twentich hindurch, schon 
zu twinthech 87 geworden. 

Auffallend schwankt der Schreiber der Urkunde in der Behand- 
lung der as. th und d = mndd. d, des g, des k und des sk Hier tritt 
uns ganz besonders deutlich der Charakter der Sprache und der Ortho- 
graphie als solcher entgegen, welche einen früheren Zustand noch 
nicht ganz überwunden haben und noch zu keiner festen Regel ge- 
langt sind. 

•Der lautliche Unterschied zwischen dem alten th, beziehungsweise 
dh, und zwischen dem alten d existiert offenbar für unsern Schreiber 
nicht mehr. Die zwei einzigen Beispiele eines richtigen th sind Thi- 
derich 105. 108, woneben sich aber auch Tyderich 82 findet: der Name 
ist sicher mit dem Laut t gesprochen worden. Die sonstigen zahl- 
reichen th stehen alle falsch für t und im Auslaut, z. B. doth (mortuus) 
72. 122, reth (equitavit) 77, auch ftir urspr. d. Es findet sich sogar achthe 
(octo) 54, knechthe (servi) 63, mofthe (debuit) 59, thue (duo) 21. Den Laut 
hatte man aufgegeben, das Zeichen konnte man noch nicht los werden; da 
Laut th zu d geworden war und so geschrieben ward, so verwendete 
man das altgewohnte Zeichen für den Laut t — Die alte Spirans th 
ist nicht plötzlich in den Laut d übergegangen, sondern erst durch 
die Erweichung der Tennis zur Media dh, welcher Laut gewiss bereits 
im Altsächsischen für den bestimmten Artikel, das mit der Dental- 
spirans anlautende Demonstrativpronomen und die abgeleiteten Pro- 
nominaladverbien, vielleicht auch schon für das inlautende th 
gegolten hatte. Dass diese Aussprache später alle th ergriffen hat, 
wird bewiesen durch die Schreibung dh mancher Sprachdenkmäler des 
13. und des beginnenden 14. Jahrhunderts für jedes th; und nur so 
lässt sich verstehen, dass im Mndd. anlautendes th nicht, wie in 
der Regel im Skandinavischen, zu t, sondern zu d geworden ist. Dies 
dh ist unserm Schreiber noch nicht ganz abhanden gekommen. Er 
hat es noch manchmal, z. B. in dher X, dhe 2, dho 4, dhesse 75, dhit 
92, dhar 46, alle öfter neben den jüngeren Formen mit d, ferner in 
dhenest (servitium) 69 neben denest 13, in Ludhegher 75 neben Ludegher 

Niederdeutsches Jahrbuch XVI. 7 



98 

50, und in tvedher (rursus) 101. 120 neben gewöhnlichem tveder. Dass 
er aber nicht mehr dh, sondern d sprach, erhellt aus seiner mehrmaligen 
Verwendung des dh für ursprüngliches und im Laut unverändert ge- 
bliebenes d, so: dhot (mortuus) 41, undher (sub) 68, dJion (facere) 70. 
110, dhedhe (fecit) 116 neben dede 21, dhore (janua) 73, dhaghes (diei) 
75. — Bemerkenswerth ist, dass der Name des Dorfes Wedem, stets 
mit d geschrieben wird. Mag derselbe aus Widuhem (Waldheim) ent- 
standen sein, oder 'Widem, Witthum, dos' (dos ecclesiae, parochia?) 
bedeuten, in beiden Fällen sollte man die Schreibung (Wedhem oder 
Wethem, resp. Wedhem) mit h erwarten, wie denn die Urkunde vom 
J. 1350 (s. oben S. 81) noch Wedliem hat. 

Das asächs. g muss eine palatale, dem ; ähnliche oder gleiche 
Aussprache gehabt haben, sicher vor e und i, wahrscheinlich überhaupt 
im Anlaut, da es im Heliand mit j alliteriert, und im Inlaut, ausser 
etwa nach n; dagegen scheint es im Auslaut ähnlich wie ch gesprochen 
zu sein. Vgl. Moritz Heyne, As. und andfränk. Grammatik, 1873, § 14, 1. 
Diese Aussprache wie Jot hat sich gehalten in der Mark Brandenburg, 
mehr oder minder, z. B. für einzelne Wörter und für das Praefix ge-, 
auch in anderen Dialekten. Mit der Entstehung der mndd. Schrift- 
sprache kam nun aber eine gutturale Aussprache des g auf, ähnlich 
wie ein weiches ch, nach der Art des Holländischen ^, eine Aussprache, 
welche gleichfalls im Westfälischen und sonst in einigen Gegenden 
bewahrt geblieben ist. Diesen Laut drückte man in der mndd. Sljhrift 
gemeiniglich durch das Zeichen gh aus, im Auslaut dagegen stand 
ch. Es hat aber eine Periode des Ueberganges gegeben, wo man auch 
im In- und selbst im Anlaut ch schrieb. Das frühste Vorkommen dürften 
wir vielleicht in: en hoche man (vir praemagnificus) der Gothaer Hand- 
schrift der Sachs. Weltchronik (Ausgabe von Weiland S. 265, 4) er- 
kennen. Die jüngsten Belege vom Jahre 1349, sind wohl die von 
K. Koppmann im Ndd. Jahrbuche III (1877) S. 7 aus Meklenburgischen 
Urkunden mitgetheilten, in denen hauptsächlich das Praefix ge- durch 
che- gegeben wird. In unserer Urkunde ist gh die Regel, seltener 
steht noch g. Daneben kommen aber auch einige ch vor, im Anlaute 
nur in wasche boden d. i. was ghehoden (oblatum, adhibitum erat) 68, 
öfter im Inlaute: under wecken (in itinere) 33, echen (proprius) 84, 
cricherne (bellicosus) 62, volchen (sequi) 98, morchen (jugerum) 18. 19, 
ercheren (deteriorare) 60 neben ergheren 96, Lechtenberche 81, des 
morchenes (mane) 122. 

Ganz eigenthümlich verfährt der Schreiber bisweilen mit dem Ä*. 
Im ganzen steht dieser Buchstabe bei ihm fest, im Auslaut wird er 
nach älterer Weise durch c ausgedrückt, z. B. Crasuc 4, spra^ (dixit) 
7, fcoc (sexaginta) 26. Wenn er meist Henrich, z. B. 3. 21. 34, neben 
Henne 30, Henrikes 43, Henrike 56, ferner Tyderich 82, willich (volo) 
69, witlich (notus) 74. 74 schreibt, so lässt sich das erklären. Denn 
diese Schreibung findet sich auch sonst grade in den älteren mndd. 
Sprachdenkmälern, während später k üblich ist. Das ch erscheint hier 
auslautend in minder betonten Ableitungs- oder ursprünglichen Com- 
positionssilben und kann daher sehr gut früh an die Stelle des ge- 



99 

wichtigeren k getreten sein und in den Dialekten, wenngleich das 
erst im 16. oder 17. Jahrhundert wieder hervorbricht, sich gehalten 
haben. Wie wäre anders zu erklären, dass in neueren Mundarten, wie 
z. B. im Ditmarschen, das -lik als -li erscheint, ganz wie im Englischen. 
Diese cA- Formen erscheinen, wie gesagt, auch sonst im 13. und 14. 
Jahrh. Unsere Urkunde geht aber weiter. Sie schreibt auch inlautend 
Henrighe 40 und gar Thideriche 105. 108. Ausserdem begegnet noch 
och (etiam) 9. 20. 33, steh (se, fibi) und neben kerken 59. 77. 78. 96. 
97 und Kerecherete 22, was wohl Kerec-Herete zu lesen ist, kerchdhore 
73, was merkwürdig zu dem neueren messingischen kerch (ecclesia) 
stimmt. Und da ist zu bemerken, dass nicht bloss in Ableitungssilben 
auslautendes ch im 13. u. Anfang des 14. Jahrh. nicht so gar selten ist. 
Formen, wie ich, fprach, ivercJi, Bochholt u. a. kommen damals auch 
sonst oft vor, während sie von 1350 an in der Prosa fast unerhört 
sind. Wenn man aber in Erwägung zieht, dass dieses ch der späteren 
Poesie, was die Keime beweisen, nicht fremd ist, so lässt sich ein Ein- 
fluss der Sprache des 12. und 13. Jahrhunderts, die sich vornehmlich 
poetisch und zwar nach mhd. oder md. Vorbildern manifestierte, nicht 
verkennen. Möglicherweise sprach der Schreiber in allen Fällen k, aber 
die Orthographie der Poesie des 13. Jahrhunderts hielt ihn in ihrem 
Banne. Sich ist dazu vielleicht aus einem anderen Dialekte erborgt; 
denn die as. Litteraturdenkmäler kennen, gleich den ags. und afries., 
dies reflexive Pronomen nicht mehr. 

Bei fast allen deutschen Völkern — von den skandinavischen 
sehe ich hier ab — zeigt sich die Ent Wickelung von fc fk zum fch 
oder, wie die Engländer schreiben, sh. Den Uebergang von jenem 
zu diesem vermittelt s^ d. h. die nicht zu einem Laute verschmolzene 
Aussprache des s und ch, wie wir sie jetzt noch aus dem Holländischen 
und Westfälischen und anderen ndd. Mundarten kennen. Zunächst 
erfuhr fc diese Entwickelung vor oder neben den hellen und weichen 
Vocalen c und i. Im Mndd. ist sie überhaupt in jeder Lage des sc 
Regel geworden, scheint aber nie gänzlich tlber die getrennte Aus- 
sprache des s und ch hinausgekommen zu sein. Andera wäre es gar 
nicht zu erklären, wie um 1500 die Schreibung scr statt des vorher 
üblichen sehr und noch später sk im Auslaut allgemein wird. Der 
Hergang kann nur so gewesen sein, dass man, nachdem die einlaut- 
liche Aussprache für seh mehr und mehr durchgedrungen war, das 
Zeichen seh für jene beiden Lagen, in welchen sich der alte Laut 
erhielt, nicht mehr anwendbar erfunden und durch sc und sk ersetzt 
hat. Die Entwickelung von sx zu seh oder sh wird nicht in allen 
Landschaften gleichzeitig vor sich gegangen sein, wie ja in einigen 
noch heute die alte Aussprache bewahrt geblieben ist; vermuthlich 
ist die im späteren Mittelalter nicht seltene Schreibung ffeh im Inlaute 
statt fch, welche z. B. schon gegen Ende des 14. Jahrhunderts in der 
Lttbeker Rathshandschrift der Detmar'schen Chronik hier und da sich 
zeigt, stets ein Zeichen davon, dass zweilautige und einlautige Aus- 
sprache im Idiom des Schreibers für den Inlaut neben einander be- 
standen. Unsere Urkunde steht nun auf dem Uebergange aus dem 



100 

ältesten Zastand (sc) in den mittleren {sx\ Regel ist noch sc, selbst 
vor e und i: bescreven 32, fcolde (debuit) 36, scol ghi (debetis) 70, scoc 
26, opperscop (oflfertorium) 20, scult (noxia) 95, sctdden (reprehenderunt) 
48, bescedeleken 32, scededen (discesserunt) 121, sdllinge (solidi) 57. 87, 
daneben aber einmal auch schon schillmge 54. Inlautend ist dagegen 
seh bereits das gewöhnliche: wische (pratum) 11. 22, daneben die 
Schreibung wisghe 10. 86, BrunswUeseher 88; selbst das Compositum 
wiscop (aus wit-scop 'cognitio') 31 wird dieser Inlautsregel unterworfen 
in wisehop 23. 

Was den Wortschatz der Urkunde anbelangt, so treten in der- 
selben, so gering ihr Umfang ist, einige interessante und zum Theil 
bisher unbekannte Ausdrücke auf. Dat mghedomc (supellex) 43 ist 
auch sonst bekannt genug; hier scheint es speciel das zur Landwirth- 
schaft gehörige Geräthe zu bedeuten. — Ebenso ist vollen in dem 
Sinne von „vorfallen, sich ereignen, passieren" nicht selten; hier in 
dhef ferne deghedinghe vel alfo vele, dhat etc. 114. — Wort hebhen mit 
Genetiv, soviel als „zugestehen, sich dazu bekennen", ist aus dem 
Mndd. Wb. bekannt, wo aus den Lübischen Chroniken (Chronik des 
Franciscaner Lesemeisters Detmar, mit Ergänzungen aus andern Chro- 
niken, herausgegeben von Grautoff II, 108) fe wolden des neen wort 
hebben beigebracht ist. Ein zweites Beispiel findet sich in Josep's 
Gedicht von den sieben Todsünden (in fortlaufenden Auszügen und 
Inhaltsangaben bekannt gemacht von Babucke; S. 27 Z. 3890): du 
woJcenere, du varlike man!' Deve, roter morden taten dar van, Wente 
de dre ftat tomale grot eventure; Sunder du fytteft in den drogen by 
dem vure Unde heft diner Tiunft nene word (Plural). In ähnlicher Be- 
deutung „zugeben" erscheint hier eine, meines Wissens noch unbelegte 
Redensart: he ne weide dliar nummer wort tho fprelcen, dJiat dhat 
ghuth tvedher qtieme tho dher Icerhen, etc. 119. — Eine besonders inter- 
essante Wortform ist dat liicht (lumen) 16 statt des üblichen licht oder 
lecht. Um 1300 darf lucht nicht als Entstellung aus licht oder lecM 
gelten, sondern wie diese aus liocht oder leoht entstanden sind, muss 
jenes auf ein nicht überliefertes as. liucht zurückgeführt werden. Diese 
Nebenform ist auch sonst einige Male bezeugt. Der 1473 geschriebene 
Dialogus Gregorii der Oldenburger Bibliothek hat beide Formen {do 
de lampen funder lucht hengen, worden fe entf enget mit dem lechte, s. 
Mndd. Wb.) neben einander. In den Braunschweigischen Chroniken 
(herausgegeben von Hänselmann II, 16) findet sich: dat goddeshus be- 
teren unde Mocken geten unde luchte don, H. „Lichtwerk liefern", eig. 
Lichter, Kerzen liefern. Ebendas. S. 400, 22 zu der Stelle: darumme 
nicht tverdich, dat one noch fine felfchop water, vur, noch erde edder 
hicht liden fcholde, lesen wir die Randnote von einer Hand des 16. Jahr- 
hunderts: water, vuir und lecht wert den entlopenen vorreders vorfecht, 
wo freilich das vierte Element als Licht misverstanden ist, aber er- 
wünschtes Zeugnis für die damals in Braunschweig gebräuchliche 
Nebenform lucht == lecht abgelegt wird. De fcal glieven ver pund to 
lachte heisst es im Bürgerbuch von Stadthagen, herausgegeben von 
Ermisch, § 24 (auch von G. v. Buchwald herausgegeben in der Zeitsehr. 



101 

für Schleswig-Holstein-Lauenb. Gesch. X, 126). Während im Hanse- 
recess vom 18. Juni 1364 die Ledraborger Handsöhrift (Hanserecesse 
herausgegeben von Koppmann I, S. 287) warende wente lichtmiffen hat, 
schreibt die Kopenhagener Abschrift (Sartorius, Urkundl. Gesch. des 
Ursprungs der Hanse, II, S. 551) luchtmiffen. Dem as. Uohtfat, mhd. 
liechtvaz, entspricht das mndd. luchtevat, md. Itichtevaz,. Das mndd. 
luchterbom wird kein Leuchter-, sondern kann nur ein Lichterbaum 
sein, was die Braunschweigische Nebenform luchtebom bestätigt. Im 
Braunschweigischen Dialekte bestehen auch noch beide Formen neben 
neben einander. In der Zeitschrift „Muddersprake", herausgegeben 
von Th. Reiche in Braunschweig, steht lucht z. B. II, 47. IV, 49 und 
zwar für Sonnenlicht, Helle; dagegen licht II, 1, PI. lichter für Kerze^ 
Kerzenlicht. Die Form lucht hat sich auch in anderen Mundarten 
neben lecht oder licht bis heute erhalten, wie das Brem. Niedersächs. 
Wb. III, 30, Schambach im Wb. von Göttingen u. Grubenhagen, Woeste 
im Westfäl., ten Doornkaat Koolman im Ostfries. Wb. und Bierwirth, 
Die Vocale der JMundart von Meinersen § 214 bezeugen. Im Ham-* 
burgischen (Richey's Idioticon Hamb.) und Holsteinischen (Schütze's 
Holst. Idiot. III, 32) hat man auch ein Adjectiv lucht in gewissen Aus- 
drücken bewahrt, wie denn gleichfalls in nndl. Mundarten (nach van 
Dale, Nieuw Woordenboek der Nederlandsche Taal) lucht statt licht 
(hell) gesagt wird. 

Opperfcop 20 ist bereits von Lübben im Supplement des Mndd. 
Wb. einmal belegt. Das Bremische Wb. VI, 219 weist offerscJiap aus 
einer Urkunde von Bederkesa (im Herzogthum Bremen) nach und er- 
klärt es wohl richtig als Präbende, nemlich des das Messamt verwal- 
tenden Priesters. Das pp in opper (Opfer) ist dem Ober-Engerschen 
und dem Ostfälischen Dialekte eigen statt des von den übrigen Mund- 
arten bevorzugten offer. Das Wort opperland 18, d. h. das Land dessen 
Ertrag eben zur opper fco}) dient, scheint bisher noch nicht nachgewieen 
zu sein. — Cricherne (bellicosus, pertinax) 62 ist bereits im Mndd. Wb. 
und von Strauch im Glossar zur Sächsischen Weltchronik (herausgeg. 
von Weiland) verzeichnet. Es gehört nach seiner Bildung zu den im 
Ndd. beliebten Adjectiven auf -erne. Da ich beabsichtige, diese Wort- 
bildungen einmal im Zusammenhange zu behandeln, gehe ich hier 
nicht weiter darauf ein. 

De riddere hat, he listehede unde drowede 58. Das Verb listeken 
kann etwa 'Listen anwenden' bedeuten und vom Substantiv list ab- 
geleitet sein. Das Ndd. ist bekanntlich reich an solchen Verben mit 
A- Ableitung, die theils aus Verben, theils aus Adjectiven, theils aus 
Substantiven gebildet werden und gemeiniglich den Begriff des all- 
mählichen, oder theilweisen oder kleinlichen Thuns oder Werdens 
haben. Besser als listehede würde ein liselcede passen 'er bat, er 
schmeichelte und drohte'; vgl. d. Brem. Wb. unter liesken, für welches 
Wort mit derselben Bedeutung „freundlich thun, liebkosen" im Münster- 
land nach Jostes (zu Johannes Veghe 43, 26: leisich 'freundlich, schmeich- 
lerisch') leshen gesagt wird. Erwägt man, dass die Wörter „leise, das 
Geleise" und gotisches laisjan 'lehren' zu einer Wurzel lis zu gehören 



102 

scheinen, aus welcher auch „der Leisten, leisten, die List und die 
Leiste (aus älterem tiste)'^ abgeleitet werden (vgl. A. Fick, Vergleichen- 
des Wb. der Indogermanischen Sprachen; F. Kluge, Etymologisches 
Wb.; J. Franck, Etymologisch Woordenboek; M. Heyne im Grimm'schen 
Wb.), so erscheint es möglich, dass auch ein dahin gehöriges listeken 
(oder Itfteken'f) nicht von list (astutia) zu stammen braucht und viel- 
leicht dieselbe Bedeutung wie Usken und lesken gehabt hat. — Auf 
den Befehl des Ritters, den Pfaflfen auf das Wasser zu werfen, nahmen 
die Knechte diesen bei seinen Händen und Füssen unde sueyden (64) 
ene hoven dher erde, als ob sie ihn aufs Wasser werfen wollten. Dies 
Zeitwort kann dem Zusammenhange nach nur „schwenken" bedeuten, 
wie es von Professor Hänselmann tibersetzt ist. Derselbe hat anfäng- 
lich geschwankt, ob sneyden oder ob sueyden zu lesen sei, aber sich 
schliesslich nach genauerer Prüfung für die letztere Lesung entschieden; 
und diese ist es, für welche auch philologische Gründe überwiegen. 
Denn weder zu got. snivan, noch zu anord. fnüa,, noch zu ags. fneovan, 
*fnövan, noch zu ahd. snman lässt sich ein sneyen, lautlich stellen, 
wenngleich die Bedeutung sich aus dem anord. snüa sehr wohl ent- 
wickeln liesse. Dagegen stimmen zu sueyen völlig in Form und Be- 
deutung das nndd. stvaien, swaijen, swajen, sweien, das nndl. sivaaien, 
das engl, sivay. Es ist höchst interessant, dass wir das älteste Zeug- 
niss für dies in der heutigen Nautik technische Wort einer binnen- 
ländischen Urkunde verdanken. — Der zweite Ritter droht dem an- 
deren Priester, er wolle ihn, wenn er nicht schwiege, in finen hals 
flan 116. Das kann sowohl heissen „an seinen Hals", als auch „auf 
den Mund". Nach dem Zusammenhang ist wohl die letztere Bedeutung 
anzunehmen. Der Priester antwortet: wenn er das thäte, so wolle er 
ihn wieder vlicken in fine thenen, dass nie ein Ritter von einem Pfaffen 
also vlickeret worde 117 ff. Man könnte vergleichen mndd. vlecken, 
nndd. flicken (s. Brem. Wb.), dän. flcekke^ schwed. fläkka 'zerreissen, 
zerschneiden, zerbrechen, spalten'. Dies Wort wird aber nicht das- 
selbe sein mit dem vlicken der Urkunde: der Vocal scheint auf ur- 
sprüngliches a zurückzuweisen; auch stimmt die Construction „etwas 
vlecken" nicht zu ,jemand (in seine Zähne) vlicken". Vlicken muss 
„schlagen" bedeuten und mit „Fleck, flecken, flicken" zusammenhängen. 
Mndd., mhd. und besonders md. vlec, vlecke bedeuten ausser „Stück, 
Lappen, Schmutz- oder Schandflecken" auch „Schlag, Hieb", und vlecken 
„schlagen". Nndd. heisst enen flicken geven „einen Schlag, eine Ohr- 
feige etc. versetzen", und nach dem Grimm'schen Deutschen und 
Schmeller's Bayerischem Wb. ist ein kind auf den hintern flicken soviel 
als ihm „die Ruthe geben". Bedeutet vlicken also „schlagen, hauen", 
was denn vlickeren? Vielleicht ist es Intensiv oder Frequentativ von 
vlicken j etwa wie hd. schütteln, fchüttern zu schütten, löchern zu lochen, 
oder es mag in ihm eine gleichfalls aus vlec entwickelte Bedeutung 
„bunt machen, sprenkeln" (die Folge des „Flickens" der menschlichen 
Haut) liegen, wofür das Englische beides fleck und flecker gebraucht. 
Dreimal tritt in unserer Urkunde eine Partikel auf, welche nur 
auf gewisse Dialekte und auf eine bestimmte Zeit beschränkt gewesen 



zu sein scheint: beut 'bis'. Älfo langhe beut mi min fmdheyt werde 
ghewroken 71; alfo lange bent he dJmt weder dede 98; dlfo langhe 
bent dhe dre jar timnie quemen 100; wahrscheinlich dürfen wir in 
diesen Stellen die frtthesten Zeugnisse für diese Partikel erblicken. 
Die übrigen mir bekannt gewordenen Belege (vergl. das Mndd. Wb.) 
sind folgende: im Hoyer Urkundenbuch herausgegeben von v. Hoden- 
berg alfo langhe bent, a. 1338, I No. 88 S. 59 und 62; bent alfo langhe 
düt, in derselben Urkunde S. 60 (daneben van nu bette tho dem negheften 
pinkeften S. 60, bet alfo langhe dat S. 61); alfo langhe bent, a. 1343, I 
Nr. 108 S. 73; femer in den praepositionellen Ausdrücken: bente in 
deffe tyd, a. 1358, I Nr. 166 S. 110; bente tho dem neghesten daghe, a. 
1362, I Nr. 184 S. 122; bente an doffen dach, a. 1398, I Nr. 337 S.207. 
Ferner im Codex diplom. Benthem. herausgegeben von Jung: benth alfo 
langhe dat, a. 1372, Nr. 100 S. 205. Dann in den Goslarer Statuten 
des 14. Jahrhunderts herausgegeben von Göschen: bente tippe de tyd 
düt, 24, 21. Endlich soll nach Strodtmann, Idioticon Osnabrugense, 
S. 24 bent für „bis, so lange" in mittelalterlichen Osnabrücker Urkunden 
vorkonmaen. Mir sind nur wenige Urkundenbuch er zugänglich, auch 
mag in den ausgezogenen mir ein oder mehr Beispiele entgangen sein. 
Doch genügen schon die hier mitgetheilten zwölf zu einer Behandlung 
des Wortes. Dasselbe erscheint theils als Conjunction (zweimal mit 
düt, weil alfo langhe nach bent steht, statt wie sonst vorher) und in 
allen Fällen mit folgendem Conjunctiv; theils und dann in der Form 
bente adverbiel in praepositionellen Verbindungen vor in, to, an, uppe. 
Die Zeit seines Vorkommens ist das 14. Jahrhundert, das Gebiet be- 
greift Braunschweig, Goslar, Osnabrück, Hoya, Bentheim. Dass es das 
gotische, nur Philemon 22 begegnende bijands (a/ja, zugleich aber auch) 
sei, welches J. Grimm, Gramm. III, 127 und Uppström als Particip 
eines unbelegbaren Verbums Injan fassen (nach Grimm: praeterire, 
transire, progredi, also adverbialisch pariter, ulterius, praeterea; nach 
Uppström: addere), das ist nicht wohl anzunehmen. Dass es für die 
gleichbedeutigen bette, heute oder wente verlesen sei, ist durchaus un- 
glaublich, da das bente und bent von mehreren bewährten Diploma- 
tikem constatiert ist. So bleibt nichts übrig, als diese Partikel ebenso 
zu erklären, wie die ähnlichen bet(te), hent(e), tot(e), mhd. biz oder 
Utze, hinze, unze, zuoze, nemlich aus Zusammensetzung. In dem b 
steckt die Praeposition bi\ -ent kann auf die Praepositionen ant oder 
and und unt oder und zurückgeführt werden, die beide im Asächs. 
„bis" bedeuten. Sie kommen im Heliand mit nachfolgendem that als 
Conjunctionen vor: „bis dass"; und die im 9. Jahrhundert bereits 
meistens vollzogene Verschmelzung zu antlmt, antat und unthat, untat 
hat später zu der einsilbigen Form sich verkürzt. So versteht man, 
daßs bent ohne dat erscheint. Die Formel bent alfo langhe dat beruht 
schon auf Erstarrung, man war sich des Ursprungs von bent aus einer 
Composition mit that nicht mehr recht bewusst. Aus einer gleichen 
Entartung kann die Bildung von bente erklärt werden, welche Prae- 
position erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts aufzukommen 
seheint und in welcher die Endung aus der Praeposition fe 'zu' stammt. 



104 

Wahrscheinlicher ist aber, dass nur der Znfall uns frühere Beispiele 
der Praeposition bente vorenthalten hat und dass dieselbe nicht aus 
btantat te, respective hiuntat te, sondern aus bi ant te, respective bi 
unt te entstanden ist. Es fragt sich, für welche der beiden Prae- 
positionen ant oder unt die grössere Wahrscheinlichkeit spricht. Ich 
glaube, fttr ant. Aus btantat, biant te konnte nach den mndd. Laut- 
gesetzen bentt, bente und dann bent, bente werden; biuntat, biunt te 
würden wohl buntt, bunte und dann bunt, bunte oder bunt, bunte er- 
geben haben. Ob man zur Zeit unserer Urkunde übrigens bent(e) oder 
bent(e) sprach, ist aus derselben nicht zu ersehen, da sie lange und 
kurze Vocale nicht unterscheidet. 

Bemerkenswerth ist die Sonderung von dorch 52 als Präposition 
und dor 63 als Adverb. 

In der obigen Darlegung der Spracheigenthümlichkeiten unserer 
Urkunde habe ich bereits mehrmals auf die Unwahrscheinlichkeit hin- 
gewiesen, dass sie wirklich dem Jahre 1248, wie sie vorgiebt, angehöre. 
Meine Gründe waren allerdings nur aus dem im allgemeinen gleich- 
massig verlaufenden Entwickelungsgange der Sprache entnommen. 
Im einzelnen weist dieser aber viele Mannigfaltigkeiten und grosse 
Unregelmässigkeiten auf. Der eine Dialekt, ja der einzelne Schrift- 
steller ist sehr conservativ, während ein anderer gleichzeitig mit der 
alten Sprechweise völlig gebrochen hat, ein dritter beständig schwankt. 
Diese Mundart zeigt auf einem Lautgebiet alterthümliches Gepräge, 
auf einem andern ein ganz modernes Gesicht. Umgekehrt ist jene 
grade dort fortgeschritten und andererseits hier beharrlich. Die in 
oder gar vor die Mitte des 13. Jahrhunderts fallende Gothaer Hand- 
schrift der Sächsischen Weltchronik kennt z. B. kein altes th oder dh 
mehr, während nördliche Sprachdenkmäler diesen Laut bis ins 14. Jahr- 
hundert hinein noch kundgeben. Aehnlich steht es um das alte g und 
das jüngere gh. Da kann zu einer annähernd richtigen Zeitbestimmung 
eines Sprachdenkmals allein eine vergleichende Betrachtung inner- 
halb der vier Pfähle einer Mundart helfen. In unserem Falle, für 
Braunschweig, liegt eine solche Aufgabe dem Untersucher günstig, da 
wir aus dem 13. und dem Anfang des 14. Jahrhunderts eine Anzahl 
genau datierter oder doch ziemlich genau bestimmbarer Sprachquellen 
besitzen. Die von Weiland gewiss mit Recht um ungefähr 1300 ge- 
setzte Handschrift der Braunschweigischeu Reimchronik liesse sich 
trotz ihrer mitteldeutschen Sprache sehr gut zu einem Vergleich mit 
der Wedemer Urkunde heranziehen; doch verzichte ich darauf theils 
eben um ihres mischsprachlichen Charakters willen, theils weil es mir 
augenblicklich an der Zeit mangelt, diese umfangreiche Chronik nach 
Gebühr zu verwerthen. Ich beschränke mich auf zwei Fassungen des 
Braunschweigischen Stadtrechtes, welche Hänselmann im ersten Bande 
des Urkundenbuches der Stadt Braunschweig, 1872, No. VI S. 10 ff. und 
Nr. XVI S. 21 ff. veröffentlicht hat, jene vom 10. October 1265 datiert, 
diese ohne Zweifel (s. a. a. 0.) aus den ersten Jahrzehnten des 14. Jahr- 
hunderts; und auch bei diesem Vergleich werde ich bloss wenige ent- 
scheidende Eigenthtimlichkeiten der Sprache und Orthographie aus- 



105 

wählen, da diese vollständig genügen, den vom Herausgeber der 
Wedemer Urkunde aus anderen Gründen gefundenen jüngeren Ursprung 
derselben zu bestätigen. Ich bezeichne das Stadtrecht von 1265 mit 
A, die jüngere Redaction mit B, die Wedemer Urkunde mit W. 

A kennt kein y für «'; dagegen hat B yene § 6. 62, durchweg ey 
für ei und ein paar Mal y für i: gylde 68, yferen 61, tyden 59, dryes 
58, twye 18. 

In A heisst das Personal- und das Possessivpronomen der ersten 
Person Pluralis uns und unfe\ in B herrscht das in Braunschweigischen 
Schriften des folgenden Mittelalters durchstehende m und ufe. 

A gebraucht die Negationspartikel in der ursprünglicheren Form 
ne\ B verwendet neben ne^ z. B. 24. 39. 50, bereits oft en. z. B. 19. 
24. 39. 50. 62. 

Während A noch kein misbräuchliches th für t im Anlaut und 
Inlaut setzt, sondern nur wenige im Auslaut, wie tuth (trahit) 24, ith 
(id) 59, vth (ex) 23. 29. 33. 46. 50. 56 und perith (equus) 23. 24. 25 
(flectiert perides 24, in W perde 33. 42), erscheint alte Dentalaspirata 
als dh in A noch oft, zunächst sehr häufig für den Artikel, femer an- 
lautend: dhing (jus) 12. 38 (neben ding 12. 63), dhuve (furtum) 28, ver- 
dhuvet 53. 61, dhenen (servire) 39. 45, dheniftman 17. 18, dhor (per) 47, 
dhit (hoc) 66; auslautend: fenedh (synodus) 19; inlautend: edhe (jure- 
jurando) 2, lemedhe (mutilatio) 6, vredhe (pax) 8. 64, vromedhe (alienus) 
15, icichildhe 23 {belede 15, bilde 16), dodhe (morti) 33. 35. nedher 
(deorsum) 47 (neben neder), benedhen (subter) 48. Ein abusives dh 
habe ich nur in tidhen (temporibus) 66 bemerkt. — Hingegen zeigt B 
schon thid (tempus) 13. 19, notthoch (stuprum) 64, und andererseits dh 
nur in dhe 37, dhat 2. 4, edh 12, edJie 2, dodhe 31 {dode 33). 

Während gh in A ziemlich selten auftritt, im Anlaute nur einmal 
in gheven 16 und elfmal in dem Praefix ghe, inlautend ca. zwanzigmal, 
ist in B gh ganz gewöhnlich, aber doch nicht ganz so sehr, wie in W. 

In A wie in B steht sc im Anlaute fest. Im Inlaut und Auslaut 
hat A hiscop 39, huscUke (caste) 35, aber tivifchen 56 und harnafch 
43, während B nur seh: min f che 39, twifchen 55, huschlike 33 und 
harnefch 49. 

Während in B, wie in der Wedemer Urkunde und im späteren 
Gemeinndd. das Verb 'debere' fcal, fcolen lautet, zieht A das aus der 
Poesie stanmiende faly folen vor: auf ungefähr fünfzig Formen mit s 
kommen bloss ein scal 32 und ein fcolen 54. 

Das k ist in beiden Stadtrechten fester, als in der Urkunde. In- 
lautend wird es nicht durch ch ersetzt; in A heisst es zwar zehnmal 
swelich (quicunque) neben achtundzwanzig fwelic^ aber flectiert be- 
ständig fwelikes oder fwelekes etc. In B lautet auch die unflectierte 
Form auf k aus, meist swelk neben einigen swelik. Oc (etiam) A 52, 
B 22. 52 gegen och von W. Jedoch, wie in W: fich A 3. 9. 14. 27. 28. 
55. 64, während B nur fik kennt; bemerkenswert!! ist, dass nicht bloss 
in B 26. 63, sondern auch schon in A 14. 28. 64 fich oder fik für den 
Dativ gebraucht wird. Umgekehrt schreibt A Jiruneswic, B Bruneswich, 



106 

A hat noch vmhe (circa) 19 neben vmme 15. 24; B nur vmme 13. 
22. 45 lind heJcumeret, (statt bekümmeret, aus älterem bekumberet 4m- 
peditus') 66. 

In A ist soU (salsus) 56 einziges Beispiel vom Uebergange des 
alt und ald in olt und old; sonst stets a in den betreffenden Wörtern. 
B hat holden, ghewalt, falt und holden, fdkewolde (oft) neben einander. 

A giebt ipse durch felue 1, im übrigen stets durch /«7Me; dagegen 
B, wie W, beständig durch fuhie. 

In B und der Urkunde herrscht bereits die mittelniederdeutsche 
Lautregel: kurz i und kurz u dürfen nicht in offener Silbe stehen, 
sondern werden mit e und o vertauscht. Dagegen weist A neben 
mede 16 (auch W 121 mede) noch mide 21. 27. 41. 43 auf. Vom ge- 
schlechtigen persönlichen Pronomen hat A den Dativ ime 5 sonst 
zwanzigmal eme\ umgekehrt ere nur 14. 38, anders stets ire\ aber 
keinen Accusativ ine, sondern nur e}ie. Wider (rursus) begegnet 53, 
weder ist schon die gebräuchliche Form. 

Aliquis heisst in A man, doch auch schon men z. B. 19. 31, welche 
Form in B herrscht mit einiger Einschränkung durch die noch ab- 
geschliffenere Form me, W hat men 122, 

Von den Zahlwörtern führe ich an, dass die erste Cardinalzahl in 
A regelmässig en lautet, flectiert und unflectiert, sogar Dativ eme (statt 
eneme) 58; zweimaliges ein 11. 22 ist eine verschwindend kleine 
Zahl gegen die Fülle der Beispiele mit e, wie denn überhaupt altes 
ai in A als e erscheint. Was die Behandlung des ai im allgemeinen 
betrifft, so stimmt B fast ganz zu A und Ausnahmen, wie gemeyne 65 
und reyde 50, sind äusserst selten; aber dies gilt nicht für das Zahl- 
wort oder den unbestimmten Artikel: nicht bloss eyn, sondern auch 
eyne, eynes u. s. f. stehen in B häufig neben den alten Formen mit e. 
Von der Zahl „zwei" bietet A nur ein Beispiel für das Masculin: 
twene (nemlich dele) 4; es geht freilich dat dridde del vorher, aber 
aus dem Accus, den dritden del 61 ersieht man, dass das Substantiv 
del sowohl als Msc. wie als Ntr. gebraucht ward, also darf twene als 
Msc. verstanden werden und die alte Motionsregel besteht für A noch 
zu Recht. B hat dhe twene del und twey del 37 neben einander, wo- 
bei die jüngere Form ttvey (statt twe) des Neutrums zu bemerken ist. 
Bei „drei" scheidet A noch dre fpeleman 20 und drv feerf 24; B hat 
schon dre fcerf 22. — Während A noch twelef 10. 20 schreibt, bedient 
sich B, wie W, bereits der contrahierten Form tivelf. 

Aus dieser Vergleichung geht hervor, dass die Sprache unserer 
Urkunde jünger ist als A und älter als B, dass sie aber der Sprache 
von B viel näher steht, als der von A, so dass auch hierdurch die 
vom Herausgeber aus palaeographischen Gründen geschlossene Datie- 
rung als richtig erwiesen wird. 

Hamburg. C. Walthbb. 



lo: 
In Drunten varen, na Drunten gliden. 

Das ungefähr um 1500 von einem unbekannten Braunschweiger') 
verfasste gnomische Gedicht de Koker (herausgegeben von Hackmann, 
Reineke de Vos, mit dem Koker. Wulffenbtittel 1711) kleidet eine 
seiner aus Lebenserfahrung und Weltbeobachtung abstrahierten Sen- 
tenzen in folgendes Distichon (S. 344 Z. 1238 f.): 

We van beere halven fert in Drunten, 
de kumpt in drankenboldes fchoet. 

Eine ähnliche Redensart bietet der Braunschweiger Reimar Gro- 
ningen, welcher die durch Ludeke Holland seit 1488 in der Vaterstadt 
erregten Unruhen in einem längeren Gedichte, Dat Schichtfpeel to 
Brunswick, nach eigener Anschauung schildert (herausg. von L. Hänsel- 
mann in den Chroniken der Deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahr- 
hundert, Bd. XVI = Chroniken von Braunschweig, Bd. H, Leipzig 1880), 
in dem seiner Dichtung angehängten Almanach 1491. Er zählt hier 
die bestraften Aufruhrer auf und zwar in vier Classen, erstens die- 
jenigen, welche auf verschieden bemessene Entfernung von der Stadt 
verbannt wurden, zweitens die welche sich selbst durch Entweichung 
straften, drittens die welche der Rath in der Stadt nicht leiden wollte 
und endlich solche welche auf kürzere oder längere Zeit inleger d. h. 
Hausarrest erhielten. Jeder Abtheilung werden einige Verse theils zur 
Beschreibung der Strafe, theils mit nicht gerade bösartigem Hohn gewid- 
met. Der Missethäter der dritten Art sind nur zwei: Hinrick BorchhoUe 
und Otto fyn broder. Sie gehörten gleichfalls wie die zweite Classe zu den 
Geflüchteten, standen aber in einem anderen Verhältnisse zum Rathe. Ihr 
Vater Eier hatte 1446 wegen seiner Betheiligung am damaligen Aufstande 
die Stadt auf 10 Meilen verschwören müssen. Mit ihm waren auch 
die Söhne verwiesen worden. Deshalb hatten diese eine Fehde gegen 
Braunschweig angefangen, waren aber durch den Markgrafen von 
Brandenburg mit dem Rathe ausgesöhnt worden, so dass ihnen an- 
fänglich je dreitägiger Aufenthalt in der Stadt, dann durch Vermitte- 
lung ihrer Verwandten völlige Aufnahme gewährt worden war. 1491 
fällte der Rath das Urtheil, er wollte ihrer entbehren, unde fo me de 
habben kan, fo fchullen fe de ftat vorpiveren up 20 mile weges; siehe 
a. a. 0. S. 266 und 230. 348. 387. 507. 511. Von diesen beiden Brüdern 
sagt nun Groningen (S. 257): 

Dufle wil de Radt in der ftadt nicht lyden: 

dat maket, fe wilt na Drnnten glyden. 

hynimme moghen fe fik ummereyn, 

dat fe eynen anderen wech to wonen teyn. 

Im Text steht drunten, nach S. 580, 663 u. 669 ist aber Drunten 
zu lesen. Hänselmann, der eine sprichwörtliche Redensart vermuthet, 
fasst Drunten als Ortsnamen: Drontheim. Zu derselben Ansicht bin ich 
früher, ehe ich das Schichtspeel kannte, betreffs der Stelle im Koker 

*) Vielleicht Hennan Bote, der Autor des Schichtboieks? 



108 

gekommen, und ich halte diese Auffassung noch jetzt für die allein 
mögliche. Eigenthtimlich ist, dass diese offenbar identischen Redens- 
arten nur aus Braunschweig bezeugt sind. Man möchte darum auf 
einen Ort in der Nähe dieser Stadt rathen. Aber weder dort, noch 
überhaupt in Deutschland lässt sich ein Ort dieses Namens nachweisen. 
Die einzige Stadt, welche in Betracht kommen kann, ist die norwe- 
gische Königs- und Erzbischofsstadt Throndhjem. Ihr deutscher Name *) 
lautet in der älteren Zeit Dnmtheym (Hanserecesse herausgegeben von 
K. Koppmann III S. 295 a. 1372 und Lübecker Urkundenbuch heraus- 
gegeben von C. Wehrmann IV S. 771 a. 1398) oder Drunthem (Hanse- 
recesse herausgegeben von G. v. d. Kopp IV S. 258 a. 1455 und Hanse- 
recesse herausgegeben von D. Schäfer I S. 348 a. 1483). Aber schon 
früh ward nach niederdeutschem Lautgesetze das anlautende h des 
zweiten* Wortes der Composition elidiert imd erst Dnmtem {Drüntem, 
Hanserecesse von Schäfer I S. 133, 11 a. 1479), dann gewöhnlich Drun- 
ten gesagt (z. B. schon in den Lübecker Chroniken herausgegeben von 
F. H. Grautoff II 121 a. 1449; andere Beispiele s. im Mnd. Wb.). 

Es wird schwerlich anzunehmen sein, dass die Stadt Throndhjem 
zu dieser Redensart durch irgend eine Eigenthümlichkeit oder eine 
Begebenheit, in der sie eine Rolle spielte, Anlass gegeben habe. 
Wenn das der Fall gewesen wäre, so würde es sehr befremden müssen, 
dass der Ausdruck nicht anderswo in Deutschland, als in einer Binnen- 
stadt, und vor allem, dass er sich nicht in Skandinavien nachweisen 
lässt. Es kann hier nur ein Wortspiel zu Grunde liegen, für welches 
man den auch in den binnenländischen Hansestädten wohlbekannten 
Namen der norwegischen Stadt verwendete. Es muss sich also darum 
handeln, das ndd. Wort zu ermitteln, an dessen Stelle der mittelalter- 
liche Witz den Stadtnamen gesetzt hat. 

Im ganzen niederdeutschen Sprachschatze giebt es nur ein Wort 2), 
das in Betracht kommen kann: das starke Zeitwort drinten, ags. und, 
unbelegt, as. thrintan, * schwellen, tumere, turgere', von dem das Par- 
ticip der Vergangenheit gedrunten oder drunten lautet und in den 
mittelalterlichen Glossaren mit Humidus, turgidus' übersetzt wird. Für 
die Erklärung der Stelle des Kokers reicht dieses Wort und seine 
Bedeutung vollständig aus. Der Sinn der Verse ist dann: Wer um 
des Bieres willen, d. h. bloss des Trinkgenusses halber, sich dick und 
voll säuft, der wird bald ein Trunkenbold. Schwieriger steht es um 
die Anwendung der Redeweise auf einen concreten Fall durch Gro- 
ningen. Die Worte dat maJcet, fe wilt na Drunten gliden geben die 
Ursache für den Beschluss des Rathes an, wenngleich das Praesens 
wilt (statt wolden) verleiten könnte, darin eine Wirkung des Beschlusses 
zu sehen. Aber dass von dem Wollen oder der Absicht der beiden 
Meuterer gesprochen wird und dass die Folgen ihrer Verweisung erst 



^J Anord. Thrdndheimr; Adam v. Bremen IV, 32 latinisiert Trondemnis; asächs. 
ist wonl Throndhem anzusetzen. 

2) Das dänische druntej drynte oder drönte,^ das nndl. drentelen, der Vogel- 
name Dronte u. a. scheinen mir nichts für den in Rede stehenden Ausdruck zu 
ergeben. 



109 

in den folgenden Versen berührt werden, zeugt deutlich dafür, dass 
jene Worte zu verstehen sind: „der Grund, weshalb man sie nicht in 
der Stadt dulden will, ist, weil sie nach Drunten gleiten wollen". Um 
die Redensart hier zu erklären, sind wir auf die Nachrichten an- 
gewiesen, welche das Schichtspiel und das Schichtbuch im zweiten 
Bande der Braunschweiger Chroniken von den beiden Brüdern geben. 
Dieselben bieten aber nichts dar, was ihnen beiden im Gegensatz zu 
anderen Mitschuldigen eigenthümlich gewesen wäre; man sehe die 
Belege S. 126. 134. 151. 162. 266. Den einzigen Anhalt haben wir in 
ihrer ganz besonderen, Stellung, dass sie trotz einstiger Begnadigung 
doch wieder Aufruhr gestiftet hatten, wie Herman Bote im Schicht- 
buche sagt (S. 387): int erfte mofte H. B. unde 0. ßn broder uth der 
ftad, na inholde eynes breves, den fe in vortiden vorwilt hadden, do 
or vader de ftad vorfwor. Wie soll aber darauf jenes drunten passen? 
Drinten hat an allen Stellen (es sind bis jetzt zehn nachweisbar), 
wo es von Schriftstellern gebraucht wird, stets die sinnliche Bedeutung 
des Schwellens, Anschwellens. Wenn man dem Particip oder besser 
einem unbelegten vordrunten aber auss^dem eine übertragene, geistige 
zusprechen dürfte, was mir gar nicht unwahrscheinlich dünkt, da 
solche Begriffsentwickelung für die gleichbedeutigen vorbolgen und 
npgeblafen, wie auch für das lat. tumidus vorliegt, dann liesse sich 
der Ausdruck wohl verstehen: na Drunten gliden würde dann eine 
Umschreibung für vordrunten werden y im Sinne von: sich verstocken, 
trotzig oder halsstarrig werden, sein. So liesse sich auch vielleicht 
sowohl das Praesens fe ivilt wie die Wahl des Ausdruckes gliden 
rechtfertigen. 

Hamburg. C. Walther. 



Joh. Leonh. Frisch 

als Sammler märkischer Idiotismen. 

Johann Leonhard Frisch, der bekannte Rector des Berlinischen 
Gymnasiums zum grauen Kloster und Verfasser des 1741 erschienenen 
deutsch-lateinischen Wörterbuches, hat sich auch mit dem Plane zu 
einem Glossarium Marchicum getragen. Am 9. November 1709 schrieb 
er an Leibniz: „Mein Glossarium Marchicum vermehrt sich auch 
immerzu,. da dann freylich viel vom plattdeutschen überhaupt mit ein- 
läufft, aber auch einige Wörter bleiben, die sonst kein Niederdeutscher 
versteht." Im nächsten Briefe (30. Januar 1710) kommt er mit folgen- 
den Bemerkungen auf denselben Gegenstand zurück: „Unter den vo- 
cabulis marchicis, die andere nicht leicht verstehen, sind e. g. diese: 
pira^ : lumbricus, hilitte : papilio, Kuhsche : ein gefeuchtet Brod in Bier, 
Kum: ein Trog, Stamphmi; Stopftrog, myran: formicae, De^: caput 



110 

(testa Ital.), Bereze: Stube, Dnhs\ das feinste Mehl, Kiez: eine Fischer- 
hütte, Dülte: eine gepichte hölzerne Kanne, Koboldschiessen: culbute 
Gall., Kech: der Halss oder das Dicke unter dem Kinn, Kolter: das 
Plugeissen, so tlber der Schaar ist (culter) &c. 

Bei dem Wort Kech erinnere ich mich eines discurses, den Chur- 
fürst Friedr. Wilhelm mit einigen Pommern gehalten: da er unter 
andern zu ihnen sagte, er könnte den dialectum der Pommern wohl 
verstehen, brachte ihm einer von den Räthen diese Wort zur Probe 
für: „Si, wu de Gäre sitt und besabbelt den Keck mit de Bullegraven^y 
welches der Churfürst nicht verstund; sie heissen so viel: „Siehe, wie 
das kleine Mägdlein sizet und begeiffert den Bart oder das Unter-Kinn 
mit Heydelbeeren". Es laufen freylich einige Wörter mit in das 
Niedersächsische, einige ins Pommerische, haben aber alle, soviel ich 
gesamlet, etwas besonders wegen der Etymologie oder anderer Um- 
stände". Leider hat Frisch seine Sammlung nicht veröffentlicht; auch 
in dem Briefwechsel mit Leibniz, soweit er auf der Königlichen Biblio- 
thek zu Hannover aufbewahrt wird, geschieht dieses Planes nicht 
wieder Erwähnung. 

Berlin. L. H. Fischer. 



Eulenspiegels Grabstein. 

Die Marburger Bibliothek besitzt unter No. 80 ihrer kleinen Hand- 
schriftensammlung ein Heft, das die Aufschrift führt: 'Epliemerides 
Joannis Lithodii Medicinae Doctoris in privatos usus consignatus\ 
Verwendet ist dazu ausser Schreibpapier auch der leere Raum einer 
Druckschrift des Jahres 1546. Was ich über den Urheber dieser Auf- 
zeichnungen weiss, entnehme ich lediglich dem Büchelchen selbst. 
Joh. Lithodius war 1510 zu Beausens in den Ardennen geboren, hatte 
seine Schulbildung in Lüttich empfangen und demnächst in Köln, 
später aber in Wittenberg unter Melanchthon studiert, wo er 1545 
Magister artium wurde. 1546 erhielt er die Leitung der Lateinschule 
zu Wesel, fand aber offenbar am Schuldienst wenig Geschmack, denn 
er gab die Stelle bald auf und widmete sich in Paris und Bologna 
medicinischen Studien. 1553 in Bologna zum Doctor promoviert kehrte 
er nach Deutschland zurück und Hess sich 1554 als Leibarzt des Her- 
zogs von Berg in Düsseldorf nieder, wo er 1556 eine erste, 1560 eine 
zweite Ehe einging. Die letzten datierten Nachrichten, welche der 
bunte Inhalt des Heftes bietet, gehören dem Jahre 1564 an: in das 
Jahrzehnt 1554 — 1564 also wird auch die nachfolgende Notiz fallen, 
die auf der letzten Seite steht: 

In dvitate Müllern imperii Lubecensis miliaria 4 supra Lubecam 
sepultus Vlenspeigell in cimiterio, a cuius sepulchro eleuatur saxuni 



111 

ad tempU mumm sepositum et obmtmüur cancellis lignäSj qnonmm 
quiUbet ab illo lapicle ob Vlnspeigell memoriam auffere partetn solet. 
Erat in hoc lapnle msctdpta eins hnago cum vestüu stulti, et a la- 
tere capitis Vula cum speculo, Hec twrba ibi leguntur: 
Anno 1350 ys dyssen steen opgehauen 
vnd Tile Vlenspeigel vnder begrauen. 
Die Nachricht fällt etwa ein Mensch^nalter vor der ersten authen- 
tischen Beschreibung des Grabmals, welche Lappenberg, Ulenspiegel 
S. 326 aus der Reisebeschreibung des Michael Heberer von Bretten 
(1592) beibringt, und sie geht, mag sie immerhin von Lithodius irgend- 
woher abgeschrieben sein, zweifellos auf den Bericht eines Augen- 
zeugen zurück. Das erat insctilpta gegenüber 'dem eleuatur — obmuni- 
tur kann zumal in Verbindung mit der Angabe, dass der Grabstein 
eines schützenden Stakets bedürfe, nur so gedeutet werden, dass das 
Reliefbild damals schon nicht mehr erkennbar war. Nun wissen wir 
aus dem Berichte Merians (1614), dass der Stein 'voriger Zeit renovirt' 
war, und diese Erneuerung muss vor dem Besuche Heberers statt- 
gefunden haben, der das Bild gesehen hat. Dazu stimmt es, dass die 
jüngeren Berichte von Heberer ab die Grabschrift als sechszeilig an- 
geben, während Lithodius ebenso wie der Schluss des Volksbuches, 
aber unabhängig von ihm, nur eine zweizeilige Inschrift kennt. Jene 
vier Zeilen, welche dem Wanderer ein 'Memento' zurufen, sind offen- 
bar bei der Erneuerung des Grabsteins zugefügt worden; diese Er- 
neuerung fällt in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, und die Notiz 
des Lithodius ist nächst dem Volksbuch die einzige, die uns eine Be- 
schreibung des alten Denkmals gibt. 

Marburg i. H. Edward Schröder. 



Lübecker Schulvokabular vom Jahre 1511. 



[Bl. 1] Vocabula pro iuuenibus multum necessaria. Et primo de celo 

et ipsum respicientibus Incipiunt foeliciter. 
TAaf einem Titelbilde darunter Lehrer mit der Ruthe. Zu seinen Füssen sitzen Knaben.] 

[Bl. 2] Dens got — deitas godheit — celum de hemmel — angelus 
eyn enget — arehangelus eyn artzeengel — apostolus eyn apostel — 
propheta eyn profete — martyrus ein merteler — confessor eyn bych- 
tiger — septistellium dat souen sternte — aquilo nordenwint — auster 
südenwint. 

De elementis. aereum luchtich — gipsum sparkalk — carbo eyn 
kale — flamma de löchene — fuligo roeth — nebula de dake — fulgur 
hlixem — terremotus ertbeuinge — gehenna eyn affgrundt — ros 
doutve — tiria eyn yfsfagel — caligo dunkerheit — fons eyn borne 



112 

effte fsot — spuma schume — procella eyn hulghe — ripa eyn över — 
• fundus eyn dupe — vadum eyn vorth — viale eyn stech — silex eyn 
Iceserlink — cespes eyfi ßode off torff — sulcus eyn vare — orbita 
eyn wagentrade — fouea eyn knie — antrum eyn gath — pratum eyn 
wissche — dieta eyn dachreyfse — passus eyn strede, 

[Bl. 3] De ecclesia. crisma de kresem — pathena ein päne efte 
pate — lichimus ein dacht in der kerfsen — pulpitum eyn pulmt — 
stallum eyn ghestölte — armarinm eyn garwekamer — cripta eyn 
Mufft — refectorium eyn reyenter — antiphonarimn eyn antifener — 
Capsula eyn schap — supplicium eyn rochel — almucium eyn almufse 
sed potius eyn heffe — porticus eyn lyckhues — coclea eyn windel- 
steen — nola eyn schelle — baptillus ein knepel — tumba eyn sack. 

De diebns festis et ferialibns. feria 3: dinxste dach, 4: mid- 
weken, 6: vrygdach, 7: sonauent — parasceue de stylle viygdach — 
pasca paschen. 

De homine. caput eyn höuet — testa capitis en bregenpanne — 
cirrus eyn top — Vertex eyn schetel — [Bl. 4] auricularis ein oren- 
lepel — nar eyn nefsehol — saliva de spyge vfh dem munde — guttur 
de strate des halfses — arterea ein halfsstrate effte oder — gibbus 
eyn höuel — dextera de rechter handt — sinistra de luchter handt — 
cerebrum dat hregen — ren de nere — urina pysse — stercus dreck — 
ventositas vphlasinge — clunis arfshille — femur eyn huffte efte dye — 
coxa eyn dee efte de brade an den bene — pedica eyn been — talus 
ein enkel an den vote — ratio redelicheit — anima rationalis ein rede- 
like sele — anima intellictiva ein vomufftige fsele. 

De nomonibns habitnnm. subductura eyn voder — nodile ein 
knophol — fimbria ein soem effte gere — ruga ein krökel efte runtzel 
effte volde — femorale eyn nedderkleet — [Bl. 5] bracalium eyn le^i- 
dener — liga eyn nadelreme — caliga eyn hofse — scaca eyn stelte — 
sotular eyn steffeel eft botschoe — calopes ein pathyne — calodarius 
eyn leefst — crepida eyn patyn — solocium eyn galotze — marsubium 
eyn bygordel — fibula eyn vorfpan — spinter eyn knöpedenatel — 
bursinus ein boefsem — guerra strydt effte cerloge — alapa eyn wangen- 
slach — colaphus eyn halfsslach — vindicta eyn wrake — tborax eyn 
plathe — hasta geleuinge — phalauga eyn sktchbom — pectus calibium 
ein Stelen borst — machina ein blide efte slinger — funda eyn 
slenger — postela eyn hyndergerede — Phalere sunt ornamenta equo- 
rum — strigilis — ein scrape vel roskam. 

De domo et eins partibns. cenaculum ein moeshues ofte auent 
ethenhues — promptuarium eyfi fpyfsekamer — horreum eyn schüne — 
limen eyn sul efte dorpel — fenestra ein vinster — caminus eyn schor- 
steen -^ pavimentum eyn deele efte a^track — estuarium eyn domtse — 
cloaca eyn hemelicheit — cloacarius eyn racker. 

De ntensilibns domns. manu tergerium ein hantdwele — mappa 
idem — crusibulus eyn kröfs — premappe eyn bylegge of vordtvele — 
capisterium ein molde — pixis en busse efte schedel — cribrum eyn 
fzewe — mantica eyn waetsaeck — Scobs mul efte ein höuel Unde 



IIa 

Bilia scoba leuat scobs scobis aspera toUit — pala eyn schuffei — olla 
eyn grapen — lebes eyn degel — longale ein lengeliake am wagen — 
tedale eyn brantyser — craticula eyn Mein roster — cratis eyn roste — 
flabellum eyn weygher — fuscina eyn krauwel — manubrium eyn 
hecht — lamella eyn letnelen efte Iclmge — dica eyn kerttestock — do- 
lium eyn küven efte vafh — biota eyn stände — tristiga eyn volgher — 
[Bl. 7] fundibile eyn schope effe scuppe — cupa eyn koepe — lagena 
eyn lechelen effte vlesche — lectica eyn vmmeganck effte gardyn — lu- 
cerna eyn lucerne efte lucht 

De animalibns qnadmpedibns. equa eyn perdemoder — spado 
eyn gehelt pert efte rune — capra eyn geyte efte tzege — aries eyn 
bück efte ein steer — hedug ein höken efte ein t^ege — glis eyn 
ratthe — cattus ein katte — murilegus eyn kafher — catulus eyn wol- 
pen — beltrina eyn yagebracke — culper ein bracke — melampus eyn 
rekel — molosus idem talpa eyn winttvorp edder ein mulivomi — 
dama ein Hamster off das — porcella en geltken — aper eyn eusr- 
swyn — linx eyn lintwonn. 

De animalibns yolatilibns. aquila ein arne efte addeler — he- 
rodius ein valke efte blatv voet — gripbo eyn gryp — [BL 8] strutio 
eyn strufs — ciconia eyn adeber effte en storck — ibis idem — vultur 
eyn gyre — grus eyn kroen — cignus eyn swoen — gallina eyn kenne 
pnllns ein hoen — anser eyn gante — aneta eyn antvogel — eolnmbus 
eyn düverink — bubo eyn schüffoet — alauda eyn lewerck — passer 
eyn lüninck — seger eyn tzyfzeken — carduellus ein stegelytzke — 
earduelis ein reetvincke — parix eyn mefze — corvus eyn rauen — 
piea eyn heyster — pigardus ein trappegans — mergus eyn düker — 
cristnla ein radeltvyge — pardix ein raphoen — omix ein berchon of 
felthon — monedula eyn kamke — graeulus eyn hegher — turdula eyn 
Stare effte spreen — onoerotulus (proprie) ein roer domp — canapeus 
ein yrfzke efte häne prinke (so!) — petriscus nettelkonink. 

De yermibns TOlatibilibns et non yolatibilibus. apes eyn 
ymme — vespa ein tvespe off hörnte — vesparium ein nest der hörn- 
ten — brueus ein keuer sprenkel — loensta eyn howsprinkel — seha- 
rabeus eyn weuel — papilio ein bottervagel — coeodrillus eyn lint- 
worm — formica eyn myr of empte — tinea eyn mutte — sanguissuga 
eyn egel of yle — cymex eyn wantlues — rana eyn pogghe — bufo 
eyn padde — terma ein made — grillus eyn hermelken — [BL 9] lens 
eyn nyth. 

De aqnis et yariis piseibns. esox eyn las efte salm' — sobius 
Stint — foca eyn zeehunt efte lafs — saxatilis eyn steenbyter — rus- 
cupa eyn buckinck — spirlingns eyn spirlinck — rubecula eyn rodoghe 
truca vel tarta ein vorne — polügranum dat rögen vth dem vissche — 
squama eyn vlome — fluvius eyn vleeth — proeella eyn bulge des w. — 
lacus eyn piiel of graue — portus eyn öuer — phaselas eyn kaen — 
remus ein roder efte reem — hamus eyn angel ofte eyn haem. 

De balneo et ad id pertinentibus. fleubotouium eyn laetyszer 
yentosa eyn lastkop, 

Niederdeutsohea Jahrbuch XVI. 8 



114 

De arboribns et fructibus earumdem. ramus telghe — prinus 
eyn JcreJcenboem — persicus eyn persike — cottanus eyn quedenboem — 
buxus eyn bufsbom Vnde: Nee buxns erescit hoc buxum ereseere 
nescit. — [Bl. 10] juniperus eyn machandelenboem — cornus eyn wepken- 
borm — cornum eyn wepe — terebintus ein terpentinboem effte werck- 
boem — populus: Vnde populus est arbor, populns collectio gentis — 
taxns eyn hulfsboem — fasarius eyn spyllenmaker — abies eyn danne — 
pinus eyn kyn efte pecbom — acinufl eyn druff kerne effte stenken. 

De yarlls herbis siluestribus et radicibus. Vlua schelp of Ines — 
beta vel bleta bethe — apinm merke berba quedam efte epiehkrud et 
hec herba prohibet ebrietatem — jusquianug byllensaet — anetnm 
dille — anisum anyfs — saluia saluye vnde: cur monitur homo cum 
saluia erescit in orto — raphanus rediek — merica heyde Unde versus: 
Nunc volumus bibere qu. cbara merica mouet se. — Cucurbita körbis — 
vaccineum eyn heydelbere efte bikbere — piretrum bertram — verbena 
yfseren hart krut — absinthium wormete — allium knolock — serpillum 
beestloek — plantago weghebre blade — porculata borget 

De frumentis et semlnibus frumentorum. [Bl. 11] zizania 
vnkruet efte radel — sinapis sennepkemet efte mostart — carum gar- 
denköme. 

De apoteca et eiusdem speciebus. mirtus ein galganboem — 
tina ringelkrud, so geheten — macia corporum ingeweide — tiriaea 
driakel — ciminum peperkömen — hylla eyn methworst effte braetworst 
Vnde: In nostra villa tigno suspenditur hylla. — pastanda eynpasteyde 

— cuneus eyn wegge Vnde: Ut ego didici cuneus confractio ligni Est 
cuneus panis cuneus collectio gentis. — semella eyn semel — nebüla 
vngesäret dunnebroet Vnde: Nolo tuas nebelas quas tu nebulo nebulas. 
laganum eyn wygelhroet — lac meliek — vitellum vel -Ins eyn döder 
van dem eye — serum waddeke efte hoy — crema säen effte roem — 
balducta waddeke — coagulum renteel off laff — omasum koMune efte 
sulte — Vnde versus: Noscibur ad nasum mulier que vendit omasum. 
Omentum sulte efte bücken tallich — [Bl. 12] oflfa eyn mölye efte eyn 
soppe — ein greue Et est quod remanet in patella de camibus frixis. 

— ouarium ein eyerflade — villum boese wyn Vnde: Qui mihi dat 
villum mala passio torqueat illum — arista ein aer das koren inne 
wasset — escanea ein schode of pole — siliqua seyge — fex bermen 
effte heffen — arundo rooth. 

De foro et eidem adiacentibus. vicus eyn klene strate efte 
gasse — theatrum dantzhues ofte speelhues — macellum eyn vleschhues 
efte schrangen — mediastinus eyn kaeck — cippus eyn vangenstock — 
priueta eyn hemelicheyt — instita eyn kraem effte ein unndeldoek. 

De nominibus propriis dluersorum locorum maiorum et 
earundem plebibus« Gallea vel Gallica wallant — Italia idem — 
Galliens ein wale — Italiens, italus idem — Almanicus ein dädesch 
man Et d'z quasi alitus magno videlicet eibo. — Anglieus ein engelsch- 
man — Suecia swedenlant — [Bl. 13] renisare in dm ryne varen — 



115 

Westualug ein wesUielinck — Frisia vel frigia vrieslant — Vngarus 
eyn vngersman. 

De nominibns locorum minernm. spacium etn hlek veldes — 
villa eyn stad proprie, vt parisiug. Vnde: Parisius locus egregius mala 
gens bona villa. Nam duo postilla nummo venduntur in illa. — mo- 
lucrum eyn molenspeel. 

[Bl. 14] De viris et mnlieribus Ipsosqne cernentibns. stupa 
hede — fusum vel fusa eyn spylle — festuca scheue — aduUa eyn 
knotthe effte knoep van vlasse — eolifolium eyn wockenblafh — pepii- 
lum eyn windet off wimpel — pupa einpuppe Vnde: pupas fer tecum 
si tu vis ludere meeum. — trocus eyn küsel — basa eyn kote — glo- 
bus eyn hofselkloet 

De nominibus officiomm meehanicomm. ealopifex eynpatine- 
maker — lorieätor eyn platensleger effte harnischmaker — funifex eyn 
reper — sartor eyn Schröder efte snyder — sartrix eyn schrödersche — 
monica ein schuf icare — naufreda eyn schyproeff — obstetrix eyn bade- 
möme — nutrix eyn amme — aueeps eyn vinken venger -r— histrio 
eyn lodderboue — leecator vel mimus idem. 

De diuersis intrumentis mechanleorum et officiomm. tere- 
brarium ein groet neuigher — pala eyn schuffei — vomcr eyn plochr 
yfser — ereditor ein de to borge deit 

De nominibns dignitatnm et officiomm spiritnalinm. offi- 
cium eyn ambacht — plebania eyn wedeme — vitricus eyn steefvader 

— bagutta eyn bagyne, — heremita eyn eenfsedeeler. 

De nominibns dignitatnm et officiomm secnlarinm. dux eyn 

hertich [Bl. 17] exactor eyn beschatter — bedellus eyn bödel efte scarp- 
riehter — excoriator eyn viller effte racker. 

De dinersis nominibns virtntnm et officiomm. apostata eyn 
aftreder efte vorloper van guden werken — hereticus eyn ketter — augur 
eyn tvicker efte töverer — [BL 18] ipocrita eyn glyfsener — sensualitas 
synnicheyt — humilitas othmodicheyt — facundia sprelicheit 

De consangninitate et affinitate. consobrina eyn süster dochter 

— matertera eyn medder — amita eyn wefseke — vitricus eyn steff- 
vader — socra ein swegersche mynes wyues moder — matrüales wefs- 
ken kinder. 

De etatibns [Bl. 19] De partibus diei et noctis, spacium tem- 
porum vnderlaet — ver de mey — estas de sanier — meusis maentit 
of maent de harde man, de hörninck, mertzmaen, meymaen, de brach 
maen, de hoymaen, de awstmaen, de heruestmaen, de wynmaen, de 
wintermaen, de cristmaen, — humidus vucht — sanguineus ein de warm 
unde vucht is — colericus ein de warm vnde dröghe is — Flegmaticus 
eyn de kolt vnde nath is — Melancolicus eyn de kolt vnde dröge is. 

De qninqne sensibns et eornm obiectis. tactus dat völent — 
sonorosus ludbaer — echo em wedderlut — pilosus row. 

De donis snpernatnralibns et sacramentis. sinodus dat feenth 



116 

De qnibnsdam pestibns et defectibns hominnm. febris dat 
holde — calor hette — catarrns de snöue — appoplexia de vollende 
sähe — Podagra de padagel of ram — freneticus dörde efte afsinnich 
— agon seeltoghen vel eyn kamp. 

De dinersis nomtnlbus a^jectiyis et qaibnsdam snbstantiTis. 
[Bl. 20] discretus tuchtieh — amabilis lefftallieh — prodigus sere 
mylde — bestialis vnuornufftich — rapax neemhaftich — venerabilis 
erliek. 

De nominibns adiectiyls qnalitatem impertantibns. qualitas 
wodamcheit — tepidus wlcidc effte law — lubricus slyhherhafftich — 
vancidus garsterich — pendulus hamieh — misticus geisüiek — pro- 
teruus moetwülich effte wedderseüieh — intrepidus vnuoruerliek — 
scurrilis böuich — titubans stamerich — blesus lispich — distemperatus 
vnuetdich — fessus mcede van ghande — lassus möde van arbeyde — 
[Bl. 21] laxns dorchgengich efte onfbunden. 

De nominibns adiectiTis qnantitatem importantibns. quantitas 
groetheyt 

De monetis et ponderibns. pondus eyn börde — grossus eyn 
grosse — stuflferus eyn stüuer — solidus eyn schilluwk — obnlns eyn 
scherff — quadrans ein hellinek — ferto eyn veerdinck. 

De mineris et metallis. es ertz effte Mockspyfse — ferrum 
yfser. 

De mnnitionibns. propugnaculum eyn berghvrede — phalanga 
ein slach boem — indago eyn hagen — obex eyn gHndel effte reghel 

De nnmeris et remm dimentione ant dinisione. numerus par 
ein euental — sosse, souen, teyn, eluen, twelue, drutteyne, druttich, 
achtentich [BL 21 unten und 22] De numero suprasignato per litteras 
hos considera versus, [etc.] 

Impressum Lübeck p. Steflfanü amdes. Anno 1511. 4^. 

(Im Auszuge nach dem Exemplar auf der Egl. Bibliothek in Kopenhagen.) *) 
Segeberg. H. Jellinghaüs. 



Bemerkungen und Besserungen zum SündenfalL 

Auf meine Bemerkimgen zum Sündenfall Jahrb. XIV, 148 flf. hat 
Ed. Damköhler Jahrb. XIV, 79 flf. einen Aufsatz folgen lassen, in dem 
er teilweise zu Ergebnissen gekommen ist, die von den meinigen ab- 
weichen. Nachdem ich inzwischen das Stück wiederholt eingehend 
gelesen, konnte ich mich den Aufstellungen D. keineswegs überall 

*) Die Letter 8 des Originals ist im Abdruck durch ö wiedergegeben, ebenso 
u durch ü. 



117 

anschliessen, und habe auch noch eine Anzahl von Stellen gefunden, 
die der Erklärung oder Verbesserung bedürfen. Wer mit solcher Arbeit 
vertraut ist, wird keinem derer, die sich bisher mit der Kritik und 
Erklärung des Stindenfalls beschäftigt haben, daraus einen Vorwurf 
machen und wissen, dass man dabei nur langsam und schrittweise 
zum Ziele kommt. Auch ich habe mich, nachdem der folgende Auf- 
satz vor dem Drucke Herrn Dr. Chr. Walt her zur Beurteilung vor- 
gelegen hatte, zu einer gründlichen Durcharbeitung desselben veran- 
lasst gesehen. Ich spreche demselben für seine Mühe hiermit meinen 
besten Dank aus. Wo ich seinen Bemerkungen etwas wörtlich ent- 
nommen habe, habe ich dies gewissenhaft angegeben, aber auch da, 
wo ich ihnen nicht unbedingt beitreten konnte, bin ich durch sie 
mehrfach auf das richtige geführt. 

V. 28 f. sind zu interpungieren: 

MunschCj marke rechte 
Jfy armen knechte: 
Van gode wart aUe quat gewroken. 
Walther bemerkt mit Kecht, dass das Komma hinter rechte zu streichen ist. Ich 
verweise auf R. Vos 2439 merket mi 'höret mir zu'. Ich war erst geneigt knechte 
für Accus, zu halten, wie sich solche Formen mit angehängtem unorganischem e 
in der heutigen Mundart finden, doch schliesse ich mich jetzt der Meinung Walthers 
an, dass es hier wie 1418 Dativ ist. 

47 gedüld hebten kann nicht heissen: sich in g. fassen (s. d. Wb.), doch ver- 
mag ich eine genügende Erklärung nicht zu geben. 

63 Da 2084 und 2112 meninge (:koninge) steht, so ist vermutlich auch hier 
meninge : eininge zu lesen, so dass also der Strich über dem i ausgefallen wäre. 

106 de gescapen sint nach orem beide 

Eine Änderung des hdsl. ore, des gen. plur. des pron. pers., ist unnötig. 

169 f. Damköhler bezweifelt (Jahrb. XV, 79) meine Erklänmg dieser Stelle im 
Jahrb. XIV, 168, weU dann die V. 165—170 nichts anderes besagen würden sds die 
V. 171 — 175. Dies kann aber nicht auffallen, da hier zwei Bibelstellen ähnlichen 
Inhalts deutsch glossiert werden. Durch V. 165 — 171 Jes. 11, 2: Et requieacet super 
cum Spiritus Domini: Spiritus sapientiae et intellectuSj Spiritus consitii et forttdu- 
diniSy Spiritus scientiae et pietatis. Es ist demnach hinter V. 171 ein Punkt zu 
setzen. Die V. 172—175 erklären dagegen die an die Spitze gesetzte Stelle des 
Colosserbriefes II, 3 in quo sunt omne^, thesauri sapientiae et scientiae absconditi. *) 
Doch wird dem Verse mit leichterer Änderung aufzuhelfen und zu schreiben sein: 

AUe dinge wil ek wol ervaren (: sparen) 
ervaren ^investigare, explorare' belegt das Mnd. Wb. I, 73a aus dem Voc. Engelh. 
188f. interpungiere ich: 

Ok unbegriplik sint dine wort, 

de van dy^ here, werden gehört: 

Sunder aat wy hebben an dinen gnaden 

Möge wy ut dynen worden entraaen. 
„Deine Worte sind unbegreiflich. Nur das was wir in deiner Gnade haben (was 
du uns durch deine Gnade enthüllst), können wir aus deinen Worten enträtseln". 
swider ist Adverb. Die Präposition an steht nach mnd. Gebrauche, wo wir in er- 
warten (s. Mnd. Wb. I, 77). Nach dat ist das Relativpronomen nach bekanntem, 
besonders im Englischen ausgebildetem Gebrauche ausgelassen. 

*) Die Citate weichen hier, wie auch sonst im Gedichte (vgl. z. B. reconditi 
statt absconditi), von dem jetzt gebräuchlichen Texte der Vulgata ab. 



118 

194. Doch here. wes du hire under vindestj 

Weit ikf du kunstichliken bewindest. 
Statt hefe hat die Hs. lerey was offenbar verderbt ist. Doch hat Schönemann mit 
seiner Änderung nicht das richtige getroffen. Ich lese: 

Doch fere wes du hire undervindesty 
Weit ik du kunstichliken bewindest 
Es ist vorher die Hoffnung ausgesprochen, dass Gott an den Engehi noch keinen 
feü entdeckt hat. Dann heisst es weiter: ,,Doch ich weiss ia, was du etwa krank- 
naftes hier entdeckst, dass du das künstlich [wie ein geschickter Arzt mit einem 
Verbände] umwindest (imd somit auch das anstössige verhüllst)." ser, sere n. ' eine 
Verletzung am Körper, kleine Wunde, offene Stelle ist noch im Göttingen-Gruben- 
hagenschen gebräuchlich, s. Schambach S. 190. 

204. Och wan se it alle recht voratoidenj 

Wu lefliken wy se broiden! 
Damköhler bemerkt mit Kecht, dass broiden richtig überliefert ist. Wenn er aber 
broiden durch ^brüten' erklärt, so kann ich ihm darin nicht beistimmen, solange er 
keine Stelle nachweist, in welcher diese übertragene Bedeutung sich findet. Da 
neben brudeaam auch die Nebenform broideghen sich findet, so vermute ich auch 
hier in broiaen eine dialektische Nebenform von bruden 'brauten*. Ueber bratäen 
'minnen' s. D. Wb. II, 333. Auch lefliken passt sehr wohl zu broiden in dieser 
Bedeutung, vgl. Exod. Diemer, 128, 2 mit lieplicher minne, 

258. Die Besserung Jahrb. XIV, 148 ist, wie mir Herr Dr. Walther nachweist, 
schon von Woeste in Ztschr. f. D. Phil. 6, 84 vorweg genommen. 
259 lese ich: Wol deme, de sik dar to bogede, 

Dat he mit uns wolde rauwen: 
De mochte dine wddicheit schauwen. 
De statt Do ist eine Vermutung Walthers. 

578 lese ich: Qwit sin sunde unde sunde vorgode nicht. 
Ich halte sunde nach unde für Dittographie und lese: 

Quat sin sunde unde vorgodea nicht 
vorgoden ist im Mnd. Wb. zwar nur als trans. belegt, doch vergl. vorsnodenj das 
sowohl 'schnöde werden' als 'schnöde machen' bedeutet. 
284. Sus is de vrige willekor ein angest. 

De de mennigen werken aller bangest. 
Statt werken ist werket zu lesen. „So ist die freie Willkür eine Angst, die da 
manchen sehr bange macht. '^ 

Nach 296 setze ich einen Punkt statt des Kommas und lese dann: 
Deme helpen use krefte to redeliken sinnen, 
Dat he na sinem wiuekore 
Alle tu dat beste kese vore. 
Statt kese hat die Hs. kere, was aber nicht in den Zusammenhang passt. kesen 
'prüfend betrachten'; vore 'vorher (vor der Wahl)'. Vgl. sachlich 387: Malk aa in 
sinem vrigen moet Unde prove over quat unde got, Wal in einen juwelken (Worte) 
vorborgen si. 

306. Na deme allen creaturen dut ein bat is. 

ein vor bat ist von Schönemann eingesetzt nach V. 835; allein das Subst. ist hier 
wie 689, 817, 3087 u. ö. stets bäte geschrieben, wir haben also hier das Adv. [nhd. 
bafsl und ein ist zu streichen. 

349 lese ich: Dar inne wart din lof vorvuU 

Dat de leven hilaen aek eren 
Unde sik na gudem willen regeren. 
Statt Dat hat die IIs. Dar, statt dek den, wofür Schönemann dön setzt. Der Fehler 
erklärt sich wohl dadurch, dass dem Schreiber die Form dek, welche in der vermut- 
lichen Heimat des Dichters noch jetzt die herrschende ist (s. Schambach unter du), 
nicht geläufig war. dar und dat werden oft verwechselt. 



119 

353 f. . Laudamus te, benedicimus te, 

De deit den unsannigen we. 
Diese Verse sind in der Hs. dem Creator zugeteilt, während sie unzweifelhaft die 
Anfangsstrofen des Dankliedes bilden, welches der Engelchor singt. Die Rede des 
Creators beginnt erst V. 355. unsannigen ist bis jetzt unerklärt geblieben; es ist 
wohl aus unsinnigen entstellt. 

359 lese ich: Des meine iky de ensi hir mede^ 

De sinen munt nu uppen dede 
Dusses dankes my to oerovende 
Der jennen de my plegen to hvende 
„Ich glaube, dass niemand hier am Platze ist, der seinen Mund anfthun würde, 
mich dieses Dankes derjenigen, die mein Lob verkünden, zu berauben." uppen 
ist Verbum. 

375 äugest de gelerde ist = sunte augustinus 279. 
389 Die Hs. hat: 

Wat in einen iuwelken vorborgen si 

Es ist kein Grund mit Seh in vorborgen zu ändern; vgl. Wat behuddes 406. 

464. Werne wat si umme ere, umme stat 

„Wem etwas an Ehre und hoher Stellung gelegen ist." vat statt wat ist nur 
Druckfehler. 

502 lese ich: Minen stol wil ek my nemen; 

Bi gode sitten dat mach my temen, 
„Ich will meinen Thron einnehmen, denn es geziemt mir neben Gott zu sitzen." 
562. Se hengetf utj dat se möge vinnen 

Der kieinen vlegen unde wormelin, 
Ein nette, 
vinnen ist nicht etwa dialektische Form für vinden^ sondern in winnen zu ändern. 

631. Wy mögen gode numm^er mer to bet; 

Ich lese: Wy mögen to gode nummer mer bet; 

„Wir vermögen nimmermehr zu Gott zu kommen." 
650 lies: vor gode oder nemende. 

654. Zu Jahrb. XIV, 1 48, bemerke ich, dass mul auf Lucifer geht, der als gif- 
tige Schlange bezeichnet wird; vgl. die Glosse im Mnd. Wb. 3, 132: slange^ mul, 
hazeliscus. Es ist demnach zu lesen: 

Dat wy alsodenen vorgiftigen mul 
Toleten unde staden. • 
691 flf. ist durch eme blosse Änderung der Interpunktion nicht geholfen. Es 
ist zu lesen : Heddet jmoe gude wille nicht gewest, 

Gy enhedden mit my dat erlike nest 
Vorschetenj dar wy sint inne west 
Unde tor aventur nummer mer inne kamen. 
Dar rnnme m^ote wy scaden unde vromen 
To hope stan an einem hope. 
Das Part, verscheten 'verloren' ist noch in der Mundart erhalten, vergl. Schambach 
S. 276, der den Satz anführt: Wen Sei ösch nich helpety sau sin we verscheten. stan 
ist trans. 'Gefahr stehn, riskieren, die (guten oder bösen) Folgen ertragen', vergl. 
Mnd. Wb. 4, 360. Zur Formel scade unde vromen vgl. 1750 Dat is min vrome unde 
niht min schade. Es ist zu übersetzen: „Wenn es euer freier Wille nicht gewesen 
wäre, so hättet ihr mit mir den herrlichen Aufenthaltsort nicht verloren, in dem 
wir gewesen sind und wohin wir niemals wieder kommen. Darum müssen wir 
Gutes und Übeles zusammen, an einer Schar befindlich ertragen." 

708. Ludfero kan en weinich nicht scaden. 

ües: Lucifer kan en weinich nicht saden. „L. kann ein wenig nicht sättigen, be- 
friedigen." Dem herrschgierigen L. genügte es nicht der schönste und vornehmste 
Engel zu sein, er strebte nach gleicher Herrschaft mit Gott, vgl. V. 502 flf. 



120 

713 lese and interpangiere ich 

Kumpan, wy willen wedder roven 
Gode, WUT wy kunnen unde nwgen, 
Stempen logen unde droaen 
dem scalwe uns hir nu oet geloven. 
Wen den jennen, de de uns vorscoven, 
Or kunst en scal on hir nicht dien: 
,Wy wilt on in deme wege lien. 
scalwe 'sollen wir'. Über we abge8eliw...au8 wi s. Schambach S. 289. „Dem sollen 
wir uns hier nun noch mehr widmen." Über das Reflex, sik loven s. Mnd. W. II, 737. 

727 lese ich: Isset nu het, it mach wol holden. 

Vgl. das Sprichwort: „Es wird nichts so heiss gegessen als es gekocht wird." 
729 ist zu interpungieren : 

Bekümmert iuJc nicht aUo sere! 
Ik bin it io Ludfer iuwe here. 
Über ez vor dem Prädikat im Mhd. vgl. Lachmann zu Iwein 2611. Die Bemerkung 
gilt auch fUr das Mnd. 

748 Wente to vorne iuJc gonde, 

Dat ein iuwelk mochte unde konde 
Na sinem vrigen wilkore 
Dat gude edOer erge kernen vore. 
kernen (IIs. kerne) wird im Mnd. Wb. mit Verweisung auf Grimms Wb. als Neben- 
für kiesen, küren erklärt, was Walther für eine sprachliche Unmöglichkeit erklärt. 
Das Wort ist unzweifelhaft entstellt; ich vermute kesen * prüfend betrachten', Wal- 
ther koren. 

808 interpungiere ich: 

Sin name scal heten adam. 
De sin gelik nu mer up erden quam. 
Damköhler schreibt : Dem sin gelik, es ist aber an der Richtigkeit der hdsL Über- 
lieferung nicht zu zweifeln. 

824 lese ich: Icht dat flesk en soden wolde 

Dar de sele wat anne scolde 
„Wenn das Fleisch so etwas wollte, daran die Seele etwas verschuldete." anne 
statt ane ist im Mnd. Wb. durch Lüb. Chron. 1, 464 belegt. Damköhler liest anden 
'schmerzen'. Diese Bedeutung hat aber das Wort im Mnd. nicht. 
844 lese ich: Wat du^ leve here, my tcult 

Don, wet ik, dat ok noch scult. 
Statt my hat die Hs. myt, wofür Schönemann mit my setzt. 
885 Ek wil dy aller vruchte macht geven 

De de sint in dussem paradise; 
Aver allene von dussem rise 
Scaltu nicht breken edder eten; 
Deistu dat, so scaltu wetten: 
In welker stunde du dat bedervest. 
Des ewigen dodes du denne stervest 
Damköhler nimmt bederven in der Bedeutung 'zu Grunde richten, verletzen' und 
bezieht es auf den Bruch des göttlichen Gebots. Es bezieht aber auf das Essen 
der Frucht, entsprechend Genes. II, 16, 17 Praecepitque ei dicens: Ex omni ligno 
paradisi comede: de ligno autem scientiae boni et mali ne comedas: in quocumque 
enim die comederis ex eo, morte morieris. bederben 'gebrauchen, benutzen' im 
Passional her. von Köpke, 528, 6 nach minem tode nimm an dich aisen roc alsam 
ein erbe, habe in dir und bederbe, swie dir behage wol. Weitere Stellen im Wb. 
892 ist zu interpungieren: 

Des dodes mach dy nemant wandelen 
Wen te dik erst begunde to handelen. 
„Von dem (ewigen) Tode kann dich niemand befreien als dein Schöpfer." 



121 

903 interpun^ere ich: 

Ein ribbe ut diner siden 
Breken dat machstu scauwen. 
„Das Brechen einer Rippe aus deiner Seite das magst du sehen." 

984 lese ich: Wente he heft en ok hir umme vorboden: 

Ete gy hir van, so werde gy gelik den goden. 

. Statt ok hat die Hs. on. Damköhler vermutet, dass en entweder zu streichen oder 

durch iu zu ersetzen ist. Die leichtere Änderung empfiehlt sich schon deshsdb, 

weil ein neuer Grund angeführt wird, weshalb Gott den Menschen verboten hat 

vom Baume der Erkenntnis zu essen. 

990. Achj dusse appel is so sotef 

Adam, dat is alto hote. 
Hir umme su nüm unde smecke, 
Tippe dat du nicht menest, dat ik dy gecke. 
Dass die SteUe verderbt überliefert ist, hat Damköhler Jahrbuch XV, S. 81 richtig 
bemerl^t. Er vermutet: dat is atee hotte „Das ist (schmeckt) wie (süsse) Milch.'* 
Diese Ändenmg empfiehlt sich aber schon deshalb nicht, weil dadurch der reine 
Reim zerstört wird. Dass von der Süsse des Apfels die Re4e ist, hat Damköhler 
richtig gesehen, und dieser Sinn ist denn auch mit leichter Änderung herzustellen, 
wenn wir schreiben: 

Adam, dat is al£o note 
„Adam, das ist so (süss) wie Nuss." Der Vergleich: so süss wie Ntiss (ohne Ar- 
tikel ist noch gebräuchlich. Schambach verzeichnet S. 146: sau soite as ne not. 
mte ist also Singular; doch findet sich auch der Plural ohne Umlaut, allerdings nur 
in der Bedeutung Becher in Nussform Mnd. Wb. VI, 225. 

1118. Nicht mer wan arme minschen twene. 

Die Hs. hat richtig überliefert. Nicht mer armen minschen twene. mer ist = men, 
wie Walther bemerkt, a^men minschen halte ich für Gen. Plur. abhängig von twene. 

1U6. So heddet mögen lichte nicht gescein 

Die Hs. hat heddes mach. Walther erklärt die hdsl. Lesart überzeugend richtig: 
„heddes; das es ist Genet., abhängig von nicht. Machlichte ist das bekannte Syno- 
nym von viUichte.^ 

1171. Wy hauwen hen in godes namen. 

Damköhler will hen hauwen hier durch 'anfangen' übersetzen. Nun sa^ man zwar 
auch nhd.: „Haue mal hin!" d. h. ursprünglich: * Führe den ersten Hieb mit der 
Axt'; aber schon aus der Grundbedeutung erffiebt sich, dass dieser Ausdruck hier 
nicht in den Zusammenhang passt. Auch iSa. halte jetzt die Überlieferung für 
richtig, glaube aber auch jetzt noch, dass Adam Eva auffordert in Gottes Namen 
des Weges zu ziehen, hinhauen * hingehen' findet sich bei H. Sachs, Band III, 1, 
288 a, wo der Wirt verdrüsslich zu den armen Wandrern spricht : „Haut hin, sprecht 
ihr seid hier gewesen" u. ö. Vgl. auch Schmeller, Bayer. Wb. ^ I, 1024. 

1214. Warte, abel, dat ik hir erst upkloppe. 

Wente dusse garve is my vorwar 
So ver to d/regende alto swar. 
Zunächst ist statt Warte das hdsl. Wachte als der Mundart entsprechende Form 
wiedereinzusetzen, upkloppen ist zu allgemein und nicht deutlich. Ich glaube da- 
her, dass u6kloppen zu setzen ist, noch jetzt tm Gött.-Grubenhagenschen der ge- 
wöhnliche Ausdruck für „ausdreschen". Der Ausdruck wird auch ohne ein zu- 
ffefugtes Objekt (ebenso wie meien, daschen) gebraucht, ud statt ut ist auch in 
den Göttinger Urkunden die gewöhnliche Schreibung. Sachlich vgl. Anegenge ed. 
Hahn 1 9, 83 : Abel was ein auot man. Uz allem stnem vihe er nam Daz aller beste 
lamp Daz er inder dar wnaer vant. Jener (Cain) wirser geddhte Der da elter was: 
Sine garbe er überdrasch. 

1258. Uppe dy wart ik so ser verblint. 

verblinden bedeutet erstens blind machen, zweitens blind werden. Hier heisst es: 
(vom Zorne) blind gemacht. 



122 

1286 ändert Schönemann unnötig die Wortstellung. Es ist mit der Hds. zu 
lesen : Dar sik de werlde äff möge neren, 

1306. Die Hs. hat draffstu statt darfstu, und diese der Mundart entsprechende 
Form kann wohl dem Dichter gehören. 

1323 lies mit der Hs. ünde byn statt ünde ik byn. Die Auslassung des per- 
sönlichen Pronomens ist hier nicht auffällig. 

1324. Wol dat ik my van older nu roste. 

So lende ik jo gerne, wen ik moste. 
Die Form lende, wofür er im Druckfehlerverzeichnis l^nde schreibt, scheint Schöne- 
mann nicht verstanden zu haben. Auch im Mnd. Wb. II, 633 und III, 535 ist die 
Stelle nicht richtig erklärt. Adam kann dem Zusammenhange nach nur den Wunsch 
aussprechen, auch trotz der Beschwerden des Alters noch länger zu leben. Ich 
schreibe deshalb: Wol dat ik van older nu rost9, 

So leude (= levede) ik jo gerne, wen ik moste, 
pObgleich ich vor Alter nun rostig werde,*) so lebte ich doch noch gerne, wenn 
ich dürfte.^ MOglich, dass auch my zu benalten ist, da im Nd. die Refiexiva über- 
haupt häufiger sind als im Hd. 

1328 lies uppe (Hs. upper) rechte v. m. 

1354. Die Hs. hat dy d. i dy (dyn) moder. 

1373 ff. ist zu interpungieren: 

He biddet, dai gy om wiüen don, wetten, 
In rechter waren sekericheit 
Van deme olie der bamüierticheit 
don ist * geben, reichen'; wetteti ist 2. Pers. Plur. des Imperativs «* wisset!' (vgl. 
Lübben, Mittelniederd. Gramm. S. 90). 

1450 lies hadde statt hande, 

1497. Damköhler schreibt nickte v. statt nicht en v. Walther bemerkt mit 
Recht, dass nickte Instrumentalis ist „nut nichten". 

1526 lese ich: De sine gavd gevSt tware 

So menntck utespret 
utespret ist nicht, wie von Schönenuum und im Mnd. Wb. angenommen wird, Verb- 
form, sondern Substant., synonym mit vtsprutinge, germen. 

1550. Dat derde ket tigris, als ik vorsta, 

ünde lopt in lant van asia. 
Damköhler fügt dat vor lant ein. Der Ausfall des Artikels ist aber nicht wahr- 
scheinlich; ich schreibe: TJnde hpt en lant van asia und fasse Jopen ^durchlaufen', 
wie mhd. loufen (s. Lexer). Über den Accusativ bei Verben der Bewegung im 
Mhd. s. Haupt z. Erec > V. 3106. 

1578. klute *Sack'. Das Wort ist noch im Gött.-Grubenh. so gebräuchlich, 
Schambach verzeichnet nur den Plural. Woeste, Ztschr. f. D. Phil. 6, 84 erklärt es 
'Lappen'. 

1606 lese ich: Den (lickam) geve ek nu up vor mine sckuU: 
De mot nu varen (Hs. waren) wor du wult. 
Vgl. in die Grube fahren = sterben; varen to (godes) gnaden, Sachsensp. II, 66, 2 
und weitere Stellen im Mnd. Wb. V, 203. 

1627. Nu en wet ik leider neinen trost 

Wu wy möge wegen werden verlost 
Damköhler streicht wegen. Ich vermute Entstellung aus weder, wieder; vgl. 2743 
In watte made unde geverde de mynscke wedder vorXoset werde. Den Schreiber be- 
irrte vielleicht die ungewöhnlichere Schreibung mit einem d. 



») Vgl. die alte Devise: Rast ich, so rost' ich! und Spenser. The Shepherds' 
Calendar, Februarv V. 54 f. I deem thy brain emperished be Through resty dd 
that hath rotted thee. 



1637 interpungiere ich jetzt: 

Up dat ik den leven vader din 
Melpe dragen sine bitteren pin: 
Dat is iamnierlik af gescheit 
Des sihtes der hilgen drefoUicheit, 
Das Subst. af gescheit * Absonderung, Trennung' fehlt im Mnd. Wb. 
1665. Ik biddCy dat gy nicht to endecken, 

Ik en mote mtnen vader sidven strecken 
Ich halte Jahrb. XIV, 149 geschrieben: Ik hidde, dat gy nicht to en decken. Dam- 
köhler tadelt dies imd memt, dass en aus Y. 1(>6() in V. Ib65 gesetzt werden muss. 
Die Richtigkeit meiner Besserung beweist V. 1675 Decket on to\ vgl. auch V. 1689 
dat graf is ninc/est togedecket Gemeint ist das Bedecken des Leichnams mit Erde. 
Die Interpunktion ist richtig; zur Construktion vergl. Gott. ürk. I, Nr. 176, 3 ff.: 
de beckermestere hebten ahewiUeköret, dat se in oyrme brodhus nicht schulten oyr 
brod vortmer setten up ae benke, se negheven oren halven vordingk tovom .... und 
ebd. 188, 24 dat we unde use erven van desses vorben. dorpes weghen mit dessen 
vorben. vorsten nenerhande wederkop öder losinge anghan enschullet noch enwiUet, 
desse vorben. 30 M enwerden en weder bered ane hinder unde wedersprake. Ich 
übersetze: „Ich bitte, dass ihr ihn nicht begrabt, ohne dass ich meinen Vater vor- 
her selbst strecke (ihm die im Todeskampfe gestreckten Glieder wieder gerade 
strecke)." Walther, der sonst meiner Meinung zustimmt, bemerkt, dass man trotz 
1675 todecken ohne Objekt sich denken könnte. 
1780 lese und interpungiere ich: 

Du lest uns up dem water sweven 
Unde unse lifso leiflik vristest. 
Och leve got, wan du wol wistest, 
Dat dut grote water scholde 
Hir nedder komen also bolde, 
boven dattu bist also bereit 
Unde bewiset tww dine barmherticheit. 
wan fasse ich = weil; Walther wiU lieber want (wät) lesen. Auch uMse statt uns 
ist Conjektur Walthers, doch könnte das Fron. poss. auch schon wie in den jetzigen 
Mundarten (vergl. uns Vader) das e eingebüsst haben. Boven (von D. unnütz in 
Boben geändert) wird von Walther richtig durch: 'gegen, wider' erklärt. Statt 
bewiset 1787 sclureibt Seh., durch den nhd. Sprachgebrauch verleitet, bewisest. Die 
hdsl. Lesart ist aber ganz richtig: barmherticheit ist Subjekt und bewisen ist 'unter- 
weisen, belehren'. 

1791. wer 'ob', ebenso 1803, in der heutigen Mundart we9r gesprochen. 
Nach 1807 ist Punkt statt des Kommas zu setzen. 
1807 ff. lese und inierpungiere ich: 

Dvsse duve kumpt wedder aUohant. 
Bi dem so wert mi dat bekant, 
Dat se nergen konde resten 
In bergen, dakn, bomen edder nesten. 
Bi deme = dadurch. Statt bergen hat die Hs. b&rgen, dass aber diese Form nicht 
dem Dichter gehört, beweist der Keim bergen : nergen 1804. 

1824 lies: Ach god, wol uns der (Hs. unser) leven stunde. 
Vgl. W. V. d. Vogelweide Wol mich der stunde deich si erkande. 
1835 ff. interpungiere ich: 

Ga nu wedder altohant, 
Dat beide ek dy, hir an dat lant, 
DUj din husfrauwe unde dine sone 
Unde dar to or husfrauwen schone, 
Di^e have, vogel, degerde unde aUe quek, 
Dat in der arken was mit dek, 
Unde aUentf dat levent hat 
In der arken, dar se stat. 



124 

have bezeichnet besonders die Haustiere, auch 1978 ist es in dieser Bedeutung 
zu fassen. 

1860 lies construgeren : offereren. 
1905. Unde höre, tcat ik wiUe dik 

Vgl. Flos 278 wat wyUe gy my *was wollt ihr von mir?' Es ist mir zweifelhaft, ob 
ein Vers ausgefallen ist, (ia reimlose Zeilen im Stücke mehrfach begegnen, ohne 
dass der Zusammenhang eine Ergänzung verlangt. 

1944. Leve sone. wy wilt uns kloiken. 

Bequeme holt soiken 
Unde gode dar neist sin opper geven 
Zunächst könnte man unde vor bequeme er^mzen, doch ist für das 1 5. Jahrhundert 
die Bindung eines vierhebigen mit einem dreihebigen Verse mit klingendem Aus- 
gange nicht ausgeschlossen. 

1946. Die Hs. hat: Unde gar dar neist sin opper geven. 
Ich schreibe: Unde gan dar neist sunopper geven. Es ist zu übersetzen: „Lieber 
Sohn, wir wollen uns beeilen, passendes Holz suchen und gehen, da in der Nähe 
ein Stihnopfer zu bringen." sunopper ist zwar im Mnd. Wb. nicht belegt, doch 
vergl. swiebref. Über kloiken von Seh. hier und 3253 falsch durch ,sich klug be- 
nehmen" übersetzt, vgl. Mnd. Wb. u. d. W. 

1987. Ek wil ute dvssem dale 

Mine schap driven altomqle 
Upwor hen in de hoge. 
upioor erklären Seh. und das Mnd. Wb. = upwortj upwert 'aufwärts' Es ist aber 
zu lesen: TJp worhen in de hoge. üp = aufwärts; worhen 'irgendwohin' (wofür im 
Mnd. sonst wor gesagt wird) wird durch die heutige Mundart gesichert, in welcher 
es wören lautet, s. Schambach S. 304. 
2042 interpungiere ich: 

Dar umme so schaUu wesen willich 
Bloiten dine vote unde tein ut dine sehe. 
Die Infinitive sind von schaltu wesen wUlich abhängig. „Du sollst willig sein deine 
Füsse zu entblössen und deine Schuhe auszuziehen." 

2126 setze ich einen Punkt statt des Kommas und lese dann: 
Alle dat me vorder vint bescreven. 
Dat umme körte willen is na gebleven. 
„Alles das findet man vorher beschrieben, das (hier) der Kürze wegen aus- 
gelassen ist." 

2178. Edder ek wil dy eine lexien lesen. 

De van gode nicht wesen schal. 
Schönemann fasst von gode = von Gott, da er sonst von gdde schreiben würde ; es 
ist aber = vom Guten. 

2233. Unde he wil richten na rechtem deile, 

he, welches in der Hs. nicht steht, ist zu streichen. 

Nach 2304 fehlt ein Vers. Nach Ps. 29, 12 ist etwa folgendermassen zu er- 
gänzen: Sq ji0pß ^y JQ^ möge gnade schein, 
Dat he möge antein 
Dat dar is aat kleit der vrolicheit. 
2407. So dat dat levendige nu an en reip 
Der Sinn ist klar: Das Kind erwachte nicht und konnte daher die Räuberin nicht 
durch sein Schreien verraten. Ich vermute: mi an en reip 'mich nicht anschrie'. 
Walther macht dazu die Bemerkung: „Kann anropen nicht heissen anfangen zu 
schreien?" vgl. Grimm, Deutsch. Wörterbuch I, 289 und kjJnnte nu nicht nü, nie, 
sein? in derselben abgeschwächten Bedeutung wie oberd. nimwer." 
2431. Dusse vruwe unde ek, alse wy hir stan, 
Rebben beide in einem hus umme gan, 



125 

wmmegan = verkehren ist im Mnd. Wb. nicht belegt, in der heutigen Mundart ist 
diese Bedeutung gebräuchlich, s. Schambach. 

2540. Ik meine, wy sein noch dctUink toatj 

Des der leonniginne heft vonounderty 

Uns alle mede^ were wer hundert. 

heft vorwundert. Das Praeritum ist dem Zusammenhange nach unmöglich. Ich 

lese: Ik meine^ wy sein noch dallink waty 

Des de konniginne heft vor wunder y 

Uns aUe mede 

„Ich meine, wir sehen noch heute etwas, das die Königin und uns alle wie ein 
Wunder ergreift." Zwei Constructionen, die im mhd. häufig sind, scheinen hier ge- 
mischt: mich hat wunder und ich hän ez vür wunder, s. Mhd. Wb. III, 813a. Vgl. 
auch vor droge stan 1458 mit Damköhlers Bern. Jahrb. XV, S. 81. 
2613 lese und interpungiere ich: 

TJnae ik love juwe hofgesinde 
Degety ddJt ik hir bi juk vinde. 
2619 ist de genne nicht in de jennen zu ändern. 
2654 ff. ist die hdsl. Lesart mit folgender Interpunktion beizubehalten : 
Wan my wes to donde stoide ' 
Timme fuk. gv wise her Salomony 
Dat wil ik due tit gerne don 
ünde geve uns beiden hir to deile 
Dem teven gode i^ uns beveile. 
Statt geue der Hs. hat Seh. geven gesetzt, wodurch der Sinn entstellt wird, sik to 
deile geven = 'sich zu eigen geben'. Dem leven gode steht and xoivovy eine 
Spracherscheinung, die nach M. Haupt, dessen reiche Sammlung z. Erek * 5414 zu 
Vergleichen ist, etwas volkstümliches hat. uns beiden statt des regelmässigen uns 
hdae wage ich nicht zu ändern, da die schwache Form auch noch in der Umgangs- 
sprache erscheint 

2706. Soll nach Walther cord vinken ein Eigenname sein = Kurt Finke. Ich 
glaube es nicht, obgleich 2724 cord als Vorname erscheint. Ich halte es für eine 
scherzhafte Bez^eichnung der Genossen, ver^l. Knollfinke = Handwerksbursche. In 
Bezug auf cord mag es dahin gestellt bleiben, ob es korde 'Strick' oder korde 
'Messer' ist An das esthnische Korde (s. Korrespondensblatt XI, 79) ist wohl 
nicht zu denken. 

2722. In deme naten kan ik doch wol tein. 

Erinnert an das studentische Lied beim Commenttrinken: Zieh Schimmel, zieh! etc. 

2729. Ik wil dy sttases wol vorplegen 

Bei stuss fragt Seh., ob es etwa 'Stoss' sei, möchte aber doch schliesslich dusses 
lesen. Im Mnd. Wb. ist das Wort nicht aufgenommen; Bd. VI, 273 findet sich stöte 
= schenkvathe. Ich sehe in stuss das mhd. stutzCy Trinkbecher, wovon noch unser 
Stutzglas. Die Bedensart einem eines vorplegen erklärt Walther 'fUr oder von 
einem die Verpflichtung in Betreff eines Dinges übernehmen und erfüllen' hier die 
Verpflichtung ordentlich nachzukommen'. — Ich halte stusses vorplegen für eine 
Bedensart wie drankes plegen 'trinken' Gerh. v. M. 3, 21 ; dy wäre dann Dat ethlcus. 
2756. Wente dar an licht dig %mde vorderf 

Nicht Hnerleie aüenCy 
Sunder aller worlt gemeine. 
Damköhler fasst einerleie als Gen. = eines (einzigen Menschen) allein, abhängig von 
dig vorderf y es ist aber zu übersetzen : „Daran hegt nicht nur einerlei Rettung und 
Verderben, sondern das der ganzen Welt* Man könnte versucht sein hinter einer- 
leie eines einzuschieben (vgl. die Stelle a. d. Eccl. im Mnd. Wb. I, 641 dat sure der 
penitencien kan nicht enerteye siw, wente de sunde sin ok nicht enerleye eynes min- 
8chen)y doch ist dies nicht nötig. 

2801. FrundCy nu sint wy hir gesamet 

ünde hebbet hir eines dages berametj 



126 

Dat gy ujisheit mögen beren 
ünde alle tit dat beste vorkeren. 
Statt beren in Y. 2803 veimutet Damköhler leren; allem auch das zweite Reimwort 
muss entstellt sein, da keine der Bedeutungen dieses Wortes in den Zusammen- 
hang passt. Ich lese hören (hören): vorkoren (erwählen). 

2948 lies: dielms novissimis. 

Nach 2951 ist ein Komma zu setzen. 

2988. Dut jamer! dat kinddin sin. 

Dar van vorkortet schal werden de pin. 
Diese Stelle ist auch von Damköhler nicht überzeugend hergestellt. Ich vermute 
die Entstellung allein in jammer und. .schreibe: Did geandet dat kindelin sin, Dar 
van vm-kortet schal werden de pin. Über anden, andfeuten, in Erinnerung bringen, 
significare s. Mnd. Wb. I, 81 und VI, 16. dat kindelin sin, sein (Gottes) Kind. 

3034. God heft einen legalen upgesent 

übersetzt Y. 3032 legatum ad gentes misit. Lies udgesent. 

3087 ist zu trennen: up hören, 

3114. Cristus de schal werden gebom 

To jbetlehem, alse ik hebbe gehorn. 
Damköhler will aus dieser Stelle ein statt v. hören folgern. Walther vermutet 
einen Druckfehler statt gekom und macht darauf aufmerksam, dass Schönemann im 
Glossar diese Stelle unter küren (statt keisen) aufgenommen hat. 

8172. Ik wil wonen unde wil rauwen 

In diner middele unde wil komen 

Dy mitte unde to groden vromen. 
3174 hat Schönemann unnötig to vor graten vromen eingesetzt, denn vromen ist 
Nom. Sing, des Subst.; für graten gilt die Bemerkung im Mnd. Wb. I, 638: «Häufig 
wird aber das Adj. so flectiert, dass es im Nom. und Acc. (Masc. wie Neutr.) auf 
-en ausgeht* Es wäre also eher der unbestimmte Artikel zu er^nzen, aber auch 
dieser kann fehlen, vgl. Bremer Gesch. Q. 141: it weygede so groten, starken storm. 
Y. :U72, 73 übersetzen ZAch. 2, 10 Letare filia lA/on quia ecce venia et hahitabo in 
media tui, nur dass die Worte dem Reime zuliebe umgesetzt sind. Nach komen 
ist also ein Komma zu setzen und das folgende als Apposition zu fassen. Für das 
unverständliche mitte vermutet Walther ansprechend nutte. Die Synonyma Nutz 
und Frommen werden ja wie heute, im Mnd. (vgl. to groter nut unde vromen Braun- 
schweiger Chr. l, 152, 8) gern verbunden. 

3186. Des himmels de schal werden mer 

übersetzt das lat. firmabitur consilium in celo. Nun bezeichnet consilium auch eine 
Genossenschaft von Menschen; ich glaube deshalb, dass zu lesen ist: Des himmels 
det schal werden mir. „Das Volk des Himmels soll grösser werden.* Über Aus- 
lassung des t Sc z. 3415. 

3258. Ysayas, wat sochstu stM to bi tiden? 

Schönemann schreibt bi tiden. Das Mnd. Wb. I, 346 schreibt to bitiden *zu nicht 
gesetzlicher, aussergewöhnlicher Zeit'. Dagegen spricht aber Zusammenhang und 
Versmass. Ich schreibe: Ysayas, wat sochstu fus to bitiden? „Jesaias, was suchst 
du so (durch deine Bitte) zu erreichen?" betvden ist Compos. von tiden Mnd. Wb. 
lY, 540. Ein Reflexivum in dieser Bedeutung ist ebd. Bd. VI, 62 belegt. 

3284. Zu Jahrb. XIY, 151 bemerke ich noch, dass statt dar umme wohl dar 
anne zu schreiben ist. 

3289 ist zu lesen: Mit den duvelen in der hellen 
He schal so iamerliken quellen. 
Der Schreiber stellte die prosaische Wortfolge her. 

3409. It is umme cUsus aUent dattudeist. . 

Im Mnd. Wb. Y, 12 ist nur diese eine Stelle für umme alsus statt umme sus an- 
geführt, doch ist auch hier umzustellen: It.is al umme siis allent dattu deist cd 



127 

ist=gänzlioli; vgl. die ebd. citierte Stelle aus der Hamb. Chron. 22: wo tcol de stede 
al na freden hebten gestand is doch fnit koning Cr. al ummesm gesceen. 

3415 lies heft statt hef, Auslassung und Znsatz von t findet sich öfter, vgl. 
zu 31S6 und 2540. 

3436 lies : To dem so st^mde doch jennich rode, 

,Für den bestünde doch eine Hilfe.' rode erklärt Walther =^era<fe, mhd. gercete, 

3645 lese ich: Nen, vader, gy achvU also nicht reden. 
Statt Nen hat die Hs. Le^ wofür Schünenuinn Leve schreibt, was aber im Munde 
der eifernden Justitia nicht passt. Vielleicht ist auch Ne die neutige abgeschwächte 
Form einzusetzen. 

3737. Dusse dot de schal dar noden. 

Den ewigen dot denne wedder doden. 
noden ist hier = notwendig sein. Sph. erklärt die Stelle nicht und auch im Mnd. 
Wb. ist für diese Bedeutung nur eine Stelle angeführt. 

3747 flf. lese ich jetzt: Gabriel^ nu werdet rede: 

Segget annen^ dot ok on beden 
Ek wil twiden ore beden. 
Dat se vaken an my deden. 
«Gabriel, nun macht euch bereit. Saget Anna, dass ich auch ihnen beiden ihre 
Bitten erfüllen will, die sie oft an mich thaten."* beden V. 3748 ist sicher 'beiden*, 
da der £ngel sowohl, wo er mit Anna, als wo er mit Joachim spricht, erwähnt, dass 
er zu beiden gesandt ist, vgl. Y. 3774, 3805. 

3772 ist das Komma zu tilgen; vgl. z. Y. 729. 

3783. alle ist Instrumentalis 'gänzlich'; vgl. Lexer, Mhd. Hdwb. I, 37. 

3817. Die Hs. liest richtig: 

Umme den wiUen dat wy sint 
Unfruchtbar unde enhadden nein kint. 
Umme den willen dat 'deshalb, weil'; s. Mnd. Wb. unter wiüe. 

3S86 lias: Minen engel hebbe ik utgesant. 

Nur Gabriel wird ja zu Joachim und Anna gesandt. 

8936 ff. Wy bidden iük allcj gy werden propheteny 

Dat gy iuk nicht laten vordreten 

Unde gan mit u« tom tempd hin, 

Dat wy marien bringen aar in 

Unde offeren se gode aldar 

An sinem hügen altar, 

Wente gode is se doch to geneget. 
to geneget könnte nur heissen 'zugeneigt'. Das passt aber nicht in den Zusammen- 
hang, dfenn nicht darauf kommt es an, dass die dreiiährige Maria Gott zugeneigt, 
sondern dass sie Gott gelobt ist; ver^l. 8789 So heobe Uc to vomCj leve here, De 
frucht gelovet to diner ere In dinem hilgen tempel dar. Ich vermute: Wente gode 
is se doch to gelegget. „Denn Gott ist sie doch zugelegt, d. h. zu seinem Dienste 
bestimmt.*' Ein ähnlicher Reim wie gelegget : eiget {eget) ist S2^9 vigende : liggende. 

Dass broiden nicht zu streichen ist, hat Damköhler richtig be- 
merkt. Ob aber auch Formen wie mmid und houde dem Dichter 
gehören, oder dem wahrscheinlich mit dem von Schönemann 1491 — 
1508 als Altarist in Goslar nachgewiesenen Johannes Bokenem iden- 
tischen Schreiber, muss noch dahingestellt bleiben. Jedenfalls kann 
ich mich nicht entschliessen eine Form wie bargen 1810, obgleich sie 
der heutigen Mundart entspricht, ohne weiteres dem Dichter zuzu- 
sehreiben, wenn kurz vorher bergen (bergen : nergen 1804) im Reime 
erscheint. Dass das Schauspiel auf dem Markte zu Eimbeck auf- 



128 

geführt und auch die Heimat des Dichterg dort oder in der Nähe zu 
suchen ist, ist auch mir, schon wegen der im Stücks enthaltenen noch 
jetzt im Göttingen -Grubenhagenschen gebräuchlichen eigentümlichen 
Worte und Redensarten, höchst wahrscheinlich. Bedenken gegen diese 
Annahme hat C. Walther im Niederd. Jahrb. I, S. 96 f. rege gemacht. 
Sicher wird die Frage nur entschieden werden können, wenn das aus 
den Reimen sich ergebende Mundartliche mit dem in den Göttinger 
und Eimbecker Urkunden vorliegenden Materiale genau verglichen 
sein wird. Ich habe diese Arbeit begonnen, muss aber den Abschluss 
wegen. mangelnder Müsse verschieben. 

Northeim. Robert Sprenger. 



Zur Kritik und Erklärung des Theophilus. 

Das Verhältniss der drei erhaltenen Recensionen des niederdeutschen Spiels 
von Theophilus') richtig zu beurteilen ist deshalb schwierig, weil jede derselben 
ihre eigentümlichen Zusätze enthält, von denen nicht in jedem Falle mit Sicherheit 
entschieden werden kann, ob sie dem Originale oder dem Bearbeiter gehören. 
Dazu kommen noch, freilich leichter zu erkennende Schreiberverse und zahlreiche 
Schreibfehler. Ich kann der Behauptung von Karl Sass in seiner Leipziger Disser- 
tation von 1879, dass die Helmstädter Recension die älteste und dem Original am 
nächsten stehende sei, nicht unbedingt zustimmen. Soviel steht fest, dass dieselbe 
sehr gute und beachtenswerte Lesarten enthält. Vgl. z. B.: 

Trier. Hds. 653. Bat is my recht so ein wint. 
Stockh. Hds. 353. Dat is my rechte also ein wint 
In beiden Hdss. wird dieser Vers dem Theophilus zugeteilt. Da derselbe aber 
kaum anders tibersetzt werden kann als es im Mnd. Wb. 5,734 geschieht: Das ist 
mir wie gar nichts^ so widerspricht dies den folgenden Versen, welche zeigen, dass 
es Theophilus sehr schwer wird, den Pakt zu unterzeichnen. In der Heimst. Hds. 
lautet der entsprechende V. 169 (D. 164; H. 166): Satanas sprak: ^id is my bereit 
also wint.' Es entspricht aber durchaus dem Zusammenhange, wenn Satan auf 
Theophilus Aufforderung ihm Feder und Papier zu reichen, dieselben schnell 
herbeiholt und spricht: „Das ist mir schnell wie der Wind bereit!" Was die von 



') Für diesen Aufsatz sind folgende Ausgaben benutzt: 
T. Theophilus. Niederdeutsches Schauspiel aus einer Trierer Handschrift des 
XV. Jahrhunderts. Mit Einleitung, Anmerkungen und Wörterbuch von 
Hoffmann von Fallersleben. Erster Druck. Hannover 1853. 

2. Theophilus. Niederdeutsches Schauspiel in zwei Fortsetzungen aus einer 
Stockholmer und einer Helmstädter Handschrift mit Anmerkungen von 
Hoffmann von Fallersleben. Hannover 1854. 

3. Theophilus der Faust des Mittelalters. Schauspiel aus dem vierzehnten Jahr- 
hundert in Niederdeutscher Sprache erläutert und herausgegeben von 
Ludwig Ettmüller. Quedlinburg 1849. 

sowie die Abdrucke der Helmstädter Hds. in: Bruns, Romantische und andere 
Gedichte in Altplattdeutscher Sprache. Berlin und Stettin 1798. S. 296—330 und 
der Stockholmer Hds. in: Dasent, Theophilus in Icelandic, Low German and other 
tongues. London, William Pickering 1845. S. 3.'^— 65. Ferner die Leipziger Disser- 
tation von Karl Sass über das Verhältniss der Recensionen des niederdeutschen 
Spiels von Theophilus, Elmshorn, Groths Buehdr. 1879. 



129 

Sass S. 25 ff. aufgeführten Stellen betrifft, welche beweisen sollen, dass auch in den 
Teilen, welche nur in der Stockholmer und der Helmstädter Uds. erhalten sind, die 
letztere die bessere Ueberlieferung bietet, so erlauben sie durchweg eine andere 
Erklärung. Er führt an: 

H. hds. 380 (E. 359; II. 364) wor du in der werlde varest, 

up dat du von sunden latest. 
St. hdschr. 607 wor du an der werlde varest efte geisi, 
up dat du dyne »andere leist. 
Sass meint, dass efte geist Zusatz sei, ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass 
der Schreiber von IL an der Form leist Anstoss nahm und deshalb änderte. 
Mit dem Reim hat er es ja auch sonst nicht genau genommen. Ferner 
H. 481 f. (E. 457 f.; H. 459 f.) Maria aprak: Theophile, dyn venne 

han dy gar luttich renne. 
St. 705 f. Dyn weinent dat helpet kleine 

Du hevest hyr gelegen unreine. 
Auch hier ist kein Grund die Lesart von H. für die ältere zu halten, wenn wir 
richtig verbessern: Theophile , dyn wenen Kan dy gar Ivittich renen. Auch die 
V. IL 589—592 (Hf. 568—571) machen durchaus den Eindruck, als ob sie aus den 
V. St. 813—18 zusammengezogen sind, zumal sich der Schreiber von H. auch sonst 
starke Kürzungen erlaubt. Dagegen ist es nicht zu läugnen, dass wir es St. 685—689 
gegenüber H. 461—66 (Hf. 439—44) mit einer willkürlichen Aenderung der ersteren 
Hds. zu thun haben, und die Lesarten von Hf. ut und buten dem wege der von St. 
ut deme vegevwre vorzuziehen sind. Auch St. 898 — 901 halte ich gegenüber 
IL 676—79 (Hf. 648—651) für die bessere Lesart. Dafür sprechen auch die vorher- 
gehenden Verse: 

St. 890. H. (Hf. 638). 

Ik hebhe al de heUe dorchvaren Sathanas sprak: ^yrouwe ik sage iu wäre. 

Mit alle mynen scharen, Ik han alle de heue dorchvaren 

Den href konde wy nergene vinden, By minen besten synnen 
We sochten ene in allen enden. Des breves kan ik nicht vinden.^ 

Der Bearbeiter nahm an dem unreinen Keime vinden: enden Anstoss und ersetzte 
ihn durch sinden: vinden. Bi minen besten sinden 'vermittels meines besten Ge- 
sindes'. Der Schreiber verstand dies nicht und setzte dafür bi minen besten sinnen 
'bei meinem besten Verstände?' Vgl. ferner: 

St. 894. und H. 670 (H. 642). 

Ik hebbe mynen meistere Lucifer gevraget, Ik han one gevraget sere 
He heft my aldus gesaget, wynen heren lucifere. 

Dat he des breves ny on sach: De heft also gesaghet. 

Vor war ik dat seggen mach. des si sint so mennich jar bedaghet, 

dat he des breves nicht en sach. 
Vorwar ik dat spreken nach. 
Hier ist sere in H. offenbar Flickwort und die Verse in der Form der Stockholmer 
Hds. die ursprünglichen. Auch die Verse St. 887: we dat mot ik don, Dar 
brinaet my dyne walt to, welche in H. fehlen, sind dem Zusammenhange nach 
durchaus nötig. Satanas verschwindet mit denselben, um dann gleich darauf wieder 
zu erscheinen. Dass H. öfter durch Kürzungen den Zusammenhang stört, beweisen 
folgende Verse: 

St. 936. H. hat dafür nur zwei Verse, die er 

Here Lucifer, wat redestu dar to ? dem Satanas zuteilt : 

Wy sint des breves tmvro. 702 (Hf. 674). 

Lucifer dicit. 8e is vrouwe unde wy syn knechte, 

8e ts unse vromje, wy stnt ere knechte, ^y en mögen nicht wedder se vechten. 
Wy mögen nicht mit er vechten. 

Hier hat St. offenbar das ächte erhalten. Es wäre nicht dem Zusammenhange 
entsprechend, wenn Lucifer nicht zu Worte käme. 

Ein recnt lehrreiches Beispiel für das Verfahren des Schreibers von H. bieten 
die Verse 689 ff. (Hf. 616) = St. 868 ff. In der Stockholm. Hds. spricht Satanas: 

Niederdentsohes Jahrbuch XVI. Q 



130 

Vrouwe van den reden ik nicht enweit. 
He heft sik gemaket also breit 
Mit syme breve; 
Dat were to leide edder to leve, 
We de vor em hede, 
Dat he em unrecht dede. 
Van den reden ich nicht entweit , d. h. Von solchen Verabredungen (dass du für 
ihn bitten göltest) weiss ich nichts. Der Bearbeiter von H. hat dies, wie auch 
Hoffmann ; der breven für reden einsetzt, nicht verstanden. Er ändert folgender- 
massen: 

Sathanaa sprak: ^vroutve, des syd berichtj 
Van einem breve en weyt ek nicht. 
He heft syk my myk 
also sulves verpflicnt 
mit synes sulves breve, U. s. w. 
Wie wir sehen hat der Bearbeiter in seiner Verlegenheit hier die Verse 654 f. 
(Hf. 680 f.) vorweggenommen. Dadurch ist aber das das folgende in Unordnung 
geraten. Es kann unmöglich ursprünglich so gelautet haben, denn selbst wenn wir 
die Aenderung Hoffinanns annehmen, erhalten wir einen überschüssigen dritten Reim. 
Ebenso verwirrt zeigt sich die Ueberlieferung von H. 497 ff. (Hf. 475 ff.) gegen- 
über St. 721 ff Vgl. 

H. Theophil sprak: ^ach du edele rose van St. Vü eddele rose van Jericho, 
Jericho, Wo redestu nu also! 

wo trostestu my armen also! Jo bistu vul aller gnaden. 

Du bist jo der gna vul. Darumme hebbe ik dy geladen 

De engele schone to di sprak, Jo mit dem sulven bede 

goteliken dat gescach: Also de enget Gabriel dede: 

Ave arada ptena. Ave Maria gracia plena! 

Woldestu dorch my alleyne Woldestu nu allene 

vorleysen dynen namen reyne, Dorch my vorlesen dynen werden namen? 

des wolde ek Schemen vor dy. Des wotde tk my vor dy schämen. 

Schliesslich vergleiche ich noch St. 926—929 und H. 694 f. (Hf. ( 



St. Here meister Lucifer, nu gif rat, H. Sathanas sprak: here 

Wente unse wall nu vil kleine stat: Lucifer gif my r 

Nene macht wy nu mer en han, Unse walt nu cleyne 



Wy hebben enen quaden man bestan. macht hat. 

Auch hier ist deutlich, wie H. die Vorlage gekürzt hat. Er strich zwei ihm un- 
nötig scheinende Verse, setzte aber macht aus dem folgenden Verse in V. 695. 

Die angeführten Stellen werden genügen, um zu beweisen, dass die Ueber- 
lieferung von H. keineswegs in allen Fällen die bessere ist, sondern oft durch die 
von St. übertroffen wird. Aber auch die Behauptung von Sachs, dass die Stock- 
holmer und Trierer Rec. aus einer gemeinsamen Vorlage entstammen, erweist sich 
nicht als stichhaltig, vielmehr weisen gemeinsame Fehler von H. und St auf eine 
gemeinsame Quelle dieser beiden Hdss. Vgl. 
H. 191 (Hf. 187). Du scholt neyn crce vor dy leggen (: plegen) 
St. 376. Du schalt dy vor nen cruce leggen (: plegen) 
Tr. 676. Du salst dy hoden vor cruces segen ( : plegen). 
Hier gibt die Ueberlieferung von Tr.: 'Du sollst dich hüten, den Kreuzsegen zu 
sprechen' allein den richtigen Sinn. Auch in folgender Stelle stimmen die Lesarten 
von H. und St. näher zusammen als zu Tr. 

St. 438. Dat he ene beholde bet an den dach 

Dat he uns nutte (Hds. nycht) werden mach. 
H. 252 (Hf. 245). dat he on holde an den dach 
dat he wns nutte werden mach. 
Tr. 777. De sal en halden went an den dach 
Dat hei uns nuUe werden mach. 



ISl 

Auch in folgenden Versen stehen H. und St. einander näher, während Tr. ihnen 
gegenüber eine eigentümliche Stellung einnimmt: 
H. 262 (Hf. 255). De besten spisen scaltu eten. 

Dynes leydes scaltu vorgheten. 
St. 462. Du schalt de besten (spysen) eten 

TJnde to dyner tafelen setten. 
Tr. 800. Nummerme en salstu vasten! 

Dey riken salstu bidden to gasten u. s. w. 
Aus dem gesäten wird zur Genüge hervorgehn, dass die Trierer Hds. für sich 
steht, während m den Stellen, welche nur in H. und St. übeiliefert sind , in jedem 
einzelnen Falle aus inneren Gründen zu entscheiden sein wird, welche Hds. die 
Lesart der Vorlage am besten überliefert hat. Da jede Bearbeitung eigentümliche 
Zusätze enthält, für deren Ausscheidung nicht immer genügende hdsl. Unterlage 
vorhanden ist, so wird man auf eine fieconstruction des sdten Spiels verzichten 
und sich bei einer neuen Ausgabe darauf beschränken müssen, die handgreiflichsten 
Interpolationen sowie die Schreibfehler auf dem Wege der Conjekturalkritik zu 
beseitigen, im übrigen aber die drei Bearbeitungen, deren jede ihren eigentümlichen 
Wert hat, wieder abdrucken zu lassen. Zu dieser Arbeit, sowie zur Erklärung 
einiger schwierigen Textstellen möchte ich mit den folgenden Bemerkungen einen 
bescheidenen Beitrag liefern. 

I. Zu Hoffmanns Ausgabe der Trierer Handschrift. 

62. Me Got erklärt H. hier und 170 als Entstellung von niyn got Ich er- 
kläre mir me als weitere Verkürzung der Beteuerungsformel summe (so mir Gott 
helfe!). Dafür spricht auch die Formel 242 me got unde hilgen. 

63. Solden wy leven aldus ein jar. 
Denket wy dar anders by. 

Die Hds. hat Denket myr. Ich lese: dunket my dar wunders by. 

66. Heddik noch durer provenden drei. Hie Hds. hat dur, was wohl aus der 
verderbt ist. 

69. hunthursliken, Dass das Wort entstellt ist, wird schon im Mnd. Wb. ver- 
mutet. Sollte nicht schantirliken 'schimpflich' zu lesen sein? 

71. Wy en willen uns noch anders weg gen. Etwas unklar. 'Wenn wir uns 
nicht anders regen, die Wahl betreiben?' 

74. So endede der anderen provenden ein 

Nouwe des jares einen oeker slein 
H's Erklärung ist abzuweisen, da slein =• slagen nicht vorkommt. St. slein ist dein 
zu lesen und zu übersetzen: 'So würde der Wert einer der anderen Präbenden 
des Jahres kaum den Preis eines kleinen Bechers (Wein) betragen. 
8«». Keysen wy by tyden nicht einen heren, 

De uns mit umsieht helpe keren, 
Wy Soldes wol enware wem, 
Dat sei uns ut aller genaden sem. 
Das nach H.'s Angabe in der Hds. fast erloschene umsieht gibt keinen Sinn. Ich 
vermute, dass H. falsch gelesen hat und schreibe: De uns dat unrecht helpe keren 
'der uns das Unrecht abzuwenden helfe.' Dass das hdsl. serden: werden richtig 
ist, bemerkt schon Lübben im Mnd. Wb. 

105. vat = vesica, wie H. erklärt, ist nicht belegt: Frisch meint vut = cunna, 
Vulva. Sollte nicht in dat gat (foramen podicis) zu lesen sein? Aehnliches derb- 
komisches V. 85 u. 141. 

126 ff. lese und interpungiere ich: 

Uy mögen seggen wat gy wellenj 
An ik klage hyr mit mym gesellen. 
Dat wy jo nicht verwetigen, 
Ik wil dat sweren an dei heiigen, 
Want ik an dusser ganser vasten 
Ny visches oge en äorfte betasten. 

9* 



1S2 

„Ihr mögt sagen was Ihr wollt, so klage ich doch hier mit meinen Genossen. Dass 
wir nicht zu üppig werden, will ich bei den Heiligen beschwören, denn ich bekam 
in dieser ganzen Fasten keinen Fisch zu kosten/' 

183. Sei solde eins dages mer verteren 

Dan wy künden tom eie brengen. 

Solde hei darum dcU sticht enthengen? 
Hoffmanns Erklärung von tom eie ist nicht tiberzeugend. Ich lese: to weie b. = to 
wege b, 'zustande bnngen'. Vgl. Redent. Spiel 659 (Ettmüller) Wo heft he dat to 
wege bracht? (Hds. trankt), enthenghen erkläre ich ^ * einengen, schmälern. 

237. Ich vergleiche die noch gebräuchliche Hedensart 'die Yettemstrasse 
reisen', was man thut, wenn man sich auf einer Reise so einrichtet, dass man stets 
bei Verwandten anstatt im Wirtshaute einkehren kann. 

265. krut unde mn = 'Confect und Wein'; vgl. Mantels Jahrb. 1877 S. 83flf. 

269. lies: Ik en kan des stichtes nicht vörstan. 

282. slote kann hier unmöglich Plural von stof = Schloss sein, sondern es 
muss eine Personenbezeichnung darin stecken; villeicht de scoler^ jungen Clericer? 
Vielleicht steckt auch ein mundartlicher Ausdruck darin. Im Progr. v. Mtihlheim 
am Rhein 1886, S. l lese ich: 'Die Banausier mit ihren Schloten.' 

298 f. lese ich mit der Hds.: 

Gy en sein dar tOy same godes graf: 
Veldet my war, ik neimt.ju af. 
'Wenn Ihr nicht darauf seht (mir dienstlich zu sein), beim heiligen Grabe! liesset 
Ihr es woran fehlen, ich würde es Euch vergelten.' Veldet = velde it Prät. Conj. 
von velen (veilen). Ueber afnemen vergelten s. Mnd. Wb. und Vilmars Idiotikon 
u. abnehmen. Sass will die V erse , die er jedoch anders erklärt, dem Theophilus 
zuweisen. 

320 f. interpungiere ich: Komestu jummer weder her^ 

Du mochtes leiver'svn over mer. 
„Wenn du jemals wieder hierher kommst, soll es dir so ergehen, dass du wünschen 
möchtest, lieber weit fort zu sein. 

827 f. lese ich: Hyr en hört nicht to dan got geduU: 
Dat ik nu börste als ein 6onc, 
We geve my dar af wat to lone? 
„Hier nützt nichts als Geduld. Wenn ich nun ganz gebrochen (betrübt) wäre, wer 
würde mir etwas dafür zum Lohne geben?" Das Gleichniss scheint daher ge- 
nommen, dass die Schote der Bohne, wenn sie trocken geworden ist, oft von selbst 
platzt. H. erklärt borsten durch vor Zorn zerbersten, platzen, toben als ob man 
bersten wül. Zorn ist hier aber gar nicht am Platze. Dass bersten in der Be- 
deutung genau unserem brechen entspricht^ beweist die Stelle aus Renners Brem. 
Chron. 1, 116 de mühre (Möhre) burst entwei. 

336. Gy berven lüde junk und alt, 

Wat ye in matschop veritik aaU, 

Wat tuwer is beide arm unde ryke. 
Hoffmann erklärt verinc = 'im vorigen Jahre.' Richtig auf die bekannte Münze ist 
es schon im Mnd. Wb. 5, 238 gedeutet. Ich erkläre aber abweichend davon: „Alles 
was je in einer Genossenschaft einen Heller wert erachtet wurde. Ich hörte öfter 
im Scherze sagen. Du giltst 'neu Dreier und ich drei Pfennige! 

350 f. lese ich: Wat den duvel sal de belevety 

De Heyne kroden nicht en hevet. 
„Was, zum Teufel, soll der noch am Leben, der kein Geld hat." St des hdsl. 
eyne kroden setzt Hoffmann eyne graden *eine Gräte'. Kröten — 'Kleingeld' wird 
aber noch jetzt gebraucht, belevet ist Part, praet., wo gewöhnlich der Inf. Praes. 
steht. VgL 268 wat helpet dit gedan? „was hilft es dies zu thun." 

389 wird losen durch 'wahrsagen' erklärt, was aber nach H.'s eignem Ge- 
ständniss kein niedd. Wort ist; es ist Usen zu schreiben. Der Zauberer liest seine 
Beschwörungsformeln aus dem schwarzen Buche. 



133 

393. De qaemen al hervor gensliken. 
gensliken ^ganz und gar' passt nicht in den Zusammenhang. Ich lese: De quemen 
al hervor sliken. Vgl. Lüb. Dodend. 1662 he kamt sliken recht so ein def. 

421. Ik hebbe gerwmen groten schaden . . den teil ek weder remmen in, soldik 
darum des duvels syn, H.'s Erklärung ist bereits im Mnd. Wb. 2,374 zurück- 

fewiesen, doch genügen auch die dort gegebenen Erklärangen nicht. Sollte nicht 
ie Stelle verderbt und zu lesen sein: den wil ek weder brengen in — ? 
430 flf. Ok we sik mit dem duvel besleit 

Dar an hei gern en snippen veit: 
Hei scheidet nicht van eme sunder schaden. 
H.'s Deutung wird schon im Mnd. Wb. IV, 276 bezweifelt. Auch das erste hei kann 
nur auf den gehen, welcher sich mit dem Teufel einlässt. Ich setze vermutungs- 
weise : Dar an hei gern (leicht) en snoppen (catarhus, reuma) veit. vangen wird 
noch von der Aufnahme eines Ansteckungsstoffes gebraucht. Vgl. auch: de lucht 
van Gerh. v. Minden 98, 2. 

435. St. Gein ist wohl Hen zu lesen. 

442. Ueber diesen Vers ist bereits das richtige im Mnd. Wb. unter serden 
bemerkt. 

503 lies: an ene Straten. 

Nach 574 ist eine stärkere Interpunktion, ein Punkt oder Semikolon zu setzen. 

579 lies: It sy uns leif, it sy uns leit. Vgl. 784. 

581. du hefst my eine lange reise benomen. Du hast mir den Erfolg einer 
langen Reise zu nichte gemacht. Lesart d. a. Hds.: St. 252. H. 68. 

686. botenoort *Büsserwort*, wie Iloffmann und * heilendes Wort', Trostwort, 
wie das Mnd.-Wb. erklärt, ist sonst nicht belegt. Die Hds. hat übrigens buter 
wort, und die Stockh. Hds. V. 388 zeigt, dass dies aus bitter wort entstellt ist. 

718 ff. lese ich: Ik wil ok dat tobrengen wol, 

Dat dy al deit vrochten sol. 
al deit = alles Volk. Vgl. Heimst. Hds. 161 f. Ik wil dat voghen (Hds. waghen) 
wol dat me dy vrochten sol. Hf. erklärt vrochten hier = fruchten, nützen; es heisst 
aber * fürchten, verehren \ 

720 f. ist vermutlich zu lesen: 

Dat dy al de werlde werde bekant, 
Dat love ik dy in dyne hant. 
bekant werden fasse ich als im Jurist. Smne als 'sich abhängig bekennen von jemand; 
8. Mnd. Wb. I, 208. 

758. War wil ek hen? ik en werde wol tein. 

Imme stocke brenget men einen wol gein. 
H. übersetzt: „Wo will ich hin? Ich werde wohl nicht davon kommen: im Stocke 
[Gefängniss] bringet man einen wohl dazu. (Wenn man gefangen ist, wie ich, so 
muss man sich schon drein finden.)" Er fasst danach gein = gegen, es ist aber das 
Verb gein, confiteri: „Im Stock bringt man einen wohl zum Geständniss. Auch 
tein ist in der von H. angenommenen Bedeutung nicht belegt. Ich schreibe : ik en 
werde wol in tein „Ich werde wohl keine Einwendungen machen". Auch V. 613 
liest das Mnd. Wb. : (Du satt) bekennen unde gein opemar unde dar nicht in tein, 
dat Th. des duvels si. 

IL Zur Stockholmer Hds. 

30. Wat des kores an my dot d. i. „Soviel der Wahl an mir ist**. Ist vielleicht 
stdt zu lesen? 

58. Dit rede ik vor ju allen, schit! (: nicht). Der unreine Reim ist nicht 
glaublich. Sollte nicht aUe schickt 'für jeden Fall' zu lesen sein? 

140 lese ich: In aller behendicheit han ik vornunst. 

156 lies wertliker 'weltlicher'; 179 werÜiken. 

191. Hds.: Noch dar an dat yk hope. Ich lese: Nach eren, dat ik hope. 
Vgl. Hehnst. Hds. 13, 



134 

232 f. lese ich: Ik beswere dy bv deme volle , 

Den jy velen ('nelen') aüe. 

244 flf. lese ich: By deme gode de lof unde gras 

Unde alle dink gescnapen hiat 
Beide gut unde qu>at. 
Mimchen unde ok erde schop. 
Die von H. angenommenen Subst. minschop und erdeschop sind nicht weiter belegt. 
272, 321. Das von H. angenommene lykop ist im Mnd. gar nicht belegt. Das 
hdsl. lyken kop * billigen Handel' ist auch gar nicht zu bezweifeln. 
312 lies mit der Hds.: Dat dy nen man to tröste möge komen. 
311. Ich setze Punkt nach 313 und schreibe: An himele noch an erden Dy 
mach nein trost werden. Vgl. H. 131 f. 

326 ist denest nicht in denestm^an zu ändern. Es ist = Dienste , Dienstbote. 
Vgl. D. W. u. Dienst u. d. Mnd. Wb. Auch 387 ist es wohl in dieser Bedeutung 
zu fassen. 

353 z. d. V. 8. oben. Ebenso z. 374, 376. 
383 lese ich und interpungiere ich: 

Nene almissen schaltu snyden. 
Du en wult se in myn ere geven: 
De en wil ih dy 7iicfd feescheren (Hds. bekeren) 
„Du sollst kein Almosen austeilen {snyden eigentl. vom Schneiden des Brotes), du 
wollest sie denn zu meiner Ehre geben. Die (solche) Almosen will ich dir nicht 
abschneiden." bescheren 'berauben' R. V. 6650. 
397 f. lese ich: O we dat 8ote wort 

Dat is my Mngerne gliehort! 
414 hat die Hds. richtig: ghespraken, 428 ebenso ne st. ny. 

462. f. ist vielleicht zu lesen: 

Du schalt de besten etten 
Yrunden to dyner tafelen selten, 
J3u sollst die besten Mahlzeiten Freunden auf deiner Tafel vorsetzen." S. die 
Bern. vom. 

494 lies: De sele kranket yan naturen. 
514. St. mochtestu liest die Hds. mochtu d. i. machtu. 

550. Dass das hdsl. zeghen in seden (sagten), nicht mit H. in deden zu ändern 
ist, bemerkt schon Sass S. 243. 

571 lies: He volgede ome altoha^it 

Wyde seder (Hds. syde) dorch de lant. 
575 f. lese ich: Er dede he unrecht genslike. 

.Nu lidet he den wec to dem hemelrike, 
lidet 'gehet'. Hds. ladet. 

579 lese ich: Hevestu to den sunden wesen plicht. 

plicht = adj. (eigentl. Part, zu plichten) verpflichtet, verbunden. 

6u8. Up dat du dyne su7ide leist. Ein mnd. leiden 'beichten', welches H. 
annimmt, gibt es nicht. S. die Bem. vorn. Man könnte auch vermuten: Up dat 
du Heyne sunde deist. 

644 f. lies: De ju here heft aeladen, 

Konde wy unse herte to eme stadenl 

659. godes niht 'nicht von Gott', Die Einschiebung von wort ist unnötig. 

683, 698. soverinne 'salvatrix' ist kein mud. Wort; es ist soneritine (mhd. 
suonerinne) zu lesen. 

685. lies: den armen sunderen. 

737 lies: Th., ligae an dyneme bede (Gebete) stille. Die Hds. hat bedde. 
Auch in mhd. Hdss. finden wir: an dem bette (st. 6e^e) ligen. 



135 

747 ff. ist zu lesen: Se heft gelegen, dat ik wol wet, 
Dre dage dat he nichtes en dref 
Afen weinen unde giUen. 
Vgl. H. 519 ff. 

799 lies: Ik en mot (darf; Hds. weit) unde wil ok nicht gebeden sin. 
809 lese ich: Deüke. leve sone. dorch mynen willen 
Dat iU dy vodede mit myner apiUen. 
Vgl. dorch dynen wiUen 824. 
821 lese ich mit der Hds.: 

Do des blinden sjper so ghot 
Dorch dyne vorderen syden stot. 
H. hat gewiss Unrecht, wenn er gnut in gröt verändert; nicht darauf kommt es an, 
dass der Speer gross, sondern, dass er gut, scharf ist. Von neueren Dichtem ge- 
braucht besonders Uhland gern das Adj. gut von Waffen: die guten Schwerter 
(Jung Siegfried); der gute Speer (Roland Schildträger). Vgl. auchNibel. (Bartsch) 
402 Schilde guot. 

888 f. lese ich: we, ik mot dat don jo; 

Dar bringet my dyne waU to, 
jo (;afeo) am Ende des Verses 562. 

912. Under syner fungen licht de bref. 

He heft ene stolen also ein def. 
Wil he ene nicht vinden, 
So schole gy ene binden 
Unde stan ene mit rungen: 
De bref licht under syner tungen. 
under siner tungen kann nicht heissen 'unter seiner Zunge'. Es ist wahrscheinlich 
under siner dünge, dune, mhd. tunc bedeutet unterirdisches Gemach, Höhle, Gang 
unter der Erde. Der helle tunc findet sich in K. v. Würzburgs Gold. Schmiede 1 73 
und in der Martina 88, 49; 99, 84. Vgl. auch z. Heimst. Hds. 686. 
960. TheophilCf ik wil dy wecken 

Unde wil dy van etilen sunden trecken. 
Es ist zu lesen: Th., ik en wil dy wecken Unde wil dy van allen sunden recken. 
Vgl. zu H. 722 (Hf. 692). 

ni. Zur Helmstedter Hds. 

10 ff. lauten nach dem Abdrucke bei Bruns: 

My was neyman ghelike 

an reden un ok an sinnen. 

De hadde ik alle en bynnen, 

noch eren so ik hope. 

Ghekoren wart ik to eynem biscope. 
noch erklärt Br. durch * genug', und auch Ettmüller und Hoffmann haben diese Er- 
klärung angenommen. Es kann aber hier nur für nach stehen, das im Mnd. neben 
na erscheint. Nach iren erklärt Benecke im Wörterb. z. Hartmanns Iwein durch 
'so dass man sich nicht zu schämen braucht'; vgl. auch Mnd. Wb. I, 443; Schmeller, 
Bayer. Wörterbuch«!, 124. 

Ich lese und interpungiere : 

My was neyman ghelike 

An reden unde an svnnen: 

De hadde ik alle enoynnen. 

Nach eren, so ik hope, 

Ghekoren wart ik to eynem biscope. 
binnen hebben * geistig erfasst haben' noch jetzt im Gött.-Grubenhag. gebräuchlich, 
wenn auch von »chambach nicht aufgeführt. 
60 ff. (E. u. Hf. 58) ist zu lesen: 

S. sprak: 'Th., wat menestu hirmede 

(Dat is jo der papen sede), 

Dat du my so sere besweret hest 



136 

By dem gode de de lof unde gras 

Tmde aüe dinge gescapen hat 

Beyde got unde quat? 
Die Besserung got unde quat ergibt sich aus der Stockh. Hds. V. 246; vgl. auch 
z. 732. besweren ^iiicantare' ist als schw. v. im Mnd. Wb. nicht belegt; liegt eine 
Verwechslung mit besweren, 'belasten' vor? 

119 (E. u. Hf. 115) lies: Ek wil dy niM vor leghen *!ch will dir nichts vor- 
lügen'. 

131 (E. u. Hf. 127) lies: Unde nummer dy nen trost smdle nier werden. Statt 
dy nen hat die Hds. dyne (entstellt aus dy n'e). Vgl. Tr. Hds. 631 Dat nein trost 
mer an dy en sy. Hf. schreibt dyner; E. ändert willkürlich. 
145 ff. (E. u. Hf. 141) lese und interpungiere ich: 

Theophilus sprak: Du wUt my dar to driven, 
Dat ek eynen bref scal schryven 
Unde eyn hantfeste. 
(Also au spr ehest also de beste) 
De my an myne zele geyt. 
Dar to byn ek dl bereyt. 
St. scal hat die Hds. latCf welches die Hgg., obgleich er keinen Sinn gibt, bei- 
behalten haben. Tr. Hds. 645 «aZ. St. 331 schal Also du sprekest also de beste 
*Du sprichst so wie der Beste; du verstehst sehr gut zu reden.'. 

161 (E. u. Hf. 157. St. des hdsl. waghen lese ich voghcn 'fügen, passend ein- 
richten' (Hf. maken)» 

186 (E. u. Hf. 183) lese und interpungiere ich: 
Versake ok aller dinge 
De man in der kerken singe, 
Spreken, denken unde lesen. 
Vgl. Tr. 670 ff. ; St. 364 ff. abweichend. — Dass der Teufel denen, die mit ihm einen 
Pakt machen, das Sprechen verbietet, geht schon aus dem alten Mährchen vom 
Bärenhäuter hervor, worüber zu vergl. Br. Grimm, Kinder- u. Hausmärchen. 3. Bd. 
Nr. 100. 

203 ff. (E. 195; Hf. 199) ist zu lesen: 

Theophil sprak: *Du hest my sware rede vorgeleghet. 
Also me jo den mistrosteren pleget. 
'Du hast mir schwere Bedingungen vorgelegt, wie man es immer den Verzweifelten 
(die sich mit dem Teufel einlassen) zu thun pflegt.' stoare rede entspricht dem 
bitter wort der Stockh. Hds. 388, in der Tr. Hds. 686 in buter wort entstellt, was 
von Hf. in boterwört (Büsserworte sie !) geändert wird. Vgl. auch Sass S. 42. 
231 (E. 229; Hf. 227). 

Nu scaltu don wat ik dy hete. 
Der folgende Reim bereit zeigt, dass heit zu lesen ist, welches als Präterit. zu 
fassen ist. V. 233 ist schon von E. u. Hf. richtig als Schreibervers ausgeschieden. 
260 f. Dit is eyn stv^cke sulver fin, 

Dat hebbe to der (Hds. des) koste dyn. 
'Dies ist ein Stück feines Silber (ungemünztes Metall)? Hf. vermutet! d. Anm. zu 
253 offenbar falsch nach St. 459 : dtt is ein gülden vingeryn. Vielleicht ist nach 
Tr. 798 zu lesen: Dit is ein scutel ('Schüssel') sulverin: 

De hebbe to der koste din. 
277 — 79. Die ungereimten Verse passen allerdings wenig in den Zusammen- 
hang, und ich stimme Ettmüller bei, der dieselben (s. Bem. nach 265) streicht. 
308 (E. 291 ; H. 295) lies: wy ir der leyden stunde, 
315 (Hf. 299). God vorlene uns alle fyne synne 

TJn aeven uns syne gotliken mynne, 
Vrede und syne gnade to reden 
Dat et anname mote wesen. 
Auch hier halte ich die Ueberlieferung von H. für entstellt und verstümmelt. Die 
entsprechenden Verse der St, Hds. 545 ff. lauten; 



137 

God vorlene uns synen vrede 
ünde dar to guden sede, 
Syne gnade my to redende also, 
Dat it gode anneme sy und wy des werden vro. 
Ich glaube, dass die Vorlage von H. etwa folgenaermassen gelautet hat: 
God vorlene uns allen fyne sede 
Unde geve uns synen gotliken vrede 
ünde my syne gnade to reden, 
Dat it anname mote wesen. 
Zunächst kam dem Schreiber st. sede das nicht passende sy^me in die Feder, wozu 
sich der Reim mymie von selbst einstellte, während aber zugleich das ursprüng- 
liche Reimwort vrede erhalten blieb und in die nächste Zeile geriet. 
332 f. (E. 311; H. 316) lese ich: 

Dat Schach tohant dama; 
Eyn islik sprak ein ave Marja. 
Die Verse sind einfach berichtend und beziehen sich auf die Aufführung (vgl 324 flf.), 
sie hätten also von den Hgg. als Bühnenanweisung gedruckt werden müssen. Wie 
hier spreke f. sprak, so ist V. 337 sprak f. spreket verschrieben. 
341 (E. 320; Hf. 325) lese ich: 

He sprak: volge my du 
Alsus, salghe minsche, nu. 
St. nu liest die Ilds. fu. V. H42 beziehe ich auf den Zöllner, Hf. fasst es falsch 
als Anrede an die Gemeinde ; vgl. St. 568. 

355 (E. 334; Hf. 339) hebbest ist Conj. und nicht zu ändern. Nach 3.")1 fehlt 
ein Vers, der von Hf. richtig nach St. 577 hergestellt ist. Auch sunde st. uns 
scheint richtig. 

392 (E. 371; Hf. 376). Die Hds. liest richtig: Du bist ok alle tijd an sinen 
hetiden; es ist ghescriven aus V. 390 zu ergänzen. 

409. Das over meres ist von Hf. (393) in over mir geändert. E. (Anm. z. 387) 
will nicht ändern. Man könnte auch overmeresch vermuten. 
410 lies On st. Ome. E. (388) und H. (394) lesen JSJn. 

415 (E. 393; Hf. 409). Das überlieferte Gif, das Hf. zu erklären versucht, wird 
aus Gy (Ihr) entstellt sein. ^ 

421 ff. (E. 397; Hf. 403) ist stark verderbt. Ich stelle dieselben mit Zuhilfe- 
nahme von St. 654 ff. etwa so her: 

I we, ik vil kloken man, 

Myne ogen lotet my bister gan! 
Dat ik oin so sere ghedovet unde dum. 
Des is myn munt worden stum, 
Ik bi7i am eyn gok: 
Myne oren sint my worden dof. 
Des is my lange toren (vgl. St. 660) 
Dat ik nicht kan godes wort hören. 
Ik han vorscllet eynen kop. 
Des mot ik sin verloren ok 
Unde de sele jo to voren. 
It were beter, dat ik nicht were boren! 
436 (E. 412; Hf. 418) ik vil armen ist nicht zu ändern. 

449 (E. 426; Hf. 428) lese ich: To der wil ik mi spaden und erkläre sik 
spaden = sik spoden * sich eilig wohin begeben '. 

Die Verse 499 (E. 476 ; Hf. 478) sind, wie schon oben bemerkt, unrettbar ent- 
stellt. V. 501 verrät sich deutlich als Flickvers. 
519 ff. (E. 495; Hf. 498) lies: 

De heft dre daghe leghen 
Dat he nu heft entwegen (Hds. entswegen) 
Nicht wen wenen unde gillen. 
,Er hat drei Tage gelegen, so dass er an nichts als weinen und schreien gedacht 



138 

hat.' Zur Bedeutung von entwegen vgl, Gerh. v. Minden III, 20 Nkhenes drankes 
men doch entwoch. 

524 flf. (E. 500; Hf. 503) lese ich: 

Wente ik bin de rene. 

De jo de sunder anscnre : 

Salva regina misericordie, 
anschre = Fmet * anrief. Das Verb anschrien ist im Mnd. Wb. nicht belegt, wohl 
aber das Subst. anschrei. 

550 flf. (E. 526; Hf. 529) ist zu lesen: 

Ik wil seyn, wu ik ome böte, 
Siner graten sunde swere. 
„Ich will sehn, wie ich die grosse Last seiner Sünden von ihm nehme.'' 

558 (E. 534; Hf. 537) liest die Hds. richtig: Ome hedde dat sin vorgheven. 
„Ihm wäre das (dass er sich von mir losgesagt hat; mit Beziehung auf V. 556) 
vergeben worden." 

560 (E. 536; Hf. 539) lese ich: 

My deden we myne wunden, 
Do he myner atso vorsok 
TJnde der aaligen vrucht de my gedroch. 
„Mir thaten meine Wunden noch, da er sich von mir lossagte und von (dir) der 
seligen Frucht, die mich gebar. Vgl. 176 (Hf. 173) und die im Mnd. Wb. V, 428 
angeführte Stelle aus dem Oldenburger Gebetbuch: Theophilus de dyner unde dyner 
leven moder voYseken hadde. Die Einschiebung von seligen aus St. 792 ist nötig, da 
salige vrucht, der sodden vr. eine stehende Bezeichnung für Maria ist. 
586 ist das hdsl. emerde (Hf. 565 er nerde) nicht zu ändern. 
Ebenso ist 595 dem (E. 571; Hf. 574 des) richtig; es bezieht sich auf spere, 
nicht auf ^o^ew. grot ist in ghot zu ändern; s. z. St. 821. 

599 ist do in jo zu ändern; E. (575) behält es; Hf. (578) schreibt ju. 
605 (E. 581 ; Hf. 584) lies one; Hf. liest ene. Ebenso ist 636 van ome (E. 608 
e; H. € 



fan eme; H. 613 van hinne) nicht zu beanstanden. 65» ist von Hf. (626] de unnötig 
eingesetzt; der Ausfall des Rel. pron. kann nicht auffallen. 651 ist veraomet schon 
richtig von E. u. Hf. in vordowet gebessert. 

670 f. liest die Hds. richtig: • 

Ik han one gevraget sere 
Mynen heren Lucifere, 
Der doppelte Akkusativ ist bei vraaen nicht auffällig. E. (635) sfchreibt ume ene; 
Hf. (642) ene, was er aber auf Lucifer zu beziehen scheint. 

686 (E. 651 ; Hf. 658). Se (der Brief) lit Lucifer under sinem jucke. Die 
Herausgeber haben mit ihren Erklärungen und Aenderun^vorschlägen nicht das 
richtige getroffen. Auch die Erklärung Woestes, welcher im Mnd. Wb. II, 407 jok 
als Mauernische hinter Lucifers Hochsitze erklärt, ermangelt der Begründung. Auch 
V. 700 (Hf. 692 [= St 934] steht de ufider di lit bearaven. Die Verse scheinen 
rettungslos entstellt. Vielleicht änderte der Schreiber das düng der Vorlage in luck 
'Loches, z. St. 912. 

Ueber 702—705 (E. 667; Hf. 674) s, die Vorbemerkung. 
713. Das hdsl. vMcren ändere ich in un^en (violare). E. (678) schreibt /Ören; 
Hf. (685) vorveren. 

716 flf. lese ich mit Vergleichung von St. 956: 

Mana sprak: *nu slap, Theophile, 
Du heft dre dage unde me 
An arotem dwenge wesen: 
Nu oistu aller sorge genesen.^ 
722 f. rE. 685; Hf. 692). Auch um diese Stelle haben sich die Hgg. vergeblich 
bemüht. Ich lese: 

Naria sj^rak: * Theophile, ik wil di recken 
Unde wil di nicht vorscrecken. 



139 

recken ist reken * wieder to reke, in Ordnung bringen'. Die Form mit ck ist, wenn 
auch nur für das Adj. belegt im Mnd. WD. III, 455, Z. 2 von oben. Vgl. z. St. 
Hds. 962. 

726. (E. 689; Hf. 696) die Hds. liest richtig: mit sunderliken saken 'auf ge- 
heinmisvolle Weise'; vgl. R. V. 4874 dorch sunderlyke sähe. 

Die Verse 732—742, welche von Hf. gestrichen sind, machen durchaus nicht 
den Eindruck der Unächtheit; nur V. 732 verrät den Bearbeiter, der das Drama in 
erzählende Form brachte. , Er wird ursprünglich geschrieben haben: 

Theophil aprak in kotier vrist: 

Ik love an dinen sonen den hilligen Krist, 

Unde wil one nummer mer vortien 

linde de juncfrowen maget Marien^ 

De mi gnade wunnen Jiai, 

Dat alley got unde quat^ 

Konden spreken^ de wenegen unde groten, 

Se konden se mit hve nummer mer boten, 

Se en konden se nummer vul loven: 

Se sin alles loves enboven. 
„Gesetzt, dass alle Geschöpfe, gute und böse, die kleinen und grossen, sprechen 
könnten, so könnten sie sie mit Lob nicht befriedigen: sie sind über alles Lob er- 
haben. Zur Formel got unde quat vgl. St. Hds. 246 und die Bem. z. V. 63. 

746 (E. 707; Hf. 706) kann ich Ettmüllers und Hoffmanns Erklärung von 
vorreden als 'verritten, in die Irre geritten' nicht billigen. Die St. Hds. 980 hat un- 
zweifelhaft das richtige: Ik hadde my vorredet al to sere: Ich hatte mich zu sehr 
durch Versprechen gebunden. 

North e im. RoBERT SPRENGEß. 



Zu Gerhard von Minden. 



2, 21. De wulf sprak: Dat is schuU gendch 

van dij dat dtn drank mi geröch, 

de mit di moste sin verdomet; 

dut vlet drovet unde whmeij 

dat ik is drinken nicht en ma^ch; 
Diese Stelle ist zuletzt von Sprenger behandelt Germania XXXIV, 419. Derselbe 
liest V. 22 gedröch statt geroch und fügt V. 24 hinter vlit ein he ein. Femer hebt 
er hervor, dfass wlomen und d/tvven nicht in intransitiver Bedeutung vorkämen. Letz- 
teres ist jedenfalls richtig. Es scheint mir, dass die Schwierigkeiten dieser Stelle 
bis auf geröch sich leicht beseitigen lassen, wenn man din drank in V. 22 als Sub- 
jekt auch zu drovet unde wlomet, dut vlit als Objekt zu diesen Verben fasst und 
ninter V. 23 das Semikolon tilgt. Das von Sprenger ergänzte he in V. 24 ist zu 
streichen. 

3, 100. Unde worden vast aldus gebunden 

mit einem vaden, den se vunden, 

daraf geneget was ein hot. 
Gegen des Herausg. Konjektur bot * Endchen' für höt 'Hut' und meine Erklärung 
von aeneget * genagt', Nd. Jahrb. XIII, 75, hat sich Sprenger a. a. 0. ausgesprochen, 
der Äöf *Hut' Deibehalten will, weil das landschaftlich begrenzte 6oi sich im älteren 
Niederdeutsch nicht belegen lässt. Dieser Grund ist nicnt stichhaltig, ganz abge- 
sehen davon, dass Sprenger selbst gelegentlich in ähnlicher Weise verfährt, d. h. 
Formen ansetzt, die sich im Mnd. nicht belegen lassen. Ob bot nicht auch ander- 



140 

weitig vorkommt, bleibt noch zu mitersuchen. In der Form bot scheint es sich in 
Kattenstedt a. H. zu finden. Das abgesägte Stammende eines vom Winde um- 
geworfenen Waldbaumes, an dem sich noch Erde und die abgerissenen Wurzeln 
befinden, heisst hier waroöt. Was war- heisst, kann ich zwar nicht mit Bestimmt- 
heit sagen, vermute aber, dass es für warp steht; warftö^ bedeutete dann Wurf ende, 
vergl. warpschifele 'Wurf Schaufel'. Aus Halberstadt ist mir der Familienname 
Gerboth belkannt. Auch in diesem Namen könnte both ^Ende' bedeuten. Dass bot 
eine Neubildung sei, glaube ich nicht, sondern halte es für ein uraltes Wort, auch 
wenn es sich flir das Mnd. nur aus dem Laiendoctrinal belegen lässt Wie manches 
alte Wort lebt im Volksmunde, das sich in der älteren Schriftsprache nicht findet. — 
Was die gegen mich gerichtete Bemerkung betriflFt, dass ich durch Seelmanns Kon- 
jektur verleitet ein im Mnd. nicht belegbares nagen = gnagen, knagen 'nagen' an- 
setze, was um so bedenklicher sei, als auch für das Nd. naeen der Umlaut uner- 
wiesen sei, so scheint es mir mit dieser Begründung um nichts besser zu stehen, 
obwohl darum meine Erklärung noch nicht richtig zu sein braucht. Warum die 
Worte daraf geneget was ein höt heissen müssen 'womit ein Hut genäht gewesen 
war', hat Sprenger nicht gesagt; dass höt 'Hut' und geneget * genäht' heissen kann, 
weiss ich sehr wohl, und der Herausgeber wird es auch gewusst haben. Dennoch 
halte ich in diesem Zusammenhsmge diese Bedeutung nicht für richtig. Was thut 
es zur Sache, dass mit dem Faden ein Hut genäht war? Und warum gerade ein 
Hut? Konnte es nicht auch eine Schürze sein.^ Der Zusatz ist nichtssagend. Noch 
fra^ es sich, ob daraf 'womit' heissen kann; eher 'woraus', indem es den Stoff 
angiebt, von dem oder aus dem etwas gefertigt wird. Vergl. mnd. Wb. I 485 s. v. 
daraf und V 684 s. v. werken^ — Wenn für das hd. nagen der Umlaut unerweislich 
ist, so ist damit für das Nd. nichts bewiesen. Der Umlaut im Nd. muss erst noch 
untersucht werden; soviel steht jedenfalls fest, dass er im Nd. oft steht, wo er im 
Hd. fehlt. Um Fallersleben findet er sich vielfach in Worten, die ihn um Blanken- 
burg nicht haben. Wenn er aber im Nd. nicht einmal gleichmässig auftritt, so 
kann das Hd. als Beweis für das Nd. nicht herangezogen werden. — Vielleicht ist 
die Stelle ganz anders als bisher geschehen ist zu erkluren. 

6, 1 ff. Ein louwe woJde jagen varen; 15 De weder sprak der bute vro: 

went het allene nicht bewaren ^Do ik on sack, sat ik om tOj 

ne kundCf do nam he darto dat was om to harde tom; 

den bokj den weder unde de ko do he sach mine krummen hortif 

5 unde treckede mit on in den wolt, do vlo he mi also sere, 

dar he des ivildes wiste entholt. 20 rechte als ik de duvel were\ 

Den weder satte he in de stat, De bok sprak: ^Do he enware wart, 

dar men to bersende jo sat; dat so lank was mtn grawe bart 

he satte enmidden up de warde unde mine home lank unde gröt, 

10 den bok mit sinem langen bar de; mine ogen bemende unde rötj 

bi den dtk satte he de ko, 2b do moste he vlein dor de not, 

dar jo de harten lepen to. doch makede ik om einen stdt\ 

De louwe on üt dem dike brachte, De ko sprak: ^Ik dede ju geUk 

na sinem rechte he do on wrachte. unde jagede on hir in den dik\ 

V. 1 — 12 berichten die Aufstellung oder Anstellung der Jäger. Auffällig ist sat 
V. 8, welches 'sass' oder 'sich setzte' bedeutet. Man sitzt aber nicht, um zu jagen, 
zu bersen. bersen, mit. bersare, altfr. berser, erst im 1 3. Jahrhundert aus dem Fran- 
zösischen eingeführt, steht, wie jagen, von Hunden und dem Wilde selbst: Wie die 
Hinden, Reh und Hirsen Hin und her durch die Stauden pirsen. (H. Sachs.) Erst 
später hat man in das Wort die Vorstellung von telis configere, oder mit der 
Büchse zur Jagd auf Hochwild gehen gelegt. Gr. Wb. H, 40. 

In den im mnd. Wb. angezogenen Beispielen hat bersen gleichfalls die Bedeu- 
tung 'jagen', nicht 'birschen' im heutigen Sinne. Auf dem nd. Harze lautet heute 
das Wort preschen. Fremdworte mit anlautendem b, zeigen fast ausnahmslos in der 
Kattenstedter Mundart ein p. Die Bedeutung ist nicht 'birschen', sondern allgemein 
'jagen' von Menschen und Tieren, gern vom Hochwild: de harsch presche an mek 
vorot. Wenn V. 8 sat richtig ist, so würde man bersen im Sinne von telis configere 
nehmen müssen. Vielleicht ist aber statt dessen hdt=hadde zu lesen: 'wo man zu 
jagen pflegte'. S^ meine Bem. zu R. V. 812 in der Germania XXXIII, p. 379. Zu 



141 

vergl. ist noch bei Schambach s. v. tien die Wendung: den Juirre ek te liene *den 
mochte ich leiden.' 

V. 9 hat die Hs. he satte an midden up de warde. an ' gehört zu sattef an- 
selten, Tlatz anweisen, anstellen* ist Ausdruck der Jägersprache. Störend ist V. 12 
der Übergang von dem Plural dar jo de harten lepen to zu dem Singular de louwe 
on (den Hirsch) üt dem dtke brcuihte, zumal wenn man auch des wiUles in Vers (> 
kollektiv nimmt. In der Fabel ist sonst immer nur von einem bestimmten Hirsch 
die Rede. Dies veranlasst mich zu der Vermutung, dass Y. 12 zu lesen ist: dar 
jo de harte lep hen to. Es ist wahrscheinlich, dass der Löwe auszog, nicht um 
irgend einen Hirsch zu jagen, sondern einen bestimmten, dessen Standort (enthoU) 
und Wechsel (dar jo de harte lep hen to) er genau kannte. Dann würde V. 6 des 
wildes auch den bekannten Hirsch bezeichnen. Verschwiegen wird, dass der Hirsch 
seinen Standort verlässt, bez. wer ihn hoch macht, und wo der Löwe sich anstellt. 
V. 13 berichtet gleich, der Löwe habe den Hirsch aus dem Teiche gebracht. Wenn 
er weiter keinen Anteil an der Jagd hat, dann dürfen Widder, Bock und Kuh 
mit Recht ihr Verdienst hervorheben V. 16— 2**. Aber V. 27 hat die Hs. da he 
statt de kOf und die hds. Lesart scheint mir möglich, he wäre der Löwe, er spricht: 
*Ich that gleiches wie ihr (Widder und Bock) und jagte ihn hier in den Teich'. 
£s antworten ihm nur der Widder und der Bock {de weder sprak da mit dem lmcke\ 
was erklärlich ist, wenn auch vorher die Ruh nicht gesprochen hat. 

V. 14 hat die Hs. to on. Vielleicht ist on to wrachte zu lesen. Das einfache 
werken im Sinne von 'ausweiden, zerlegen' ist nicht belegt; towerken würde mhd. 
zewirken entsprechen, Tristan 2793: wer sach ie hirz zewirken so. Der Löwe, 
welcher die Jagd veranstaltet, den Hirsch vermutlich aus seinem Standorte hoch 
gemacht und schliesslich aus dem Teiche geholt hat, hat das Recht der Teilung. 
Sprengers Erklärung: he to om wrachte Hhat er mit ihm' scheint mir nicht das 
richtige zu treffen, ebenso wenig die des hds. hvide in V. 15. Mit Seelmann lese 
ich hvJte. warde in V. 9 bedeutet * Warte'. Wie die Kuh an den Teich, der 
Widder an den Birschgang, so wird der Bock nicht auf die 'Hut', sondern auf die 
Warte gestellt. 

7, 13. De wise man sprak dusse mere, 

dat ik der sunnen wiUe were 
6k wis, dat he wolde nemen 
ein ecnte wtf. 
Spr. a. a. 0. vermutet, dass zu schreiben ist 6k wis en * und gab ihn (den Willen) zu 
erkennen'. Diese Üoersetzung ist unrichtig, ök heisst nicht 'und'; man würde 
wenigstens 6k wSs he en erwarten. Meine frühere Erklärung halte ich noch auf- 
recht, wenn nicht etwa wisse statt wis en zu schreiben ist. Die Bedeutung von 
wis, wisse 'sicher, gewiss' war aus dem nmd. Wb. zu ersehen. 

10, 60. dar hadden se over gut gemak. Es ist overgüt zu schreiben wie sonst 
overgr6t, 

18, 11. Ein konnink wart on gr6t genöch, 

wol slicht an art unde ane toch, 
de here van enem berge sUch^ 
ein balke lank unde ungevöch^ 
he was to beiden enden stump. 
Die Hs. hat V. 12 ast statt art. Es ist von einem Balken die Rede, der zwar lank 
v/nde ungevöch. aber slicht ist, d. h. ane ast unde ane t6ch 'ohne Ast und ohne 
Zweig'. t6ch ist nicht 'List', wie die Wortlese angiebt, sondern 'Zweig'. In dem 
aus Gr. Weisth. 3, 184 angezogenen Beispiele lässt das mnd. Wb. diese Bedeutung 
des Wortes noch zweifelhaft, doch wie ich glaube ohne Grund. 

21, 37. de bände weren ome gedreven 

unde mannich gr6t stach gegeven. 
Die Redensart einen de benne ändriben 'jemand in barscher Weise zur Eile an- 
treiben' ist in Kattenstedt und Umgegend allgemein üblich. 

27, 121 ff. interpungiere ich folgendermassen : 
Be leiden aUe sorge neder^ 
he trostede se, se trostede on weder 



142 

mit ddt unde ök mit soter rede. 
Wart da gebroken dvsse vrede, 
dar af vreschede ik ni klage 
sint noch to hove noch to dage. 

143 ff. interpungiere ich: De ridder or da dankede sere, 

allein it (ihre Handluogsweise) harde unwiflich were. 
üp dat hi doch etc. 
159 ist hinter ruwen ein Komma statt Punktes zn setzen; beschütte in V. 157 
wird Konjunktiv Imperf. sein. 

28, 19 lese ich: Se sprak: *Gi leget; mit uneren 

is it beschoren mit ener scheren 

29, 22 vennute ich, dass es heissen muss: dar hit Jie an 

how meygen twene sine knapen. 

30, 1 ff. interpungiere ich folgendennassen: 

Ein schone junk wtf unde unstade, 
mit logene unde mit valschem rade 
brak af vil mangem manne gut. 

31, 31 ist hinter rede ein Punkt zu setzen. 
35, 6 ist hinden statt hinder zu lesen. 

48, 24. He schal irst bidden vor de sele 

dat it ome dama wol irga; 
dat gut volget ome na 
statt dama ist wohl daran zu schreiben. 

45, 1 ff. möchte ich folgendermassen lesen: 

Ein vos ginkj do de mane schein^ 

des nachtes up ein veltj dar ein 

dep pdl bi sinem wege lach, 

dar he des manen Schemen sach. 

Dama om duchte an sinem gebere, 

dat it ein schäpkese were, 

went he om duchte also geschapen. 

49, 186. Do ome tobroken was stn schilt, 

to gadere heU it doch de vilt, 

dat it om^ hangende do blef. 

De vedere, dar man mede scrSf, 

de was vorgeten in dem brede; 

de meisten angest ome de dede, 

(dat ore noch de duvele plege!) 

de brachte on Srst to achterwege, 

went de stak on do umme dat hol. 
V. 190 ist vorgeten schwerlich richtig. Wie V. 194 zeigt, war die Feder nicht ver- 
gessen. Statt vorgeten ist vorseten von vorsitten, cf. vorsetene rente 'restierende', 
mnd. Wb. V, 44b oder = beseten zu schreiben. Mnd. Wb. I, 209 beseten * der einen 
Sitz hat'. V. 192 ist von Sprenger richtig erklärt. 

51, 4. Dit mer quam over al de lant, 

dat sere untvrochte, dat darunder 
vorborgen were ein merwunder. 
Statt de lant Y. 4 ist dat lant zu schreiben« 

52, 28 ff. interpungiere ich folgendermassen: 

Heb ik geddn 
je gudes icht an miner joget, 
was an mi jenigerhande doget, 
des mach ik klene nu geneten. 
Do gi mi bi ju slapen Uten 



148 

38 ff. lese ich: mer older, dat ju tokomen 
wol mach bi wane an horten jaren. 
Nochten blive gi wolj de gi waren, 
aUein untg4n si mi de macht 
Dar schotden 

54, 1. Ein raven döt enen pawen vani. 

Do dachte he dama tohant 
mit sinne unde mit gudem willen^ 
dat he den pawen wolde villen 
^ unde wolde sin vleach eten sän, 

algader umme sinen rugge hän 
unde wolde mit den pawen gan 
Statt algader V. 6 ist wohl de vederen zu lesen. Vergl. V. 13 und 14: He rofte al 
sine vederen af Unde töch des pawen vederen an. 

39. des bin ik vredelös 

worden unde bin als ein gös, 
de uppe den eigeren gevrdSy 
gevilletj bldt unde beroft. 
Statt gevillet hat die Hs. gevullety was in gewullet und nicht in gevillet zu ändern 
sein dürfte, de gense wuÜen -den Gänsen die Federn nehmen', sek wullen *sich in 
die Haare fahren' sind heute ganz übliche Wendungen am Harz. 

55, 7. De mjLamen al up enen dach, 

dar he an sinem denne lach, 
dar dicke umme ein dorne was, 
darbinnen blomen unde gras, 
V. 9 war das hds. dat -van nicht in dar -ein zu ändern. 
59, 64 ist das in der Hs. fehlende is zu streichen. 
61, 58. To wolde trecken men begunde; 

de hart de wart tohant gespart 

unde one tohant so veme untvört 

van groter snelheit siner bene, 
Statt gesport hat die Hs. gehört. Mit Recht verwirft Sprenger, Programm Northeim 
^879, Seite 9, das vom Herausg. gesetzte gespört. Aber ebenso wenig ist Sprengers 
Änderung gekört richtig, die er auch Fabel 47, 95 statt des hds. up geboret vor- 
genommen hat. An beiden Stellen halte ich upgeboret und gebort für das richtige. 
In der Waidmannssprache heisst es einen Hirsch 'hoch machen', aufjagen aus seinem 
Aufenthaltsorte. Dem entspricht genau upboren, b und h sind mehrfach in der 
Hs. verschrieben, s. Vorbem. p. 165. 

65, 103. unde nuttede dit orlof also 

de wulfj dat he at al, dat om wart, 

unde aede echt do na siner art 

düfröf, mort, schalkheit also gröt, 

dcit ne dorste ein sin aenöt 

m^ bösheit dön, dan he do dede, 

dat ome to lest do quam wol mede; 

went do 

y. 109 wird kaum heissen können 'was ihm zuletzt wohl bekam' (ironisch). Es ist 
wohl vul für wol, vul mede 'voller Lohn' zu lesen. Die Erläuterung dieses Verses 
folgt V. 110—119. 

71, 29. Wu dit der erst stn dink anklive, 

wu it sik üt der moder live 

jo brikt, ik dat nu nicht en scrive, 

up dat de rede de korter blive, 

Dat is noch war. Der dere ein wilen 

begunde sere des nachtes ilen 

to velde unde v^ in ene groven. 
V. 33 hat die Hs. enwiUn. V. 1—33 ist nur von dem Panther die Rede. Beson- 



144 

ders wird V. 4 und 5 hervorgehoben, dass er niemandem Leid zufüge, der ihm kein 
Leid zufügt. Es wäre nun zu erwarten, dass auch in V. 33—72 von dem Panther 
geredet werde, dazu passen aber die Worte der dere ein V. 33 nicht. Das hds. 
enwilen halte ich für richtig und ändere der dere in dit der. 

74, 29. sürogede ist nicht 'boshaft blickend', wie in der Wortlese angegeben 
wird, sondern * triefäugig'. Vgl. V. 18: wo sine ogen van tränen vUtet, 
8(>, 4. De quamenj unde se alle geden, 

dede icht van arzedie künden^ 

dat se wol rät darto vunden^ 

dat ome wol gehulpen werde 
Statt geden V. 4 möchte ich seden * sagten 'lesen. Vergl. Fab. 49, 150 wo ich auch 
vorgeten in vorseten änderte. 

86, 61. De wert wolde one maken vro, 

ein supent brachte he om do 
van berensape unde van mele, 
dat wart van seh sulven gele. 
Vil klene was it ome to heit, 
darumme he des nicht en beit. 
he bles darin mit sinem munde, 
icht he des icht gekolen künde. 
Statt beit V. 66 lese ich leit * Hess '. Obwohl ihm der Trank durchaus nicht (vil 
klene) zu heiss war, unterliess er es deswegen nicht, ihn zu kühlen. 

"J9. leschen heisst hier nicht 'erlöschen', wie die Wortlese angiebt, sondern 
'löschen, auslöschen' wie der Gegensatz entf engen deutlich anzeigt. 
89, 8 ist das Komma zu tilgen. 
92, 98. Me plecht to wegende hir de sunde; 

we de aldermeist hat geddn, 
darnach möt weder sin wage sldn. 
Statt weder V. 100 ist neder zu lesen. 

93, 67. oft he van dode ofte van live enen bür van older art, 

sin man nicht lenk en blive dede gut, tvis, truwe nu ne wart, 

unde mit eren tredet Ht de mit des esels rechte 

unde sin here des lowen hüt wolde aeme, icht he mochte, 

tut enem esele an dat volk vorjagen unde vorveren 

unde maket enen ammechtman unde engestliken geberen. 

Das Satzgefüge ist fehlerhaft. Von oß V. 66 hängen offenbar ab die Verba blive, 
tredet üt, tut an und maket-, auf bür V. 73 beziehen sich die beiden Relativsätze 
V. 74 dede — wart und V. 75 de mochte — geberen. Richtig wird das Satzgefüge, 
wenn hinter V. 69 ein Komma gesetzt, V. 70 unde, das aus V. 69 hierher geraten 
sein kann, gestrichen wird, und mit sin der Nachsatz beginnt. 

103, 38 ff. lese ich: Do se sach der apen here, 

do begunde he se beide laden 
to siner hochtit, sunder schaden 
dat se dat denst segen, 
des om^ de apen vorplegen. 

Blankenburg a. H. Ed. Damköhler. 



145 

Ein lateinisch-niederdeutscher Tractat aus Bursfelde. 

Die Marburger Universitätsbibliothek besitzt eine grössere Anzahl 
von Handschriften aus dem Kloster Bursfelde, die ihr in westphälischer 
Zeit aus Corvey zugekommen sind. Ein im Jahre 1803 von' dem 
nassau-oranischen Bibliothekar Campill aufgenommenes Verzeichnis der 
Corveyer Manuscripte zeigt, dass wir üur einen Teil des alten Bestandes 
erhalten haben; immerhin ist das hier vorhandene wichtiges Material 
für den Forscher, der es es unternimmt, das geistige und religiöse 
Leben in den Klöstern der Bursfelder Congregatioir und zunächst in 
dem des Vorortes zu schildern, denn fast sämmtliche Manuscripte ge- 
hören der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts an, also der Bltithezeit 
der Congregation. 

Ein nur vorläufig genügendes Inhaltsverzeichnis unserer Bursfel- 
dischen Codices hat C^ F. Herrmann im Catalogus codd. mscr. qui in biblio- 
theca Marburgensi asservantur latinorum (Marb. 1838) gegeben. Es fällt 
auf den ersten Blick auf, wie gänzlich das Deutsche darin zurücktritt: 
in der Pflege des heimischen Schrifttums hat man in Bursfelde dem be- 
rühmten Vorbilde der Congregation von Windesheim offenbar nicht nach- 
geeifert. Die einzige Handschrift, welche das Interesse des Germanisten 
erregt, ist die bei Herrmann mit D 17 bezeichnete, in den neuen von 
Dr. K. Boysen hergestellten Katalog als Ms. 54 aufgenommen. Sie 
trägt aussen noch die alte Corvey ische Nummer 12, und ihre Herkunft 
aus Bursfelde wird zwar durch keinerlei alten Eigentumsvermerk oder 
sonstige Eintragung verkündigt, w^ol aber durch andere Kriterien, wie 
besonders das mit andern bursfeldischen Handschriften gleichartige 
Inhaltsverzeichnis verbürgt. 

Der dicke Holzledereinband umschliesst eine grössere Anzahl 
Einzelhandschriften verschiedener Herkunft, aber des gleichen Klein- 
octavformats. Die neue Zählung ergibt für das ganze 429 Blätter, wo- 
bei aber ein paar zum Einband der Papierhandsehriften verwendete 
Pergamentblätter mitgezählt sind. Das aus dem 15. Jahrh. stammende 
und wahrscheinlich dem Einband gleichzeitige Inhaltsverzeichnis führt 
14 verschiedene Bestandteile auf, ohne die kleineren Eintragungen 
mitzuzählen. 

Den Eingang bilden, mit auffallend schöner Handschrift beginnend, 
Nr. 1 'Omelie [decem] Eusebii ad Monachos' (Bl. 4 — 46); es folgt Nr. 2 
ein 'Exercicium pulchrum cuiusdam regularis' (Bl. 49 — 59); Nr. 3 ein 
'Tractatus incitans ad veram humilitatem' (Bl. 69—78); Nr. 4 ^Tractatus 
qualiter ob amorem Domini Jesu possint respui vicia' (Bl. 79—96), auf 
den ich unten näher eingehe. Aus dem weitern Inhalt hebe ich noch 
hervor: zunächst Nr. 7 'De imitatione Christi primus über' (Bl. 171 — 
189). Der Schreiber dieses Teils nennt zum Schlüsse die Jahreszahl 
1461, den Ort 'in Hallis', d. i. Halle a. S., und seinen Namen: Hildebrand 
von Hardegsen: er hat auf den folgenden Blättern noch allerlei Ein- 
tragungen hinterlassen, darunter Bl. 190*^—192* das oben S. 41 flf. ab- 
gedruckte Gedicht des Jacob von Ratingen, BL 194 den weitverbreiteten 

Niederdeutsches Jahrbuch XVI. ^0 



146 

Rhythmus MuUi sunt preshyteri qui nesciunt quare Snpra domum do- 
mini gallus solet stare (Zeitschr. f. d. Alt. 15, 491), Bl. 193 einen kurzen 
Abschnitt aus einer lateinischen Schrift des 'Franciscus Petrarcha', 
die ich im Augenblicke nicht feststellen kann '). Schrieb dieser Hilde- 
brand, der aus der nächsten Nähe von Bursfelde stammte, in Halle, 
wo er zu dem gleich Bursfelde von Joh. Busch reformierten Moritz- 
stifte '^) Beziehungen hatte (s. Anm. 1), so mag in Halle auch die Hand- 
schrift von Nr. 12 entstanden sein, die im Index als ^Tractatus trium 
luminarium' bezeichnet wird: der Schreiber beginnt Bl. 273* und geht 
BL 288** unten auf der Seite plötzlich aus dem Latein in mitteldeut- 
sche Sprache über, in der er den Tractat BL 322^ zu Ende führt. 

Dagegen ist der Schreiber von Nr.4 unbedingt ein Niederdeutscher, 
und die Entstehung dieses Stückes darf recht wol in Bursfelde ge- 
sucht werden, wo der Codex zusammengebunden wurde. Die Hand- 
schrift ist mit der keines andern Schreibers des Sammelbandes iden- 
tisch, das Papier ist ein anderes als das der nach Halle weisenden 
Nrr. 7 und 12. Es waren ursprünglich zwei Lagen zu 12 Blättern 
(Senionen), 4 leere Blätter sind herausgerissen, von dem Rest (Bl. 79 
— 98) sind Bl. 79—96 beschrieben. Eine deutliche Schlussmarke ist 
nicht vorhanden, doch hindert nichts, den letzten Satz Et sie eam ab 
omni inquietudine huius miserie pie liberavit als wirklichen Schlussatz 
zu nehmen. Ein Titel wurde über den Tractat noch nachträglich von 
fremder Hand geschrieben, dann beim Zusammenbinden des Codex mit 
roter Farbe überzogen, aber auf dem vorausgehenden Bl. 78^ in der 
gleichen Form erneuert: ^Sequitur tractatus sive exercicium 
pulchrum ad amorem domini Jesu: qualiter ob eins amorem 
possint respui diversa vicia'. 

Der mystisch -asketische Tractat knüpft an den Text Cant. 8, 6 
an und bedient sich streckenweise der in der Mystik bis zum Über- 
mass gebrauchten Lieblingsform des Gesprächs zwischen dem 'sponsus 
Christus' und der *sponsa Christi', der Seele. Er bietet nichts origi- 
nelles als die eigentümliche Sprachmischung. Gab der mitteldeutsche, 
vermutlich hallische Verfasser von Nr. 12 das Latein auf, noch ehe er 
ein Drittel des Ganzen niedergeschrieben hatte, so geht dieser Schrei- 
ber von Anfang an gern aus der reichen, oft durch Reime geschmückten 
Rhetorik der Kirchensprache in den traulicheren Ton der heimischen 
Mundart über: aber immer spärlicher werden diese niederdeutschen 
Unterbrechungen, und auf den letzten 5 Blättern behält das Latein 
durchaus die Oberhand. 

Ich gebe im nachfolgenden reichlich das erste Dritteil des Trac- 
tates im Wortlaut und füge dann die wenigen deutschen Sätze des 
Restes mit ihrer unmittelbaren lateinischen Umgebung hinzu. Die Auf- 
zeichnung ist sehr sorgfältig, speciell das fast tadellose Niederdeutsch 

*) Eine Beischrift besagt: 'l8te tractatys jacet ad sanctum Mauricium in 
Hallis cum rubeo corio coopertus. 

*) Vgl Geschichtsquellen der Provinz Sachsen Bd. IX (Lib. de ref. monasteri- 
orum) S. 461 ff. 



147 

lässt die Annahme zu, dass wir es — in dieser Form — mit einer 
ersten Niederschrift zu tun haben. Es wäre interessant, weitere Mit- 
teilungen über ähnliehe Mischhandschriften des^ 15. Jahrhunderts zu 
erhalten. 

Im Abdruck habe ich nur die Scheidung zwischen u und v und 
eine bescheidene Interpunction eingeführt. 

(79 a) Pone me sicut signaculum super cor tuum, ut sigrmculwn super brachium 
tuum^ quia fortis est ut mors dilectio. Ista sunt verba sponsi celestiSj que Christus 
primo dixit ad Mariam virginem et eius matrem dilectissimam. Et eadem verba 
nunc et semper dicit ad omnem animarn devotanij et singulariter ad quamlibet 
personam. sponsa ChHsti, de du beclaghest . dyne unstedycheyt unde dyner 
danken unrejoiicheyt, wultu dy *) nach dynes brodegammes beheghelycheyt reynighen 
unde ok bewaren ane suntlyke beswarlicheyt, so nym myt vlyte to synne de wort 
de he dy myt groter begherynghe syner gotlyken leve hefft tho ghesecht. Watdu 
denne denkest, sprekest eder werkest, dat wert yn der yeghenwordycheit der hyl- 
ghen drevoldycheyt (79^) alle gherecht. sponsa Christi ^ si tu vis sanarij si 
cupis ab omni mala conciipiscenda liberari : audi sponsum tuum dilectissimum tam- 
quam medicum expertissimum ^ tibi dulciter et amicabiliter loquentem et dicentem. 
Pone mCj scilicet Christum quem elegisti in sponsum, sicut signaculum, id est tam- 
quam sigillum, super cor tuum. Hoc est: habe semper in memoria tua, quanta ego 
Christus sponsius tuus pro salute t'ua pertuli. Et pone me ut signaculum super 
brachium tuum. Hoc est: opera tua que facis debes tu, sponsa mea, propter me 
inchoare et per me continuare et etiam in me finaliter terminare. Et hoc fojcere 
potes, quia diligis me. Nam ex hiis duobus, quod tu ponis me super cor et brachium 
tuum, tunc mea dilectio et Caritas intrat cor tuum, que non permittit te aliqua alia 
diligere (80«) preter seu extra meum amorem, Sic enim fortis est dilectio sponsi, 
quod eius virtuti nichil resistit. Et hoc est quod sequitur in Canticis: quia fortis 
est ut mors dilectio. Nam sicut mors animam a corpore separat, ita Caritas divina 
separat animam a rebus mundanis omnes vanas concupiscencias extinguendo et soli 
deo inherendo. Wente de aller bequemeste wyse van dynem herten tho slutende 
alle unnutte begherlycheyt ys amor et dilectio sponsi tui Christi. Dat betughet 
sanctus Augustinus^ ubi dicit et loquitur ad sponsum celestem per modum exhorta- 
tionis sive etiam orationis. dulcis Christel O bone Jhesu, qui animmn meam 
tibi in sponsam elegisti, veni, rogo, in cor meum et fac me fwo amore et desiderio 
deponere onus carnalium desideriorum et terrenarum concupiscendarum. Tribue 
michi, ut in tuo ve{SO^)ro amore laudet te cor m^um et lingua mea et omnia ossa 
mea. Dilata mentem meam in tua dilectione et dissolve eam a vagis et inutilifms 
cogitationibus^ quibus sum constrictus; ut omnia vana relinquam et ad te festinem, 
tibi soli inheream, soli intendam. Et post pauca verba dicit iterum: dulcis Christel 
bone Jhesu! Caritas mea! deus mem! Accende me totum igne tuo, am^ore tuo, desi- 
derio tuo, dileccione tua, caritate tua, iocunditate tua et exultatione, pietate et sua- 
vitate tua, voluptate et concupiscencia tua, que sancta est et bona, que casta est et 
munda. Ut sie ego dulcedine amoris tui plenus et flamma caritatis ignitus diligam 
te dominum meum dulcissimum et pulcherrimum ex toto corde meo, ex tota anima 
mea et ex totis viribus meis et omni intencione mea cum cordis contridone et lacri- 
m>anim fönte, cum multa reveren(Sl^)cia et tremore, habens te semper in corde et 

») Hs. de. 

10* 



148 

ore hie et uhique; ita ut tibi solum in omnibtts plaeere queram. duleissime! 
queso te per illam sacratissimam effusionem preciosi sanguinis tuij quo sumus re- 
demptij ut repleas cor meum tuo amore, et confirvna id in tu^ caritate, ut taceat in 
me omnis tumultiis eamis, conticescant omnes vane cogitaciones et false ymagines et 
seductone reveldciones. Ecce quanta operatur Caritas sponsi! Vortmer merke dat: 
Caritas sponsi celestis de vanghet unde byndet alle untemelyke danken unde vor- 
karde leve sponse sue. Caritas sponsi voryaget unde vordrift alle unstedycheyt 
der anblasinglie des bösen vyendes unde ok dynes eglien vlesches. Se ledet dy 
alle beheghelycheyt unde begherynghe der werlde, wente de böse gheyst (81^) 
vrochtet nicht so sere an deme mynschen sicud caritatem. Dat bewyset ok sanc- 
ttis Augustinus et dicit: Amor sponsi ubi venerit, tunc ceteros in se omnes captivat 
et traducit affeetus, Anima quam visitat amor, si dormit, susdtat eam. Si piger 
est, movet eam et vulnerat cor eius, tenebras illuminat, clausa reserat, frigida in- 
flammatj mentem asperam et irascibilem mitigat, vicia fugat, carnales affeetus com- 
primit, mores emendat, spiritum innovat et reformat, omnes a^ctus leves abhorret. 
Idem dicit beatus Ambrosius in hiis verbis: Cum mens hominis incendio caritatis 
estuaveritj tunc ab ea mox omnis maligni Spiritus caliditas et versucia discedit etc. 
Item Rabanus dicit sie: Nichil est terribilius cunctis demonibus quam cum in dei 
dileccione et eius desiderio estuamus. Nam hostis antiquus castitatem, abstinen- 
(82 »)ciam et ceteros virtutes, si sine caritate fuerint, non timet, Solam vero cari- 
tatem, quam erga deum hobemus, et amorem humilem, quem^) nobis inter nos vi- 
cissim inpendimus, pertimescit Spiritus malignus. Hoc eciam declarat in longum 
beatus Gregorius in Moralibus. Hir umme breviter scaltu achten unde merken de 
macht unde craft der gotlyken leve : wente hestu de, so hestu alle ander doghede. 
Hestu der nicht, heddestu denne alle ander doghede, de weren dy alle nicht hul- 
pelyk tho der ewyghen salycheit. Dat secht sanctus Augustinus in hiis verbis: 
Attende, quanta est Caritas, Qu^ si desit, frustra habentwr omnes cetere virtutes. 
Si ipsa habetur, tunc omnes alie habentur. Adde caritatem, et omnia que facis pro- 
ficiwnt; detrdhe caritatem: cetera que facis nichil tibi prosunt. Caritas est vita 
virtutum, quam si abstuLeris, cetere virtutes moriuntur. Ergo tene caritatem in 
qu>a pendent omnia. Ergo tu sponsa Christi, (82^) si vis a vanis et immundis 
cogitacionibus esse secwra, tunc audi vocem sponsi tui, quando dicit tibi: Föne mc 
sicut signaculum super cor tuum\ Wente wen de Spiritus et seductor malus dat 
signaculum vor nemet, dar kan he nicht noch yennich unreynicheyt bliven. Sunder 
vynden se rede eyn unreyne nest, dar setten*) se sek van stunden an yn unde 
telen vnde besetten denne dat herte des mynschen myt velen mennichvolden un- 
reynen unde unsteden danken. Dat ys ok eyn warteken, dat an deme herten de 
leve godes nicht enys. Sic igitur sponsus tuus Christus super cor et bra^hium 
tuum ponendus est, ut eius dileccioni cor et cogitacio, voluntas et cogitado tua ei sem- 
per serviant et laudem eius multipliciter dicant. Ponendus est Christus super cor 
ut sigillum, per quod a secretis cordis excludantur qui non sunt amici, ut sunt vane 
et (83«) male cogitaciones, et dyabolicae instigaciones. Istis inimicis exclusis a 
corde tunc tua cogitado debet fimiari in Christo rege et sponso tuo. Dar umme 
sprekt he dy tho sulves myt den worden: Föne me etc. Ac si diceret: sponsa 
mea, respice in me et pone me in passionem meam ad cor tuum. Ut quando veniunt 
tibi vane et male cogitaciones michi iuxta mea precepta displicentes et tibi secun- 

*) Hs. que. ^) setten in der Hs. doppelt geschrieben, einmal durchstrichen. 



149 

dum tiia Vota contrarianteSy wultu denne nicht vulborden den unreynen danken, 
so du my yn truwen best ghelovet, tunc pone nie super cor tuum; dat ys: nym 
an dyne dechtnisse de swaren bytteren danken, de ek hadde an mynem herten, do 
ek umme dynen wyllen swetede water unde blot. So enkan noch enmach dy neyn 
unreyne danke vorwynnen, dat du dar anne ghevest vulbort, eder ok sokest lusty- 
cheyt dynes vlesches. Wen du (83 *>) soden vlyth deyst, so bewysestu dynen vlyth 
umme myner leve wyllen an mynem lydende, unde dat ys myn begherynghe ghe- 
enyghet an myner leve. Sic unitur dileccio tua in caritate mea, unde wert eyn 
leve. Wes du denne begherest, des wyl ek dy twyden. Synt dy de danken var- 
lyk unde tho swarlyk tho dreghende, so wyl ek dy van stunt dar van losen. Isset 
aver sake dat se dy schuUen wesen eyn purgatorium van ichteswelker unreynicheyt, 
dat du sulves noch nicht erkennest, so vechte kreftlyken unde lat nicht af, wente 
ek wyl alle tyd by dy wesen. Dar umme denke ok alle tid uppe myne hulpe, 
unde wedervert dy swarlycheyt, dar du gheme werest van vorheven, de schaltu 
duldychlyken dreghen umme myner leve wyllen unde denken alle tid, dat ek wol 
see dyne nod unde dat ek over (84») dy vorhenghe umme dynes vordenstes wyllen. 
Dar mede prove unde probere ek dynen wyllen, dyne begherynghe, dyne leve de 
du hest to my. Ergo pone me super cor hmm, quod facis, qvAXtido tu aniaritudinem 
et dolorem cordis mei, quem sustinui in sudacione aque et sanguinis, ponis ante 
oculos cordis tui. Et si temptantur oculi tui aliqua cwriositatCj tunc attende ocuhs 
meos fuisse propter peccata tua velatos. Si temptantur aures vaniloquiOy considera, 
quod ego contumeliosos sermones et terrores audivL Si temptatur gustus tuus in 
delectacione cibi et potus, perpendCj quod propter te eram feile cihatus et aceto po- 
tatus. Si temptatur holofactus redolenciis pigmentorum, tunc attende faciem meam 
sordidissimis sputis illinitam et maculatam. Si manus tua ad illicita tangenda vel 
capienda monentur, cogita manus meas in cruce penaliter transfixas^). Si (84^) temp- 
tatur cor tuum consideracionibus et eciam cogitacionilms mundanis et carnalibuSj 
tunc cogita cor meum lancea perforatum. Si pedes tui nituntur ambulare contra 
decentia et tibi specialiter prohibita^), tunc revolve in m^nte tua pedes meos cruci 
affiocos etc. sponsa mea, dat ys: wur mede du myne leve kanst erwerven, dar 
mede dankestu my aller goyde de ek dy hebbe bewyset. Dar mede kanstu dy 
wapen weder al dyne vyende, dat dy noch danken noch wort unde ok neyne werk 
moghen hynderlyk wesen nach dyner zele salycheyt. Quia istud est signum et 
verissimum signaculum, contra quod nullum stat neque stare potest periculum. 

Im weitem Verlauf finden sich noch die folgenden niederdeutschen 
Sätze eingekapselt: 

Auf Bl. 85^: Et tunc ego non permitto intrare cor tuum aliquid novum tibi. 
Unde alzo werstu denne myt my gheenyghet, dat allent datjweder dy ys, dat ys 
ok weder my. Unde so moghelyk ys dat ek my vorlate, so moghelik ys dat ek 
dy vorlate. Hjn: umme lydestu anvechtynghe van dynem vlesche, van anderen 
luden, van den dar du by bist. Edder ok allerleyge ander mysha (86»)-ghynge 
lath dy nicht vorschrekken, wente weneyr du lydest swarlycheyt unde vorvolghynghe 
umme mynen wyllen edder an mynem denste, dat ys eyn openbar teken dar tho 
dat yk denne byn an dynem herten. (^ia huiusmodi persecuciones et tribulaciones 
sunt michi vere delicie et epule splendidissime. 



*) Hs. transfixis, ^) prohibita Besserung am Rande für admissa des Textes. 



150 

Auf Bl. 88 a: dulcissinie dcus! Ek byn de dar umme du de swarlyken 
mennichvolden pyne hest gheleden. Hir umme bydde ek dy, leve here, lath my 
myt dy de pyne dyner bytteren wunden dreghen. hone Jhesu, veni igitur in 
cor meum et pone vulntts cordis tui ad cor meum, ut sie sanguis tui n^bilissitni 
cordis purificet cor meum ab omni mala et (f. 88^) vayia cogitacione et illuminetur 
in tua dileccione. 

Auf Bl. 91»: Tota spes niea in morte domini mei. Mors eius meritum m^eum, 
Salus mea, refugium meum^ vita mea et resurrexio mea, miseracio mea^ deus mens. 
Ilyr umme merke unde nym tho synne, dat neyn danke so swarlyk kan syn de 
dy moghe schedelyk eder hynderlik wesen an dyner salycheyt, noch yennich sunde 
so grod, du enwerdest dar van ghereynighet vormyddelst deme lydende Christi. 
Wente dar mede heft he uns alle ghereyniget. Ift dy ok quemen danken, dat du 
dechtest: wur vor schal ek beschauwen dat speyghel der hylghen drcvoldycheyt etc.? 
Wente sodene danken unde der ghelyk quemen sancto Augustino, unde de alle 
vorwan he yn deme dat he sek ghaf ad vuhtera Christi. So he sulves scrift in 
Jiec verha: Si murtnurat contra me insipietis cogitacio etc. 

Auf Bl. 91^: Quia m^rs donmii mei otnnia m>ea peccata vi^icit. Ilir umme 
wapen dyn herte myt dem hylghen lydende Christi, unde scrift) an dyn herte de 
hylghen vif wunden unde les dar anne de leve de he dy bewiset heft, unde syn 
byttere lyden dat he umme dyner leve wyllen gheleden heft. Uppe dat du wordest 
gheloset van alle deme dat dy mochte schedelyk eder hynderlyk wesen tho dyner 
salycheyt. Deyst du also dynen vlyt, so kan noch enmach dy neyn danke schede- 
(92a)lyk syn. Dat bewyset ok beatus Bernhardus in libro de consciencia yn 
dussen worden: Quo ciens te sentis turpifbujs cogitacio7iibus et illicitis afflci etc. 

Serif] Hs. scrift. 

Marburg i. H. Edward Schröder. 



Salzwedel und die übrigen Ortsnamen auf -wedel/) 

Die altmärkische Stadt Salzwedel ist von denjenigen Orten, deren 
Name auf -weclel ausgeht, von jeher der bedeutendste gewesen, und 
aus diesem Grunde haben sieh alle Versuche älterer Zeit, welche auf 
eine Deutung des -weclel hinzielten, zunächst mit dem Namen Sahwedel 
beschäftigt. 

Von den ausserordentlich zahlreichen diesbezüglichen Bemühungen 
früherer Zeit gilt es besonders eine Erklärung herauszunehmen, die sich 
durch ihr hohes Alter, durch ihr hartnäckiges Fortbestehen und auch 
durch eine anscheinend in den lokalen Verhältnissen liegende Begründung 
auszeichnet. Es ist dies die Gleichstellung des Namens Salzwedel 

*) Nach einem auf der Jahresversammlung des altmärkischen Geschichtsvereins 
im Jahre 1890 gehaltenen Vortrage. 



151 

mit Salzquelle. 1) Zwar ist der Boden in und bei Salzwedel zweifellos 
salzhaltig. Durch ihre Flora besonders auffällige Stellen dieser Art 
finden sich nördlich von der Stadt auf dem linken Ufer der Jeetze, 
eines Fltisschens, das in gerader nördlicher Richtimg weitergehend bei 
Hitzacker unterhalb Wittenberge in die Elbe mündet, zwischen der 
Stadt und einem sumpfigen Waldgelände, der Buchhorst; ebenso auf 
dem rechten Ufer der Jeetze, westlich der Stadt, wo die Wiesen noch 
heute den Namen Salz wiesen führen, dann hieran nach Norden 
anschliessend jenseits des Bahndamms der Bremen -Leipziger Bahn 
zwischen diesem und dem ebenfalls sumpfigen Waldgelände, dem 
sogenannten Bürgerholz, und über dieses hinaus, etwa dreiviertel Meilen 
von der Stadt entfernt, bei der ehemaligen Försterei Hoiersburg. Das 
Wasser dieser Stelle ist es, welches bereits im 16. Jahrhundert durch 
Thurneisser 2) einer Analyse unterzogen wurde, aus deren heutzutage 
selbst Fachleuten nicht mehr recht verständlichen Ergebnissen nur 
soviel mit Gewissheit heiTorgeht, dass sein Salzgehalt ausserordentlich 
gering war. Gleich wol scheint in der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts*^) wirklich hier ein Versuch der Salzsiederei gemacht worden 
zu sein; aber trotz wiederholter Untersuchung des Wassers führte diese 
Siederei zu keinem nennenswerten Resultat. Endlich finden sich 
tatsächlich mehrere Salzquellen, und zwar die bedeutendsten der 
Gegend, südlich der Stadt, etwa eine Meile entfernt, in dem moorigen 
Grund zwischen den Dörfern Dambeck und Altensalzwedel. Diese 
wurden noch im Jahre 1842^) chemisch untersucht; aber ihr Salzgehalt 
war ebenfalls zu gering, als dass eine Ausbeutung sich irgendwie 
würde gelohnt haben. ^) 

Dazu kommt, dass derartige salzhaltige Stellen weder in der 
Altmark noch auch weiterhin in der Mark Brandenburg etwas auffälliges 



*) Der Erste, welcher diese Behauptung aufstellte, war meines Wissens Leon- 
hart Thumeisser zum Thum in seiner Schrift Pisoti. Das erst Theil. Von Kalten / 
Warmen Minerischen vnd Metallischen Wassern / sampt der vergleichunge der Flan- 
tarum vnd Erdgewechsen 10. Bücher . . .1572. Gedruckt zu Franckfurt an der Oderj 
durch Johan Eichom. bes. L. VII. C. 93. Das Buch wurde neu aufgelegt im Jahre 
1612 u. d. Titel Zehen Bücher Von kalten I Warmen j Minerischen vnd Mettalischen 
Wassern .... auffs netv durchgesehen . . . vnd verbessert .... Durch Joannem Bu- 
dolphum Saltzmun Med. Doct. zu Strassburg. Strdsshurg . . . 1612. Auch Förste- 
mann, Die deutschen Ortsnamen. Nordhausen 1863. S. 68 sah sich noch veranlasst, 
von dieser Deutung Notiz zu nehmen (s. u. S. 154). 

«) a. a. 0. S. 384. 

8) s. Joh. Christoph Bekmann, Histor. Beschreibunff der Chur und Mark Branden- 
burg, herausgegeben von Bemh. Ludw. Bekmann. 1. Berlin 1751. Sp. 611. — Phil. 
Wim. Gercken, Fragmenta Marchica. Theil 2. Wolfenbüttel 1756. S. 156f. — [H. 
Ch. Steinhart] Ueber die Altmark. Theil 2. Stendal 1802. S. 154. Steinhart giebt 
das Jahr 1662 an. — A. W. Pohlmann, Gesch. der Stadt Salzwedel. Halle 1811. S. 2. 

*) Hentschel im Wochenblatt des Kreises Salzwedel. Jahrg. 10, 1843. No. 39. 
S. 325 f. 

*) Alle im Vorstehenden gemachten Mitteilungen über die noch heute sicht- 
baren Salzstellen bei Salzwedel beruhen auf eigener Anschauung des Verfassers. 
Man vffl. dazu Danneil im 15. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins fUr vater- 
ländische Geschichte und Industrie. Salzwedel 1865. S. 41. 



152 

sind. Nach P. Ascliersons ß) im Jahre 1859 auf Grund der Flora 
zusammengestellten Beobachtimgen finden sieh solche Stellen bei Mag- 
deburg, Stendal, Salzwedel, Brandenburg, Nauen, Potsdam, Trebbin, 
Treuenbrietzen, Luckau, Pasewalk und Naumburg am Bober. Schon 
früher, im Jahre 1751, gab Bckmann*^) eine diesbezügliche Zusammen- 
stellung; er führte Salzquellen an bei Salzwedel, Osterburg, Selblang 
bei Nauen, Belitz und bei Briesembrow in der Uckermark. Aber sie 
sind sämmtlich unbedeutend. Zwar scheinen überall Versuche der Aus- 
beutung gemacht -zu sein, aber zu einiger Bedeutung ist nur die 
Salinenanlage bei Belitz gelangt, s) Diese gedieh allerdings so weit, 
dass nach einer zur Förderung des Werkes schon im Jahre 1542 
erlassenen Verordnung des Churflirsten Joachim II., im Jahre 1560 eine 
neue Bestimmung erlassen wurde, nach welcher im Lande kein aus- 
wärtiges, sondern das bei Belitz gesottene Salz solle verkauft werden. 
Indessen auch dieses Unternehmen geriet, trotz der noch vom Chur- 
flirsten Georg in den Jahren 1572, 1577, 1579 und 1580 kundgegebenen 
Fürsorge, ins Stocken. 

Es geht auch nicht an, diesem Mineral für die Vergangenheit 
Salzwedels eine derartig grössere Bedeutung beizumessen, dass der 
Name Salzquelle sich daraus würde rechtfertigen lassen. Denn bei 
der Wichtigkeit des Salzes im Haushalt der Menschen mtisste eine 
solche Tatsache früher urkundlich bezeugt sein, als dies in Wirklichkeit 
der Fall ist. Weiter jedoch wie bis in das 16. Jahrhundert*) reichen 
meines Wissens die Nachrichten über die Salzquellen bei Salzwedel 
nicht zurück. Wohl aber wird in einer Urkunde des Markgrafen 
Johannes vom Jahre 1490 *ö) ausdrücklich von der Salzeinfuhr nach 
Salzwedel durch Fremde und den von Alters her hieran hängenden 
Abgaben gesprochen. Und schliesslich muss die seit Urzeiten bekannte 
Bedeutung und Ergiebigkeit besonders der lüneburger Salzsiederei als 
wesentliches Moment zur Beurteilung dieser Fi-age in Betracht gezogen 
werden. Dass eine Beteiligung an den lüneburger Salzpfannen von 
Salzwedel aus stattfand, geht aus den noch erhaltenen Urkunden des 
13. und 14. Jahrhunderts zur Genüge hervor.*') 

^) P. Ascherson in der Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft, 
Bd. 11. S. 90-100. 

'') Joh. Christoph Bekmann a. a. 0. 1. Sp. 610 ff. 

^) Hierüber und über das Folgende Bekmann a. a. 0. 1. Sp. 613. — Auch 
Thuraeisser a. a. 0. S. 6 erwähnt Belitz. 

^) Doch scheint es, als wenn die Theorie der Ableitung des Namens von den 
Salzquellen schon vor Thuraeisser unheilvoll gewirkt hat, da der aus Salzwedel 
stammende Rector der Universität Frankfurt, A. G. Praetorius, im W.-S. 1558/59 
einen Salzwedeier als Soltqivellensis in die Matrikel einträgt; s. die Frankfurter 
Universitätsmatrikel (= Publikationen aus den kgl. preuss. Staatsarchiven Bd. 32). 
Leipzig 1887. Bd. 1. Sp. 152. 

^") Abgedruckt ex. orig. membr. bei Phil. Wilh. Gercken, Fragmenta Marchica. 
Theil 5. 1760. S. 73; ebenso im Codex diplomat. Brandenburgensis, herausgegeben 
von Riedel A, XIV Nr. 509. — Vgl. hierzu noch Erich Liesegang, Zmr Verfassungs- 
geschichte von Magdeburg und Salzwedel in den Forschungen z. brand. u. preuss. 
Gesch. in. S. 57. 

") s. z. B. die Urkunden bei Riedel A, Bd. XXV S. 178 Nr. XX (1289), Bd. 
XXII S. 100 Nr. XXVIII (1292), Bd. XXV S, 180 Nr. XXIV (1296), Bd. XIV, S. 43 



153 

Fassen wir alles dies zusammen, den Reichtum der Mark an salz- 
haltigen Stellen überhaupt, die Geringfügigkeit aller dieser Stellen und 
auch derjenigen bei Salzwedel, von denen die etwas bedeutenderen 
ausserdem noch reichlich weit von der Stadt entfernt liegen, und 
demgegenüber das grosse Salzlager bei Lüneburg, so kann es einer 
ruhigen Erwägung nicht zweifelhaft sein, dass eine Deutung des 
Namens Salz w edel als Salzquelle auf Grund der örtlichen Verhältnisse 
ausgeschlossen ist. 

Damit fallen aber gleichzeitig alle Versuche, die mehr oder weniger 
gewaltsam auf sprachlichem Wege eine gleiche Bedeutung erzielten, 12) 
in ihre Wesenlosigkeit zurück. 

Was sonst an Deutungslust und Deutungsfähigkeit über den 
Namen Salzwedel in früherer Zeit geleistet ist, kann, so erheiternd 
es manchmal wirkt, hier füglich übergangen werden. 

Von den wissenschaftlichen Sprachforschern, die sich mit der 
Namenkunde beschäftigten, waren auch hier Förstemann und Pott die 
ersten, welche dem Worte -wedel ihre Aufmerksamkeit zuteil werden 
liessen. 

Pott 13) stellte, weil die Namen Marwede und Marwedely Schwane- 
wede und Schtvaneivedel neben einander vorkämen, wedel mit tvede 
zusammen, von denen er letzteres lieber als mit ahd. witu^ engl, wood 
verwandt betrachtete als etwa mit Weide, gleichgiltig ob man dieses 
als Baum oder Anger auffasse. Doch wagte er, wie er sich selbst 
ausdrückt, nicht zu entscheiden, ob wedel etwa ein Deminutiv von 
wede sei. Er unterlässt hinzuzufügen, was nicht übersehen werden 
darf, dass Marwede und Marwedel zwei verschiedene Orte sind, 
beide zwar im Regierungsbezirk Lüneburg belegen, aber jenes im 
Landkreis Celle, dieses im Kreis Dannenberg. Schwane wedel ist in 
den heutigen Ortsverzeichnissen nicht zu finden; dagegen bietet die 
Sonderkarte '4) allerdings eine Sclnvanewedel^r Heide bei dem Ort 
Schivanewede. Inwieweit diese Bezeichnung berechtigt ist, lasse ich 
dahingestellt. Dazu stelle ich noch Hollwedel im Regierungsbezirk 
Hannover Kreis Syke und Hollwede im Regierungsbezirk Minden 
(Prov. Westfalen) Kreis Lübbeke. Borchwede wird im Urkundenbuch 
von Hannover 1*^) als das heutige Burgwedel bezeichnet, während 

Nr. XLIX (1298), Bd. XVI S. 409 Nr. XXVII (1305), Bd. XXV S. 187 no. XXXVI 
(1317). — Man vergl. hierzu die Notiz bei Riedel A, VI. S. 331, dass das Kloster 
Dambeck [bei Salzwedel] nach und nach wie mehrere Klöster in der Altmark ver- 
schiedene Schenkungen etc. aus der Saline zu Lüneburg erhalten habe und dass 
hieraus die ganz grundlose Sage entstanden sei, das Kloster hätte diese Salz- 
erhebungen aus Lüneburg erhalten, damit es keine Saline an der Salzquelle bei 
Alten-Salzwedel in der Nähe des Klosters anlege. 

*2) Am vernünftigsten noch Bekmann a. a. 0. II. Bd. 1753, V. Theil, I. Buch, 
III. Kap., S. 5; er stellt wedel mit dem engl, well 'die Quelle' zusammen. 

*3) A.F.Pott, Die Personennamen. Leipzig 1853. S. 507f. 

^*) A. Papen, Topographischer Atlas des Königreichs Hannover und Ilerzog- 
thums Braunschweig. Hannover 1822—47. 

") Urkundenbuch der Stadt Hannover, herausgegeben von Grotefend und 
Fiedeler. Theil 1. (= Urkundenbuch des histor. Vereins f. Niedersachsen Heft V.) 
Hannover 1860. Nr. 253 (a. d. 1347) und 167 (1330—1352). 



154 

Borchwede im Hoyer Urkundenbuch'ß) als das heutige Borwede im 
Kreis Heiligenloh Amt Ehrenburg, jetzt Regierungsbezirk Hannover 
Kreis Syke, zur Landgemeinde Heiligenloh gehörig, gedeutet wird. 
Ein Borgwedde findet sich als Teil der Landgemeinde Vorwalde im 
Regierungsbezirk Osnabrück Kreis Wittlage. 

Pott hatte schon das grosse Namenbuch von Förstemann,'^) welches 
im Jahre 1854 zu erscheinen begann, im Manuskript benutzt. Der 
zweite Teil dieses Werkes, der erst im Jahre 1859 fertig vorlag, 
enthielt die Ortsnamen. Auch Förstemann kam bezüglich der Ortsnamen 
auf -wedel zu keinem entschiedenen Resultat. Er vermutete***) ein 
ahd. widil, welches Sumpf oder Moor bezeichnet habe, da „die 
einzigen alten auf dieses Wort ausgehenden Namen", Ägrimeswidü 
und Afwidel Sümpfe bezeichneten; auch Sahwedel liege in der Nähe 
sumpfiger Waldungen. Er bezieht sich auch noch auf ein bei Gr. I, 
777 zitirtes widillo in der Bedeutung von mollis, „freilich auch in 
der von hermaphroditus". Aber die Zusammenstellung war ihm 
selbst so unsicher, dass er im Jahre 1863 1^) sich zu dem Zusatz ver- 
anlasst sah, dass andere dem Worte den Sinn von Quelle beilegten. 

Mit grösserer Bestimmtheit erklärte Lübben^o) wedel als eine tauto- 
logische Zusammensetzung aus wede-lo. Aber wenn auch wirklich 
Ortsnamen, die ursprünglich auf -lö -loh ausgingen, heute nur einfaches 
-l am Ende zeigen, wie Lübben noch im Jahre 1880 im Mnd. Wb.^i) 
s. V. wedel nach einer Mitteilung von Leverkus wiederholt, so bleibt 
doch zu bedenken, dass erstens eine grosse Anzahl von Namen das 
-loh, -Iah noch heute aufweisen, und dass andererseits die Ortsnamen 
auf -wedel schon in ältester Überlieferung^^) entweder auf -le oder auf 
blosses -l ausgehen. Und wenn Lübben tatsächlich zwei Forsten ^3)^ 
nodtwedel bei Verden und heinewedel bei Gifhorn für die von ihm 
angenommene Bedeutung von wedel = wede, Wald, ins Feld führen 

*ö) Hoyer Urkundenbuch, herausgegeben von W. v. Hodenberg, Hannover 1855. 
s. das Ortsregister. 

") E. Förstemann, Altdeutsches Namenbuch. 2 Bde. Nordhausen 1856—1859. 
Bd. 2 2. 1872. 

»«) a. a. 0. Bd. 2. Sp. 1520, 2«. Sp. 1594. 

'^) E. Förstemann, Die deutschen Ortsnamen. Nordhausen 1863. S. 68 f. 

20) Germanistische Studien. Supplement zur Germania. Herausgegeben von 
K. Bartsch. Bd. 2. Wien 1875. S. 268. 

2^) K. Schiller und A. Lübben, Mittelniederdeutsches Wörterbuch. Band 5. 
Bremen 1880. 

22) vergleiche die Belege für den Namen Salzwedel bei Riedel A, Bd. XIV 
Saltwedele (Nr. III 1241, IV 1242, V 1247, XIII 1263, XVI 1268, XVII 1273), 
Soltwedele (No. LI 1290), Saltwedele und Soltwedele in der gleichen Urkunde (No. 
XXIII 1281), Saltwedle (No. XX 1280), Saltwedele und Saltwedel in der gleichen 
Urkunde (Nr. I 1233, XLVI 129-, LIX 1305), Soltwedele Soltwedel Soltwedell (Nr. 
LXXXV 1323), Saltwedel (Nr. XIV 1267, XVIII 1278, XXV 1282, XXXIII 1287), 
Saltuuedel (Nr. XXXV 1289), Soltwedel (Nr. LXXIV 1316) u. s. w., sämmtlich 
Originalurkunden entnommen; femer im Hoyer Urkundenbuch Holwedele (c. 1300, 
1302, c. 1340 u. s. w.), Halwedele (1441), LanguedeU (1262), Langwedele (1265), Lang- 
wedel (1280, 1290, 1304 u. S. w.). 

28) Germanistische Studien a. a. 0. S. 265, und im Mittelniederdeutschen Wörter- 
buch s. V. wedel. 



155 

konnte, so hätten ihn doch seine eigenen Zitate^^) vadum, qicod 
dicitur Agrimeswidil aus Adam von Bremen und de borgerweide (to 
Bremen) wente to dem water, so vor Walle gelegen und de wedelt 
genomedt wurde in seiner Meinung stutzig machen sollen. 

Ein tatsächlicher Erfolg in dieser Frage wurde auf anderem 
Wege erzielt. Den Anstoss dazu gab jenes Agrimeswidil, das schon 
Förstemann'^^) beigebracht hatte, und welches auch von Ltibben^e) 
zitirt war. Es findet sich erwähnt bei Adam von Bremen 2") gelegentlich 
seiner Schilderung des limes Saxoniae Karls des Grossen, jener viel- 
genannten Befestigungslinie auf der Grenze der Sachsen und Slaven 
zwischen Elbe und Ostsee in der heutigen Provinz Schleswig-Holstein. 
Dort heisst es, dass der limes mox in Ägrimeshov, et reeto ad vadum, 
qiiod dicitur Agrimestvidil, ascendit. Ganz unzweideutig wird hier 
'ividil dem lateinischen vadum inhaltliches) gleichgestellt. Es muss 
befremden, dass diese Stelle nicht früher schon zu einer endgiltigen 
Deutung der Ortsnamen auf -wedel herbeigezogen wurde. 

Zwar hatte schon im Jahre 1869 v. Hammerstein -Loxten 2») 
bei der Untersuchung der Ortsnamen im Bardengau bemerkt, dass 
-tvedel dem Förth in Namen auf -forde, -vor de (Fürth), wie dem 
jetzigen Bar forde, gleichstehe, wozu er aus seinen Quellen als einzige 
Belege Bodwedel bei Ebstorf und Schapivedel bei Bodenteich anführte; 
aber auf eine Erklärung seiner Behauptung liess er sich nicht ein. 

Erst im Jahre 1886 trat K. Jansen ^i*) gelegentlich der Besprechung 
des limes Saxoniae und mit besonderer Anlehnung an den Namen 
Agrimeswidil mit einer ausfuhrlichen Untersuchung über die Ortsnamen 
auf -tvedel im Schleswig -Holsteinischen hervor. Er kommt auf Grund 
genauester Ortsforschung und reichlichen Materials zu. dem Resultat,^*) 
dass in jener Gegend „alle mit Wedel benannten Örtlichkeiten mit 
verschwindenden Ausnahmen, die bei näherer Ortsbesichtigung wahr- 
scheinlich auch als der Regel unterworfen erscheinen würden", „Punkte 
an einem Wasserlauf, wo er von einer Strasse überschritten wird," 
seien. Dieses Resultat seiner örtlichen Forschungen sucht Jansen auf 
etymologischem Wege zu sichern, indem er auf das in dänischen 
Dorfnamen häufig vorkommende -vad verweist, welches unbestritten 
mit vade ('waten') zusammenhänge, wie auch niedl. wadde = 'Furt' sei. 
Darauf fährt er fort: =^2) ^^u^d wenn (nach Kluge Etymol. Wb.) Wedel 
(dialektisch auch Wadel) in der Bedeutung 'Büschel', mhd. wedel 



**) Mittelniederdeutsches Wörterbuch s. v. wedeh 

**) Im Altdeutschen Namenbuch a. a. 0. 

^) Im Mittelniederdeutsches Wörterbuch a. a. 0. 

^A Adami Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum Lib. II. 15^. 

2«) Über die etymologische Verwandtschaft mit dem lateinischen vadum 
s. u. Anm. 35. 

20) v. Hammerstein-Loxten, Der Bardengau. Hannover 1869. S. 553. 

30) K. Jansen, Bemerkungen zum „limes Saxoniae" von Bejrer, in der Zeitschr. 
der Gesellschaft für Schleswig-Holstein-Lauenburgische Geschichte. Bd. 16. Kiel 
1886. 8.353—372. 

a. a. 0. S. 365. 
a.a.O. S. 365. 



32\ 



156 

(wddel), ahd. wedil (wctdal) entstanden ist aus der Wurzel we 'wehen' 
und dem Suffix -ßo, d. h. Werkzeug zum Wehen, so wird es nicht 
undenkbar sein, dass aus dem Stamme wad und derselben Endung [!] 
ein äusserlich gleichlautendes Wort geworden ist, das den Ort, wo 
man waten konnte, bezeichnete". 

So augenscheinlich der Zusammenhang des -wedel in Ortsnamen 
mit dem Zeitwort waten, mit dem dän. vaad oder vad, dem niedl. 
waade oder tvadde ist, so wenig tiberzeugend ist der zweite Teil der 
etymologischen Ausführungen Jansens. Es leuchtet nicht ein, warum 
we-ßlo und wad-flo auf späterer Sprachstufe zwei äusserlich gleich- 
lautende Wörter ergeben sollen. Die Doppelkonsonanz in letzterem 
Falle kann nicht ohne weiteres verschwinden;, ausserdem aber würde 
der Umlaut des azn e und der vorkommende Übergang dieses e zu t^^) 
ohne jede Begründung bleiben. 3*) 

Wir müssen vielmehr Wedel in der Bedeutung * Büschel', vgl. 
Fliegenwedel, und -wedel in den Ortsnamen streng von einander 
scheiden. Beide haben nichts weiter gemeinsam als die heutige 
Schreibung und Aussprache. 

Eine, wie mir scheint, befriedigende Etymologie des -wedel in 
Ortsnamen erhalten wir aber, wenn wir die germanische Wurzel wad'^'*) 
mit dem Suffix -il- ableiten. Dieses Suffix erscheint zunächst 3®) als 
nomina agentis bildend, dann aber auch^') zur Bildung von maskulinen 
nomina instrumentalia zu meist primären Verben verwendet. Haben 
nun Wörter wie Zügel, Stössel, ScJilägel, Gürtel neben der Bedeutung 
des Ziehenden, Stossenden, Schlagenden, Gürtenden auch unzweifelhaft 
den Sinn des zum ziehen, stossen, schlagen, gürten benutzten Gegen- 
standes, so können wir wedel als das zum waten (ndd. wadan\ gehen 
Benutzte erklären, d. h. eben als eine diese Tätigkeit ermöglichende 
Gelegenheit. 38) Waten aber heisst noch im mhd. nicht nur wie im 
heutigen Sinne *das Wasser durchschreiten', sondern * gehen, schreiten' 
überhaupt. Dieses Moment darf im vorliegenden Fall nicht übersehen 



^3) vgl. z. B. Agrimeswidil und Äfwidel bei Förstemann, Altdeutsches Namen- 
buch a. a. 0. ♦ 

3*) Zum Suffix -plo vgl. E. Sievers, Das Nominalsuffix tra im Germanischen in 
Paul und Braunes Beiträgen Bd. 5 (1878) bes. S. 528 f.; ferner Fr. Kluge, Nominale 
Stammbildungslehre der altgermanischen Dialecte. Halle 1»86. § 97. 

3^) Urverwandtschaft mit lat. vädere und vädum wird durch Zurückführung 
von vadum auf das gleichbedeutende skt. gädh-d-m wahrscheinlich gemacht; vgl. 
besonders G. Curtius, Grundzüge der griech. Etymologie *. Leipzig 1 879. S. 473 ; dazu 
Pott, Etymologische Forschungen ^ IV S. 909 ff. 

3ö) Kluge, Nominale Stammbüdungslehre § 18. 

3') Kluge a. a. 0. § 90. 

3®) Ich möchte hierbei auf das mhd. sedel^ ahd. s'edal verweisen, welches sowol 
Sitz im allgemeinen, als Wohnsitz im besonderen bedeutet, vgl. zu letzterem Anno 
372 Troieri vuorin in der loerilte toidin irrt after sedele. Gegen die vielfach an- 
genommene Entlehnung dieses Wortes aus lat. sedÜe macht Pott, Etymol. Forsch. 
^ IV. S. 707 geltend, dass man dann auch alle Init siedeln verwandten Ausdrücke, 
wenn auch als auf deutschem Boden entstanden, so doch nicht als Gewächs aus 
urdeutscher Wurzel betrachten dürfe. Zweifellos tragen sowol s'ddel s'edal wie lat, 
sedile instrumentalen Charakter. 



157 

werden, da sonst auf den ersten Blick die Tatsache, dass auch 
Höhenrücken wie der HetnetvedeP^) mit -wedel zusammengesetzt sind, 
befremden könnte. Aus -wad-il- erhalten wir unter Einwirkung des 
Umlauts -wedil-, woraus bei der hellen Klangfarbe 4") des e durch 
vokalische Assimilation auch die altsächsischen Formen -widil -widel 
genügend zu erklären sind.4o») Das Endungs-6, welches sich in den 
Formen auf -wedele -widele^^) noch erhalten hat, ist der Rest der alten 
Lokativendung. 

Setzen wir diese etymologischen Ergebnisse für diejenigen Jansens 
ein, so können wir seinem Endresultat, dass wir „sachlich und sprachlich 
mit dem deutschen A.Vi%&}[\kckAgrimeswidil oder wedel auf die lateinische 
Bezeichnung vadum*^) zurückkommen, unsere Zustimmung geben. *3) 

Suchen wir von diesen Ausführungen die Probe auf Salzwedel 
zu machen. 

Jansen hatte betont, dass in den von ihm beobachteten Fällen 
fast alle Ortlichkeiten, deren Namen auf -wedel ausgehen, an Über- 
gangsstellen gelegen seien. Dasselbe ist bei Salzwedel der Fall, und 
zwar in ausserordentlich deutlicher Weise. Ein natürlicher Höhenzug 
in der Richtung von Osten nach Westen, der noch heute im Westen 
vor dem bockhorner Tor, im Osten vor dem Perver zu erkennen ist, 
durchzieht bei Salzwedel die Jeetzeniederung. Weder nordwärts noch 
südwärts findet sich auf weite Strecken ein derartig nahes Heran- und 
Hinübertreten eines Höhenzuges über die sumpfige Niederung des Flusses. 
Diese Schwierigkeiten des Geländes traten in früherer Zeit, vor der Ein- 
deichung der Elbe, die erst im 12. Jahrhundert durch eingewanderte 
Niederländer stattfand *4)^ noch weit schärfer hervor, und mussten den 
Landverkehr, der in einer Zeit, wo es noch keine Kunststrassen gab. 



^) Forstbezirk im Regierungsbezirk Lüneburg, Kreis Gifhom. s. auch Lübben 
an beiden Orten. 

**•) K. Nerger, Grammatik des meklenburg. Dialekts. Leipzig 1869. S. 17. 

40a) Ndd. wedel ist der Etymologie und Bedeutung nach genau das altnord. 
vßpillf *a shallow water, esp. places where fiords or straits can be passed on horse- 
back' Cleasbj-Vigfusson, An Icelandic-English dictionary. Oxford 1874, — Dazu 
vgl. Falk, Die nomina agentis der altnordischen Sprache in Paul u. Braunes Bei- 
trägen Bd. 14 (1888). S. B9. — Zum Genus des ndd. wedel möchte ich aus einer 
Urkunde vom Jahre 1888 (Riedel A, XIV Nr. 252) anführen der Alden Stat czum 
Zalczwedel, und ebenso czum Zalczwedel in der Ausfertigung fUr die Neustadt und 
in der Datirung. 

") s. 0. Anm. 22. 

*^) vgl. 0. Anm. 35. 

*3) Es thut der Priorität Jansens in Bezug auf den Versuch, wedel als Turt' 
zu deuten, keinen Eintrag, dass ich, zwar von demselben Ausgangspunkt, dem 
Agrimeswidil bei Adam von Bremen, auf welches mich schon vor Jahren Dr. W. Seel- 
mann freundlichst aufmerksam gemacht hatte, ausgehend, aber doch auf anderem 
Wege zu demselben Resultat gekommen bin. Meme Ansicht stand bei mir schon 
fest, ehe ich Jansens Abhandlung zu Gesicht bekam. 

**) Die Literatur hierüber ist ziemlich zahlreich. Eine Zusammenstellung der- 
selben giebt neuerdings Th. Rudolph, Die niederländischen Kolonien der Altmark 
im 12. Jahrhundert. Berlin 1889. Nach ihm erschien die Breslauer Dissertation von 
Ed. 0. Schulze, Niederländische Siedelungen in den Marschen an der unteren Weser 
und Elbe im 12. und 13. Jahi-hundert. Hannover (1889): 



158 

naturgemäss aufß engste an die Bodengestaltung gebunden war,^^) not- 
wendig auf diese Linie lenken. Tatsächlich aber war der Landverkehr 
in dieser Gegend weit mehr ausgebildet als der Verkehr zu Wasser, 
wie die geringe Anzahl grösserer Handelsstädte an der Elbe beweist. *^) 
Deshalb führte der alte Landweg von Bardowik- Lüneburg über Salz- 
wedel nach Gardelegen und Magdeburg. Aus demselben Grunde 
führte auch die Wendenstrasse von Bardowik -Lüneburg aus über 
Salzwedel in das Wendenland hinein. Und welch regen Verkehr 
Salzwedel schon in allerältester Zeit mit Lüneburg gehabt haben muss, 
das beweist, abgesehen von Anderem, schon der Umstand, dass das 
salzwedeler Stadtrecht auf der Grundlage des lüneburgischen aufgebaut 
ist, während das im Jahre 1151 zur Stadt erhobene Stendal^') das 
seinige dem magdeburgischen Recht entlehnte. Wieder für die Regsam- 
keit des Verkehrs über Salzwedel nach dem Wendenlande, wo die 
Strasse über Arendsee nach Perleberg, dann weiter nach Britz walk 
und Wittstock lief^^), ist beweisend, dass das perleberger Recht das 
salzwedelsche zur Grundlage hat. 

Jansen hatte seine Untersuchungen auf die Ortsnamen rechts der 
Elbe beschränkt... Wie auf diese und auf Salzwedel passt nun die Deutung 
des -wedel als Übergangsstelle oder Fürth auch tiir die übrigen Orts- 
namen auf 'tvedel links der Elbe. Auch diese liegen, soweit die 
Sonderkarte*') erkennen lässt, fast alle an noch heute mehr oder weniger 
deutlichen Übergangspunkten über Moor oder Flussniederungen. 

Ich gebe hier ein Verzeichniss der mir bekannten Ortsnamen auf 
-wedel links der Elbe ausser Salzwedel: 

1. Regierungsbezirk Lüneburg: 
Manvedelf Kreis Dannenberg, 
Bruchwedel, Kreis Ülzen, 
Schafwedel, do. 

Blickwedel, Kreis Isenhagen, 
Langwedel, do. 

Lingwedel, do. 

Wiswedel, do. 

Barwedel, Kreis Gifhorn, 
Steinwedel, Gr. u. KL, Kreis Burgdorf, 
Burgwedel, Gr. u. Kl., do. 

Lindwedel, Kreis Fallingbostel, 
Flottwedel, do. zur Landgemeinde Bockel, 
Langivedel, Kreis Soltau, zur Landgemeinde Heber. 

*'*) Vergl. z. B. J. N. v. Sadowski, Die Handelsstrassen der Griechen und Römer 
durch das Flussgebiet der Oder, Weichsel, des Dniepr und Kiemen an die Gestade 
des Baltischen Meeres. Aus dem Polnischen von A. Kohn. Jena 1877. S. 9. 

*ö) A. Penck, Das deutsche Reich (= Länderkunde des Erdteils Europa, hrsg. 
V. A. Kirchhoff I, I). Wien 1887. S. 547. — Riedel A, XIV Nr. DXI DXII. 

*') Die Grtindungsurkunde bei Riedel A, XV Nr. 3. 

*®) Erich Liesegang in den Forschungen zur brs^ndenb.-preussischen Geschichte 
a.a.O. S. 51. 

*») Es wurde benutzt A. Papen, Topographischer Atlas des Königreichs Han- 
nover und Herzogthums Braunschweig. Hannover 1822—47. 



159 

2. Regierungsbezirk Hannover: 
Hollwedelj Gr. u. KL, Kreis Syke. 

3. Regierungsbezirk Stade: 

Langwedel, Kreis Verden, 

Bleckwedel, Kreis Rotenburg i. Hann., 

Ruschwedel, Kreis Stade, 

Hohenwedel, Kreis Stade, zur Stadt Stade; dazu noch 

Hochwedeltheil, Kr. Hadeln, zur Landgem. Altenbruch. ^) 

Das Gebiet, welches diese Orte, einschliesslich Salzwedel, einnehmen, 
erstreckt sich von der Mündung der Jeetze in die Elbe, östlich 
der Jeetzeniederung in südlicher Richtung aufwärts bis zur Aller, 



^) Ausgeschlossen sind aus diesem Verzeichniss : 

1. alle Ortsnamen, welche Wedel,Wehdel u. ähnl. lauten. Zwar ist mit Sicherheit 
anzunehmen, dass die Wiege des Geschlechts der Familie vonWedel in dieser Gegend 
zu suchen ist — (v. Wedel) Geschichte der Grafen von Wedel zu Gödens und Even- 
burg in Ostfriesland. Hannover 185U. S. 7 f. wird hierfür das zwei Meilen unter- 
halb Hamburg an dem Nordufer der Elbe gelegene Wedel geltend gemacht — , aber 
um für unseren Zweck verwertbar zu sein, müsste in jedem Fafle nachgewiesen 
werden, dass ein solcher Zusammenhang, abgesehen von jenem ersten Falle, welchem 
die FamUie den Namen verdankt, nicht vorhanden ist. Hierher rechne ich auch 
Wedell im Regierungsbezirk Frankfurt a. 0. Kreis Königsberg N.M., Neu-Wedell 
im Regierungsbezirk Frankfurt a. 0. Kreis Arnswalde — über die Zugehörigkeit 
dieses letzteren zur Famüie von Wedel s. Buchholz, Versuch einer Geschichte der 
Churmark Brandenburg. I. 1765. S. 41 — , Neu -Wedel im Regierungsbezirk Oppeln 
Kreis Oppeln und Alten -Wedell im Regierungsbezirk Stettin Kreis Saatzig. Auch 
der Name des Geschlechts schwankt zwischen den Formen Wedele WideleWedel u. a., 
s. ürkundenbuch zur Geschichte des schlossgesessenen Geschlechts der Grafen imd 
Herren von Wedel. Bearbeitet und herausgegeben von Heinr. Fried. Paul v. Wedel. 
Bd. I. Leipzig 1888. 

2. Ältensalzwedel im Regierungsbezirk Magdeburg Kreis Salzwedel. Es ist 
dies jenes schon oben S. 151 genannte Dorf etwa eine Meile südlich der Stadt Salz- 
wedel, in dessen mooriger Nachbarschaft sich jene oben erwähnten Salzquellen be- 
finden. Es hat deshalb nicht an Meinungen gefehlt (s. Pohlmann a. a. 0. S. 4), die 
diesem Ort ein höheres Alter wie der Stadt Salzwedel zuerkannten, und sie für die 
ursprüngliche Anlage hielten. Allen diesen Ansichten hat aber schon Danneil (im 
1 5. Jahresbericht des altmärkischen Geschichtsvereins S. 39 ff.) ein für alle Mal ein 
Ende gemacht, indem er einesteüs auf das erst spät bezeugte Vorkommen des 
Namens Ältensalzwedel — er giebt für die erste Erwähnung das Jahr 1402 an — 
hinwies, andererseits aber mit Recht betonte, dass das Dorf noch heute vom Volke 
nur Olien Solten ffenannt würde, und dass dieser; Name, der eine genüeende Er- 
klärung in der saLzigen Beschaffenheit des dortigen Bodens findet, als der ältere 
anzusehen sei. Möglicherweise könnte man auch Beziehungen dieses Namens zur 
Familie derer von Salzwedel annehmen, wie letzteres auch für den Flecken Langen- 
salzwedd bei Tangermünde geschehen ist (s. Steinhart a. a. 0. II. S. 205), der schon 
im Anfange des 14. Jahrhunderts erwähnt wird (Riedel A, V Nr. 89 u. 91), den wir 
aber ebenfalls aus der obigen Liste ausgeschlossen haben. 

Ausserdem erwähne ich 

3. Salzwedel, Vorwerk zum Rittergut Drosdowen im Regierungsbezirk Gum- 
binnen Kreis Oletzko, dessen Ursprung mir unbekannt ist; und 

4. Seywedel, Dorf in Oesterreich, Böhmen, Kr. Prag, Bez. Rakonitz, welches 
in Ritter*s Geographisch-statist. Lexikon«. Bd. 2. Leipzig 1874. S. 587 aufgeführt 
wird, heisst in der siebenten Auflage desselben Werkes Bd. 2. Leipzig 1883. S. 617 
SeiwedL Näheres darüber weiss ich nicht. 



160 

über diese hinaus und ihrem linken Ufer entlang abwärts bis zur 
Weser, dann über diese hinüber in gleicher Richtung bis etwa 
an die heutige oldenburgische Grenze, von wo es sich in breitem 
Streifen, der in der Quere etwa von der Mündung der Hunte in die 
Weser bis zur Mündung der Leine in die Aller reicht, nordöstlich nach 
der Elbe zu wendet, wo sich dann das holsteinisch-schleswigsche Gebiet 
der Ortsnamen auf -ivedel anschliesst. 

Es ist bemerkenswert und für die vorgeschlagene Bedeutung des 
'ivedel von Wichtigkeit, dass dieses Gebiet sich in einer grossen Ellipse 
um die lüneburger Heide herumzieht, deren Gelände für derartige 
Benennungen keine Gelegenheit bot. Es stimmt ferner zu der gegebenen 
Erklärung, dass auch Höhenrücken, wie der Heineivedel, Forstbezirk 
im Regierungsbezirk Lüneburg Kreis Gif hörn, sowie der Hohe Wedel 
bei Stade — für Höhenbenennungen kann eine Einwirkung des Namens 
der Familie von Wedel, s. o. S. 159, wohl als ausgeschlossen betrachtet 
werden — in dieser Art benannt sind. Auch andere Forstbezirke ^*) 
wie Buchivedel im Regierungsbezirk Lüneburg Kreis Winsen und 
Lintwedel nordöstlich von Bremen, bilden für die Auffassung des -wedel 
als Übergangsstelle, als Furt kein Hinderniss.^^* 

Gehen wir von den so erreichten Resultaten noch einen Schritt 
weiter, indem wir der Frage nach den Gründern dieser Orte und der 
Gründungszeit des bedeutendsten unter ihnen, Salzwedel, näher zu treten 
suchen. 

Das Gebiet, welches rechts der Elbe in der heutigen Provinz 
Schleswig -Holstein, links der Elbe in der heutigen Provinz Hannover 
xjltlA einer Ecke der Provinz Sachsen, von den Ortsnamen auf -wedel 
bedeckt ist, stellt sich dar als derjenige Teil des grossen Sachsen- 
gebietes, welches rechts der Elbe von den Transalbingiern, links von 
Teilen der Engem und Ostfalen bewohnt wurde. Eine andere Völker- 
schaft kann für unsere Frage nicht in Betracht kommen. Denn die 
Sitze der Langobarden, wie v. Hammerstein -Loxten*^) deren Grenzen 
festgestellt hat, dehnten sich weder nördlich, noch westlich und südlieh 
so weit aus. Für die Ostgrenze derselben ist es allerdings nicht 
unmöglich, dass dieselbe bis an die nördliche Jeetzeniederung heran- 
gereicht hat, welche vor der Eindeichung der Elbe^«^) eine natürliche 
Scheidung von den Nachbarn bot. Jenseits der Jeetzeniederung sassen 
andere Völker, die noch vor dem Jahre 581 in das grosse Thüringer- 
reich aufgegangen waren. **) In diesem Jahre aber bekriegte der frän- 

*') Notwedel bei Lübben in den Germanistischen Studien a. a. 0. 

^^^) Es mag hinzugefügt werden, dass das dem nhd. 'Furt' entsprechende 
alts. *ford als solches nicht belegt ist, sondern nur aus Ortsnamen, deren zweiten 
Teil es bildet, erschlossen wird. Heriford aber, jetzt Herford^ welches beispiels- 
weise Kluge im Etym. Wb. * (1889). S. 99 anführt, liegt im Regierungsbezirk Minden, 
jenseits der Weser, also ausserhalb des von den Ortsnamen auf -tueael eingenomme- 
nen Gebietes. Es wäre interessant zu wissen, wie sich die Ortsnamen auf -fwrt 
Örtlich und zeitlich zu denen auf -ivedel verhalten. 

*2) a. a. 0. S. 16 ff. u. S. 49 f. '^) s. o. S. 157. 

^^) vgl. hierzu besonders die Aufsätze von W. Seelmann im Jahrb. des Ver. f. 
Niederd. Sprachforschung 1886. 



161 

kische König Theodorich mit Hilfe der Sachsen die Thttringer, wofür jene 
als ausbedungenen Siegeslohn Nordthüringen erhielten, d. h. das Land 
zwischen Elbe, Jeetze, Ocker, Harz und Unstrut. Obwol nun die 
Sachsen auch im Besitz des Landes rechts der Jeetze waren, so finden 
sich doch, mit alleiniger Ausnahme des zu beanstandenden 5^) Langen- 
salswedel bei Tangermünde, zwischen Jeetze und Elbe keine Orts- 
namen auf 'Wedel mehr. Eine energische Besiedelung dieser Strecken 
durch die siegreichen Sachsen hat also nicht mehr stattgefunden, denn 
an Gelegenheit zu diesbezüglichen Namengebungen würde es auch hier 
nicht gefehlt haben. 

Mit diesem Ausblick müssen wir uns zunächst begnügen, da gerade 
das in Frage stehende Grebi^t und seine Bewohner für die deutsche 
Altertumskunde immer noch eine Reihe ungelöster Rätsel birgt. 

**) s. Anna. 50. 2. 

Berlin. Johannes Luther. 



Anzeige. 

W. L. VAN Herten, Altostfriesische Grammatik. Herausgegeben in& 
Auftrag des Friesch Genootschap voor Geschied-, Oudheid- en Taal- 
kunde te Leeuwarden. Leeuwarden. Verlag von A. Meyer (Firma 
H. Kuipers & J. G. Wester). 1890. XII, 255 S. 8». 

Endlich eine altfriesische Grammatik, die unmittelbar auf den Quellen 
beruht! In diesen freudigen Ausruf wird ein jeder einstimmen, der das Be- 
dürfnis nach einem zuverlässigen Nachsehlagebuch empfunden hat. Das 
Altfriesische ist bisher die einzige germanische Sprache gewesen, deren 
Laut- und Flexionslehre seit J. örimm nicht aufs neue aus den Quellen 
heraus eingehend bearbeitet worden ist. Und grade hier war eine solche 
Arbeit dringend nötig. Wiarda's Ausgaben, welche Rask und J. örimm 
vorlagen, sind philologisch unbrauchbar. 1840 hat uns v. Richthofen eine 
zuverlässige Ausgabe der wichtigsten altfriesischen Rechtsquellen und ein 
vortreffliches Wörterbuch geschenkt. Auf dieser Grundlage ruht Heyne's 
Darstellung in seiner kurzen Laut- und Flexionslehre der altgerm. Sprachen. 
Allein dieselbe ist nur ein kurzer Abriss nach J. Grimmas Vorbild, keine 
ausführliche grammatische Darstellung des gesammten afries. Sprachgutes; 
sie ist fftr das Afries., was Grein's kleine ags. Grammatik für das Angel- 
sächsische ist. Einen Rückschritt bedeuten die ganz unselbständigen Gram- 
matiken von Hewett und Cummins. Die jüngste von Siebs in Paui's Grund- 
riss fusst nur auf v. Richthofen's Wörterbuch, nicht auf den Texten selbst 
und entfernt sich weit von einer philologisch-historischen Darstellung nicht 
nur dadurch, dass der Verfasser seine Darstellung mit unbewiesenen sprach- 
geschichtlichen Theorien verquickt, sondern vor allem dadurch, dass das 



162 

Material zum Teil nicht zuverlässig ist und der Fassung der Regeln die 
nötige Bestimmtheit mangelt. Von Bearbeitungen eines Teiles der afries. 
Grammatik ist die einzig brauchbare Schrift bisher die Dissertation von 
Günther über die Verba im Altostfriesischen gewesen. Denn in Siebs' Dar- 
stellung des Vokalismus (Paul und Braune's Beitr. XI und zur Geschichte 
der engl.-fries. Sprache) und der Palatale (1886 besonders ersch.) vermag 
ich einen wissenschaftlichen Fortschritt nicht zu erkennen. 

Unter diesen Umständen muss man es dem Verfasser des zu besprechen- 
den Werkes Dank wissen, dass er eine quellenmä^sige Bearbeitung der alt- 
ostfries. Laut- und Formenlehre unternommen hat. Nächst dem Verfasser 
gebührt unser Dank dem rührigen „Friesch Genootschap voör Geschied-, 
Oudheid- en Taalkunde", in dessen Auftrag und mit dessen Materieller Unter- 
stützung das vorliegende Buch erschienen ist. Freilich ist es sehr zu be- 
dauern, dass nicht grössere Mittel zur Verfttgung gestanden haben. Denn 
auf Rechnung dieses Umstandes wird jedenfalls in erster Reihe die mangel- 
hafte Ausstattung des Buches zu setzen sein, welche die Benutzung desselben 
dermassen erschwert, dass auch derjenige Leser, welchem der Stoff ein wohl 
vertrauter ist, sich nur mit äusserster Mühe zurecht finden kann. Doch 
hätte hier Manches getan werden können: Es fehlen besondere Seitenüber- 
schriften; die Kapitelüberschriften hätten numeriert und durch den Druck 
verschiedenartig gekennzeichnet werden müssen; statt der unglückseligen, 
dem Auge kaum bemerkbaren a, ß u. s. w., hätten mehr in's Auge fallende 
Ziffern gewählt werden müssen; die Anmerkungen durften nicht fortlaufend 
in der Schriftgattung des Textes gedruckt werden; und bei dieser Unüber- 
sichtlichkeit des Druckes fehlt noch ein Inhaltsverzeichnis! Man ist gradezu 
gezwungen sich ein solches selbst anzufertigen, um das Buch zum Nach- 
schlagen benutzen zu können. Ich gestehe, noch kein Buch gesehen zu 
haben, dessen Brauchbarkeit in ähnlichem Masse durch die Art des Druckes 
beeinträchtigt wird. Und gi-ade diesem Buche hätte äussere Übersichtlich- 
keit dringend Not getan. Denn die Darstellung selbst zeichnet sich nicht 
durch Klarheit und Übersichtlichkeit aus. Der Verfasser erhebt sich nicht 
zu einer zusammenfassenden Darstellung sondern giebt im wesentlichen nur 
eine Materialsammlung von Fall zu Fall. Es wäre am zweckmässigsten 
gewesen, wenn der Verfasser sich in seiner Disposition möglichst eng an 
Sievers* ags. Gramm, angeschlossen hätte. Zumal bei einer so wenig be- 
kannten Sprache war eine Paralleldarstellung der Lautlehre geboten, also 
einmal: Altostfries, e ist der Vertreter von 1. germ. e, 2. umgelauteten germ. 
u u. s. w.; zum "anderen: Germ, e ist vertreten 1. durch e, 2. durch e u. s. w. 
Die letztere Anordnung hat der Verfasser beim Vokalismus, die erstere 
beim Konsonantismus befolgt. Auf eine vergleichende Entwicklungsgeschichte 
des Friesischen, ausgehend vom Anglofriesischen, hat der Verfasser ver- 
zichtet und deshalb auch mit Recht verzichtet, weil seine Grammatik nur 
die altostfriesische Sprache des 13. bis 15. Jahrhunderts behandelt und eine 
solche Entwicklungsgeschichte nur mittels des Urfriesischen fest begründet 
werden kann, dessen Gewinnung wiederum die vergleichende Hinzuziehung 
des Westfries, voraussetzen würde. 

Ungeachtet des statistischen Charakters seiner Grammatik hat der Ver- 
fasser es sich nicht versagt hier und da weiter gehende Probleme der ger- 



manischen Lantgesehichte znr Sprache zn bringen, meines Erachtens mit 
wenig Glück. Die verzweifelte Frage, wie die verhältnismässig selten vor- 
kommenden ä neben e aus germ. ai zu erklären seien, beantwortet der Ver- 
fasser (so schon Beitr. XIV, 282 ff.) dahin, dass ä die normale Entsprechung 
sei und alle e, soweit lautorganische Entsprechung vorliegt, durch i-Umlaut 
zu erklären seien. Zu diesem Zweck muss er fttr die Substantiva wie ben, 
del, eth, sten den alten Lokativ Sing, zu Hülfe zu nehmen, dessen Stamm- 
vokal auf sämtliche anderen Kasus übertragen sei. Dürfte diese Erklärung 
wenig Glauben finden dürfte, so ist diejenige fttr die Praeterita wie grep, 
tvet unmöglich, bei welchen der i-Umlaut aus der 3. Sing, hergeleitet wird. 
Hier hat zu keiner Zeit ein i im Auslaut bestanden; denn auslautendes idg. 
e war schon in vorchristlicher Zeit abgefallen, ohne den Lautwandel des 
unbetonten e zu i mitzumachen, folglich ohne Umlaut hervorrufen zu können 
(vgl. Sievers, Ags. Gramm. § 131 im Gegensatz zu § 132). Ich bin viel- 
mehr der Ansicht, dass germ. ai in offener Silbe zu ^, in geschlossener zu 
ä (letzteres meist verkürzt) geworden ist; vgl. eth : aththa, Mm : hamreke, 
leda : latte, reka : rächte. Die Nomina wie eth haben ihr e aus den ob- 
liquen Kasus, die Feminina wie fräs neben fres ihr ä von dem alten 
endungslosen Nom. und Dat. Sing. her. Auf die ferner liegende Erklärung 
der anderen Ausnahmen gedenke ich an anderer Stelle zurückzukommen. 

Es hat dem Buche nur zum Vorteil gereicht, dass der Verfasser sich 
auf eine systematische Behandlung des Altostfries, beschränkt hat. Allein 
öftere gelegentliche Berücksichtigung des Altwestfries, und des Neuostfries, 
würde manches Problem klarer gestellt haben. Wo der Verfasser dies 
getan hat (vergl. z. B. § 38), hat er es mit Glück getan. Die Sache liegt 
ja beim Altfries, anders wie bei den übrigen altgerm. Sprachen, deren Gram- 
matik durch Hinzuziehung neuerer Mundarten an Klarheit kaum gewinnen 
würde. Das Altfries, ist aber so kümmerlich überliefert, dass hier die 
jüngeren Mundarten vielfach den Tatbestand sehr wesentlich ergänzen. Vor 
allem lässt sich die Aussprache des Altfries, nur erkennen, wenn man die 
modernen Erscheinungen zu Hülfe zieht. Im Altfries, müssen bekanntlich 
viele Buchstaben eine mehrfache Aussprache gehabt haben, weil die neueren 
Mundarten etymologisch verschiedene Laute in der Aussprache trennen, 
welche in der altfries. Schreibung zusammengefallen sind. Besonders sind 
die alten Quantitätsverhältnisse nur auf diesem Wege mit Sicherheit zu ge- 
winnen. In diesem Punkte ist es zu bedauern, dass der Verfasser manches, 
was er klar erkannt hat, nicht folgerecht zum Ausdruck bringt. Er 
beweist z. B. 8. 27, dass afrs. iä, iü zu lesen sei und schreibt doch stets 
m und iu, wiewohl richtig uä- Noch richtiger sollte man |ä, (ü, iö schrei- 
ben, ebenso wie der kurze, gebrochene Diphthong als iu wiederzugeben ist. 
Femer nimmt Verf § 43 Dehnung vor vereinfachtem alten rr an, schreibt 
aber ohne Grund immer stera u. dgl. Anderes ist dem Verf entgangen, so 
die sicher altostfries. Dehnung vor nd, mb, Id, Ir, rth, rd, rv, rn und die Kür- 
zung vor st, sk, cht, ft, kt, pt, mr, nr. 

Indessen, es ist hier nicht der Ort auf Einzelheiten näher einzugehen. 
Dass bei einem Buche, welches einen bisher kaum beackerten Boden zum 
ersten Male bearbeitet, im einzelnen öfter gefehlt und manches nicht er- 
kannt ist, darf man billigerweise nicht anders erwarten. Alles, was man 



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an dem Biiehe aussetzen mag, wiegt federleicht gegenüber den grossea 
Vorzügen desselben. Der Verf. hat nns die erste gründliche altfries. Gram- 
matik geschenkt, und das ist bei der Sprödigkeit des Stoffes eine wissen- 
schaftliche Tat. Er hat eine Reihe von wichtigen Tatsachen zum ersten 
Male klar gelegt — ich nenne nur die Kapitel über den u-, v- und w-Um- 
laat, über die Brechung, Dehnnng nnd Kürzung und die Vokale der Mittel- 
silben und Praefixe. Er hat eine Grammatik geschrieben, welche vollständig 
nnd zuverlässig alles zusammenfasst, was unsere Texte bieten, und er giebt 
durch die sorgfaltige Sammlung der Belegstellen dem Leser selbst eine 
Kontrole in die Hand. Die Forschung wird ja fortschreiten und manche 
Regel wird veralten, manche neu gefunden werden. Immer aber wird man 
auf dieses Werk als das grundlegende zurückgreifen müssen. Möchte der 
Verfasser uns auch eine gleich gründliche altwestfriesische Grammatik 
schenken! 

Halle a. S. Otto Bremer. 






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